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22 November
Mittwoch, den 22.11.2017 18:00 Uhr Friedenskirche

Gottesdienst am Buß- Bettag

musikalisch gestaltet von Anna-Lena Perenthaler

Predigt zu 1 Joh 1, 8-2,2

Meine lieben Brüder und Schwestern!

„Ich war das aber nicht!“ antwortete ich meiner Großmutter, als sie mich fragte, ob ich mit ihren Porzellanfiguren gespielt und eine davon zerbrochen hätte. „Oma, ich weiß doch gar nicht, wo der Schlüssel zur Vitrine ist!“ fügte ich noch dreist hinzu und versuchte ihrem Blick möglichst standzuhalten. „Außerdem war ich den ganzen Nachmittag draußen im Garten. Da kannst Du die anderen fragen!“

Dabei hatte ich mich, während Großmutter Mittagsschlaf hielt, still und heimlich in ihren kleinen Salon geschlichen, das Schlüsselchen aus ihren Nähkorb gekramt und mir verbotenerweise die wunderschönen Figürchen aus Porzellan mal aus allernächster Nähe angeschaut. Sonst konnte ich sie ja nur durch die Scheibe der Vitrine bestaunen. Aber als ich die kleine Schäferin herausnehmen wollte, die mir immer ganz besonders gefiel, kippte sie mir aus der Hand und ging kaputt. Und mir plumpste ganz schön das Herz n der Hose.

„Ich war das nicht!“ wiederholte ich trotzdem nochmal und lief dann schnell vor die Tür, weil ich meiner Oma nicht länger in die Augen schauen konnte. In den Wochen darauf vermied ich es, wo es nur ging, zu ihr zu fahren, so peinlich war mir das Ganze.

„Ich war das nicht!“ antworten auch Adam und Eva, als Gott sie zur Rede stellt. „Eva war’s!“ „Die Schlange ist dran schuld!“ lügen die beiden. Und es ist nicht ihre erste Lüge. Denn schon als sie sich die Frucht pflückten von dem einen Baum im Garten, von dem sie nicht essen sollten, begann ihre Lügerei. Wieso?

Weil sie sich damit als Eigentümer des Gartens aufgespielt und so getan haben, als ob alles, restlos alles, nur dazu da ist, um von ihnen gegessen und konsumiert zu werden. Von einem einzigen Baum sollten sie die Finger lassen und sie haben sich nicht daran gehalten. Denn sie wollten wie Gott sein. Und das ist die erste fatale Lüge des Menschen.

Und mal ganz ehrlich: Kommt uns das nicht auch irgendwie bekannt vor? Wer von uns ist denn gegen sie gefeit? Zeigt sie sich nicht immer wieder? In den vielen Alltäglichkeiten? Da, wo wir nur um uns selber kreisen und uns für den Mittelpunkt des Universums halten? Und die Bonner Klimakonferenz in der vergangenen Woche führt uns doch auch auf dramatische Weise vor Augen, wie sehr jene, die im Wohlstand leben, also auch wir, so leben, als ob die Welt allein ihnen gehöre, und konsumieren, als ob es kein Morgen gibt.

Das ist Lüge. Und die Bibel nennt diese Lüge Sünde. Sie ist es, die den Menschen aus dem Paradies vertreibt. Nicht nur Adam und Eva, sondern uns alle. Denn sie macht uns überheblich. Sie trennt uns von Gott und von den anderen. Die Lüge schafft nämlich eine Welt, in der nur ich Platz habe. Sonst niemand! Und wie oft werden wir uns durch sie dann auch selber fremd, weil wir doch eigentlich so gerne anders wären?

Wie, liebe Brüder und Schwestern, kommen wir aber aus dieser Nummer wieder raus? Denn es gibt ja kein richtiges Leben im falschen, wie das die Philosophin Hannah Arendt einmal so treffend formuliert hat. Wir werden in der Lüge nie glücklich werden. Und dabei sehnen sich doch eigentlich alle Menschen nach dem guten und glücklichen Leben. Nicht nach dem im Überfluss, weil der nie zufrieden macht, sondern nach einem Leben in der Wahrheit. Aber wie finden wir aus der Lüge zur Wahrheit?

Eine Antwort auf diese Frage gibt uns der Verfasser des ersten Johannesbriefes. Er schreibt gleich im ersten Kapitel:

Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.

Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt.

Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.

Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden,

nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern, „verlasst Euch auf ihn!“ das ist die Antwort des Johannes. Nur Jesus kann uns aus der Lüge, in der wir ängstlich um selber kreisen, immer darauf bedacht, gut auszusehen , herausführen. Ihm dürfen wir uns nämlich zeigen, so wie wir sind. Ihm brauchen wir nicht vorzuspielen, dass wir immer obenauf sind, immer alles im Griff haben, und nie Fehler machen. Denn er selbst ist doch die Wahrheit, die uns frei macht. Die Wahrheit der Liebe, die nicht nur unsere Schokoladenseite an uns liebt, sondern die uns ganz meint, auch mit den Schattenseiten. Und ist das nicht Vergebung?

Es kommt nur darauf an, ihm das endlich mal zu glauben und seiner Einladung zu folgen: „Kommt! Kommt zu mir ihr Mühseligen und Beladenen. Ich will Euch Ruhe verschaffen!“

Aber wie glauben wir ihm das? Glauben wir ihm denn wirklich, dass er uns die Lasten abnimmt? Glauben wir ihm wirklich, dass er uns gut ist, auch wenn wir das nicht sind? Wie hören wir ihn denn endlich so, dass sein Zuspruch der Vergebung etwas mit uns und unserem Leben zu tun bekommt?

