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04 Juni
Sonntag, den 04.06.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Gottesdienst an Pfingstsonntag mit H. Abendmahl

Im Gottesdienst verabschieden wir unser langjähriges Mitglied im Kirchenvorstand Herr Dr. Angersbach. Musikalisch wird der Gottesdienst von Eunhye Bading, Sina Sadeghpour und Leonie Winkler-Lauble gestaltet.

Im Anschluss an den Pfingstgottesdienst laden wir zu einem frühsommerlichen Brunch in den Pfarrgarten ein.

Pfingstpredigt 2017

Pfingstpredigt

 Meine lieben Brüder und Schwestern,

mein Jüngster macht gerade sein Abi, und dann sind alle unsere Kinder aus dem Haus. Und wir Eltern? Wir stehen mal wieder vor der Aufgabe, loszulassen – im Vertrauen darauf, dass auch Nummer drei den eigenen Weg schon finden wird.

Das ist schwer. Sehr schwer sogar. Zu groß ist nämlich das Bedürfnis,  den Kleinen, der uns mittlerweile um Haupteslänge überragt, zu beschützen und vor allen Fallstricken und Sackgassen zu bewahren.

Dabei üben wir dieses Gehenlassen schon seit seinem ersten Schritt auf kurzen wackeligen Beinen, wo wir auch nur zuschauen konnten, wie er gleich darauf auf den – allerdings gut gepolsterten – Allerwertesten landete. Oder am ersten Tag im Kindergarten, wo ich als Mutter gehen musste, damit er es auch alleine schafft, obwohl mir fast das Herz dabei gebrochen ist. Denn sein jammervoller Protest war unüberhörbar.

Ich vermute mal, Sie alle kennen solche Momente, wo Mutter und Vater loslassen müssen, damit die Kinder selber groß werden. Und die Jugendlichen hier unter uns wissen wohl am besten, wovon ich rede: wie wichtig nämlich jene Eltern und Lehrer sind, die sich selbst zurücknehmen, damit der Nachwuchs seinen eigenen Weg findet.

Mit diesen Erinnerungen vor Augen verstehen wir vielleicht auch noch besser, was Jesus uns heute im Johannesevangelium über den Heiligen Geist sagt. Ich lese den Predigttext aus Johannes 16 in einer Übertragung des wortgewaltigen Sprachgenies Walter Jens.

Nun aber gehe ich heim zu Gott, der mich gesandt hat, und keiner unter euch fragt mich, wohin ich gehe; denn euer Herz ist voll Traurigkeit, nun, da ihr wisst, dass ich euch verlasse – und das ist gut für euch, glaubt mir, ich sage die Wahrheit, dass ich fortgehe, unter die Himmel. Denn bliebe ich hier, dann würde der Helfer nicht kommen, und ihr wärt ohne Beistand. Jetzt aber gehe ich fort, und er mag euch trösten: Ich schicke ihn bald, meinen Boten. Und wenn er kommt, wird er die Welt überführen und den Menschen zeigen, was Sünde ist, was Gerechtigkeit und was Gericht. Urteilen wird er: Es ist Sünde, mir nicht zu vertrauen und den Glauben an mich zu verweigern. Es ist Gerechtigkeit, dass ich zum Vater gehe, fort von den Menschen – ach!, fort auch von euch. Und es wird Gottes Gericht sein, wenn der Herrscher, der Teufel, sein Urteil erhält: Schuldig! — Ich könnte euch noch vieles erzählen; aber ihr würdet es nicht ertragen, jetzt, in der Stunde des Abschieds. Doch wenn der Geist der Wahrheit, Gottes Bote, kommt, wird er euch zur Wahrheit geleiten und das Geheimnis des Todes enthüllen, der, so will es Gott, lebendig macht. Bedenkt immer, dass euer Helfer nicht aus sich selbst spricht: Er erzählt, was er hört, und er verkündet euch, was sich ereignen soll. Er wird euch meine Herrlichkeit zeigen; mir nah, mir verbunden und von mir bevollmächtigt. Sein Wort leuchtet hell, weil es von dem gekommen ist, was mir gehört: aus meinem Besitz – überkommen vom Vater: Denn was er hat, das habe auch ich. Und darum sagte ich euch: Alles, was er von meiner Herrlichkeit kündet, ist ihm eingegeben von mir.

