Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Jetzt folgen
Haben Sie Fragen?
17 Oktober
Sonntag, den 17.10.2021 10:15 Uhr Friedenskirche

Altwerden

Predigt zu Prediger 12,1-7

„Altwerden ist nichts für Feiglinge,“ so heißt ein kleines Buch von Joachim Fuchsberger, das zu einem Bestseller wurde, weil er mit seinen heiteren Gedanken zum Alter.

Im Frauenkreis wird der beliebte Schauspieler deshalb immer wieder gerne zitiert, wenn es um nachlassende Kräfte und kaputte Aufzüge geht.

„Halt nichts für Feiglinge,“ kommt es dann immer wieder irgendwann augenzwinkernd aus der Runde, was mit einem allgemeinen seufzenden Lächeln quittiert wird. Fuchsbergers Worte machen Mut, sich dem Altwerden zu stellen. Mit Humor und Gelassenheit. Und eben jenem komplizenhaften Augenzwinkern.

Aber wann fängt das mit dem Altwerden eigentlich an, liebe Brüder und Schwestern?

Neulich erzählte mir ein junger Mann einigermaßen verzweifelt, dass er sich mit seinen paar und dreißig fürchterlich alt fühle.Er konnte einfach nicht mehr so ungestraft wie in Studentenzeiten die Nacht zum Tag machen könne. Und eine 40 Jährige beklagte sich bei mir über ihre mangelnde Fitness und den Muskelkater nach einer ausgedehnten Fahrradtour.

„Kommt Ihr mal in mein Alter,“ konnte ich beiden da nur lachend antworten.

Muskelkater ist da das geringste Problem. Ihr könnt Euch am nächsten Morgen noch nicht mal an die Namen jener erinnern, mit denen Ihr gefeiert habt.

Ja, Altwerden ist nichts für Feiglinge, liebe Brüder und Schwestern.

Und diese Einsicht trifft nicht nur Hochbetagte, sondern alle, die an ihre Grenzen kommen und merken, dass sie nicht immer so können, wie sie wollen.

Solange wir jung und gesund sind, können wir dieser Erkenntnis vielleicht noch besser aus dem Weg gehen oder die Grenzen einfacher ignorieren, aber irgendwann kommen wir nicht drum herum, zu akzepieren, dass wir nun einmal endliche Wesen mit endlichen Kräften und endlichen Möglichkeiten sind.

Ob wir das immer so wahrhaben wollen und können, sei dahin gestellt. Irgendwann aber müssen wir uns alle damit auseinandersetzen. Und am besten eben nicht erst, wenn es zu spät ist.

Das ist eine Erkenntnis, die uns in den letzten Monaten ja nicht nur als Einzelne, sondern auch als Gesellschaft eingeholt hat. Wir haben allesamt die Erfahrung gemacht, wie verletzlich wir doch sind. Die Alten wie die Jungen. Trotz immer neuer großartiger Erfindungen wie der Impfstoff gegen Covid muss doch auch der Letzte mittlerweile merken, dass wir das Leben nicht in der Hand haben und unsere Möglichkeiten immer begrenzt sind.

Darüber hinaus stehen wir heute an einem Punkt, wo wir uns auch als ganze Menschheit eingestehen müssen, dass es so, wie es bisher war, nicht mehr weitergehen kann. Wir leben über unsere Verhältnisse. Wir können und dürfen unsere Grenzen und ganz besonders die Endlichkeit unserer Ressourcen nicht länger ignorieren. Sonst sind wir schneller am Ende, als wir uns das vorstellen wollen.

Und während manche immer noch meinen, die Augen davor verschließen zu können, macht diese Entwicklung vielen, insbesondere vielen jungen Menschen heute Angst. Sie fühlen sich schrecklich ohnmächtig und um ihre Jugend betrogen,

Und ich kann sie gut verstehen. Es ist ja das Privileg der Jugend, sorglos zu sein, weil sie noch so viel Leben vor sich haben. Die Zukunftsszenarien sind da wirklich zum Fürchten.

Angst und Verzweiflung sind keine guten Ratgeber. Nie gewesen. Wir brauchen Mut. Mut angesichts unserer Grenzen. Den Mut, anders zu leben.

Aber wir werden wir mutig?

Eine Antwort finden wir im Buch der Bücher beim weisen Prediger Kohelet, der in gewisser Weise schon lange vor Joachim Fuchsberger ein Buch über das Altwerden verfasst hat. Auch ein echter Bestseller. Und das schon seit über 2000 Jahren.

Der Prediger hat ein Buch über das Leben geschrieben, über das Kommen und Gehen der Menschen, über ihr Wirken und Weben. In all dieser Vergänglichkeit sieht er Gott am Werk, der den Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt hat. Und er schreibt gerade nicht für die Lebenserfahrenen und Ergrauten sondern für die Jugend. Denn Kohelet war ein Lehrer. Und ein richtig guter, der nichts mehr und nichts weniger wollte, als dass seine Schüler fürs Leben lernen.

Seine Worte haben seitdem nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Und so hören wir den Prediger über die Zeiten hinweg auch uns heute morgen sagen:

Gedenke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: Sie gefallen mir nicht. Ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne sich verfinstern und die Wolken nach dem Regen wiederkehren.

