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26 Dezember
Dienstag, den 26.12.2017 17:00 Uhr Friedenskirche

Weihnachtspredigt 1

Musikalische Gestaltung

Johanna Sterlepper (Sopran), Dominik Salber (Bariton)

Ulrich Roth (Orgel), Wolfgang Huhn (Trompete)

Please touch! Bitte berühren!

Meine lieben Brüder und Schwestern. „Do not touch!“ – „Bitte nicht berühren!“ steht auf kleinen laminierten Zetteln, die überall gut sichtbar angebracht sind. Kleine Schutzschilder sind das. Und die braucht es auch. Denn es kommen jedes Jahr viele, manche von weither sogar, um an den Weihnachtstagen die Hirten mit den Schafen, die Könige und ihre Kamele, die wundervollen Engel, Maria, Josef und ganz besonders das hinreißende Christkind in der Krippe zu bestaunen. Die Figuren sind alt und handgeschnitzt. Sie sind wertvoll und so fein gearbeitet, dass jede unbedachte Berührung sie zerbrechen könnte. Und es ist zu ihrem Schutz, dass vorwitzige Besucher auf Abstand gehalten werden: “Do not touch!“ – „Bitte nicht berühren!“ „Und weiß Gott“, erzählt der Küster und seufzt: „Weiß Gott, gibt es immer wieder welche, die sich nicht daran halten und es trotzdem tun!“

„Bitte nicht berühren!“ Das ist ein Wunsch, den wohl auch Eltern nur zu gut kennen, wenn sie ihr neugeborenes Kind endlich in ihre Arme schließen und es am liebsten nicht mehr aus den Händen geben wollen. Selbst die frischgebackene Oma darf es nur mal ganz kurz und nur unter Aufsicht halten. Denn alles an diesem Menschlein ist so zart und zerbrechlich, dass man es am liebsten in Watte packen möchte. Und der unbedingte Wunsch, dieses Kind um jeden Preis beschützen zu wollen, wird ein Leben lang halten, auch dann noch, wenn es schon groß ist.

Als unsere Tochter auf die Welt kam, waren mein Mann und ich sehr jung. Und ich weiß noch, wie wir am ersten Abend vor ihrem Bettchen standen und uns die Erkenntnis wie ein Blitz traf, dass dieser Winzling nun ganz und gar auf uns angewiesen ist. Und uns wurde heiß und kalt bei der Vorstellung, was wir dabei alles falsch machen könnten, und wie verletzlich doch so ein Menschenleben ist.

Denn wir kommen als Menschen ja nicht fertig auf die Welt. Wir haben noch nicht mal eine dicke Haut oder ein Fell, um uns zu schützen. Wir brauchen die anderen, die uns zu essen und zu trinken geben, warm einpacken und einfach nur gut sind. Und auch wenn wir irgendwann für uns selber sorgen können, bleiben wir doch immer aufeinander angewiesen, weil wir nun mal als Menschen ohne Schutz nicht lange überleben würden.

Dienen nicht letztlich alle Erfindungen des Menschen eben jenem Zweck, sich noch besser vor den Unbilden des Lebens zu schützen? Und finden nicht deswegen auch bei uns heute wieder jene besonders Gehör, die den Finger in die Wunde legen, die Mauern bauen und Grenzen ziehen wollen, um auch noch die letzte Sicherheitslücke zu schließen? Denn die Sehnsucht danach, unverwundbar zu sein, ist so alt wie die Menschheit selbst. Und doch bleibt da immer die Achillesferse: Wir sind es nicht! Wir sind nicht unverwundbar!Und jedes kleine Kind erinnert uns daran.

Aber jedes Neugeborene erinnert uns auch noch an etwas anderes, viel Entscheidenderes: Ohne das Wagnis der Verwundbarkeit seiner Mutter wäre kein Kind auf der Welt. Ohne das Wagnis dieser Verwundbarkeit gäbe es uns alle nicht. Neues Leben entsteht nämlich nur dort, wo wir Menschen Leben geben. Denn wer liebt, wagt es doch, enttäuscht zu werden, wer sich in einen Beruf oder eine Aufgabe hineingibt, zu scheitern, wer Frieden stiftet, angreifbar zu sein. Wer staunt, auch das zu sehen, wovor wir am liebsten die Augen verschließen wollen.

Und wie wir umgehen mit unserer Verwundbarkeit als Menschen, liebe Brüder und Schwestern, ist eine Frage, die heute so aktuell ist wie nie zuvor. Von allen Seiten wird sie heute an uns herangetragen, nicht nur von den Fremden, die vor unseren Türen stehen, sondern auch von den Klimaforschern, den Gentechnikern und von Facebook & Co. Und es ist bemerkenswert, dass Bücher und Filme, die im vergangenen Jahr herausgekommen sind, diese Frage immer wieder in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken. Zuletzt in dem Science Fiction Film Blade Runner 2049, der gerade in der Verletzlichkeit des Menschen seine Würde ausmacht. Aber es ist im Jahr 2049 kein Mensch, sondern ein so genannter Replikant, also ein Maschinenwesen, das diese Menschlichkeit wirklich lebt, sich von einer kleinen Blüte mitten in Asche und Staub anrühren lässt, in den Schneeflocken die Schönheit der Welt erkennt und sein Leben der Liebe wegen riskiert. Und all diese Fähigkeiten entwickelt er, weil auf seiner Festplatte Erinnerungen daran gespeichert sind, ein kleines hilfsbedürftiges Kind zu sein.

