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01 Januar
Montag, den 01.01.2018 11:00 Uhr Friedenskirche

Gottesdienst zum Jahresanfang mit Hl. Abendmahl

Predigt zu Joh 1,1-14

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Weil ja, und auch Herrmann Hesse sei das gedankt, allem Anfang ein Zauber inne wohnt, und uns auch heute der Evangelist Johannes etwas Wichtiges über diesen Anfang zu sagen hat, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen schon an dieser Stelle und von dieser Stelle aus erst einmal zum Anfang des neuen Jahres von Herzen alles Liebe und Gute und Gottes reichen Segen für jeden einzelnen Tag zu wünschen.

Ich bin dankbar, Sie nun auch weiter begleiten zu dürfen, und möchte heute mit Ihnen gemeinsam ein bisschen nachdenken über jenen Anfang, den Gott immer wieder mit uns macht, weil er es war, der das geschaffen hat, was es uns überhaupt erst möglich macht, einander zu verstehen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, „im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort,“ so sagt uns die Bibel aus dem Mund des Evangelisten Johannes. Der Schöpfungsbericht beginnt mit diesem Anfang. In ihm heißt es, dass Gott am Anfang Himmel und Erde schuf. Und es erinnert uns zugleich auch an die vielen unzähligen anderen Anfänge, die Gott mit uns Menschen gemacht hat. Wie ein roter Faden zieht sich das durch die ganze Bibel. Immer neue Geschichten erzählen davon: Noahs Arche, Abraham und Sara, der Auszug aus Ägypten, die Rückkehr Israels aus dem Exil, ein Kind im Stall.

„Im Anfang war das Wort“ ist die Verheißung, ja, die Zusage, dass auch unser Leben durch sein Wort nicht nur eine Spanne lang währt, von einem Ende zum anderen, sondern dass wir durch ihn von Geburt zu Geburt leben. Von einem Anfang zum anderen.

Und weil wir glauben, dass Gott das Wort war, und alle Dinge durch diesen Gott, durch dieses Wort gemacht sind, glauben wir auch, dass der Mensch mit seiner Geburt Anfänger ist und sein Leben lang bleibt. Wir haben die Gabe erhalten, immer wieder neu anzufangen, selbst in den schlimmsten Stunden unseres Lebens.

Wir sind also Anfängerinnen und Anfänger, nicht nur einmal im Jahr zwischen Sylvester und Neujahr, sondern bis zum letzten Atemzug, wann immer Gott den für uns bereithält. Johannes ist es, der im Unterschied zu Lukas und Matthäus mit der Geburt des Kindes in der Krippe darüber hinaus den Blick auf den Anfang der Schöpfung richtet.

Und, meine lieben Brüder und Schwestern, was ist dieses Wort denn anderes als die Liebe? Sie ist doch das A und O Gottes. Und unser A und O mit seiner Hilfe auch. Ich darf Ihnen den wohl bekanntesten Text des Johannes hier in seiner ganzen, tiefen und durchaus auch schwer verständlichen Lebendigkeit zu Gehör bringen:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes.

Der kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge, auf dass alle durch ihn glaubten.

Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht.

Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern, ist das nicht eine unglaubliche Zusage, die Gott uns da macht? Wir leben nicht nur eine Zeitlang, sondern durch sein „es werde Licht“ von einem Anfang zum anderen. Das ist das große Geschenk unseres Glaubens.

Und es ist vielleicht auch zugleich die größte Not unserer Zeit, die den Menschen nur als sterbliches Wesen begreifen kann – also von seinem Ende her, weil sie den Glauben an die Ewigkeit verloren hat. Denn wo es keine Geburt zum ewigen Licht gibt, bleibt alles endlich, und wir erleben dieses Licht nur im Zeitraum unserer Endlichkeit.

Wir glauben und hoffen aber, dass es dieses Licht auch jenseits unserer Endlichkeit gibt. Und das ist doch unendlich tröstlich. Und – es ist auch ein Wunder! Jenes Wunder nämlich, das wir spüren, wenn wir uns darauf einlassen, dass nichts ohne Sinn, nichts ohne Anfang und nichts ohne Liebe ist, also: nichts ohne das Wort, das Gott ist.

Was das bedeuten kann, habe ich vor einige Jahren am Abend vor Weihnachten in einem Altersheim erfahren: Die Schwestern dort hatten mich noch spät zu einem Sterbenden gerufen. Wir waren zuhause gerade dabei, den Christbaum zu schmücken, als der Anruf kam. Schweren Herzens machte ich mich auf den Weg. „Wie passt das zusammen?“ dachte ich. „Morgen feiern wir Weihnachten, ein Geburtsfest, und hier stirbt ein Mensch.“

Als ich ankam, war der Mann schon nicht mehr ansprechbar. Und so saß ich einfach an seinem Bett und habe seine Hand gehalten. Aber umso länger ich seine Hand hielt und seinem Atem lauschte, desto mehr verstand ich, dass Weihnachten genau in diesem Augenblick geschieht. Auch unser Ende ist eine Geburt. Und unser Leben der Weg dorthin. Wir sind unterwegs zum Anfang. Zum Anfang, an dem wieder das Wort steht, durch das alles geworden ist. Auch wir. Und dieses Wort lautet: „Ich liebe Dich!“

Gott beginnt immer wieder neu mit uns, weil er uns liebt. Und wenn wir ihm das glauben, dann haben wir die Macht, wie der Evangelist Johannes sagt, Söhne und Töchter des Höchsten zu sein. Und als solche sind und bleiben wir im besten Sinne Anfängerinnen und Anfänger, weil wir dann Liebende sind wie Er. Liebende, die mit viel Phantasie und Kreativität „nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten,“ wie es die Dichterin Hilde Domin schöner kaum sagen konnte. Denn das ist es doch, was die Liebe ausmacht.

Ich wünsche uns allen am Beginn des neuen Jahres diesen Anfängermut. Den Mut also, loszulassen und zu vertrauen, was auch kommen mag. Und ich wünsche uns bei all unseren Vorsätzen und bei allem, was wir in diesem kommenden Jahr an Guten beginnen, die Zuversicht, dass am Ende immer der Anfang steht. Denn Christus, Gottes Wort für unsere Menschenherzen, ist bei uns. Er ist doch der Anfang und das Ziel unseres Lebens.

Bleiben auch Sie weiter unter seinem Schutz in diesem neuen Jahr 2018. Und – bleiben Sie alle behütet.

Pfarrerin Henriette Crüwell, 1. Januar 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.