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01 Januar
Dienstag, den 01.01.2019 11:00 Uhr Friedenskirche

Reiseführer

Predigt zu Josua 1

Liebe Brüder und Schwestern,

das alte Franziskanerkloster „La Verna“ liegt hoch oben auf einem Berg in Umbrien, von dem aus man weit ins Land hineinschauen kann. Franz von Assisi soll hier seine Visionen empfangen haben. Für meine Freundin und mich war es der Startpunkt unserer Pilgertour, die uns über Assisi bis nach Rom führen sollte. Mit unseren großen Rucksäcken waren wir am Abend im Kloster angekommen, um am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe zu unserer ersten Etappe aufzubrechen. Staunend standen wir am Fenster. Vor uns breitete sich die Landschaft aus, durch die wir in den nächsten Tagen wandern würden: Wälder, Hügel, weite Felder und Wiesen, in der Ferne ein kleines Dorf. Ob wir unseren Weg gleich finden werden?  fragten wir uns etwas bang.

Noch bis spät in die Nacht fachsimpelten wir mit den anderen Pilgern über die beste Route. Wir fühlten uns gut gerüstet: Unsere Landkarte war druckfrisch, und draußen vor den Klostermauern hatten wir schon die erste Wegmarkierung, nämlich ein gelbes Kreuz, entdeckt. Und dank unserer Handys hätten wir ja zur not sogar google maps, dachten wir und liefen fröhlich los. Aber schon nach den ersten Kilometern standen wir mitten in einer Wiese und suchten überall erfolglos nach dem nächsten gelbe Kreuz. Was also tun?

Die Karte erwies sich logischerweise als wenig hilfreich, weil wir weit abseits der Straßen unterwegs waren und wir saßen obendrein auch noch mitten in einem Funkloch. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Ratlos liefen wir in die Richtung weiter, wo wir grob unser Ziel vermuteten, orientierten uns an den Stromkabeln und stolperten vor uns hin. Total am Ende kamen wir schließlich an eine kleine Anhöhe und beschlossen eine Proviantpause zu machen, ehe uns die Puste endgültig ausging. Und als dann unsere Blicke selbstvergessen über die tolle Landschaft streiften, sprang meine Freundin plötzlich auf und rannte en Hügel hinunter und schrie begeistert: „Hier ist ein gelbes Kreuz!“ Es war uns vor lauter Kaputtsein einfach durch die Lappen gegangen. Wir hatten eben den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.

Liebe Brüder und Schwestern,

heute, am ersten Tag des neuen Jahres mag es uns ähnlich gehen. Noch hängt uns das alte in den Kleidern. Noch gehen die Gedanken immer wieder dorthin zurück und spazieren durch die Erinnerungen an vergangene Höhen und Tiefen, manche Umwege und Zielgeraden. Aber das war gestern.

Und so schauen wir heute Morgen wieder weit ins Land und hoffen, unseren Weg auch durch eine Zeit zu finden, die noch unbekannt und unberührt vor uns liegt. Auch dort gibt es bewährte Wegmarken, wie Geburtstage, Jubiläen, Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Und de ersten zusätzlichen Einträge stehen schon im Kalender: eine Hochzeit, eine Taufe, eine langgeplante Reise, ein Umzug, ein Abschied, was immer. Und vielleicht fragen wir uns heute Morgen auch ein bisschen unsicher, auf welchen Pfaden es 2019 wohl weitergeht und an welchen Kreuzungen wir wohl stehen stehen werden.

Das, liebe Brüder und Schwestern, das fragt sich auch Joshua, Moses Nachfolger, als er über den Jordan hinweg ins gelobte Land schaut. 40 Jahre in der Wüste liegen hinter ihm und dem Volk Israel. Der Sand der Vergangenheit reibt noch in den Schuhen und rieselt aus jeder Tasche. Und nun stehen sie endlich am Jordan und vor ihnen breiten sich die Felder und Wiesen, die Wälder und Hügel jener Zukunft aus, die Gott ihnen verheißen hat, wie er auch uns heute dieses neue Jahr zu Füßen legt. Und an der Seite von Joshua hören wir Ihn sagen:

Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe. 3 Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. 4 Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. 5 Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. 6 Sei getrost und stark; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. 7 Sei nur getrost und ganz stark, dass du hältst und tust in allen Dingen nach der Weisung, die dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, auf dass du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. 8 Und lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. 9 Habe ich dir nicht geboten: Sei getrost und stark? Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. 