In der Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und die Müllerinnen aufhören zu arbeiten, weil sie zu wenige geworden sind, und wenn trübe werden, die aus dem Fenster schauen.

Wenn die Türen zur Straße hin geschlossen werden und das Klappern der Mühle leise wird.

Wenn man aufgeht beim Vogelgezwitscher und gedämpft werden die Töchter des Gesangs.

Wenn man sich auch vor jeder Anhöhe fürchtet und Schrecknisse auf dem Weg sieht.

Wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich mühsam fortschleppt und die Kaper versagt.

Denn der Mensch geht in sein ewiges Haus. Und die Trauernden gehen auf der Gasse umher.

Ehe die silberne Schnur zerreißt und die goldene Schale zerspringt und der Krug an der Quelle zerbricht und das Schöpfrad zerbrochen in den Brunnen stürzt und der Staub wieder zur Erde zurückkehrt, wie er gewesen ist. Und der Geist zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben hat.

Liebe Brüder und Schwestern, ja, so sehen Tage aus, von denen ein Mensch sagt: „Sie gefallen mir nicht.“

Es sind dunkle, wolkenverhangene, einsame Stunden, wo wir bis in den kleinste Faser hinein spüren, wie vergänglich und zerbrechlich doch unser Leben ist.  Es sind Grenzerfahrungen. Tage, die wir wohl alle schon gesehen haben. Weil die nicht erst im Alter kommen. Zeiten, an die wir uns nicht gerne erinnern lassen, und wo wir froh sind, wenn sie vorübergehen und nie wieder kommen.

Kohelet aber geht den anderen Weg. Er malt uns diese bösen Tage schonungslos aus. Und auch wenn wir seine Bilder vielleicht nicht bis in Letzte entschlüsseln können, so erschließt sich doch, um was es dem alten Lehrer geht. Er will, dass wir unseren Grenzen – ja sogar unserer allerletzten –  ins Auge schauen. Weil das für ihn der Anfang der Weisheit ist. Von diesen Grenzen her entdecken wir nämlich erst, was unser Leben im Innersten zusammenhält.

Das allerdings können wir nur sehen, wenn wir seinen Rat beherzigen, den er allem anderen voranstellt. „Gedenke an Deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugend.“  Für Kohelet steht und fällt alles mit diesem Glauben an Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat.

Mit dem Glauben an einen Schöpfer tun sich heute viele schwer, liebe Brüder und Schwestern. Gott ist für sie allenfalls eine göttliche Lebensmacht, die alles durchdringt. Auf diese Macht können wir uns allenfalls besinnen, solange sie da ist. Aber sie hilft gerade nicht, wenn wir uns ohnmächtig fühlen.

Als Kirche bekennen wir uns demgegenüber gemeinsam mit Kohelet und all unseren Väter und Müttern im Glauben Sonntag für Sonntag zu Gott, dem Vater, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und wir machen uns damit gegenseitig Mut. Wir sprechen uns darin auch heute den Glauben an Gott zu, der uns und alles, was ist, nicht nur ins Leben geliebt hat, sondern der sich auch von unserer Not, unseren Zweifel und unseren Fragen berühren lässt und sich schließlich selbst ganz hineingibt in unsere Welt, um uns und seine Schöpfung buchstäblich um jeden Preis zu erhalten und zu retten.

Gott ist Anfang und Ende, wie ist im Johannesevangelium steht. Ihm begegnen wir also gerade an unseren Grenzen und Ihm können wir dann auch vertrauen, dass am Ende alles gut wird, und solange es noch nicht gut ist, wir noch nicht am Ende sind.

In diesem Glauben erkennen wir, dass unser Leben und alles Leben auf dieser Erde sein großes Geschenk an uns ist. Und seine Liebe, die in diesen Geschenken steckt, die ist ewig. Die bleibt, auch wenn alles andere vergeht.

Gott hat sie uns nämlich ins Herz gelegt, damit wir daraus leben.

Und mit dieser Liebe im Herzen hören wir wie der Prediger auch an den dunklen Tagen das Vogelgezwitscher, entdecken die ersten Mandelblüten und sehen, dass das Wasser des zerbrochenen Kruges in den Brunnen zurückfließt und dass in der Tiefe eine Quelle ist, die nie versiegt.

Diese Liebe lässt uns nämlich weitersehen. Über alle Grenzen hinweg. Sie macht das Unmögliche möglich. Denn sie ist in der Ohnmacht mächtig. Auch heute. Auch in unserer Welt mit all ihren schrecklichen Krisen. In ihr leben heißt dann, gelassen tun, was zu tun ist, im Wissen, dass Gott uns und die Welt in seinen Händen hält.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, das Leben ist nichts für Feiglinge, um zum Schluss noch einmal Fuchsberger zu zitieren. Aber Gott hat es uns geschenkt, damit wir beherzt seine Liebe in die Welt hineintragen. Mit Humor und Gelassenheit. Und einem komplizenhaften Augenzwinkern. Dafür sind wir nie zu alt. Dafür kriegen wir jeden Tag, auch an den bösen und dunklen, von ihm den Mut und die Kraft, die wir brauchen. Immer wieder für diesen einen Tag. Wir müssen ihn nur darum bitten. Denn Gott ist doch bei uns am Abend und am Morgen. Und ganz bestimmt an jedem neuen Tag.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.