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26 August
Sonntag, den 26.08.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Geschwisterkonflikte

Kain und Abel, 1 Mose 4,1-10

Kain und Abel

Meine lieben Brüder und Schwestern, 

um Geschwisterkonflikte ging es in einem Gespräch neulich einmal wieder und um Lieblingskinder, in dem eine 15 Jährige spontan und sehr selbstbewusst meinte: „Also, mein Bruder und ich, wir sind beide Lieblinge, sagen meine Eltern. Er ist der Lieblingssohn und ich bin die Lieblingstochter. So einfach ist das!“  

„Ja, wenn das überall so einfach wäre,“ dachte ich. Und wir haben dann noch lange darüber geredet, weil es eben in vielen Familien nicht so einfach ist. Denn Rivalität und Neid gehören zwischen Geschwistern leider oft zum Alltag. Und wo Eltern damit nicht so umgehen wie die jener 15 Jährigen kommt es zu jenen Konflikten, die ein ganzes Leben prägen und schlimmstenfalls Familien entzweien können.

Wer von uns, liebe Brüder und Schwestern, könnte da nicht aus dem Nähkästchen plaudern und seine eigenen Geschichten von Geschwisterrivalitäten beisteuern? Und wenn wir nach den Familiengottesdiensten noch beim Kaffee zusammensitzen, kommt das Gespräch oft auf diese verflixten Rivalitäten. Und irgendwer stöhnt dann über den immer wieder wegen Kleinigkeiten aufflammenden Streit und die sinnlose Rangelei seiner Brut.

Und es ist dann ein sehr zweifelhafter Trost, dass das immer schon so war und dass das irgendwie dazugehört. Ein bisschen mehr Frieden und gegenseitig Gönnen-Können, wer wünscht sich nicht mehr davon, wenn es mal wieder hart auf hart kommt?

Auch das allererste Brüderpaar, von dem in der Bibel erzählt wird, gönnt sich nicht die Butter auf dem Brot. Sie streiten sich darum, Erster zu sein, gesehen zu werden, die volle Aufmerksamkeit und Gunst zu bekommen und den Bruder zu übertrumpfen.  Diese katastrophale Konkurrenz zwischen Kain und Abel, die dann im Brudermord endet, ist der Predigttext des heutigen Sonntags. Er findet sich im ersten Buch Mose im 4. Kapitel:

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. 

Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 

Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 

Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 

Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 

Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 

Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.  Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 

Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 

Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 

So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Meine lieben Brüder und Schwester,

düster ist diese Geschichte und irgendwie zutiefst beklemmend. Sie wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten gibt. Etwa, warum Gott so ungerecht ist und Kain und seine Opfergaben übersieht. Und warum er Abel bevorzugt. Warum wählt Kain die Gewalt? Warum redet er nicht? Warum lässt er seinen Zorn über die Kränkung an seinem Bruder aus und nicht an Gott, der ihn ja nun wirklich ungerecht behandelt? Und warum wehrt sich Abel nicht – da draußen auf dem Feld? Fragen über Fragen … und das sind noch längst nicht alle, die sich beim Hören und Lesen auftun. 

Wir verstehen die Beteiligten nicht, spüren aber dunkel, dass ihr Schicksal uns angeht. Ist uns ihr Verhalten denn so fremd? Auch wer das Glück hatte, mit seinen Geschwistern halbwegs gut auszukommen und nicht mit ihnen um die Gunst der Eltern streiten muss, ahnt vielleicht trotzdem, dass hier ein Konflikt thematisiert wird, der uns als Menschen alle betrifft. Weil hier die Wurzel sämtlicher Kriege liegt. Der kleinen wie der großen. Weil hier Unfrieden und Ruhelosigkeit ihren Anfang haben, die auch uns heute noch plagen.  

Liebe Brüder und Schwestern, wieso erzählen wir uns also diese schauerliche Geschichte an einem so schönen Spätsommermorgen wie heute? Was haben wir davon, sie zu enträtseln, zu behaupten, zu widerlegen? 

