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17 Dezember
Sonntag, den 17.12.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Nur noch eine Woche bis Heiligabend….

Predigt zu 2 Kor 1,18-22

Meine lieben Brüder und Schwestern.

Nur noch eine Woche bis Heiligabend. Und ich frage mich jedes Jahr, warum

Bloß der Advent immer so schnell vorbeigeht! Und in diesem Jahr war er wirklich ganz besonders kurz.

Nur die Kinder, die es eh kaum abwarten können, dass sie endlich das letzte Türchen am Adventskalender aufmachen dürfen, fanden super, dass es noch ein bisschen schneller ging als sonst. Denn für sie kann‘s gar nicht fix genug gehen, bis endlich das Christkind mit den tollen Geschenken kommt.

Ich finde es jedes Mal hinreißend, wenn so ein Kerlchen hüpfend vor Freude und mit hochroten Bäckchen strahlend erzählt, was es so alles auf seinen Wunschzettel gemalt und geschrieben hat.

Und dieses Hüpfen, liebe Brüder und Schwestern, ist in unserem Wort „Hoffen“ zu einer der drei christlichen Tugenden geworden. Denn die Hoffnung ist mit dem Glaube und der Liebe untrennbar verbunden. Und das Wort „hoffen“ kommt im Deutschen vom Wort „hüpfen“.

Während wir vor Schreck erstarren können, kommt durch die Hoffnung der ganze Mensch in Fahrt. Sie macht also so lebendig, dass wir nicht einfach still sitzen können, sondern sie in Bewegung umsetzen müssen. Wie die Kinder eben, die vor dem Weihnachtszimmers von einem Beim aufs andere hopsen in gespannter Vorfreude, dass die Tür endlich aufgeht.

Aber können wir Großen das noch, so mit Leib und Seele hoffen?

Oder hat am Ende Dietrich Bonhoeffer recht, der einmal sehr weise meinte, dass wir zu viel erwarten und zu wenig hoffen?

Und ist das nicht gerade in diesen sieben Tagen vor Weihnachten ganz besonders so? Wo der Kopf voll ist mit dem, was noch zu erledigen ist? Mit all den Erwartungen an uns selbst, an die anderen und an das schönste aller Feste? Mit der Erwartung, dass alles so ist wie jedes Jahr: das Essen, der Baum mit der Familie darunter und mit der Erwartung, dass es diesmal eine ganz besonders wundervolle Feier wird. Mit der Erwartung, dass die Kinder zu Besuch kommen, die Mutter wieder mal ein Festessen zaubert und sich alle über die Geschenke freuen werden. Und so weiter und so fort…

Ich behaupte mal, wir alle haben ganz klare Vorstellungen davon, wie das Weihnachtsfest in diesem Jahr abzulaufen hat. Und es tut weh und ist enttäuschend, wenn es dann anders kommt. Denn Erwartungen sind ja oft auch Ansprüche, die wir an uns und die anderen haben. Und wehe, wenn die nicht in Erfüllung gehen! Und der Druck steigt.

Die Hoffnung aber setzt uns nicht unter Druck! Sie macht uns offen und frei für eine Zukunft, auf die wir keinen Anspruch haben, die aber unbedingt gut und eine einzige Verheißung ist. Etwas, auf das man sich freuen kann.

Und wäre der Advent nicht die Gelegenheit, wieder jene Hoffnung zu erleben, die kleinen Kindern ebenso eigen ist wie den Weisen? „Gott kommt nämlich nicht in die Welt, um alle unsere Erwartungen zu erfüllen, sondern alle seine Verheißungen,“ schreibt Dietrich Bonhoeffer auch dazu.

Wie aber kommen wir von all diesen Erwartungen weg zu jener Hoffnung, die uns nicht unter die Starre des Erwartungsdrucks, sondern mit geradezu spielerischer Leichtigkeit in Bewegung bringt?

Die Texte für den heutigen Sonntag sind eine Einladung an uns, gelassen zu werden und diese Hoffnung zu wagen.

