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26 November
Sonntag, den 26.11.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Ewigkeitssonntag mit Hl. Abendmahl

Wir gedenken in diesem Gottesdienst all jener, die im vergangenen Jahr in unserer Gemeinde verstorben sind.

Himmelsglaube

Ewigkeitssonntag 2017

Meine lieben Brüder und Schwestern, wie sehr wünsche ich mir manchmal, ich dürfte wenigstens mal einen ganz kleinen Blick in den Himmel werfen, um Sicherheit zu haben, dass es den wirklich gibt. Und ich bin mit meiner Sehnsucht vermutlich nicht alleine.

„Den Himmel gibt’s echt!“ schreibt der Vater des kleinen Colton im gleichnamigen Bestseller. Denn er hat einen Augenzeugen, der ihm haarklein erzählt, dass es den Himmel gibt, und auch wie es dort aussieht: Denn sein kleiner Sohn Colton offenbart ihm nach einer schweren OP, in der es um Leben und Tod ging, immer neue Einzelheiten vom Himmel.

Jesus sei der Erste, dem man dort begegnen würde, berichtet er. Jesus habe ein Pferd in Regenbogenfarben und wunderschöne Augen. Die Menschen im Himmel hätten Flügel und er, Colton,  habe den Urgroßvater Pop dort getroffen, weil man im Himmel  eben seine Lieben wiedersieht.

Der Vater hat die Erlebnisse seines Sohnes aufgeschrieben. Sein Buch ist in den Vereinigten Staaten ein Verkaufsschlager. 79 Wochen war es auf der Bestsellerliste der New York Times, viele Wochen davon auf Platz eins.

Wir könnten lange über solche so genannten Nahtoderfahrungen diskutieren. Auch über die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte vom kleinen Colton ließe sich trefflich streiten. Das soll aber heute nicht mein Thema sein.

Was ich daran spannend finde, ist vielmehr die Frage, warum so ein Buch nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch hier bei uns so viele Menschen fasziniert und, ja, auch trösten kann.

Es ist wohl der Blick in den Himmel, den die Menschen von Anbeginn suchen. Sorgenvoll in der Nacht, hoffnungsfroh bei Tag. Wir sind die Lebewesen, die nicht nur in die Wolken, sondern auch dahinter, nämlich in den Himmel schauen wollen. Warum?

Weil wir um unseren Tod wissen und es gegen die Angst davor vielleicht nur dieses eine Mittel gibt, nämlich den Blick in den Himmel. Von einer Kinderbuchautorin gibt es ein Kindergedicht, das dieses Erschrecken in leise und behutsame Worte fasst:

Hat der Himmel wirklich keine Wände?

Ist das Weltall ohne Ende?

Wenn ich rasen könnte wie ein Hurrikan

Käme ich denn nie am Ende an?

Vielleicht gibt es im Kosmos eine große Tür

Mit der Aufschrift „Halt, Weltraum endet hier“

Müsste nicht dahinter wieder etwas sein?

Nebel, Wasser oder Sternenschein?

Nichts kann es nicht geben

Selbst ein großes Loch,

lässt sichs auch nicht fassen

Etwas ist es doch

Als ich dann noch das Buch von Coltons Vater gelesen habe, ist mir wirklich bewusst geworden, wie oft auch in der Bibel Menschen erzählen, dass sie einen Blick in den Himmel werfen durften.

Jakob sieht im Traum eine Himmelsleiter und fasst neuen Mut.

Die Propheten berichten von himmlischen Einsichten und ermahnen und ermutigen damit ihre Zuhörer.

Aber auch Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, dass er im dritten Himmel gewesen sei und dort das Paradies gesehen und „unaussprechliche Worte gehört habe, die ein Mensch nicht sagen kann“.

Und denken Sie, liebe Brüder und Schwestern, nur an die Evangelien. Da geht der Himmel auf und die Engel singen von der Geburt des Erlösers. Jesus beginnt seine Predigt mit dem Ruf „Das Himmelreich ist nahe!“ und tritt mit dem Selbstbewusstsein auf, diesen Himmel gut zu kennen. Die Menschen hängen an seinen Lippen und folgen ihm. Als Jesus schließlich am Kreuz stirbt, reißt der Vorhang im Tempel entzwei, erzählt der Evangelist Markus und sagt damit: „Seid gewiss! Jetzt steht uns der Himmel offen. Wir können hineinschauen. Denn durch Jesu Tod kommen wir zu unseren himmlischen Vater.“

Unsere Bibel schließt sogar mit einer Himmelsschau, nämlich mit der des Sehers Johannes. Am Ende seiner Offenbarung, also wirklich auf der letzten Seite der Bibel, schreibt er:

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Meine lieben Brüder und Schwestern, für mich gehört dieser Text zu den tröstlichsten der ganzen Bibel. Und ich kann gut verstehen, dass er wie kaum ein zweiter bei Beerdigungen besonders gerne vorgelesen oder zumindest in den Gebeten zitiert wird.

Wer sehnte sich nicht dorthin, wo es keine Tränen der Klage und des Leids mehr gibt und auch der Tod nichts mehr zu sagen hat?

Wie schön wäre das doch, einen Blick in den Himmel erhaschen zu können wie kleine Kinder, die am Heiligabend durch das Schlüsselloch des Weihnachtszimmer spähen, um sich zu vergewissern, dass sich das Warten lohnt? Diese Sehnsucht wird wohl auch der Grund dafür sein, warum das Buch „Den Himmel gibt’s echt“ so einen reißenden Absatz findet.

