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26 Februar
Mittwoch, den 26.02.2020 18:00 Uhr Friedenskirche

Wo bist Du, Mensch?

Predigt zu Aschermittwoch

„Wo bist du?“ fragt Gott den ersten Menschen, der sich im Garten Eden vor ihm versteckt hat. Es ist, soweit ich das überschaue, liebe Brüder und Schwestern, die einzige Frage, die Gott in der ganzen Bibel an einen Menschen richtet. Er muss ja auch eigentlich nicht fragen. Gott weiß ja alles. Und so denkt ein jüdischer Midrasch darüber nach, warum Gott überhaupt gefragt hat, und kommt zu dem Schluss: „Er fragte ihn, weil er ihm die Möglichkeit zur Umkehr geben wollte.“ Aber Adam und Eva kehren nicht um. Sie bleiben in ihrem Versteck und übernehmen nicht die Verantwortung für ihr Tun.
Weil er sich fürchte, habe er sich versteckt, sagt Adam schließlich. Und er glaubt damit den Worten der Schlange, dem Bösen also, das aus dem Hinterhalt flüstert: „Gott will Dir nicht gut!“

Das Vertrauen des Menschen ist fortan gestört und seine Beziehung zu Gott. Adam und Eva fühlen sich deshalb nackt und schutzlos. Sie verstecken sich vor Gott und geraten dadurch immer tiefer in das Dickicht der Angst und der Schuld.

„Wo bist du?“ fragt Gott den Menschen. Ihm hat er seine Schöpfung anvertraut. Sie ist sein Garten Eden und der Mensch soll darin der Gärtner sein, der für sie sorgt, sie hütet und pflegt. Aber schon das erste Menschenpaar hat die Schöpfung veruntreut. Es hat sich selbst als Eigentümer des Garten aufgespielt und sich alles im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt, selbst von dem einen Baum, der für sie tabu war, haben sie gegessen. Die Geschichte vom Sündenfall ist eine Geschichte des falschen Konsums. Eine Geschichte, die sich bis heute tagtäglich wiederholt. Wir Menschen sorgen nicht für die Erde, wie wir es sollten, wir haben sie uns untertan gemacht, sie ausgebeutet und zerstört.
„Wo bist du?“ Diese erste und vermutliche einzige ist auch zugleich die entscheidende Frage Gottes, die er an jeden Menschen und zu allen Zeiten stellt: „Wo bist du? Wo ist dein Platz in der Welt? Wie ist es um dein Leben bestellt?“

Und jeder von uns muss diese Frage für sich selbst beantworten: Wo bin ich? Wo bin ich angesichts der ungerechten Verteilung der Güter? Wo bin ich angesichts übervoller Supermärkte auf der einen Seite und hungernder Menschen auf der anderen Seite der Erde? Wo bin ich, wenn unser Planet durch menschliche Gier ausgebeutet und zerstört wird? Wo bin ich, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Ausrichtung, ihrer Herkunft herabgewürdigt und terrorisiert werden? Aber auch ganz konkret: Wo bin ich, wenn mein Nächster traurig ist? Wo bin ich, wenn einer über den anderen schlecht spricht? Wo bin ich, wenn andere meine Hilfe brauchen? Wo bin ich, wenn es darum geht, die Hand zur Versöhnung zu reichen?

Liebe Brüder und Schwestern!
Wir können es mit Adam und Eva halten und uns verstecken – vor Gott und vor unserer Verantwortung, Mensch zu sein. Und tun wir nicht genau das immer wieder? Dann nämlich, wenn wir im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf einziehen, die Augen und Ohren vor all dem Elend verschließen und einfach weitermachen wie bisher?

Wir können aber auch heute am Aschermittwoch uns vor Gott hinstellen und antworten: „Hier bin ich!“

Aschermittwoch hat seinen Namen von dem alten Brauch, sich an diesem Tag ein Aschekreuz auf die Stirn zeichnen zu lassen und dabei die Worte zu hören: „Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist, und zu Staub kehrst du zurück!“

Ich finde, es ist ein sehr sinnlicher und wichtiger Brauch, den die Reformatoren leider mit abgeschafft hatten, als sie mit den Fastenbräuchen im Allgemeinen aufräumten, die sich damals verselbständigt hatten.

„Bedenke, Mensch, dass Du Staub bist, und zu Staub kehrst du zurück!“ Manche stoßen sich an diesen Worten und halten sie für zu bedrückend, weil sie doch nur an den Tod erinnern würden, statt an das Leben, das Gott allen versprochen hat.

Manche wählen stattdessen lieber die Worte Jesu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Und darum geht es ja auch, um unsere Umkehr nämlich.
Aber das ist erst der nächste Schritt. Bevor wir umkehren, also unserem Leben eine neue Ausrichtung geben können, müssen wir erst mal wieder klar haben, wo wir stehen. Und dabei hilft dieser alte Satz der Aschermittwochsliturgie: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub kehrst du zurück!“

Mit „Staub“ ist die Erde gemeint, aus der Gott, wie es die Bibel erzählt, den Menschen formte. Und nicht nur ihn. Als Erdenwesen sind wir mit allem, was ist, mit allem Wasser und Gestein, mit allen Pflanzen, allen Tieren und mit allen Menschen aufs Tiefste verbunden. Denn wir sind alle aus dem Staub der Erde gemacht.

Diese Verbundenheit geht, wie eine Untersuchung der NASA gezeigt hat, sogar noch über unseren Planeten hinaus. Vor einigen Jahren konnte eine Sonde in der Tiefe des Alls erstmals das geheimnisvolle Material einfangen, aus dem unsere Sonne und die Planeten entstanden und bestehen: Sternenstaub! Wir sind nicht nur Kinder der Erde. Wir sind Kinder des Kosmos. Und es geht zunächst einmal nur darum, uns das am Aschermittwoch wieder bewusst zu machen.

Dann können wir dem Ruf Jesu auch folgen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Denn was ist denn das Evangelium – die gute Nachricht, die Jesus uns bringt? Es ist die Botschaft, die Gott nicht müde wird uns zu Gehör zu bringen, bis wir sie endlich glauben: nämlich dass wir als Kinder der Erde zugleich Söhne und Töchter Gottes sind, die er in die Welt gestellt hat, damit sie für seine Schöpfung Sorge tragen und Verantwortung übernehmen!

Das ist keine leidige Pflicht sondern eigentlich etwas Wunderschönes! Und die 40 Tage der Fastenzeit vor Ostern ermutigen uns, uns dieser Verantwortung für die EineWelt zu stellen. Wir sind ihr, so die Frohe Botschaft Jesu, gewachsen. Sie macht unser Menschsein aus. Und was ist diese Verantwortung anderes als die Liebe?
Denn wir sind mit dieser Verantwortung nicht auf uns gestellt. Gott ist dabei. Und der tiefste Sinn der Fastenzeit liegt darin, diese Nähe Gottes in unserer Welt zu erfahren.

Wenn wir heute also Asche auf unser Haupt streuen, dann nicht, weil wir in den nächsten 40 Tagen in Sack und Asche gehen und uns in den Staub ducken sollen, weil wir uns nichtswürdig und klein fühlen. Wir sollen vielmehr unser Haupt salben, so mahnt Jesus im heutigen Evangelium seine Jünger und uns. Das heißt, uns fein machen, wie es Königinnen und Könige zur Zeit Jesu taten.

Wenn wir heute Asche auf unser Haupt streuen, dann ist das ein Zeichen für unseren Mut und unsere Größe als Söhne und Töchter Gottes und als Kinder der Erde, mit dem wir sagen: „Hier bin ich!“

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.