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06 Oktober
Sonntag, den 06.10.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Ernte-Dank

Predigt zu Jes 58, 7-12

Liebe Brüder und Schwestern,
in Oberrad haben sie schon am letzten Sonntag Erntedank gefeiert. Meine Kollegin, Pfarrerin Anne Helms, hat mir neulich sehr eindrücklich erzählt, was für ein großes Fest das jedes Jahr ist. Denn dort, wo die Grüne Soße herkommt, wird ja wirklich noch Ernte gefeiert.

Zu Beginn des Gottesdienstes ziehen deshalb die Oberräder Gärtner mit Brot und Blumen ein. Und den Höhepunkt der Prozession bildet die stolze Erntekrone. Nicht nur der Altar ist so schön wie hier bei uns geschmückt, sondern das Gemüse, das Obst und die frischen Kräuter ergießen sich satt und farbenprächtig die Altarstufen runter bis in den Kirchenraum hinein.

Sie sind Zeichen dafür, dass die Ernte auch in diesem Jahr wieder richtig gut war. Die Freude und der Dank, dass der Hagel und andere Plagen die Früchte ihrer Arbeit nicht zerstört haben, und dass auch die Hitze in diesem Sommer nicht alles hat verdorren lassen, ist in der Kirche in Oberrad für alle spürbar.

Wie ist das aber hier für uns in der Friedenskirche?

Ich glaube, diese Dankbarkeit für die Ernte ist für Städter, wie ich eine bin, nur sehr begrenzt nachvollziehbar. Sicher, auch ich arbeite auf etwas hin, fiebere, dass es gut geht und freue mich über den Erfolg. Aber was das heißt, vom Wetter abhängig zu sein und von der Natur, die wir Menschen, ja immer noch nicht bis ins Letzte kontrollieren können, und wie groß die Erleichterung ist, wenn die Ernte ins Sichere gebracht ist, davon habe ich doch, wenn überhaupt, nur eine sehr ungenaue Ahnung.

Und weil das nicht nur mir so geht, gibt es tatsächlich viele Gemeinden in den Städten, die Erntedank gar nicht mehr feiern. Weil sie sagen: Das ist nicht unser Alltag und daher auch nicht unser Fest.

Wir haben 12 Monate im Jahr Obst und Gemüse im Überfluss. Wir ernten nicht nur im September, sondern haben Erdbeeren, Kirschen, Äpfel in Hülle und Fülle auch dann, wenn es draußen kalt ist und schneit.

Und ist der Einwand nicht berechtigt? Müssen wir nicht wirklich achtgeben, dass Erntedank nicht zur frommen Folklore verkommt?

Und doch bin ich froh, dass wir hier in der Friedenskirche heute zusammen diesen Dank feiern, und ich freue mich sehr an dem von Irene Kaiser, Ute Grasse, Nele Keller und anderen so prächtig geschmückten Altar. Und wie schön ist es doch, wenn wir wenigstens heute einmal diese Lebensmittel, die das ganze Jahr über selbstverständlich für uns verfügbar sind, auf den Altar legen wie kostbaren Schmuck. Das kann doch helfen, auch an den anderen 364 Tagen im Jahr diese Früchte wertzuschätzen. Und ich bin sicher, wenn wir uns an diesen Altar auch beim nächsten Einkauf im Supermarkt erinnern, dann brauchen wir keine Sorge zu haben, dass Erntedank für uns nur fromme Folklore ist.
Denn dann kann dieses Fest uns die Augen öffnen für die Schönheit und den Reichtum, in dem wir leben und für das, was wir eigentlich zum Leben brauchen und was nicht. Und ich wünsche uns, dass wir dann auch die Dankbarkeit spüren, die das Herz ganz weit und leicht macht. Weil wir dann nämlich auch wieder spüren, was für ein großes Geschenk das Leben ist.

Und wo Menschen dieses Geschenk annehmen und daraus leben, wird selbst der Alltag zum Fest, wie eine kleine Begebenheit zeigt, die sich tatsächlich so zugetragen hat, die ich Euch und Ihnen heute morgen erzählen möchte. In ihr kommt zum Ausdruck, was wir heute feiern:

An der Tür eines Cafés am Ufer des Wandlitzsees in der Nähe von Berlin hängt ein handgeschriebener Zettel, auf dem in ungelenker Schrift Folgendes steht: „Liebe Gäste, wenn sie Hunger haben, dann können sie hier gerne essen und später bezahlen, wenn sie mal nicht bezahlen können. Denn es ist nicht schlimm! Niemand soll hungern müssen. Wenn sie Obdachlose kennen oder Menschen, die sich gar nichts leisten können, dann schicken sie sie bitte her. Wir schenken eine Mahlzeit und ein Getränk. Auch sie sollen beim herrlichen Blick von unserer Terrasse auf den Wandlitzsee Speis und Trank genießen können.“ Und klein steht darunter: „Bitte nutzen Sie diese Gutmütigkeit nicht aus, damit wirklich Bedürftige davon profitieren können.“

