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31 Oktober
Dienstag, den 31.10.2017 18:00 Uhr Friedenskirche

Festgottesdienst am Reformationstag

Wir feiern 500 Jahre Reformation.

Musikalisch wird der Gottesdienst gestaltet von Barbara und Peter Olszewski und unserem Kirchenchor unter Leitung von Simon Fell.

Im Anschluss würden wir uns freuen, wenn Sie alle noch zu einem Glas Sekt bleiben und mit uns anstoßen würden.

Das Wort vom Kreuz

Meine lieben Brüder und Schwestern,

seit einem Jahr begehen wir nun schon das große Reformationsjubiläum. 500 Jahre sind es her, seit Luther mit seinen 95 Thesen an die Öffentlichkeit trat. Für uns ein Anlass zu feiern. Und es „lutherte“ in den letzten 12 Monaten ja gewaltig. Vielleicht ein bisschen zu gewaltig.

All überall war er präsent, der große Reformator: als Playmobilfigur und Kunstinstallation, auf Buchcovern und Titelseiten der Tageszeitungen und Hochglanzmagazinen, sogar als Nudel und als Radiergummi war er zu haben.

Die Auseinandersetzung mit seiner Theologie aber wirkte demgegenüber eher farblos und oft weichgekocht zu ein paar Wohlfühlsätzen. Und so bleibt, meine ich, am Ende dieses ganz besonderen Jahres, auch die Frage, welche echten Denkanstöße das Reformationsjahr uns für heute mitgegeben hat?

Was hat Luther uns zu sagen?

Sind seine Einsichten im 21. Jahrhundert überhaupt noch aktuell?

Ich behaupte, er ist aktueller als jemals zuvor. Warum? Weil wir uns von ihm wieder zu dem führen lassen könnten, der doch im Zentrum unseres Glaubens stehen sollte, nämlich Jesus Christus. Luther hält es da ganz mit Paulus, der gegenüber den Korinthern erklärt: „Denn ich entschloss mich, unter euch von nichts anderem zu wissen als von Jesus Christus, und zwar dem Gekreuzigten.“

Das Wort vom Kreuz ist für Luther wie für Paulus der Schlüssel zu allem: zur Gnade, zum Glauben, zum Menschsein. Wenn wir Gott finden wollen, müssen wir ihn am Kreuz suchen.

Bleibt aber vielen von uns heute nicht gerade dieses Wort vom Kreuz unverständlich?

Für die meisten unserer Zeitgenossen ist es noch immer nichts weiter als das sehr abstrakte christliche Zeichen neben dem Halbmond für den Islam und dem Davidsstern für das Judentum. Und wenn wir uns kritisch anschauen, was wir in der Kirche landauf und landab predigen, dann ist schon bemerkenswert, dass auch wir uns da oft um das Wort vom Kreuz irgendwie herumzudrücken scheinen.

Aber das ist nichts Neues. Von Anfang an tun sich Menschen damit schwer. Hören wir, was Paulus nicht nur der Gemeinde in Korinth, sondern eben auch uns zu sagen hat:

Das Wort vom Kreuz gilt jenen, die auf dem Weg des Verderbens sind, als Stumpfsinn; jenen aber, die auf dem Weg der Rettung sind, uns, als Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben: »Zugrunderichten werde ich die Weisheit der Weisen, und die Schlauheit der Schlauen will ich verwerfen.« Mit welchem Recht ist man dann ein Weiser? Mit welchem Recht Schriftgelehrter? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott als dumm erwiesen die Kunstfertigkeit und Weisheit der Welt?

Juden verlangen Zeichen und Griechen forschen nach Weisheit; wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten. In den Augen von Juden ein Skandal, in den Augen von Völkern hingegen reiner Unsinn. In den Augen der Berufenen aber, Juden wie Griechen, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Unsinnige und Einfältige Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, schon die Menschen damals zur Zeit von Paulus stießen sich am Kreuz. Paulus spricht von den Klugen und Weisen seiner Zeit, von Griechen und Juden, und von dem, was in seiner Gesellschaft und zu seiner Zeit für klug und richtig gehalten wurde.

