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22 August
Sonntag, den 22.08.2021 10:15 Uhr Friedenskirche

Hefata! Öffne Dich!

Liebe Brüder und Schwestern!

In diesen Tagen werden sich manche an jenen Satz aus der Neujahrspredigt von Margot Käßmann in der Dresdner Frauenkirche am 1. Januar 2010 erinnern: „Nichts ist gut in Afghanistan,“ sagte sie damals schon, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Sturm der Entrüstung entlud sich über sie. Ihre Aussagen wurden als gutmenschlich, moralprotestantisch und absolut naiv von jenen angeprangert, die sich meinten auszukennen, wie das geht mit Krieg und Frieden.

Heute aber, elf Jahre später, stimmt dieser Satz leider immer noch. Ja, jetzt sehen es alle: „Nichts ist gut in Afghanistan!“ Wie soll es auch? Denn wo Waffen sprechen, verstummen Menschen. Nicht nur in Afghanistan, sondern überall auf der Welt. Und wenn ich die Bilder vom Flughafen in Kabul sehe, wo Verzweifelte sich an Flugzeuge klammern und sich nicht halten können, wenn ich von den Frauen und Mädchen höre, die von einem Tag zum anderen wieder der blanken Willkür männlicher Gewalt ausgesetzt sind – und wir wissen, dass dieses Phänomen nicht auf Afghanistan begrenzt ist -, dann schnürt sich mir wieder einmal die Kehle zu. „Ich möchte nur noch schreien!“ meinte eine der Seniorinnen am Mittwoch im Frauenkreis. Und eine andere fragte nachdenklich in die Runde: „Warum gewinnen nur immer wieder die Bösen? Da fehlen einem doch die Worte und der Glaube, dass es wirklich irgendwann gut werden kann.“

Gelähmt und sprachlos schauen wir nach Afghanistan. Gerade ist die schreckliche Flut ein paar Wochen her. Gerade sind die Brände in Griechenland gelöscht. Gerade steigen die Inzidenzen bei uns wieder. Und nun das. Ich kann gut verstehen, dass manche die Nachrichten gar nicht mehr erst anschalten, weil sie all das Schreckliche schier nicht mehr hören können. Denn die Ohnmacht ist ja wirklich kaum zu ertragen. Was können wir denn um Himmelswillen überhaupt ausrichten? Was gegen die Flut im Ahrtal? Was gegen die Erderwärmung? Was gegen die Erdbeben? Was gegen die Geißel Corona? Was gegen all die Kriege?

Mitten in diese Sprachlosigkeit hinein hören wir das Evangelium für den heutigen Sonntag. Und ich wünsche uns so sehr, dass es uns Mut macht. Mut, unsere Ohren und Herzen offenzuhalten und niemals aufzugeben. Mut, um Worte zu ringen, ja, zu schreien, wenn es sein muss, für jene, deren Schrei nach Gerechtigkeit und Frieden immer und immer wieder erstickt wird. Und so lesen wir im Markusevangelium und erfahren von Jesus, wie er den Menschen zur Seite stand.

Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! Das heißt: Öffne Dich!

Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig.

Und Jesus gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles gut gemacht. Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

„Hefata! Öffne Dich!“ sagt Jesus zu dem Taubstummen, der vor ihm stand mit der Sehnsucht geheilt zu werden. Er sagt es aber auch heute zu uns: „Hefata! Öffne Dich!“ Weil auch in uns diese Sehnsucht ist. Selbst wenn wir oft taub und stumm und sprachlos sind vor lauter Kummer.

„Und die Ohren taten sich auf,“ schreibt der Evangelist Markus weiter. „Und die Fesseln der Zunge lösten sich. Und er redete richtig.“

Für uns, die wir damals nicht dabei waren, ist es nur schwer zu verstehen, was damals geschah. Zu unglaublich das, was Markus berichtet.

So geht es auch jenen, die dabei sind und es mit eigenen Augen gesehen haben. Aber außer sich vor Staunen erkennen sie: Dieser da hat alles gut gemacht. Und sie können nicht anders, als es weiterzusagen.  Weil sie auf einmal voller Hoffnung sind. Und weil es ja die Hoffnung ist, die nicht nur den Taubstummen, sondern uns alle, auch unsere Erde wieder heiler machen wird.

Schauen wir also nochmal genau hin, was jene Augenzeugen damals gesehen haben und was Markus für uns aufgeschrieben hat.