Meine lieben Brüder und Schwestern,

Jesus eröffnet seinen Jüngern, dass er fortgehen wird. Und die haben Angst. Sie sind verunsichert. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ihr Leben ohne ihn, ohne seinen Rat und seine Nähe weitergehen soll. Und dann bekommen sie von ihm auch noch gesagt: „Mal ganz ehrlich! Es ist gut für Euch, dass ich weggehe!“

„Wie bitte? Was soll das denn heißen?“ werden sich die Jünger daraufhin gefragt haben. „Wir brauchen Dich. Du hast es doch selbst angekündigt: „ich bin das Licht der Welt, die Wahrheit und das Leben.“ Wie sollen wir es denn ohne Dich schaffen? Und überhaupt: wir müssen noch so viel von Dir lernen, so viel, was wir noch nicht verstanden haben! Du kannst uns doch jetzt nicht allein lassen!“

„Aber wenn ich nicht weggehe,“ antwortet Jesus ihnen, „kommt der Beistand nicht zu euch! Er wird Euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen.“

Doch die Freunde Jesu sind so traurig, dass sie nicht mal wissen wollen, wohin Jesus denn gehen wird. Sie wollen erst recht keinen Helfer. Sie wollen ihn behalten. Und vielleicht sagen sie sich auch: „Das ist doch keine Begründung. Denn: Wenn er da bliebe, dann hätten diesen sogenannten Beistand ja gar nötig.“

Aber Jesus bietet ihnen diesen Helfer, seinen Geist, nicht als Ersatz an, der weiter auf sie aufpasst, sondern als eine Kraft, die sie wachsen lässt. Er muss sie loslassen.

Wie ein guter Vater oder auch ein guter Lehrer tritt er zur Seite, damit seine ihm Anvertrauten die ganze Wahrheit erfassen und darin in ihrem Leben selber können. Er muss jetzt nicht mehr bei ihnen sein! Wie gute Eltern gibt er ihnen das Vertrauen mit, dass sie ihren Weg schon finden werden.

Jesus ist nicht der selbstverliebte Guru, der seine Schüler klein hält und sie von sich abhängig macht. Er ist gekommen, um die Menschen an ihre Würde zu erinnern, daran, dass sie ihre eigenen Worte finden, selbständig ihren Weg gehen, aus seinem Schatten heraustreten und sich dennoch immer seiner Kraft bewusst sind.

Und das geschieht an Pfingsten: die Jünger entdecken jene Kraft, die Jesus ganz erfüllt hat, in sich selbst. Sie spüren seine Wahrheit im eigenen Herzen.

Und diese Wahrheit ist, dass Weihnachten und Ostern nicht nur Geschichte sind, die sich vor langer, langer Zeit in Betlehem und Jerusalem ereignet hat, sondern dass sie in jedem glaubenden Menschen immer wieder neu Wirklichkeit wird. Nicht nur Jesus ist Gottes Sohn, sondern wir alle sind mit ihm und durch ihn die Seinen. Das ist die Wahrheit unseres Lebens. Und die finden wir in unserem Herzen und in jedem Menschengesicht.

Jesus musste dafür sterben, damit wir das endlich mal verstehen und ihn in jedem erkennen. Und wenn wir endlich damit anfangen würden, was längst überfällig ist, das zu tun, dann gäbe es keinen Krieg mehr, kein Morden, keine Missgunst, keine Gier und keine Einsamkeit. Denn dann wäre der Fürst dieser Welt wirklich gerichtet, der uns gegeneinander aufhetzt und uns auseinander bringen will.  Dann hätten wir schon längst verstanden, was Gerechtigkeit wirklich bedeuten kann. Aber es ist ja bekanntlich nie zu spät. Nicht solange wir leben.

Ja, ich gehe – aber ich bleibe dennoch bei Euch, verspricht uns Jesus. Ihr werdet nicht allein sein. Niemals. Ihr könnt Euch auf mich verlassen. Wenn Ihr es wollt. Wenn Ihr mich wirklich bei Euch haben wollt, bin ich da.

Ich wiederhole es noch einmal: Das ist die Wahrheit unseres Lebens. Jesus hilft uns dabei, immer mehr wir selbst zu werden.

Martin Buber hat einmal gesagt, dass Gott, wenn wir am Jüngsten Tag vor ihm stehen werden, uns nicht fragen wird: Warum bist du nicht Mose gewesen? Oder Elia? Oder Jesus? sondern: Warum bist du nicht du selbst gewesen?

Wir alles sind Gottes Geschöpfe. Jeder und jede von uns ist Gottes einzigartige Tochter, Gottes einmaliger Sohn. Wir sind nicht dazu geschaffen, uns immer mehr einem Bild anzugleichen, das wir oder das andere von uns haben. Wir dürfen immer mehr die werden, die Gott von Anfang bis Ende liebt.

Deswegen, finde ich, ist Pfingsten das schönste Fest des Jahres. Denn es ist unser Fest, an dem wir reich beschenkt werden. Beschenkt mit dem Geist Gottes, mit seinem Vertrauen in uns. Pfingsten heißt doch nicht anderes, als im Geist dessen zu leben, der uns liebt, und der uns diesen Geist seit seiner Auferstehung noch keine Sekunde entzogen hat. Er kennt uns. Er hat unter uns gewohnt. Er ist für uns gestorben. Größeres kann es doch nicht geben.

Denn gibt es größeres als die Liebe? Als Seine Liebe zu uns? Und wenn das so ist, darf sie nicht einseitig bleiben. Dann müssen wir sie ihm zurückgeben. Bleiben Sie alle behütet von dieser Liebe. Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.