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18 April
Donnerstag, den 18.04.2019 18:00 Uhr Friedenskirche

Afikoman – Der da kommen soll!

Tischrede am Gründonnerstag in der Friedenskirche

Vorgestern waren die Kindergartenkinder hier in der Friedenskirche, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Und begeistert haben mir die Kleinen von Ostern erzählt, und zwar ganz besonders vom Ostereiersuchen. Und wo sie überall suchen! Unglaublich! Wir hätten noch Stunden darüber reden können. Sie wissen schon genau, wo sie Ausschau halten müssen, und haben viele Ideen für gute Verstecke.
„Ich fahr nach Bremen!“ meinte einer der Zwerge großspurig. „Da suche ich die Ostereier bei Oma und Opa im Garten, die haben nämlich einen riesengroßen Garten. Da können wir ganz, ganz lange suchen!“
Die Kinder freuen sich nämlich nicht nur auf die leckeren in buntglitzerndes Staniolpapier eingepackten Leckereien, sondern fast noch mehr auf die Suche selber. Darauf also, wie die Trüffelschweine durch die Gärten zu laufen, mit Phantasie und Kombinationsgabe die besten Verstecke ausfindig zu machen und Augen gut aufzuhalten, um ja nichts zu übersehen.
Diese Ostersuche kennt auch das Judentum. Nur werden dort beim so genannten Sedermahl am Vorabend des Paschafestes keine Eier gesucht, sondern ein Stück Brot.
Und ich möchte mit Ihnen dieser Brotsuche ein wenig nachspüren. Denn sie kann uns die Feier des heutigen Abends nochmal auf besondere Weise erleuchten. Auch das letzte Abendmahl Jesu, das wir heute begehen, war nämlich wohl so ein Sedermahl mit seinen Ritualen und Bräuchen.
Am Vorabend des Paschafestes feiern die Juden in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten das Sedermahl. Sie denken damit an jene Nacht, als Israel hastig seine wenige Habseligkeiten zusammenpackte, um aus Ägypten zu fliehen. Sie feiern das Fest so, als wären sie selbst in der ersten Pessachnacht dabei gewesen. Sie selbst sind es, die sich in dieser Nacht aufmachen wollen, gehorsam den Weg zu gehen, auf den Gott sein Volk ruft. An diesem Abend versammelt sich die Familie. Aber auch die allein lebende Witwe aus dem Nachbarhaus, der einsame Mann von gegenüber, der keine Angehörigen hat, und der Fremde werden dazu geladen. In dieser Nacht darf kein Jude allein sein und allein feiern. Denn Pessach ist das Fest der Verschonung Israels, also des ganzen Volkes und kann nur im „Wir“ gefeiert werden:

„WIR waren Knechte Pharaos in Ägypten … aber der Herr befreite UNS … und nun sind WIR auf dem Wege von Ägypten bis in die Zeit des messianischen Heils. Es ist UNSER Weg.“
Der Tisch ist an diesem Abend königlich weiß gedeckt mit lauter besonderen Gerichten. Da stehen Bitterkräuter, die an die bittere Zeit der ägyptischen Gefangenschaft erinnern sollen, hartgekochte Eier als Sinnbild für die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten, ein Brei aus Nüssen, Datteln und Äpfeln, der aussieht wie der Lehm, den die Israeliten als Ziegelarbeiter in Ägypten verarbeiten mussten. Radieschen finden sich auf dem Tisch, die vor dem Verzehr in Salzwasser getaucht werden, weil Israel damals in der Gefangenschaft unter Tränen die Früchte der Erde gegessen. Und schließlich gibt es die Lammkeule, die in ganz besonderer Weise an den Auszug ins gelobte Land erinnert. Und mittendrin steht auf dem Festtisch wie bei uns heute Abend Brot und Wein. Und davon gibt es reichlich. Über vier Becher von Wein, über die vier Freudenkelche, wird im Laufe des Festes der Segen gesprochen. Sie erinnern an Gottes Versprechen:
„Ich bin der Herr und will euch
1. wegführen von den Lasten, die euch die Ägypter auferlegen, und will euch
2. erretten von eurem Frondienst, und ich will euch
3. erlösen mit ausgestrecktem Arm und durch große Gerichte. Ich will euch
4. annehmen als mein Volk und will euer Gott sein.“
Um Mitternacht wurden wir erlöst, um Mitternacht werden wir erlöst!, heißt es im Judentum. So wie Gott sein Volk mitten in der Nacht aus Ägypten, so wird auch sein Messias um Mitternacht einer ersten Pessachnacht kommen. Das kann heute Nacht schon sein, sagen sie an jedem Sederabend. Deshalb wartet Israel bei der Sederfeier auf den letzten Anruf und auf das Zeichen, endlich in eine Zeit des Heils aufzubrechen.
Dafür steht auf dem Sedertisch ein fünfter Becher, der „Eliasbecher“, gefüllt mit Wein, aus dem aber nicht getrunken wird. Elias wird kommen und dem Messias Gottes den Weg bereiten. Über dem zu seinem Empfang bereitgestelltem Becher wird er sich in der Sedernacht zu erkennen geben, indem er ein jüdisches Haus betritt, diesen Becher erhebt und daraus trinkt. Und wie gesagt, das kann schon heute, in dieser Sedernacht geschehen.
Denn der Sederabend ist wie unser Abendmahl ein Fest der Erinnerung und der Hoffnung auf den, der da kommen soll. Es ist eine Erinnerung an das Festmahl, das der Ewige für die Gerechten einst bereiten wird.
Drei Brote, drei Mazzen, wie dieses besondere Brot genannt wird, liegen zugedeckt mitten auf dem Tisch. Sie versinnbildlichen das Volk Israel, das aus den Priestern, den Leviten und den allen übrigen Israeliten besteht. Der Gastgeber bricht die mittlere Mazza in zwei ungleiche Teile und versteckt den größeren Teil während des Mahls. Und es ist ein großer Spaß für die Kinder dieses Afikoman, wie es heißt, den ganzen Abend über zu suchen. Und wenn es endlich gefunden ist, ist es der Höhepunkt des Seders. Es wird geteilt und vor dem dritten Segensbecher zusammen gegessen.
Afikoman bedeutet übersetzt „Der da kommen soll!“ In Zeiten des Exils steht der verborgene Afikoman für die Hoffnung auf den sehnlich erwarteten Messias, der heute noch vor unseren Augen verborgen ist. Erst das Kommen des Maschiach am Ende des Seders macht das Volk heil, eben zu einem Ganzen, so der jüdische Glaube.
Wenn Jesus also das Brot in der Nacht, da er verraten wurde, teilt und dazu sagt, das bin ich für Euch, dann zeigt er sich als der, der da kommen soll, mit dem alles heil und gut wird. Und wenn wir heute in seinem Namen das Brot miteinander teilen, dann feiern wir seinen Tod. Dann feiern wir, als wäre es heute, dass wir mit ihm durch den Tod ins Leben gehen.
Wie das Afikoman versteckt ist und immer wieder gesucht werden muss, ist auch er verborgen da. Und es ist an uns, nach ihm zu fragen und ihn zu suchen – im Gesicht unserer Nächsten, in uns selbst, in der Zuversicht, die auf einmal da ist und vielem mehr.
Und das ist keine leidige Pflicht, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes heil-iges Spiel. Denn es macht uns heil und ganz. Und wie die Kinder können wir uns an dieser Suche freuen, an dieser Sehnsucht, die in uns brennt nach Glück und Frieden. „Wenn Ihr mich mit ganzen Herzen sucht, so will ich mich finden lassen,“ verspricht uns Gott durch Jeremia.
Im Hohelied Salomo wird diese lustvolle Suche des Geliebten in ganz besonderer Weise verdichtet. Denn da sucht der Mensch Gott aus ganzem Herzen.
Und ich möchte mit einem Zitat daraus schließen:
Des Nachts auf meinem Lager suchte ich,
den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht.
Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen
auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht.
Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen:
»Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?«
Als ich ein wenig an ihnen vorüber war,
da fand ich den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los. –
Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.