Liebe Brüder und Schwestern, Joshua ist ein erfahrener Wanderer. Einer, der Zeichen und Markierungen lesen und sich nach ihnen orientieren kann. 

Schon als junger Mann war er einer der Kundschafter gewesen, die Mose ausgesandt hatte, um vorauszulaufen und den richtigen Weg auszuspähen. Und der Name, den Mose ihm damals gegeben hat, ist seitdem sein Navi. Hosea hatten ihn seine Eltern genannt, was soviel heißt wie „Hilfe, Rettung“. „Joshua“ heißt er nun und das bedeutet „Gott hilft!“ „Gott führt!“ „Gott rettet!“ Und daran richtet er sich aus. Und wir können es ihm gleichtun. Denn wir können noch so viel planen und für alle Eventualitäten vorsorgen, wenn Gott nicht dabei ist, finden wir den Weg nicht, kommen wir nicht ans Ziel. 

Es liegt in der Natur des Menschen, selbst machen zu wollen. Und so haben auch wir für die kommenden 12 Monate schon unsere Pläne im Kopf und überlegen, was wir bis wann vorhaben. Und sich dabei einfach Gott zu überlassen, ist bei genauer Betrachtung doch schwieriger als gedacht. Wir müssen uns nämlich davon verabschieden, dass wir mit all den klugen Gedanken und geschickten Taten den Erfolg unserer Unternehmungen selbst in der Hand haben. Mehr noch, wir müssen sogar damit rechnen, dass Unerwartetes geschieht: Einsichten, die alles in ein neues Licht tauchen, Begegnungen, die uns verändern, Ereignisse, die deutlich „Stopp!“ rufen. Denn in all dem spricht Gott zu uns: „Alles, was du bist und hast, kommt von mir!“

Er ist es auch, der Joshua Anweisungen für die nächsten Schritte gibt. Und auch wir hören ihn jetzt am Anfang eines neuen Jahres, wie er uns Mut macht, aufzustehen und loszugehen. Mit einem noch ziemlich leeren Kalender in der Hand. Mit vielen offenen Fragen im Herzen. Vielleicht auch mit einem gewissen Maß an Unsicherheit. Vielleicht sogar mit ein bisschen Angst. All das darf sein. All das gehört dazu, wenn wir uns aufmachen in das Land und die Zeit, die nun vor uns liegt.

„Jede Stätte, auf die Eure Fußsohlen treten werden, habe ich Euch gegeben,“ hören wir Gott sagen. Vertraut mir doch! Schritt für Schritt. Mein Weg mit Euch erschließt sich erst im Gehen. Die Zukunft ist mein Land. Lasst Euch nicht verunsichern, auch wenn sich andere querstellen, ihr an Mauern stoßt oder in Sackgassen geratet. Ich sorge dafür, dass mein Versprechen Wirklichkeit wird. Wie, das dürft Ihr getrost mir überlassen. Ihr werdet vielleicht kämpfen müssen. Ihr werdet vielleicht in Schwierigkeiten geraten. Ihr werdet vielleicht Angst haben. Aber Ihr werdet nicht allein sein. Ich bin mit Euch! Dann könnt Ihr doch gar nicht allein sein!

Vielleicht haben wir, liebe Brüder und Schwestern, mit dem Blick in unseren Kalender das Gefühl, dass so mancher Brocken auf unserem Weg liegt. Eine Prüfung, eine Untersuchung, ein Banktermin, ein Abschied.  