Vielleicht hat sich ja in dieser Frage, was Weisheit und was Torheit im Leben ist, gar nicht so viel über die Jahrhunderte hinweg verändert.

Korinth war eine griechische Stadt. Die Griechen waren bekannt für ihre gute Bildung. Noch heute bewundern wir die Reste ihrer Kultur, die Kunstwerke, Bauten und Schriften der klassischen Antike. Wenn also Paulus von den Griechen spricht und dem, was sie für klug und richtig halten, dann denkt er an ihre kultivierte Lebensweise. Und wenn er ihnen von Jesus Christus erzählt, da lächeln sie nur freundlich, aber letztlich uninteressiert! Was für eine Geschichte! Was kann man von einem erwarten, der am Kreuz hängt? Das ist doch Unsinn!  Wie soll ausgerechnet so einer, der ausgelacht, gedemütigt und am Ende hingerichtet wird, einer sein, an dem wir uns halten sollen? Wie soll ausgerechnet so ein Loser Gottes Sohn sein? Wir verehren die Helden, die Erfolgreichen, die Schönen und die Gewinner, sagen die Griechen.

 

Aber auch die Juden unter den Zuhörern des Apostels tun sich schwer mit seiner Predigt. Denn viele der Christen, die in der korinthischen Gemeinde lebten, stammten wie Paulus aus dem Judentum. Was die Klugheit der Juden war, das hatte er von der Pike auf gelernt! Ausgebildet in der besten Bibelschule Jerusalems und unter dem besten Schriftgelehrten seiner Zeit wusste der Apostel mit der Bibel umzugehen, wie kein anderer. Ziel der jüdischen Schriftgelehrten war es, die Bibel richtig zu verstehen – um danach gottgefällig zu leben! Man kann Gottes guten Willen erkennen, sagten sie, und man kann, ja man soll danach leben, damit es gelingt. Denn es kann gelingen, wenn wir uns nur genug anstrengen. Umso scheußlicher ist deshalb auch für sie das „Wort vom Kreuz“. Es ist eine Gotteslästerung! Denn in der Heiligen Schrift heißt es doch: „Verflucht ist, wer am Holze hängt!“ Dass der Messias Gottes ein Gescheiterter, ja, ein Verfluchter ist, das war auch für jeden frommen Juden schlichtweg undenkbar. Der Messias, auf den sie warten, kommt mit Macht und Herrlichkeit, um zu richten und die Gerechten zu ehren.

Paulus hatte es also unter Seinesgleichen nicht leicht, aber er hält an diesem Wort vom Kreuz fest, weil er davon überzeugt ist, dass wir nur dort Gott und uns selber finden können. Er ist überzeugt davon, dass niemand anders als der Gekreuzigte uns die Kraft gibt, wirklich als Menschen zu leben und voll Vertrauen – und das heißt gelassen und ohne Angst – leben zu können. Und brauchen wir das heute nicht mehr als je zuvor?

Was aber ist das Wort vom Kreuz?

Eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Antwort gibt uns Rudolf Koch mit den beiden Schriftkreuzen, die Sie, liebe Brüder und Schwestern, hoffentlich alle vor sich haben.

Koch war im ersten Weltkrieg Soldat und mittendrin in der Hölle von Verdun und Reims, in Serbien und Russland. In seinem Tagebuch, das er für seine Kinder geführt hat, berichtet er sehr nüchtern von diesem kaum in Worte zu fassenden Schrecken. Wie sehr ihn diese Erlebnisse aber im Innersten erschüttert haben, zeigen seine Arbeiten in den Nachkriegsjahren und seine Briefe.

Zurück in Offenbach versucht er diese Erfahrungen zu verarbeiten und reagiert sich förmlich ab am Kreuz als Symbol für all das, was wir Menschen uns antun, wenn wir sündigen und uns gegenseitig die Hölle auf Erden bereiten. Und das ist nicht nur die Hölle der großen Kriege, sondern sind auch jene ganz alltäglichen, die sich manchmal schon an der sprichwörtlich gewordenen Zahnpastatube entzünden können.

