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27 Mai
Sonntag, den 27.05.2018 18:00 Uhr Friedenskirche

Wegen der Liebe

Gott ist Liebe

Ihr Lieben!

Habt Ihr, haben Sie letzte Woche auch „Hochzeit“ geguckt? Für mich war das ein absolutes Must! Dafür habe ich alles stehen und liegen lassen und es mir mit einem Erbstück meiner Großmutter, einer silbernen Teekanne, sehr standesgemäß und very british auf dem Sofa gemütlich gemacht.

Und schon als Harry mit seinem Bruder William in die Kirche kam, hatte ich das erste Mal feuchte Augen … und ein zweites Mal, als Meghan in diesem wundervollen Kleid einzog. Aber als die beiden dann schließlich zusammen vor dem Altar standen und sich verliebt in die Augen schauten, war es um mich geschehen. Ich hab Rotz und Wasser geheult. Und mein Mann, auch wenn ich ihn jetzt damit oute, auch.

Wir haben uns angeguckt und mussten unter Tränen grinsen, weil es so komisch ist. Denn verflixt noch eins. Warum kommen uns bei sowas die Tränen? Uns verbindet mit diesem Brautpaar nichts. Wir sind noch nicht mal Royal Fans.

Diese Frage hat mich nicht losgelassen. Ist es tatsächlich, wie manche meinen, nur das Märchen vom Königssohn und seiner Prinzessin, das die Herzen rund um den Globus hat höher schlagen lassen, weil es heute so wenig Märchen gibt? Ich weiß es nicht. Und ich glaub’s auch nicht. Davon mal abgesehen, dass es heute meiner Meinung nach viel zu viele Märchen gibt, weine ich nämlich eigentlich bei jeder Hochzeit. Was als Pfarrerin ein echtes Problem ist. Dabei bin ich sonst gar nicht so nah am Wasser gebaut.

Was also ist es, was mich jedes Mal so tief berührt, wenn zwei Menschen sich das Jawort geben? Ich habe so einen Verdacht, weshalb. Und über den würde ich gerne heute Abend einmal ein bisschen mit Euch nachdenken. Denn vielleicht geht es Euch und Ihnen ja ähnlich wie mir. Mein Verdacht ist, dass so eine Hochzeitsfeier meine tiefste Sehnsucht anspricht. Meine Sehnsucht nämlich nach Glück und Liebe. Glück, das bleibt. Liebe, die durch dick und dünn geht.

Denn in jedem „Ich liebe Dich“ steckt ja zugleich das Versprechen „auf ewig!“ und in jedem feierlich. „Ja“ die Zusage: „Ich liebe Dich so, wie Du bist.“ Und das geht tief. Sehr tief. Und wer sehnte sich nicht danach?

Aber ist das nicht ein Versprechen, das wir Menschen aus eigener Kraft eigentlich gar nicht einhalten können? Eigentlich ist es doch, hart überlegt, die blanke Überforderung, einem anderen zu versprechen, bei ihm oder ihr zu bleiben in guten wie in schlechten Tag, bis dass der Tod uns scheidet. Die Latte hängt da ganz schön hoch. Und wir, wir können da doch eigentlich fast nur drunter durchlaufen. Und trotzdem stehen da zwei Menschen, schauen sich in die Augen und sagen „Ja“ zueinander. Und es ist nicht der Zweifel daran, der mir die Tränen in die Augen treibt, sondern die Freude darüber, dass sie das können und das sie das tun.

Denn es ist ja sehr berührend, was an diesem Tag ganz besonders spürbar wird: „Ihr seid nicht allein mit Eurem Versprechen. Da sind so viele um Euch herum, die bei Euch sind, die Euch unterstützen und Euch mit ihrer Freundschaft tragen. Und da ist die Liebe selbst, die Euch umfängt. Ihr dürft Euch beschenken lassen. Ihr müsst nicht alles selber machen!“ Was für eine Wohltat in einer Gesellschaft, in der es doch ständig ums Selbermachen und Selbstoptimieren geht! Und wo auch die Kinder dann nur noch „Produkte“ unserer Liebe sind.