Erstaunliche Dinge, im Grunde ja wirklich unglaubliche Dinge tut Jesus da. Er steckt einem Gehörlosen die Finger in die Ohren. Er spuckt auf die Erde und legt einem Kranken diesen Brei auf die Zunge, als ob er ihm wie ein Töpfer eine neue formt.

Und wir werden erinnert an jenen Moment ganz am Anfang der Weltgeschichte, als Gott im Paradiesgarten den Adam aus Staub knetete und ihm seinen Lebensodem einhauchte. Und wenn der Evangelist uns das alles so erzählt, dann deshalb, weil jene, die Jesus begegnet sind, am eigenen Leib erfahren haben, dass Menschen durch ihn zu neuen Menschen mit offenen Ohren und mutiger Rede werden und nicht länger stumme Zuschauer bleiben, sondern sich einmischen als Teil einer Gemeinschaft, die größer ist als sie.

Auch wir, die wir 2000 Jahre später leben, können diesem Jesus nahe sein und uns von ihm berühren lassen. Im Gebet, hier im Gottesdienst, aber auch und ganz besonders, wenn wir aufeinander hören. Weil wir uns vorher zugehört haben. Denn wir glauben, dass dieser Jesus Christus der von den Toten Auferstandene an unserer Seite ist, dem wir also begegnen in jedem Menschengesicht, in jedem richtigen Wort und in jeder stummen Berührung.

Was mag wohl der Taubstumme damals zuerst vernommen haben, als er vor ihm stand? „Jesus sah zum Himmel auf und seufzte,“ sagt der Evangelist Markus.

Ich habe dieses Evangelium nun schon so oft gelesen und vorgelesen bekommen, aber jetzt zum ersten Mal dieses Seufzen bewusst nachvollziehen können. Vielleicht weil mir gerade selbst so danach zumute ist. Paulus schreibt dazu im Römerbrief, „wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, dann tritt der Geist Gottes für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.“ Und das ist der Seufzer der ganzen Schöpfung, die sich nach Erlösung sehnt, auf Gott wartet und wartet und ihn vermisst: „Wo bist Du?“

Und vielleicht war auch das erste Wort des Stummen, das erste richtige Wort, wie es im Evangelium ausdrücklich heißt, so ein Seufzer der absoluten Erleichterung aus tiefsten Herzen. Vielleicht ist auch unser erstes Wort heute dieser Seufzer, der uns mit allen verbindet, die dazu keine Kraft mehr haben.

Hefata! Öffne Dich! sagt Jesus also seufzend. Es ist ein aramäisches Wort und gehört zu seiner Muttersprache. Wahrscheinlich hat er fast immer Aramäisch gesprochen. Trotzdem gibt es in den Geschichten über ihn nur vier aramäische Sätze. Und die sind  wie ein kleines Glaubensbekenntnis und sie sind so wichtig, dass die Evangelisten sie uns wortwörtlich überliefert haben. Und diese Sätze lauten: Abba, Vater. Talita-Kumi, Mädchen steh auf.  Eli-Eli-lama-asabtani – Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? und Hefata. Öffne dich. Danach ist der Mensch geheilt.

Und wir?  Hefata – tu dich auf, Europa.  Hefata. Öffnet euch, ihr Gedanken und Mühen, auf dass wir Menschen doch noch gemeinsam eine Welt bauen können, in der alle frei und sicher leben. Hefata, tut Euch auf, die Ihr manchmal nicht mehr glauben könnt, dass es gut werden kann. Mit Afghanistan, mit den vielen abertausenden Kriegen und Krisen rund um unseren ganzen Globus und mit uns, die wir die Ohnmacht kaum aushalten können. Hefata. Hefata.

 

Nein, es ist nicht alles gut, liebe Brüder und Schwestern. Aber kann es nicht doch gut werden? Haben wir durch Jesus Christus nicht Hoffnung für diese Welt und über die Welt hinaus? Kann sie uns nicht ermutigen, gegen das Verstummen immer und immer wieder zu seufzen und darum zu beten, dass unseren Worten Taten folgen? Worte, die richtig sind und endlich gut? Und wo Menschen sich überall auf der Erde erfüllt von Gottes gutem Geist zusammentun, kann sich dann das Antlitz der Erde nicht doch verändern? Endlich zum Besseren hin?

Dann erst, dann erst wird doch das Wort endlich wahr, „Er hat alles gut gemacht. Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.“

Hefata, öffne Dich!

Gib uns Sprachlosen endlich das richtige Wort.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.