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25 Dezember
Montag, den 25.12.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Weihnachtspredigt 2

Neugeboren

Weihnachtspredigt von Prädikat Michael Brück

Liebe Gemeinde, wir feiern Weihnachten – mit allem, was dazugehört: dem Weihnachtsbaum, den Kerzen, den Weihnachtsliedern, den Geschenken und – ja, in der Regel immer noch – mit unseren Weihnachtskrippen.

 Mit den Weihnachtskrippen vergegenwärtigen wir uns , was damals vor 2000 Jahren in Bethlehem geschehen ist. Und wenn wir die vertrauten Worte der Weihnachtsgeschichte hören, dann haben wir die Szenen vor Augen, die mit unseren Krippenfiguren dargestellt sind: Maria und Joseph, das Kind in der Krippe, Ochs und Esel, die Hirten und die Heiligen Drei Könige.

 In unseren Krippen liegt meist ein erstaunlich großes Kind. Es hat die Augen offen und lächelt uns freundlich an. Und es gibt viele zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichten, in denen sich das Kind mit Ochs und Esel unterhält oder in denen das Kind ein verspätetes Engelchen tröstet.

 Das ist es aber nicht, was die Hirten in dieser Nacht in Bethlehem gesehen haben. Gesehen haben sie ein gerade geborenes Kind, ein Kind, das erst wenige Stunden alt war.

 Vor Kurzem wurde meine Großnichte Esther geboren. Sie war so klein, dass man sie in beide Hände legen konnte. Sie hatte Finger, so dünn wie Streichhölzer. Ab und zu machte sie die Augen auf – aber sie konnte noch niemanden mit dem Blick fassen. Wenn sie weinte, war das ein dünner, jämmerlicher Ton, kläglich nach Hilfe suchend. Aber meistens schlief sie. Dieses neugeborene Kind war in allem völlig abhängig von seiner Mutter. So ist das mit neugeborenen Kindern und das war es, was die Hirten gesehen haben.

 Und es war noch schlimmer. Das neugeborene Kind in Bethlehem war nicht von Hebammen, Ärzten oder sonst kundigen Helfern versorgt worden. Es hatte kein Bettchen, keine Wiege. Es lag im Futterkasten eines Tieres auf Stroh. Es war in einen Fetzen Stoff eingewickelt – denn damals hat man zum Vollkacken nur den ärmlichsten und billigsten Stoff genommen und nicht rein weiße Gewebe wie heute.

 Was also haben die Hirten gesehen? Es war Hilflosigkeit, Zerbrechlichkeit, Abhängigkeit, die Not eines gerade zur Welt gekommenen Kindes. Dieses Kind wäre binnen weniger Stunden gestorben, wenn es nicht von seiner Mutter genährt, gewärmt und versorgt worden wäre.

 Was hatten die Hirten von den Engeln gehört? „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus , der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen zwischen dem was angekündigt war und dem, was zu sehen war. Angekündigt war der Retter der Welt, der Gesalbte Gottes – und dann war da zu sehen: Das hilflose, zerbrechliche kleine Wesen in einem Stall. Das soll der Retter der Welt sein? Die Leute, die das gehört haben, haben sich sehr gewundert – verständlicherweise. Das entsprach ja auch so gar nicht den Erwartungen, die die Menschen zu dieser Zeit von dem überall erwarteten Messias hatten, von dem Gesalbten Gottes und Retter der Welt.

 Ich glaube, dass die meisten, die diese Geschichte von den Hirten gehört haben, sich nicht nur gewundert haben – die meisten werden ihnen schlicht nicht geglaubt haben – verständlich.

 Wie sehr es auf die Erwartungen der Menschen ankommt und darauf, wer eine Botschaft überbringt, sehen wir übrigens an der Weihnachtsgeschichte, wie sie Matthäus erzählt. Da kamen Wissenschaftler aus Babylon nach Jerusalem und fragten den Herodes nach einem neu geborenen König.

Der hat das sofort geglaubt.

 Die Behauptung wurde ja auch nicht von Hirten, sondern von wissenschaftlichen Koryphäen aufgestellt. Herodes glaubte die Behauptung, dass da ein König geboren sei, spätestens, nachdem ihm seine Gelehrten bestätigt hatten, dass der Messias aus Bethlehem kommen wird.

 Natürlich darf man nicht vergessen, dass es dem Herodes egal war, ob da in Bethlehem wirklich der Heiland der Welt geboren war oder nicht. Allein die Möglichkeit, dass da einer geboren war, der Anspruch auf die Königsherrschaft haben könnte, genügte ihm. Er hat jeden beseitigt, der möglicherweise nach seinem Thron streben könnte – so, wie er aus diesem Grund auch seine eigenen Kinder hat umbringen lassen.