Und erlaubt mir bitte diese kurze Nebenbemerkung: Die Kirche macht das schon ganz gut. Ich behaupte mal ganz frech: Kein Wedding-Speaker, keine Standesbeamtin kommt da ran! Nicht weil wir besser

reden könnten. Denn da hinken wir in der Kirche noch manchem freien Redner hinterher. Auch nicht, dass es bei uns persönlicher wäre. Denn auch da können wir uns noch manches angucken.

Warum aber dann? Weil die Kirche wie niemand sonst diese doch sehr fragile Liebe zweier Menschen in einen größeren Zusammenhang stellt. Und nicht nur die beiden, sondern auch alle, die dabei sind. Denn

die bleiben auch nicht in der Zuschauerrolle, sondern werden Teil eines größeren Ganzen. Bei der Hochzeit von Meghan und Harry wurde das ja ganz besonders schön ins Bild gebracht, als der Erzbischof die versammelte Gemeinde fragte, ob sie das Paar begleiten und unterstützen würden, und alle darauf geantwortet haben: „Yes, we will!“

Und so öffnet die Kirche in ihrem Gottesdienst der menschlichen Liebe einen Raum, der weiter ist, aber auch gleichzeitiger geborgener. Ein Raum, in dem wir uns in schlechten Tagen zurückziehen und in guten Tagen lachen und feiern können. Und ich meine hier nicht den Kirchenraum. Gott selbst ist es nämlich, der sich hier für uns öffnet. Denn Gott ist die Liebe.

Und die macht vor uns Menschen nicht Halt. Darüber hat ja am letzten Samstag Bischof Curry sehr eindrucksvoll in der St. George Chapel in Windsor gepredigt.

Und im Neuen Testament lesen wir im ersten Johannesbrief dazu: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Das ist alles, worum es geht. Mehr brauchen wir gar nicht zu glauben. Und alles, was danach kommt, ist ein mehr oder weniger gelungener Versuch, begreifbar zu machen, was das bedeutet. „Liebe und tu, was Du willst“, hat vor vielen Jahrhunderten sehr weise der Kirchenlehrer Augustinus gesagt. Und das ist die Freiheit, die Jesus meinte.

Und in den Augenblicken, wo ich diese Freiheit spüre, da geht mir das Herz auf, das berührt mich. Ganz tief. Und jede Hochzeit ist so ein Augenblick. In dieser Feier, so meine ich, wird ganz besonders erfahrbar, an wen wir glauben. An einen nämlich, in dem wir

atmen, wachsen und leben dürfen. Deswegen halten wir Christen so fest an unserem Bekenntnis an den drei-einen Gott. Und das, obwohl

es im Gespräch mit dem Judentum und dem Islam kaum vermittelbar ist und auch viele, viele Christen kaum etwas mit der Dreifaltigkeit anfangen können.

Aber es ist ein genialer Gedanke, ein tiefe Weisheit, die die ersten Kirchenväter und -mütter hatten. Wie sonst ist Gott als Liebe denn zu denken? Erst drei in einem öffnen doch den Raum dafür. Jenen Raum, in dem wir frei atmen, wachsen und lieben können. Aus dem uns niemand vertreiben kann. Und in dem wir auch dann und gerade dann geborgen sind, wenn unsere Liebe an Grenzen kommt und scheitert.

Denn unser Gott ist nicht einer, der uns monolithisch gegenüber steht oder fern oben im Himmel über allem steht und thront. In seinem Christus Jesus wendet er sich uns zu und schenkst uns seinen Geist

der Liebe. Jene Kraft, die wir zum Leben brauchen, und die uns mit ihm unauflöslich verbindet. In guten wie in schlechten Tagen. Und über den Tod hinaus.

Und wenn ich dabei sein darf, wenn zwei Menschen vor Gottes Angesicht „Ja“ zueinander sagen, dann freue ich mich darüber, dass sie das können. Denn sie stellen sich damit in den Raum Seiner Liebe. Und die ist nicht machbar. Die kriegen wir geschenkt. Wir müssen nichts weiter tun, als uns dafür zu öffnen. Und sei es nur eine winzige Dehnungsfuge weit. Seine Liebe bleibt. Sie geht durch dick und dünn. Sie antwortet auf meine tiefste Sehnsucht nach Glück und Frieden.

Und deswegen schäme ich mich nicht mehr länger, wenn mir auch bei wild fremden Brautpaaren die Tränen kommen. Denn ich weiß ja jetzt, weshalb. Wegen der Liebe.

Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.