Als ich mir das Kreuz, das Sie auf der Innenseite Ihrer Karte finden, genauer anschaute und die einzelnen Worte las, dachte ich erschrocken: „O weia! Das bin ja ich! Heuchelei, Zank, Neid, Spott, Trotz, Habgier, Schadenfreude, Jähzorn. Kenn ich doch alles!

Ich war so klein mit Hut und der Gedanke wollte nicht aus dem Kopf: Was ist denn dann noch gut an mir? Was habe ich vorzuweisen?

Das hat mich echt beschäftigt! Und so habe ich angefangen, über diese beiden Kreuze nachzudenken.

Was ist da das Wort vom Kreuz? Auf dem einen steht nur das Wort „Sünde“ mit schwarzer Tusche mal groß und mal klein. Ist „Sünde“ aber wirklich das Wort vom Kreuz?

Jesus hat doch nicht gesündigt. Er hat doch niemandem etwas zuleide getan. Und doch halten die, die ihn kreuzigen, für einen Sünder, weil er in ihrer Logik Gott gelästert und das Volk aufgewiegelt hat. Jesus stirbt den Tod eines Sünders.

Gleichzeitig aber schallt jenen, die ihn mit ihrer Selbstgerechtigkeit ans Kreuz geschlagen haben, das Wort „Sünde“ entgegen. Es kommt damit all das Leid zu Sprache, das unter der Sünde leidet. Und auf dem zweiten Bild von Koch schreit dann einer am Kreuz mit den Opfern von Gewalt, von Gier und Hohn, von Selbstsucht und Jähzorn. Gott selbst schreit da, weil er bei den Opfern ist und ihr Schicksal am Kreuz teilt. Aber er ruft es auch jenen zu, die als Täter diese Gier und diese Selbstsucht verursachen.

Und wir kommen nicht umhin, mitzuschreien und das Unrecht beim Namen zu nennen – auch unser eigenes. Das Kreuz ruft uns nämlich in diese Selbsterkenntnis. Es öffnet uns die Augen für all das, was wir nicht so gerne wahrhaben wollen. Bei uns selbst und in unserer Welt.

Es entlarvt uns als die, die wir sind, nämlich als Sünder, die viel zu oft nur um sich selbst kreisen und leben, als ob es keinen Gott gibt.

Als Martin Luther im April 1518 seine Thesen vor seinen Ordensbrüdern in Heidelberg verteidigen muss, streitet er gegen jede Theologie, die sich am Kreuz vorbeidrücken will. „Gott aber kann nur in Kreuz und Leiden gefunden werden…“ sagt er sehr provokativ. Das ist keine verquere Leidensmystik, sondern die Erfahrung eines Menschen, dass Gott sich gerade dort am Kreuz als der zeigt, der er ist, nämlich einer, der uns Menschen so sehr liebt, dass er sich für uns hingibt. Und wenn wir ihn suchen, dann finden wir ihn nicht zuerst in den herrlichen Kirchen, in grandioser Musik, in erbaulichen Worten oder in der Schönheit der Natur, sondern im Nächsten. In jenem also, der Angst hat, der einsam, traurig, verzweifelt ist, der gemobbt wird und leidet. Das stellt die Logik der Welt auf den Kopf. Und wenn wir ehrlich sind auch unsere.

Denn Gott verlässt uns nicht, wenn wir scheitern oder krank sind. Er hört nicht auf, groß von uns zu denken. Und wir sollen füreinander seine Liebe in die Welt tragen. Wie sähen denn unser Leben und unsere Welt aus, wenn wir uns nach Gottes Logik richten würden?