Befragen wir den Text. In wenigen Sätzen wird das schreckliche Ereignis skizziert. Der Stil ist nüchtern und sachlich. Die Handlung wird schnell und mit fließendem Atem erzählt, so dass wir ganz genau hinhören müssen, um ihre Botschaft für uns heute zu verstehen:

Es waren also einmal zwei Brüder. Kain war der Erstgeborene. Der ganze Stolz seiner Mutter. Kaniti ish eth adoshem, sagt Eva, als sie ihm das Leben schenkt und rühmt sich damit. Denn wörtlich bedeutet der Satz: Ich habe einen Mann „gekauft“. Ich habe ihn mir erworben mit Gottes Hilfe. Zum ersten Mal ist der Mensch an der Erschaffung eines anderen Menschen beteiligt. Zum ersten Mal ist also ein menschliches Wesen das Produkt zweier anderer. Und diese Erfahrung überträgt sich auf das erste Kind, das hochmütig von sich behauptet „alles ist machbar, wenn ich es nur will! Aus eigener Kraft! Ich bin ein Selfmademan.“ Und so ist auch sein Name „Kain“, was so viel heißt wie der Besitzende, der Erschaffende, der Schaffer. Und er verkörpert den Wunsch und die Sehnsucht des Menschen also, das Leben in den eigenen Händen zu halten, für die Ewigkeit zu bauen und zu besitzen, jemand also zu sein, der buchstäblich was hermacht. 

Und so ist Kain, wie kann es anders sein, Ackerbauer und Landbesitzer. Als Gott ihn schließlich wegen seines Hochmuts zur Strafe vom Acker vertreibt und ihn damit heimatlos macht, wird Kain zum Städtebauer und errichtet Mauern zu seinem Schutz.

Und dann kommt sein Bruder zur Welt, der zweite Sohn. 

Seine Eltern nennen ihn „Abel“. Und auch sein Name ist Programm. Übersetzt heißt er nämlich „Hauch“ und „Vergänglichkeit“. Denn Abel ist der erste Mensch in der Bibel, der sterben muss. An ihm wird unser aller Schicksal sichtbar: Wir sind schrecklich verletzliche und endliche Wesen, deren Wohl und Weh in den Händen anderer liegt.  Und all unser Tun ist daher im Letzten immer nur ein Haschen nach Wind, wie der Prediger Salomo schreibt.

Wenn Kain und Abel schließlich hinausgehen aufs Feld, dann stehen sie sich dort auch immer wieder in unserem Leben und in unserer Welt gegenüber. Denn sind wir nicht alle irgendwie Abel und Kain? Getrieben von der Sehnsucht, aus eigener Kraft das Leben gestalten und alles allein schaffen zu wollen, zugleich aber bedürftig nach Schutz und Hilfe, angewiesen auf das Wohlwollen des Bruders und der Schwester, unseres Nächsten also?  Und wäre nicht alles gut, wenn die Kains und Abels dieser Welt endlich mal zu echter Versöhnung fänden und sich nicht immer wieder aufs Blut hassen würden? 

Und als die zwei damals Gott ihre Gaben brachten, und der sich über Abel und sein Opfer freute, Kain und seine Früchte aber links liegen ließ, brach der Konflikt zwischen beiden erst richtig aus. 

Warum macht Gott das, liebe Brüder und Schwestern?  Wer schon einmal so zurückgewiesen wurde, weiß, wie weh das tut. Ganz besonders, wenn es der eigene Vater, die eigene Mutter ist, also jemand, deren Aufmerksamkeit und Zuwendung für einen kleinen Menschen lebensnotwendig sind. Warum kränkt Gott Kain dermaßen? 

Vielleicht ,um ihm die Augen zu öffnen? Als Kain nämlich traurig und zornig die Fäuste in der Tasche ballt, sieht Gott ihn sehr wohl an und fragt: „Was macht Dich jetzt eigentlich so wütend? Sei doch mal ehrlich zu Dir und zu mir!“ 

Und dann sagt Gott etwas ganz Wichtiges, was wir aber erstmal entschlüsseln müssen: „Wenn du fromm bist,“ sagt er zu Kain, „wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben, Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür.“ 

Gott stellt damit Kain vor die entscheidende Frage, warum er ihm seine Opfergaben bringt. Aus Dank, weil er diese Früchte als großes Geschenk empfindet, das er selbst von Gott bekommen hat? 

Oder um gesehen und für seine Tatkraft, seine Leistung und seine reiche Ernte gelobt zu werden? 

Wenn das so ist, sagt Gott, dann kann ich Dich nur enttäuschen. Pass auf! Denn dann lauert die Sünde schon vor der Tür. Denn die gaukelt Dir doch vor, lieber Kain, dass Du der Größte bist, die flüstert Dir doch ins Ohr, dass Du bist wie ich und dass Du nichts bist, wenn Dir nicht alle zu Füßen liegen. 

Hand auf’s Herz, liebe Brüder und Schwestern, wie fiele unsere Antwort aus? Wären wir nicht genauso ertappt wie Kain, der wortlos das Weite sucht? Denn mal Hand auf’s Herz, wieviel Opfer bringen wir tagtäglich, um gesehen zu werden?  Wie groß ist dabei unsere Angst zu kurz zu kommen? 

