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29 März
Donnerstag, den 29.03.2018 18:00 Uhr Friedenskirche

Gründonnerstag

musikalisch gestaltet von Simon Fell und Christiane Zeul

Predigt zu 1 Kor 10

Meine lieben Brüder und Schwestern,

das sogenannte Intervall-Fasten ist, wir haben’s alle von irgendwoher inzwischen mitbekommen, der große Frühjahrstrend 2018. Soll heißen, zwischen den Mahlzeiten längere Pausen zu machen, um mal wieder zu merken, wann wir richtigen Hunger bekommen und nicht bloß Appetit, wann also wir unserem Körper zum richtigen Zeitpunkt mit dem Richtigen versorgen. Und es ist ja auch was dran: Wir kennen doch in unseren Breitengraden den Hunger gar nicht mehr! Wonach uns auch gelütst, alles ist immer da! Alles, was Magen und Herz begehren. 7 Tage in der Woche. Das ganze Jahr über. Da kommt der Hunger eben abhanden! Und deshalb wollen wir auch oft gar nicht wissen, dass alle jene, die am Rande unserer Gesellschaft leben ganz anders denken über das, was wir denken. Denn sie haben Hunger!!! Bei ihnen ist Intervallfasten ein Dauertrend. Auch hier bei uns und nicht nur da draußen irgendwo auf der Welt.

Warum kann es denn nur jenes gesunde Maß für alle nicht geben, von dem Jesus immer und immer wieder gesprochen hat? Und was wir doch auch erbeten, wenn wir sprechen: Unser tägliches Brot gib uns heute. Wofür er sich von den Menschen ans Kreuz hat schlagen lassen müssen, weil sie es nicht begriffen haben, bis heute? Vielleicht lässt sie sich ja auch wirklich nicht beantworten, diese Frage, liebe Brüder und Schwestern.

Auch Jesus ist ja darüber verzweifelt. Deshalb hat er ja auch in seinem letzten Abendmahl versucht, alle vor seinem Weggang noch einmal an seinen Tisch zu bringen. Deshalb hat er ja auch den letzten unter den Menschen eigenhändig die Füße gewaschen und damit gezeigt, wie unglaublich wichtig es ihm ist, dass alle satt werden, dass alle ihren Hunger stillen können, den Hunger nach Liebe und Leben, damit sie satt werden an Leib und Seele. Und deshalb sitzen auch wir heute Abend mit ihm zusammen an seinem Tisch und hören, wie er auch zu uns sagt: „Nehmt, esst und trinkt. Das bin ich für Euch!“

Und weil wir bis heute, wie damals seine Jünger um ihn herum, davon zehren, nehmen wir sein Unter-uns-Sein wörtlich und lassen uns von ihm speisen. Durch seinen Leib und sein Blut! Damit wir satt werden in unserer Sehnsucht nach seiner Liebe und immer wieder den Hunger danach behalten! 7 Tage in der Woche, das ganze Jahr über ….In Brot und Wein gibt uns Jesus, so glauben wir, sich selbst uns zur Speise und zum Trank.

Bei den jungen Konfirmanden regt sich dann oft der verständliche Widerspruch, dass sie doch keine Kannibalen seien! Aber wenn ich ihnen dann sage, dass sie doch auch einmal im Bauch ihrer Mutter satt geworden seien, und sie nie wieder einem Menschen o nahe kommen wie in den neun Monaten vor Eintritt in ihr eigenes Leben, sind die jungen Leute ganz still, weil sie jene Wahrheit spüren, die dahinter steckt.

Liebe Brüder und Schwestern, deshalb also sitzen wir heute mit Christus am Tisch. Deshalb haben wir Hunger und Durst nach ihm und seiner Liebe, nach der Gemeinschaft mit ihm, der sich für uns alle am Kreuz geopfert hat: weil wir wissen, dass wir ohne seine Liebe von Mensch zu Mensch nicht leben können.

