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01 Oktober
Sonntag, den 01.10.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

ERNTEDANK

„Danken“

4. Gottesdienst der Predigtreihe „Unser Gottesdienst – Weg im Geheimnis?“

DANKEN

Meine lieben Brüder und Schwestern,
als mein jüngster Sohn etwa 8, 9 Jahre alt war, erbten wir von meiner Großmutter einen alten Topf, mit dem man Saft einkochen kann. Und der Kleine wollte das sofort ausprobieren. Also sammelten wir Holunderbeeren, die zu dieser Zeit satt in den Zweigen hingen, streiften stundenlang die einzelnen Beeren von Rispen, bis unsere Hände rabenschwarz waren und sahen schließlich zu, wie Tropfen für Tropfen aus dem kleinen Hahn des Topfes flossen. Sechs Flaschen von köstlichstem Holundersaft waren am Ende des Tages unsere Ausbeute. Mein Sohn malte noch liebevoll die Etiketten dafür und stellte voller Stolz die kleine Kiste in die Vorratskammer.

Als dann aber mein Mann nach Hause kam, sich nichts ahnend eine der Flaschen griff und die Hälfte ihres Inhalts in einem Zug leertrank, schrie unser Sohnemann voller Entsetzen. „Papa! Das kannst Du doch nicht einfach so trinken! Weißt Du nicht, wie viel Arbeit da drin steckt?“

An dieses blanke Entsetzen, liebe Gemeinde, fühle ich mich jedesmal erinnert, wenn mir mein eigener Lebensstil mal wieder zu denken gibt, und ich mir eingestehen muss, wie gedankenlos ich in der Regel so vor mich hin konsumiere. Im seltensten Fall mache ich mir nämlich klar, wie viel Arbeit, wie viel Energie, wie viel Güter dieser Erde in dem steckt, was ich esse, was ich anhabe und was ich verbrauche. Und ich ertappe mich mehr als einmal dabei, dass ich beim Mittagessen schon wieder darüber nachdenke, was es zum Abendessen gibt. Oder bei der Frage, ob es wohl diese schöne Bluse auch noch in Rot gibt. Und wenn sie dann auch noch im Angebot ist, wird es ganz gefährlich.

Aber ist nicht unser ganzer so genannter westlicher Lebensstil geprägt von dieser gedankenlosen Hast und unersättlichen Gier, die nie genug kriegt und immer schon nach dem nächsten lechzt, statt das zu genießen, was wir haben, und uns an dem zu freuen, was uns jetzt schon wärmt und ernährt?

Unter dem Stichwort „urban gardening!“ entstehen seit einigen Jahren überall auf der Welt mitten in den großen Metropolen auf Dächern, Verkehrsinseln, ungenutzten Parkflächen und an noch viel unwahrscheinlicheren Orten Gärten, in denen Städter selbst Tomaten, Kürbisse und alle möglichen anderen Pflanzen anbauen. Hier in Offenbach gibt es ja auch schon so einen Stadtgarten direkt am Hafen. Und wir hier in der Friedenskirche haben im Sommer ein bisschen Church Gardening betrieben und im Pfarrgarten zusammen ein Hochbeet gebaut. Das hat allen großen Spaß gemacht und immer wenn die Kinder hier waren, haben sie nachgeschaut, wie rot die Erdbeeren schon sind und wie toll doch die selbstgepflanzten Kräuter in die Höhe schießen.

Diese winzigen Gärten in der Stadt sind ein Trend und liegen ganz auf der Linie der Biomärkten, die wie Pilze aus dem Boden schießen und wo man Karotten kaufen kann, die noch ganz erdig sind, der neuen Nähkursen, aber auch der Seminaren in Achtsamkeit, die mittlerweile sogar an Volkshochschulen angeboten werden.

Man kann das alles als Modetrend einiger überspannter Stadtmenschen abtun, die in ihrer Freizeit ein bisschen Bauer und Handwerker spielen, um sich besser zu fühlen. Denn die meisten buddeln ja nicht in der Erde, weil sie die Früchte zum Überleben brauchen, oder nähen ihre Kleider deswegen selbst, weil sie kein Geld haben, um sich neue zu kaufen, sondern weil sie sich dann offenbar wirklich besser fühlen. Es könnte ja sein, dass es irgendwie dem Gewissen gut tut.