„Ist es nicht so?“, fragt Gott Kain und legt damit den Finger mitten in die Wunde. In seine und in unsere.  Kain hat Gott sein Opfer dargebracht, um Gnade zu finden,  um gelobt zu werden und gut dazustehen als die Nummer 1, als einer, der etwas aus seinem Leben gemacht hat. Und als ihm dieses Ansehen verweigert wird, macht sich die Angst in seinem Herzen breit, nicht genug zu kriegen.  Und der Bruder wird dann zum Konkurrenten, der ihm streitig macht, was er ihm zusteht, wie er meint.

Während Abel Gott aus Dankbarkeit seine Gaben bringt, tut Kain es mit der verzweifelten Anstrengung, Bestätigung zu kriegen. Denn ihm fehlt der Glaube, dass Gott ihn sieht und achtet, egal wie viel er schafft und besitzt, der ihn auch und gerade dann liebt, wenn ihm nichts gelingt und er mit leeren Händen dasteht. 

Ist es nicht so? fragt Gott Adels Bruder Kain.

Und der weiß darauf keine andere Antwort als seinen Zorn. Wie bis heute so viele immer noch und wieder zornig sind, weil sie Angst haben, nicht mehr gesehen zu werden und deswegen neidisch sind auf alle, die Zuwendung und Aufmerksamkeit kriegen. Wie bis heute immer noch und wieder so viele hasserfüllt um sich schlagen und andere klein machen, um sich selbst groß und stark zu fühlen.

Und das Erschütternde ist, dass dieser Zorn oft blind macht. Blind für den Bruder da draußen auf dem Feld. Blind für den Bruder und die Schwester an den Grenzen Europas. Blind für den Bruder und die Schwester, die mit leeren Händen dastehen.  Blind für ihre Angst und Verletzlichkeit. Blind aber auch für die eigene Angst und die eigene Verletzlichkeit. Und im blinden Zorn tötet dann Kain seinen Bruder Abel. Seit damals und immer wieder. Ist das nicht furchtbar, liebe Brüder und Schwestern?

Und auch die Frage Gottes: „Wo ist Dein Bruder, Kain?“ öffnet dem nicht die Augen. „Bin ich denn meines Bruders Hüter?“ Fragt er. Erst als Gott ihn zu einem Leben in Ruhelosigkeit und Unfrieden verdammt, begreift er und erfährt am eigenen Leib, was er angerichtet hat. Erst da wird ihm bewusst, wie einsam und ausgeliefert er ohne Gott und seinen Bruder ist. Und wie sehr er beide zum Leben braucht. Und er versteht, dass die Größe des Menschen genau darin besteht, der Hüter von Bruder und Schwester zu sein. Und dass die Freiheit des Menschen darin liegt, der Sünde, dem Neid, der Missgunst  und dem Hass nicht Tür und Tor zu öffnen.

Liebe Brüder und Schwestern, darum erzählen wir uns diese Geschichte an einem so schönen Spätsommermorgen wie heute. Darum müssen wir sie erzählen gegen den Zorn und die Verzweiflung, die heute wieder allgegenwärtig sind und die uns Menschen so schrecklich blind machen für die wahre Größe und Freiheit des Menschen, die aus der Liebe und der Freundschaft erwachsen. Und darum erzählen wir sie, um uns gegenseitig die Hoffnung und den Mut zu machen, dass Kain seinen Bruder Abel nicht erschlägt, dass Abel am Leben bleibt, und beide stellvertretend für uns alle auf einer freien Erde frei miteinander leben können. 

Hilde Domin hat dieses Happy End in einem ihrer wohl schönsten Gedichte herbeigesehnt:

Abel steh auf

es muss neu gespielt werden

täglich muss es neu gespielt werden

täglich muss die Antwort noch vor uns sein

die Antwort muss ja sein können

wenn du nicht aufstehst Abel

wie soll die Antwort

diese einzig wichtige Antwort

sich je verändern

wir können alle Kirchen schließen

und alle Gesetzbücher abschaffen

in allen Sprachen der Erde

wenn du nur aufstehst

und es rückgängig machst

die erste falsche Antwort

auf die einzige Frage

auf die es ankommt

steh auf

damit Kain sagt

damit er es sagen kann

Ich bin dein Hüter

Bruder

wie sollte ich nicht dein Hüter sein

Täglich steh auf

damit wir es vor uns haben

dies Ja ich bin hier

ich

dein Bruder

Liebe Brüder und Schwestern, in Jesus ist Abel aufgestanden von den Toten. In ihm können Abel und Kain Versöhnung und Frieden finden. Und wir auch, untereinander, mit Gott und mit uns selbst. Und das wünsche ich uns von Herzen an diesem schönen Spätsommermorgen! Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 26. August 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.