In seinem Lebensbericht schreibt Rudolf Koch über ein Erlebnis als Soldat im ersten Weltkrieg: „Es geschah in Serbien (…). Völlig erlahmt, völlig hinausgestoßen in Unbekannte, Ungewisse – eine Lage, die eine völlige Verlassenheit war. (…) Heruntergekommen, nicht nur äußerlich, auch die Widerstandskraft war gebrochen, eine völlige Verkommenheit! Verlassen von allen Freunden, Frau und Kinder weit weg und keine Nachricht von ihnen! Ich wusste nur noch das eine: Der liebe Gott hat mich verlassen. Es war das entscheidende Erlebnis meines Lebens.“ Erst als er wieder in Sicherheit ist, merkt er in der Rückschau, „dass der liebe Gott mir nie so nahe gewesen ist wie in Serben und noch nie so nahe nebenher marschiert ist. Als ich dachte, es sei niemand da, ist er gekommen.“

Diese Erfahrung bringt Rudolf Koch aus der Hölle des ersten Weltkriegs mit. Und erst im Nachhinein geht ihm auf, dass er Gott just in dem Moment gefunden hat, wo er ihn am meisten vermisste. Wo er nichts mehr vorzuweisen hat als seine Angst und seine Einsamkeit, seine nackte Existenz also, da macht er die Erfahrung, dass da jemand war, der ihn getragen und neben ihm hergegangen ist. Und ein Vers wird in dieser dunklen Zeit wichtig, den er sich immer wieder vorsagt:

Weiß nicht, woher ich gekommen

Weiß nicht, wohin ich werd genommen.

Doch weiß ich, dass ob mir ist

Eine Liebe, die mein nicht vergisst.

Was aber ist mit uns, die wir so klein mit Hut vor dem Kreuz stehen? Sollten wir uns nicht wundern, dass er uns, so wie wir sind, überhaupt noch anschaut? Nach menschlicher Logik müssten wir das, nicht aber nach der göttlichen. Denn er weiß um uns. Und er nimmt uns an, so wie wir sind. Er ist doch Mensch geworden wie wir, damit wir endlich aufhören, uns als Götter aufzuführen, und anfangen als Menschen zu leben.

Christus hat unsere Sünden auf sich genommen, so hören wir Paulus und Petrus sagen. Was heißt das aber?

Sünde ist Leben ohne Gott. Das ist die absolute Verlassenheit. Und die Angst davor, behaupte ich, ist keinem von uns fremd. Aber statt uns ihm anzuvertrauen, klammern wir uns doch an jeden Strohhalm, den wir kriegen können, kreisen um uns selbst und kommen dabei nur immer weiter von uns weg.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ schreit Jesus am Kreuz und durchleidet für uns und mit uns diese Einsamkeit. Und weil er das tut, entmachtet er die Sünde ein für alle mal. Sie kann uns nicht mehr von ihm trennen. Denn er bleibt ja bei uns. Nicht um uns die Angst zu nehmen, sondern um sie uns tragen zu helfen. Er hat sie ja überwunden und deshalb beide Hände frei für uns.

„Weniger als die Hoffnung auf ihn

das ist der Mensch

einarmig

immer

Nur der gekreuzigte

beide Arme

weit offen

der Hier-Bin-Ich,“ fasst Hilde Domin dieses Geheimnis mit ihrem Gedicht „Ecce Homo“ in Worte.

In seiner Schrift „Wider die himmlischen Propheten“ schreibt Martin Luther: „Wenn die Sünde erkennet ist, höret man von der Gnade Christi. Im selben Wort kommt der Geist und gibt den Glauben, wo und welchem er will.“ Diese tiefe geistliche Einsicht hat Rudolf Koch künstlerisch umgesetzt und sich daran festgemacht. Können wir das nicht auch?

Diese Impulse, liebe Brüder und Schwestern, sollten vom Reformator bleiben und nicht die Playmobilfigur. Und selbst wenn es eine Legende wäre, dass Luther in Worms gesagt hat „hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir,“ dann wäre es doch an uns, der Welt im Sinne dessen, der für uns gestorben ist, zu sagen: „Hier stehen wir. Wir können nicht anders. Gott helfe uns!“ Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 31.10.2017

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.