Johannes der Täufer, von dem wir gerade im Evangelium gehört haben, lässt er durch seine Jünger fragen, „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Für ihn ist das eine Frage von Leben und Tod. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Jetzt muss es sich entscheiden, ob Jesus der Messias ist, auf den Israel so hofft oder nicht. Es muss sich entscheiden, damit er, Johannes, in Frieden sterben kann!

Und die Antwort Jesu bringt Licht in die Dunkelheit des Kerkers. Er sagt nicht einfach nur: „Ja, ich bin das!“ Denn er weiß, dass einer, der im Dunkeln sitzt und keine Hoffnung mehr hat, mehr braucht als Worte. Erzählt ihm, fordert Jesus deswegen die Jünger des Täufers auf, erzählt ihm, was Ihr gesehen und gehört habt. Erzählt ihm, dass Blinde und für das Gute Blindgewordene wieder sehen, dass Lahme und von Kummer Gelähmte wieder gehen, dass Aussätzige und Einsame wieder fröhlich sind, dass Taubstumme und durch Stress und Sorgen taub Gewordene endlich wieder hören. Erzählt ihm, dass Tote und Ausgebrannte wieder leben und den Armen die Frohe Botschaft verkündet wird. Richtet ihm all das aus, damit er getröstet und voller Hoffnung ist: Denn das Himmelreich ist nahe!

Und davon ist auch Paulus beseelt, der der Gemeinde in Rom und uns wünscht, dass wir immer reicher werden an dieser Hoffnung.

Im 15. Kapitel des Römerbriefes schreibt er:

Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.

Der Gott der Geduld und des Trostes aber gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.

Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern und Müttern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: „Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.“ Und wiederum heißt es: „Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!“ Und wiederum: „Lobet den Herren, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!“ Und wiederum spricht Jesaja: „Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden Völker hoffen.“

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, auch Paulus ist voller Hoffnung auf den Messias, „den Spross aus der Wurzel Isais,“ wie er schreibt. Und für seine Zuhörer ist das das Stichwort, das in ihnen die vielen wunderschönen Hoffnungsbilder des Jesaja wach werden lässt: blühende Wüsten,  singende Freudenboten in den Bergen, Wolf und Lamm friedlich nebeneinander grasend, Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Hoffnung ist ein Segen, schreibt er. Warum? Weil sie es ist, die jetzt schon Freude und inneren Frieden bringt.

Und gerade das braucht die Gemeinde in Rom besonders. Denn ihr scheint vor allem die Hoffnung abhandengekommen zu sein. Und deswegen verstrickt sie sich in einen kleinlichen Grabenkrieg. Der ja immer und überall ein Zeichen dafür ist, dass man das gemeinsame Ziel aus den Augen verloren hat.

Dort gab es nämlich welche, die sich darum streiten, welche Speisen man essen darf und welche nicht, welche Tage zu achten sind und welche nicht, welche Regeln einzuhalten sind und welche nicht, und vieles mehr. Eigentlich Nebensächliches. Aber alle haben eine Meinung dazu und ihre Erwartungen, wie Gemeinde zu leben hat.

Und vor diesen falschen Erwartungen warnt Paulus. Denn sie sind zerstörerisch, weil sie schrecklich kurzsichtig sind. Sie sehen ja nur das, was sie sehen wollen. Und schauen nicht weiter, als bis zu den Grenzen des eigenen Horizonts, der eigenen Wünsche und Vorstellungen.

Und er mahnt sie eindringlich, einander ja nicht zu verurteilen oder gar zu verachten. „Nehmt einander also an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Ehre,“ mahnt Paulus.

Der erste Schritt in die Hoffnung ist also ein weites Herz. Ein Herz, das die anderen wahr-nimmt, wie sie sind und sie nicht in Schubladen steckt. Eins, das sich immer wieder zum Nächsten hinwendet und sich überraschen lässt, weil es nichts zu verlieren gibt. Weil Gott doch dabei ist. Sein Herz ist so weit, dass alle in ihm Platz haben. Und es täte manchmal gut, sich hin und wieder zu fragen, ib Gott das jetzt genauso eng sehen würde.