Auch Paulus musste erst lernen, seinen Hunger und seine Sehnsucht zu spüren. Denn er meinte als gebildeter Schriftgelehrter und römischer Bürger alles zu haben und zu wissen, was er zum Leben braucht. Erst als er zu Jesus findet, entdeckt er, dass der die Antwort ist auf seinen eigentlichen Hunger und seine eigentliche Sehnsucht! Und er spricht darüber, wo er geht und steht, und schreibt in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth:

Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft am Blut Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? 17 Denn ein Brot ist’s. So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Meine lieben Brüder und Schwestern, was Paulus in seiner Begegnung mit Jesus entdeckt ist „Gemeinschaft“, und zwar Gemeinschaft in einem ganz umfassenden Sinne, nämlich Gemeinschaft an seinem Blut und seinem Leib. „Koinonia“ ist das Wort, das Paulus hier im Original verwendet. Sie ist der Gegensatz zu „Pleonexia“ zur Habsucht. Denn in ihr teilen Menschen  miteinander, was sie haben, auch ihr Leben.  Und sie ist es, wonach wir Menschen uns Zeit unseres Lebens eigentlich sehnen. Und wo sie nicht ist, weil wir das Brot für uns behalten wollen, da ist Hunger und Einsamkeit.

Und wenn Paulus diese „Koinonia“ in jeder Gemeinde am Werk sieht, die miteinander in Jesu Namen Abendmahl feiert, dann ist das wohl nicht nur für die zerstrittene Gemeinde in Korinth harter Tobak, sondern vielleicht auch für uns.

Denn die, mit denen wir hier zusammenkommen, sind ja nicht nur unsere besten Freunde, unsere Familie, unsere Liebsten, sondern auch Menschen, die uns fremd sind. Und manchmal brechen wir dann sogar das Brot mit jemandem, der wir nicht leiden können.

Aber ob wir nun untereinander vertraut sind oder nicht, liebe Brüder und Schwestern, wir essen alle von dem einen Brot und trinken aus dem einen Kelch. Und wir werden so alle ein Teil von ihm, dem wir seit 2000 Jahren die Treue halten. Weil er die Liebe ist! Er kommt uns so nahe wie eine Mutter ihrem Kind – und noch viel näher. Sein Leib sind wir. Er ist es, der unseren Lebenshunger stillt und unsere Sehnsucht danach, ein für alle mal zu wissen: Was geschieht, ist gut!

Und wenn wir ihn nicht für uns behalten, sondern mit allen teilen, die ihn brauchen, dann wird er uns wirklich zum Brot des Lebens und zum Kelch des Segens.

Rainer Maria Rilke hat das in besondere Worte gefasst, von denen ich vier eben vorweggenommen habe, als wären es meine eigenen. Er schreibt:

Rast! Gast sein einmal.

Nicht immer selbst

Seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost.

Nicht immer feindlich nach allem fassen,

einmal sich alles geschehen lassen

und wissen:

Was geschieht, ist gut.

Liebe Brüder und Schwestern, ob wir es Intervall-Fasten nennen, was uns den Hunger wiederbringen soll oder wie auch immer, spielt ja im Grunde keine Rolle. Vielleicht ist dieser Trend ja wirklich gar nicht so falsch! Denn die Zwischenräume sind es doch, die uns zum Denken bringen über jenen Hunger, den wir zum Leben brauchen und der uns all den Hungernden und Durstiger dieser Welt nahebringt.

Wäre Jesus heute bei uns, würde er vielleicht lächeln über die Fantasie der Menschen! „Wenn es zu etwas gut ist,“ würde er dann vielleicht sagen, „dann nennt es, wie Ihr wollt! Die Hauptsache ist, Ihr vergesst mich und einander dabei nicht! Und jetzt, jetzt esst und trinkt im Frieden!“ Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell, Gründonnerstag 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.