 Es war offenbar so, dass nur ganz vereinzelt Menschen das geglaubt haben, was die Hirten erzählt haben, von dem Kind Jesus, welches der Retter der Welt und der Gesalbte Gottes war.

 Da war Simeon, der wenige Tage nach der Geburt den kleinen Jesus auf den Arm nahm und Gott lobte und pries: „Herr nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“

 Simeon hatte dies aber nicht von den Hirten erfahren, sondern Gottes Geist hat ihm diese Erkenntnis eingegeben. Und jetzt waren es Maria und Joseph, die sich wunderten über das, was Simeon über Jesus sagte. Es scheint, als hätten es Maria und Joseph immer noch nicht fassen können, was die Hirten und was Simeon über ihren kleinen Sohn sagten.

 Das alles hat Maria nicht in Ruhe gelassen. Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und sehr viel später, als ihr Kind herangewachsen war, als es gekreuzigt, begraben und auferstanden war, da bekam das alles für sie eine tiefere Bedeutung und dann hat sie es wahrscheinlich seinen Jüngern erzählt. In der theologischen Wissenschaft wird jedenfalls diskutiert, ob es eine Sammlung von Erinnerungen der Maria selbst gegeben hat, die später in die Evangelien eingegangen ist.

 Jedenfalls stellen sich aus der Zeit nach Ostern die Ereignisse um die Geburt von Jesus Christus anders dar. Wenn wir erfahren haben und glauben, dass Christus auferstanden ist, dann liegt es ja geradezu auf der Hand, dass seine Geburt durch die himmlischen Heerscharen angekündigt wurde. „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Da gibt es keinen Grund mehr, sich darüber zu wundern.

 Und wenn wir glauben, dass Jesus als der Christus nicht auf einem königlichen Streitross, sondern auf einem Esel in Jerusalem eingezogen ist, dann passt es ja, dass er nach seiner Geburt auch in einer Krippe gelegen hat. Von Ostern her gesehen „passt“ die Weihnachtsgeschichte. Wenn wir wissen, was an Ostern geschehen ist, wundern wir uns nichtmehr über das, was an Weihnachten passiert ist.

 An Weihnachten liegt der allererste Anfang dessen, was Gott mit uns Menschen durch Christus vorhat. Es ist nicht nur der Anfang von dem, was Christus als wahrer Mensch und Gott in dieser Welt gewirkt hat. Es ist auch der Beginn davon, dass Gott uns in sein Reich einbeziehen will. Auch wir sollen wirken. Es waren ja Menschen, die an Weihnachten beginnend dieses kleine, hilflose Wesen genährt, gewärmt, umsorgt und beschützt haben. Menschen haben den Mensch gewordenen Gott davor bewahrt, zu verhungern und zu erfrieren. Schon da hat Gott begonnen, Menschen in seinen Dienst zu stellen und sie mithelfen zu lassen an der Errichtung seines Reiches.

 Und so stehen auch wir heute in der Reihe derer, die Gott damals beginnend mit Maria und Joseph eingeladen hat, am Aufbau seines Reiches mitzuwirken. Sein Reich ist nicht von dieser Welt – war es zu Zeiten von Maria und Joseph auch nicht – aber wenn Christus sagt, dass wir ihm tun, was wir einem seiner geringsten Brüder getan haben, dann wirkt sich Gottes Reich in dieser Welt aus. Und dann sind wir gerufen ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, mitzuhelfen – so klein und unbedeutend unser Dienst auch nach weltlichen Maßstäben scheinen mag.

 Frohe Weihnachten! Wir freuen uns, dass Gott Mensch geworden ist – dass er Mensch geworden ist, um uns am Ende zu erlösen. Aber beginnend mit dem Waschen der Windeln, mit dem Nähren durch seine Mutter Maria, mit dem Schutz, den Joseph dem Kind Jesus geboten hat, hat Gott auch uns Menschen danach Aufgaben zugedacht – jedem an seinem Platz, jedem nach seinen Gaben – mit denen wir an seinem Heilsplan mitarbeiten dürfen.

 Nicht jeder kann Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen – wie es die Heiligen drei Könige getan haben. Nicht jeder von uns kann Großartiges bewirken. Die Hirten hatten nichts zu verschenken. Aber sie hatten von Gott die Aufgabe, das Wort auszubreiten, was ihnen von diesem Kinde gesagt war. Nämlich:

 Frohe Weihnachten, denn Euch ist heute der Heiland geboren.

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.