Bekennt Eure Sünden!, rät Johannes. Denn wir sind doch alle Sünder. Niemand von uns ist Mister Perfekt oder Wonder Woman. Und solange wir uns das nicht eingestehen, betrügen und schaden wir uns doch nur selber, sagt er. Solange können wir nicht hören, was Jesus uns sagt. „Sein Wort ist dann nicht uns,“ wie Johannes es so treffend formuliert.

Warum aber ist dieses persönliche Eingeständnis so wichtig?

Ich behaupte, jeder, der schon mal eine Lüge oder eine Schuld lange mit sich rumgeschleppt hat, ohne darüber reden zu können, kennt die Antwort, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie lähmend das ist, nicht dazu stehen zu können und zuzugeben: „Ich war’s!“ Es kann einen Menschen krankmachen. Denn es macht ihn einsam. Man kann dem anderen ja nicht mehr in die Augen schauen und sich selbst oft auch nicht mehr. Das ist im Kleinen wie im Großen so. Das  kleine Mädchen hat sich ja damals auch nur wegen der Lüge wochenlang nicht zur Oma getraut.  Aber als die Wahrheit dann mal raus, war alles gut. Die Großmutter lächelte nur. Sie hatte es ja sowieso gewusst. Ich vergesse nie, wie sie mich dann umarmt hat, und war so froh darüber.

„Sprecht es offen aus!“ ist der Rat des Johannes. Und zu seiner Zeit bedeutete das sogar, die eigenen Sünden vor der ganzen Gemeinde zu bekennen. Das können wir uns heute gar nicht vorstellen. Und das müssen wir auch nicht. Wir sollen nur nicht versuchen, es mit uns selber auszumachen.

Es gehört wohl zur Not unserer Zeit, dass wir es aber oft mit uns selber ausmachen müssen. Denn immer muss heute alles optimal laufen, und wo das nicht geschieht, muss noch optimiert werden. Da zeigt man besser niemanden seine Schwächen, Fehler und Grenzen. Aber das macht einen Menschen klein und zwingt ihn dazu, sich selbst und den anderen was vorzumachen.

Erst wenn wir auch unsere Fehler, unsere Schwächen, unsere großen und kleinen Lügen einem anderen Menschen, der uns einfach nur zuhört und uns gut ist, offenbaren können, und wo wir so einander wahr und ehrlich in die Augen schauen, ist Gott dabei. Spätestens dann können wir wieder durchatmen. Und dann ist, und auch das ist weise eingerichtet, wie von selbst verschwunden, dass wir uns geschämt haben. Und ich kann Ihnen versichern, das kleine Mädchen konnte damals ein Lied davon singen. Denn es hat zum ersten Mal in seinem Leben erfahren und gespürt, wie gut das tut, sich einem anderen, nämlich der Großmutter anvertrauen zu können, der die Enkeltochter doch tausendmal wichtiger ist als jede noch so wertvolle Schäferin aus Porzellan.

Wir alle brauchen immer wieder im Laufe unseres Lebens solche Menschen, denen wir uns offenbaren können, weil sie uns gut sind. Wir alle brauchen einen Menschen, der uns ausreden lässt und nicht verurteilt, damit wir der Wahrheit ins Auge schauen und jene Vergebung erfahren können, die uns dann auch im übertragenen Sinne Luft verschafft. Wir alle brauchen Menschen, bei denen wir uns zeigen können, so wie wir sind, und sagen, wie es drinnen wirklich in uns ausschaut.

Wer von uns weiß nicht, wie leicht einem das Herz wird, wenn dann der andere sagt: „Komm! Es ist alles gut!“ Das können wir uns einfach nicht selber sagen. Dafür braucht es die anderen. Und hören wir dann nicht Jesus selbst, der zu uns sagt: „Steh auf und geh. Deine Sünden sind Dir vergeben“?

Leider ist es fast in Vergessenheit geraten, meine lieben Brüder und Schwestern, dass es auch in unserer Kirche die Beichte gibt. „Wem Ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben,“ verspricht Jesus doch seinen Jüngern. Es ist der Verdienst von Martin Luther zu entdecken, dass das kein Spezialauftrag an ein paar Priester, sondern einer an alle Christen ist.

Aber auch in unserer Kirche stehen die Ordinierten in besonderer Weise dafür zu Verfügung. Auch bei uns gibt es das Angebot, sich im Schutz des Beichtgeheimnisses aussprechen zu können bei jemandem, der einfach nur zuhört; und dort einmal alles loswerden zu können, was einen belastet, bedrückt und im Innersten zu schaffen macht. Es ist ein großes Geschenk, das Jesus seiner Kirche da macht, nämlich in seinem Namen einander die Sünden vergeben und so jene Liebe erfahren zu dürfen, die uns nie aburteilt, sondern uns gut will und aufrichtet. Und die Friedenskirchengemeinde ist wohl eine der wenigen evangelischen Gemeinde, wo dieses Geschenk noch bis in die 70er regelmäßig, sogar wöchentlich gepflegt worden ist.

Gott sei Dank entdecken heute immer mehr in der evangelischen Kirche dieses Geschenk der Beichte wieder als eins, das Menschen stärkt, aufrichtet und frei macht, für die Wahrheit einzustehen. Und diese Wahrheit ist es, die wir heute ganz besonders brauchen.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.