Ich glaube, es ist mehr als ein Modetrend von Menschen, die schon alles haben. Ich sehe darin das Bedürfnis und die Chance, aus dem Hamsterrad immer wieder mal und immer mal öfter auszusteigen, um zu spüren, wie wertvoll das Leben auch ohne dieses immer mehr und immer weiter sein kann.

Wir feiern heute Erntedank. Und fragen wir uns nicht inzwischen, zumal hier in der Stadt, ob das nicht nur fromme Folklore ist. Wir haben das Obst und Gemüse, mit dem wir unseren Altar auch in diesem Jahr so schön geschmückt haben, ja nicht selbst geerntet, sondern im Supermarkt eingekauft. Im Grunde kennen wir doch die Sorge, dass es nichts zu ernten geben könnte, die Erleichterung und der Dank, dass alles gut eingebracht ist, so gar nicht mehr. Es ist ja immer alles da. 24 Stunden, 7 Tage. Warum also feiern wir dann überhaupt Erntedank?

Vielleicht weil dieses Fest uns helfen kann, wenigstens am Ende des Sommers mal innezuhalten und all das Gute zu würdigen, das wir sonst so selbstverständlich hinnehmen? Vielleicht weil dieses Fest uns aber auch vor allem daran erinnert, was eigentlich unsere Aufgabe als Christen sein sollte, nämlich das Danken.

Der Apostel Paulus schreibt darüber in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessaloniki. Und er macht das sehr eindrücklich. Ich habe seine Worte deswegen als Predigttext für heute gewählt. Am Ende seines Briefs mahnt er seine Brüder und Schwestern:

Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Seid dankbar in allen Dingen. Denn das will Gott von Euch, die ihr Christus Jesus gehört.

Meine lieben Brüder und Schwestern, zu der Frage, was eine christliche Gemeinde auszeichnet, fällt Paulus ganz viel ein. Es gibt der Gemeinde in Thessaloniki am Ende seines Briefes eine ganze Liste von Empfehlungen mit. Die Verse unseres Predigtextes bilden das Herzstück dieser Liste. Sie sind zentral. Freude und Dank und Gebet sollen sie, sollen wir ohne Unterlass und überall üben. So wird der Dank zum Gebet, das das Herz weit und fröhlich macht.

Nur dieser Mahnung, in und Bekräftigung hinzu: „Das will Gott von Euch, die ihr Christus Jesus gehört!“

Dankbarkeit, so der Apostel, soll uns Christen also ganz besonders auszeichnen. Und zwar Dankbarkeit für alle Dinge, das heißt, nicht nur für die augenfälligen und außergewöhnlichen, sondern auch für die selbstverständlichen und alltäglichen wie den Hollundersaft, die Karotten und die Zahnpasta.

„Eucharisteite“ steht da im griechischen Original, was wir mit „Dankt!“ oder „Seid dankbar!“ übersetzen.
In diesem griechischen Wort steckt aber noch was anderes, das wir im Deutschen leicht übersehen. „Eu“ heißt „gut“ und „charis“ ist „angenehm“, „schön“ – also alles, was Freude macht. Wer dankt, sieht die Dinge und selbst das Kleinste also in besonderer Weise, nämlich, wie gut und schön sie sind, und freut sich darüber. Er sieht das Besondere im Unscheinbaren.

Was das bedeuten kann, ist mir in einem kleinen Film mit dem sprechenden Titel „Was die Welt nicht sieht“ deutlich geworden. Da interviewen zwei Kunststudenten Passanten zu der Frage, was ihnen heilig ist. Und einer der Gesprächspartner erzählt von seinem Vater, dem selbst der kleinste Nagel heilig sei. Weil er jeden einzelnen, bevor er ihn ins Holz schlägt, genau betrachtet und prüft. Mich hat das sehr berührt, wie da jemand selbst noch einen Massenartikel wie so einen kleinen Nagel so wertschätzt und mit Ehrfurcht behandelt.