Mit Gottes Hilfe werde wir unseren Weg auch durch dieses Jahr schon finden. Vielleicht werden wir an unsere Grenzen kommen. Aber wir werden nicht im Stich gelassen. Wir werden nicht allein sein. Gott hat versprochen mit uns zu sein. Sein Versprechen gilt. Er zeigt uns den Weg durch Gestrüpp und Unterholz, über Zäune und Mauern! Er gibt uns die Kraft und den Mut, zu kämpfen, wo wir kämpfen müssen, und loszulassen, wo wir alles in seine Hand legen dürfen. „Sei getrost und stark!“ hören wir ihn sagen und können uns ganz auf ihn verlassen. Er ist hinter uns, um uns zu stärken, vor uns, um uns den Weg zu weisen, an unsere Seite, damit wir nicht allein sind, und er steht an den nächsten Wegmarkierungen, damit wir uns nicht verlaufen. 

Und dabei hilft uns als wichtigster zusätzlicher Ratgeber für unbekannte Strecken auch immer wieder unsere Bibel, liebe Brüder und Schwestern. Sie kann auch 2019 jene Pausen füllen, die wir brauchen, um wieder klarer zu sehen und zu spüren, Wax Gott uns sagen will.

Er ist doch der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ihm können wir folgen. Ihm können wir uns anvertrauen. Nach seiner Hand können wir greifen, wenn wir nicht wissen, wohin wir unseren Fuß setzen sollen, um den nächsten Schritt zu tun.  Dann wird das Jahr ein Jahr mit Gott. Dann ist er uns Anfang und unser Ziel. Dann wird das Jahr ein gutes Jahr. 

Die Benediktinerin und Dichterin Silja Walter hat eine ganz besondere Sprache gefunden für meine Segenswünsche zum neuen Jahr. Deshalb möchte ich ihr heute zum Schluss gerne das Wort überlassen und Ihnen sagen, wie sehr ich den Inhalt des Folgende mit ihr teile, und Sie nun von Herzen dem Jahr 2019 überlasse. 

„Fürchtet euch nicht“

Jemand hat nachgezählt

366mal sagst du uns das in der Bibel,

Herr.

Für jeden Tag im Jahr einmal

und für den Schalttag noch einmal

extra dazu.

Jeden Tag, beim Erwachen,

kann ich dich also

noch mit geschlossenen Augen

fragen:

„Was sagst du mir heute?“

Ich weiß schon zum Vornherein was:

„Fürchte dich nicht.“

sagst du,

für den Tag und die Nacht,

bis anderntags früh.

Erwache ich dann und frage ich dich

wieder:

„Was sagst du mir heute?“

Dann höre ich dich sagen:

„Fürchte dich nicht.“

Und weiter so,

Tag um Tag,

als wäre ein Jahr nur ein Tag.

Das hat mit Weihnachten zu tun,

mit dem, was damals geschah,

in jenem Stall, in der Nacht,

das steht fest.

Wer sich das klar überlegt,

wird den Tagesbefehl Gottes

noch hinter den schlaftrunkenen Augen

in seinem Innern vernehmen

und gleich erwachen daran,

wird aufstehen

und einfach gehorchen,

wird sich nicht fürchten,

tagsüber,

auf gar keinen Fall.

Denn Gott will es nicht haben,

er leidet es nicht.

Aber sie steckt uns im Blut,

Herr, die Angst,

das weißt du selbst,

du hast sie ja durchgemacht wie

nie

ein Mensch unter uns.

Wir haben Angst, seit der erste von uns

sich verkroch

im Gebüsch vor dir.

Seit er zu seiner Frau heimkam

und sagte:

„Der Ältere hat den Jungen

erschlagen heut morgen,

draußen im Feld“.

Seit die Flut die Menschheit

ertränkte, außer den acht Leuten

auf dem großen Schiff.

Seit es das Böse gibt auf der Welt

und in uns.

Seither gibt es die Angst in uns

Und die schreckliche Angst vor der

Angst.

Aber jetzt bin ich entschlossen

von Weihnachten an

mich nicht mehr zu fürchten.

„Fürchte dich nicht“.

Um uns das zu sagen,

ließ Gott Weihnachten geschehen.

Denn Weihnachten heißt:

„Fürchte dich nicht,

ich bin bei dir“.

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, NEUJAHR 2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.