An Weihnachten halten auch wir, liebe Brüder und Schwestern, die Erinnerung an ein kleines Kind wach. An jenes, das in einem armseligen Stall in Betlehem zur Welt kam und so verletzlich ist, wie ein Mensch nur sein kann. Vielleicht aber auch die Erinnerung an jenes Kind, das wir einmal waren, weil der Heiligabend doch wie kein anderer Tag im Jahr uns auch daran erinnert. Und wenn wir dieser Erinnerung folgen, dann verstehen wir, warum es so gut tut, sich alle Jahre wieder mit den Hirten und Sterndeutern in diesem armseligen Stall von Bethlehem einzufinden.

Denn dieses Kind in der Krippe ist im wahrsten Sinne des Wortes entwaffnend. Vor ihm brauchen wir keine Schutzschilder, Rüstungen und Mauern. Vor ihm dürfen wir so sein, wie wir sind. Auch mit unseren Wunden und mit unserer Angst, enttäuscht zu werden, zu scheitern und nicht zu genügen.

Weihnachten taucht nämlich alles in ein neues Licht und macht uns Mut, unsere Verletzlichkeit nicht als Schwäche zu begreifen, sondern als Chance, aus ganzem Herzen zu leben. Und das heißt, zu staunen, zu lieben, zu vertrauen, zu hoffen. Käme dann nicht der Frieden von ganz alleine?

Denn Gott selbst kommt in diesem kleinen hilfsbedürftigen Menschen zur Welt und er fragt uns, wie wir es damit halten. Denn die Weihnachtsgeschichte zeigt uns die Alternativen auf. Da sind Herbergsleute, die dem Neugeborenen keinen Schutz gewähren, weil kein Platz da ist, wie sie sagen. Und ihr Verhalten ist durchaus verständlich. Es ist Selbstschutz, weil sie das, was sie haben, für sich selbst und für die eigene Gemeinschaft brauchen.

Sie tun niemandem was zuleide. Aber sie schauen doch lieber nicht so genau hin. Denn wenn sie genauer hinschauen würden, dann würden sie sich vielleicht doch anrühren lassen von der Not, die sich ihnen da zeigt. Wer hinschaut und sich öffnet, macht sich nämlich selbst verletzlich. Und deswegen bleiben die Türen der Herbergsleute zu. Und sie stehen in dieser Nacht nicht an der Krippe-

Alle, die sich in der Heiligen Nacht also um das Neugeborene im Stall von Bethlehem versammeln, sind verletzlich. Und gerade deswegen stehen sie an der Krippe zusammen und teilen das miteinander, was sie haben, selbst wenn es nicht viel zu sein scheint. Was danach auf sie zukommt, wissen sie nicht.

Die Hirten wissen nicht, was sie nach der Rückkehr zu ihren Schafen, hinaus aufs freie Feld, erwartet. Die Sterndeuter wissen nicht, ob sie mit heiler Haut wieder nach Hause zurückkommen werden. Maria und Josef wissen nicht, was nach der Geburt auf sie zukommt. Aber das alles tritt zurück. In diesem einen Augenblick von Weihnachten verlieren Sorgen und Nöte ihren Zugriff auf das Leben. Alle sind ganz da, ganz wach, ganz gegenwärtig. Niemand schaut griesgrämig, missmutig oder gar rachsüchtig drein. So wird die Geburt in einem armseligen Stall zu einem Ort voller Leben, Liebe und Geborgenheit. Für diesen Moment legen wir einmal alle unsere Schutzschilder beiseite und zeigen uns als die, die wir sind.

„Please touch! Bitte berühren!“ steht nämlich an der Krippe von Betlehem. Und das, das ist das Wunder von Weihnachten: Gott lässt sich berühren. Er begibt sich in die Hände von uns Menschen, ist auf unsere Zuwendung angewiesen und unserer Grausamkeit ausgeliefert. Gott macht sich verwundbar und stellt damit unsere Logik von Stärke und Macht auf den Kopf. Und das ist gut so. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die das Weihnachtsfest besonders mochte, sagte es einmal so: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten: „Uns ist ein Kind geboren!“

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich wünsche uns allen, dass das Kind in der Krippe auch unser Herz heute Nacht berührt und uns Mut macht, Menschen zu werden, die sich trauen, verletzlich zu sein und sich ergreifen zu lassen. Warum? Weil nur das das Leben reicher macht und weil nur das der Welt den Frieden bringen kann.

Wunderschön und sehr liebevoll hat Friedrich Bodelschwingh in seiner Weise auf den Punkt gebracht hat:

„Das ist das Wunder der Heiligen Nacht,

dass ein hilfloses Kind unser aller Helfer wird,

dass in der Dunkelheit der Erde die helle Sonne scheint,

und dass traurige Leute ganz fröhlich werden können.

Dieses Kind nimmt unser Leben in seine Hände, um es niemals wieder loszulassen.“

Ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.