„Danken“ ist also mehr als „Danke sagen“. Es ist wahr-nehmen im buchstäblichen Sinne, nämlich alle Dinge so zu sehen, wie sie in Wahrheit sind. Etwas Wunderbares! Und ganz und gar nicht Selbstverständliches! Und das, so sagt Paulus, genau das will Gott von uns. Es ist, salopp formuliert, unser Job als Christen. Und warum?

Weil Jesus der neue Adam ist, und wir an seiner Seite neue Menschen sein sollen. Der alte Adam und die alte Eva können nicht genug kriegen und haben selbst vor dem Baum des Lebens keinen Respekt. Denn auch seine Früchte wollen sie sich noch einverleiben. Sie spielen sich auf, als ob der Garten Eden ihnen gehöre.

Diese Erzählung von dem Sündenfall des ersten Menschenpaares ist die Geschichte unserer unersättlichen und leider sehr alltäglichen Gier nach immer mehr. Sie macht uns nicht nur blind für den Wert und die Würde all derer, die mit uns auf dieser Erde leben, sondern auch für jenen, dem wir sie verdanken.

Und Jesus ist der neue Adam, weil Gott in ihm uns die Augen öffnet und uns zurückholt von überall dort, wohin wir uns in unserer gedankenlosen Hast verlaufen haben. Bei ihm können wir den Frieden finden, den wir so nötig haben, um aus unserem Hamsterrad immer wieder auszusteigen. Bei ihm spüren wir, dass unsere Welt Gottes gute Schöpfung ist.

„Eucharisteite!“ „Seid dankbar!“ schreibt Paulus der Gemeinde in Thessaloniki. „Eucharistie“, so nennen die Katholiken das Abendmahl. Im Laufe der letzten hundert Jahre haben sich aber auch evangelische Christen diesen Namen für ihre Feier wieder zueigen gemacht. Warum? Weil es genau darum im Abendmahl geht.

„In der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot und sagte Dank“, heißt es ja in den so genannten Einsetzungsworten. Und für die ersten Christen war sofort klar, was damit gemeint ist, nämlich das jüdische Dankgebet über Brot und Wein. Jenes Gebet, in dem Menschen Gott Gott sein lassen, ihn als ihren Schöpfer loben und sich selbst als Beschenkte begreifen. Und wenn das wirklich tun, dann kann sie doch nur kleiner werden, die Angst, im Leben zu kurz zu kommen und leer auszugehen. Jene Angst, die hinter der Gier steht.

Unser Abendmahl ist eine einzige große Danksagung, in der die ganze Welt, die wir in Brot und Wein auf den Altar legen, wieder als das erfahrbar wird, was sie und wir in Wahrheit sind, nämlich Gottes Eigentum. Also Leib und Blut Jesu Christi, so glauben wir. Und ist das nicht die wichtigste Therapie für unsere Hast und unsere Gier? Für unsere Angst und unser Misstrauen? Warum nur nehmen wir sie so selten in Anspruch?

Und wenn wir uns in diesen Dank immer weiter einüben und hineinwachsen und uns so immer mehr als Beschenkte erleben, dann können wir nicht anders, als selbst das Brot und den Wein zu teilen und diese Freude weiterzugeben. Denn das ist doch wie bei einem Fest: Erst wenn alle mittanzen und mitfeiern, ist es ein echtes Fest Es ist ein rauschendes Erntedankfest, wenn dann alle den Dank nicht vergessen. Ich glaube, daran hat damals auch mein Sohn gedacht, als er seinen Vater an die Mühe erinnert hat, die wir uns beim Herstellen des köstlichen Holundersaftes machten: Wir feiern also, wie es so schön heißt die Feste immer wie sie fallen. Zu jedem Anlass, der sich uns bietet. Mit großer Freude und mit Dank selbst fürs Kleinste. Und dann erst verstehen wir wohl Jesus richtig, wenn er uns aufträgt: „Tut das zu meinem Gedächtnis!“
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.