Und mit Blick auf den Heiligabend heißt das, einmal fünf gerade sein und sich davon überraschen zu lassen, was entstehen kann, wenn nicht alles so läuft, wie wir uns das wünschen.

Keine Frage, es erfordert Mut. Mut, Geduld zu haben und darauf zu setzen, dass schon alles gut wird, auch wenn wir nicht alles unter Kontrolle haben. Woher aber nehmen wir aber diesen Mut?

Auch darauf hat Paulus eine Antwort. Er verweist uns auf die Bibel und macht uns auch gleich Vorschläge, wo wir zu lesen anfangen könnten: bei Mose nämlich, in den Psalmen und bei Jesaja mit seinen grandiosen Hoffnungsbildern. Warum aber fördert die Schrift unsere Hoffnung?

Weil wir „durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben,“ meint der Apostel. Und was heißt das?

„Geduld“ ist in der Sprache der Bibel wörtlich übersetzt „einen langen Atem haben“. Gott hat diesen langen Atem. „Langmütig und reich an Erbarmen“ – das ist einer der schönsten Gottesvorstellungen der Heiligen Schrift. Gott hat Geduld! Er wartet auf uns. Solange wir leben. Und darüber hinaus. Immer!

Geduld ist also der Atem Gottes. Und die Menschen der Bibel erzählen in immer neuen Bildern und Visionen von diesem langen Atem Gottes erzählen, den sie in ihrem Leben gespürt haben. „Habt nur Geduld! Setzt Euch nicht unter Druck!“ rufen sie uns über die Zeiten hinweg zu und stellen uns eine Zukunft vor Augen, die befreit aufatmen lässt, weil sie mit unserem irdischen Leben ja nicht zu Ende ist.

Für die Menschen der Bibel liegt die Zukunft im Rücken. Das ist wie beim Rudern. Da kommt man auch besser voran, wenn das Ziel im Rücken ist. Erstaunlicherweise behält man da nämlich die Richtung besser bei, wenn man sich nicht nach vorne, sondern an den zurückliegenden Wegmarken orientiert. Und Paulus nennt sie nochmal alle, indem er Mose, die Psalmen und Jesaja zitiert: Gott hat uns erschaffen. Er will, dass wir leben. Er hat Israel aus der Gefangenschaft geführt und ihnen ein Land gegeben. Und er hat sie immer wieder aus dem Exil dorthin heimgebracht, damit sie in Freiheit und in Frieden leben können. Und könnten wir diese Geschichte nicht weitererzählen und von den Momenten in unserem Leben erzählen, wo wir in der Rückschau sagen: Es ist alles gut gegangen auch dort, wo wir es nicht erwartet haben? Und in all dem sehen wir doch, wohin Gott auch mit uns unterwegs ist und welche Zukunft er nicht nur für Israel, sondern für uns alle im Sinn hat. Das ist der Trost, den die Schrift uns anbietet.

Liebe Brüder und Schwestern, die Hoffnung wächst also dort, wo wir dankbar für das Vergangene sind. Denn damit entwickeln wir ein Gespür für all das Gute, das wir erleben.

Das ist eine ganz alltägliche Erfahrung: Wie oft denkt man sich am Ende eines Tages, das war nur Stress und Ärger. Aber wenn wir dann am Abend den Tag nochmal unvoreingenommen an uns vorbeiziehen lassen, dann können wir doch immer auch die kleinen Momente entdecken, die schön waren, die schön sind und die schön sein werden. Die uns Hoffnung machen und in Bewegung bleiben lassen, Schon deshalb, weil in 7 Tagen diese Hoffnung in der Krippe liegt. Mit jener Botschaft für uns, die der Dichter Albert Goes in Worte fasst:

Wir suchen dich nicht,

wir finden dich nicht.

Du suchst uns und du findest uns,

ewiges Licht.

Wir lieben dich wenig,

wir dienen dir schlecht.

Du liebst und du dienst uns,

Ewiges Licht.

Wir können dich, Kind,

in der Krippe nicht fassen.

Wir können die Botschaft

Nur wahr sein lassen.

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 3. Advent 2017

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.