In der Facebook-Gruppe, in die jemand diesen wunderbare Einladung gepostet hatte, ging sofort die Diskussion los. „Das ist wirklich eine sehr schöne Idee,“ schreibt da eine, „aber nicht jedes Restaurant kann sich sowas leisten. Denn es gibt auch Leute, die das ausnutzen.“ „ Ich könnte diese Großzügigkeit nicht annehmen,“ meint einer. „Respekt dem Besitzer,“ postet ein anderer, „aber an das Gute zu glauben, fällt in dieser Zeit schwer, wo jeder nur an sich denkt.“ Und wieder ein anderer fragt kritisch, ob es sich dabei nicht doch nur um einen ausgefeilten Werbegag des Restaurants handele. Die meisten aber sind sich einig: Was für eine schöne und mutige Geste! „So ist die Welt, in der ich leben will!“ schreibt eine in die Gruppe und „erntet“ dafür unzählige Likes und Herzchen. Denn recht hat sie ja. Das ist nicht nur eine schöne Geste, sie macht auch die Welt gleich ein bisschen schöner und freundlicher. Und sei es nur, weil diese Einladung jedem, der sie liest, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert und ein bisschen mehr ans Gute glauben lässt.

So eine Einladung erfordert Mut. Den Mut nämlich, auch enttäuscht zu werden und am Ende als der Dumme dazustehen, dessen Gutmütigkeit ausgenutzt worden ist. Woher aber kommt dieser Mut? Ich glaube, er kommt aus der Dankbarkeit für all das Schöne, das so schön ist, dass man es unbedingt mit anderen teilen möchte. So was Schönes zB. – wie eben jener herrlichen Blick von der Terrasse auf den Wandlitzsee.

Und genau darum, um so eine fröhliche Großherzigkeit geht es auch im heutigen Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja. Er schreibt:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja ist eigentlich ein Text, der vom rechten Fasten handelt. Und er will auf den ersten Blick so gar nicht zum Erntedankfest passen. Aber wieder mal nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick hat beides ganz viel miteinander zu tun. Denn es geht darum, das Geschenk, das Gott uns machen will, auch anzunehmen, ihm also zu vertrauen, dass er es gut mit uns meint.

„Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“ fragen seine Landsleute den Propheten und beschweren sich, dass Gott sich durch ihr Fasten einfach nicht erweichen lässt. Gott ist für sie einer, der Opfer will. Ein Buchhalter, der nur auszahlt, wenn man zuvor was eingezahlt und geleistet hat.

Die Antwort, die der Prophet auf diese Klage gibt, ist bestechend einfach: Gott will nicht, dass Ihr Euch kasteit. Er will nicht Euren Verzicht als fromme Übung. Gott hat Euch reich beschenkt und will nichts anderes, als dass Ihr euch darüber freut und weitergebt, was Ihr selbst empfangen habt.

Auch Jesaja spricht im „Wenn … und … Dann“. Wenn Du dem Hungrigen dein Brot brichst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen. Fast scheint es also, dass wir zwar nicht durch Fasten aber doch durch gute Werke uns Gottes Liebe erst verdienen müssten. Schauen wir aber auf die Bilder, die Jesaja hier entwirft, so kehrt sich die Blickrichtung um: „Deine Gerechtigkeit wird vor Dir hergehen und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen“, sagt er und erinnert damit an den Auszug aus Ägypten. Weil Gott Euch also in die Freiheit geführt habt, tut Ihr das auch für die andern. Weil Gott für Euch mitten in der Wüste das Wasser hat sprudeln lassen, macht ihr auch anderen neuen Lebensmut. Weil Gott für Euch gesorgt hat, teilt Ihr nun mit den Hungrigen, was Ihr habt. Die Ernte ist schon da. Und es reicht für alle, sagt der Prophet. Ihr braucht die Gaben nur dankbar anzunehmen, indem ihr mit jenen teilt, die nicht glücklich sind wie Ihr.

Und Jesaja malt uns in den schönsten Bildern jene Welt aus, in der wir leben, wenn wir das beherzigen und Gott vertrauen, dass er es mit uns allen gut meint, wie er es schon früher getan hat. Es ist seine Welt, in der niemand zu kurz kommt, genug für alle da ist, und wo der Alltag zum Fest wird.

Es ist jene Welt, die wir jetzt schon manchmal entdecken können, nicht nur in der wunderbaren Einladung ins Strandcafé am Wandlitzsee, sondern überall dort, wo Menschen dankbar sind und an das Gute glauben, einer dem anderen die Hand reicht und wo das Lächeln von herzen kommt. „Wo du den Hungrigen dein Herz finden lässt,“ sagt der Prophet. Und besser kann man es wohl nicht sagen.

Das Erntedankfest ist eine Gelegenheit, unser Herz wiederzufinden. Denn wo wir staunen über das, was uns tagtäglich an Gutem widerfährt, können wir lernen, an das Gute auch zu glauben. Wo wir nichts für selbstverständlich nehmen, sondern dankbar sind für die Schönheit im Kleinsten und für den Reichtum, in dem wir leben dürfen, da öffnen wir unser Herz für Gottes Zukunft schon jetzt in unserem Leben. Wo wir uns über die Ernte freuen und seiner Verheißung trauen, können wir doch gar nicht anders, als miteinander zu feiern und zu teilen, was wir selbst geschenkt bekommen haben.

Dann lassen wir die Hungrigen unser Herz finden und sorgen dafür, dass sie auch satt werden. Denn wir wissen dann, dass Gott uns führt und leitet, und es genug für alle gibt. Nicht nur am Wandlitzsee.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.