Ich selbst muss Ihnen gestehen, so kitschig und fragwürdig ich solche Himmelsberichte wie die von Colton auch finde, sie gehen mir doch irgendwie ans Herz. Denn sie rühren an meiner schon erwähnten Sehnsucht, wissen zu wollen, dass es den Himmel wirklich gibt und dass ich dort all jene wieder treffe, die ich liebe und geliebt habe.

Und ich frage mich gelegentlich: Wenn ich wüsste, dass es den Himmel echt gibt und hieb- und stichfeste Beweise dafür hätte, mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Unbekümmertheit und Großzügigkeit würde ich dann wohl durch das Leben gehen?

Und vielleicht fragen Sie sich ja auch mal in einem ruhigen Augenblick, welche Himmelsbeweise Sie dafür bräuchten. Oder vielleicht haben Sie sie bereits gefunden. Vielleicht haben Sie ja schon irgendwann und irgendwie selbst in den Himmel, hinter die Wolken geschaut!

„Konnten wir nicht schon oft einen Blick in den Himmel werfen?“ fragt auch der Vater von Colton.

„Konnten wir nicht schon oft einen Blick in den Himmel werfen?

Im Schrei eines Babys, im Mut eines Freundes, in der Liebe einer Mutter oder eines Vaters?“

Und seine Aufzählung ließe sich mit vielen weiteren Entdeckungen ergänzen: Konnten wir nicht schon oft einen Blick in den Himmel werfen? In den strahlenden Augen Frischverliebter, in der großzügigen Hilfe der Nachbarin, im aufmunternden Lächeln eines Fremden, im aufrechten Gang eines Bonhoeffers und anderer Glaubenszeugen, im Gesicht eines friedlich Sterbenden?

Meine lieben Brüder und Schwestern. Im Evangelium, das wir heute gehört haben, geht es, so meine ich, um genau diese Aufmerksamkeit und Entdeckerfreude. Es sind ja harte Worte, die uns da entgegen donnern. Der Himmel bleibt da jenen Jungfrauen verschlossen, die nicht wach genug waren, rechtzeitig für ihre Lampen zu sorgen.

Wenn wir nicht auf die vielen kleinen Gelegenheiten achten, Gott und sein Himmelreich in unserem Leben aufzuspüren, dann pflegen auch wir nicht, um im Bild zu bleiben, unsere Lampen, und das heißt ja, unseren Sicht auf den Himmel, auf die Nähe Gottes hier und heute.

In jedem Sonntagsgottesdienst bekennen wir uns zu der Gemeinschaft der Heiligen. Und mit denen sind nicht nur Sankt Martin, Sankt Peter, Sankt Elisabeth und die anderen gemeint, sondern wir alle. Wir Lebenden, aber auch die Verstorbenen und jene, die nach uns kommen werden.

Wir sind die Heiligen nicht, weil wir so toll sind, sondern weil wir zu Jesus gehören. Wir sind nämlich seine Kirche der begnadigten Sünder, wie es die Theologische Erklärung von Barmen so schön formuliert.

Und deswegen können wir darauf hoffen, dass die Himmelstür auch für die verschlafenen Jungfrauen und für jene, die ihre Lampen nicht so gut in Schuss gehalten haben, aufgehen wird.

Als Gemeinschaft der Heiligen bekennen wir, dass wir in Christus miteinander verbunden sind und bleiben. In Zeit und Ewigkeit. Und ist das nicht der Himmel, den wir ersehnen?

Deswegen werfen wir doch auch hin und wieder einen flüchtigen Blick dort hinein, wenn wir hier und heute schon diese Verbundenheit spüren in der Liebe, in der Freundschaft, im Mut oder in der schlichten Mitmenschlichkeit und zwar sowohl in der, die wir geschenkt bekommen, also auch in jener, die wir anderen schenken.

Und diese Gemeinschaft der Heiligen wird nirgendwo so erfahrbar wie im Abendmahl. Denn wenn wir in dieser Feier Jesu Leib empfangen und das wirklich glauben, dann empfangen wir doch schon den Himmel. Denn wir sind doch alle sein Leib. Enger geht’s nicht. Wo er ist, da sind auch wir. Und zwar wir alle! Seine Gemeinschaft der Heiligen eben.

In den Gemeinden in Lateinamerika, wo viele ihre Angehörigen durch gewaltsamen Tod verloren haben, sich nie von ihnen verabschieden und sie bis heute nicht bestatten konnten, gibt es einen Brauch. Und der hält den Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen auf ganz wunderbare Weise wach und tröstet die, die trauern. Und ich würde ihn gerne heute am Ewigkeitssonntag, wenn wir unserer Verstorbenen gedenken, mit Ihnen zusammen, liebe Brüder und Schwestern, im Abendmahlsgebet aufnehmen. Wenn sie nämlich dort in Lateinamerika zusammen das Abendmahl feiern, dann nennen die einzelnen Gemeindemitglieder im Abendmahlsgebet die Namen derer, die sie vermissen, und die Gemeinde antwortet mit „Presente!“ Das heißt, „anwesend!“ Und das bedeutet „Hier!“ Denn wo Christus mit seinem Leib ist, da sind auch unsere Verstorbenen, da sind auch wir und all die, die nach uns kommen. Das ist das Geheimnis des Glaubens.

„Ich glaube, was ich sehe,“ sagt der Vater des kleinen Colton und fragt zum Schluss: „Und woran glauben Sie?“

Darf ich diese Frage heute an Sie weitergeben?

 

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.