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27 Februar
Sonntag, den 27.02.2022 10:15 Uhr Friedenskirche

Machtverhältnisse

Predigt: Machverhältnisse

Liebe Brüder und Schwestern,

„Kriege beginnen in Europa selten an einem Mittwoch!“, meinte der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow. Zynisch sind seine Worte. Denn nicht seit Mittwoch, sondern seit Donnerstagmorgen herrscht wieder Krieg in Europa.

Ich will Ihnen das ganze Schreckensszenario jetzt nicht vor Augen führen. Sie werden vermutlich auch alle in den letzten Tagen voll Sorge die Nachrichten aus der Ukraine verfolgt haben.

 

Aus Solidarität mit den Menschen in der Ukraine wurden die meisten Fastnachtssitzungen abgesagt. Sogar die legendäre Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ wurde am Freitagabend nicht gesendet. Ich finde das eine gute und richtige Entscheidung! Denn bei den Bildern von russischen Panzern und Soldaten, die bei Nacht und Nebel in die Ukraine einmarschieren, bleibt einem wirklich jedes „Hellau!“ im Halse stecken.

 

Dabei ist die rheinische Fastnacht wie wir sie heute kennen in einer Zeit entstanden, wo mal die Franzosen, mal die Preussen oder Hessen mit allen militärischen Mitteln das Rheinland besetzten und immer mehr Menschen sich nach Demokratie sehnten. Die Forderung der französischen Revolution nach Égalité, Liberté und Fraternité, also Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit haben sich die einfachen Menschen auf der Straße zu eigen gemacht und zumindest in der Fastnachtszeit gegen die wechselnden Obrigkeiten protestiert. Weil die Zahl ELF – E-L-F aus den Anfangsbuchstaben dieser Forderung nach Bürgerrechten besteht, wurde der Elferrat zum Symbol der politischen Fastnacht. Fastnachtsgarden und Konfettikanonen sind eine Verballhornung der absolutistischen Heere und zielen auf eine Umkehr der Machtverhältnisse. Bezeichnend ist, dass im Jahr der deutschen Revolution 1848 in Mainz z.B. keine Fastnacht gefeiert wurde, weil die Demokratie erreicht war. Die „Narrhalla“ wurde eingestellt, ihre Aufgabe war erfüllt.

Die politische Fastnacht ist, wenn sie gut gemacht ist, bis heute eine Provokation für alle, die die Geschicke der Welt regieren. Denn die Narren nehmen mit lebensweisen Humor das Gebaren der Mächtigen aufs Korn und legen immer wieder den Finger in die Wunde. Sie sind wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, das lachend ausruft, was alle anderen nicht sehen wollen: „Aber er ist ja nackt!“

 

Auch das heutige Evangelium ist in diesem Sinne provozierend, liebe Brüder und Schwestern. Und es könnte deshalb für diesen Sonntag passender nicht sein.  Denn Jesus durchkreuzt unsere ganze menschliche Logik von Schwäche und Stärke, von Macht und Ohnmacht und stellt die Verhältnisse gründlich auf den Kopf. Und so lesen wir beim Evangelisten Markus:

Jesus fing an, seine Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.

Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

 

Liebe Brüder und Schwestern, auch Jesus und seine Jünger sind unterwegs in einem besetzten Land. Und die Römischen Besatzer regieren mit harter Hand. Jeder Aufstand wird von ihnen im Kein erstickt. Alle, die es wagen, sich ihrer Herrschaft zu widersetzen, werden hingerichtet und ans Kreuz geschlagen. Und die Menschen damals sehnen sich wie die Menschen in der Ukraine heute nach Frieden und Freiheit und Rettung aus der Hand der fremden Macht. Und als Jesus seine Jünger fragt: „Für wen halten mich die Leute? Für wen haltet ihr mich?“ antwortet Petrus voller Leidenschaft und Hoffnung: „Du bist der Messias!“

Und alle, die dabeistehen und ihn hören, wissen sofort, was er damit meint. Denn reden nicht seit Jahrhunderten die Propheten von nichts anderem als von diesem Messias, dem von Gott Gesandten und Gesalbten, der mit allen himmlischen Heerscharen kommen wird, um Gottes Herrschaft endlich auch auf Erden durchzusetzen und die Mächtigen vom Thron zu stoßen?

 

Erwartungsvoll schauen sie Jesus an und sind gespannt, was er Petrus antworten wird, welche Pläne er denn nun als Messias hat und wann er endlich zurückschlagen wird.

Aber dann hören sie, wie er ihnen zu erklären versucht, dass der Menschensohn viel leiden und von den Mächtigen verworfen werden wird. Und ich kann mir vorstellen, liebe Brüder und Schwestern, wie es den Jünger vor Enttäuschung die Sprache verschlägt. Nur Petrus findet Worte für seine Fassungslosigkeit. Er macht seinem Freund und Meister Vorwürfe: Wie kannst Du so was sagen? Das kann doch nicht die Lösung sein! So wird es keinen Frieden geben. Und die Römer werden uns immer weiter unterdrücken. Jetzt hau doch endlich mal auf den Putz, wenn Du wirklich der Messias bist.

Jesus aber weist ihn hart zurecht und durchkreuzt die Erwartung des Petrus. Er durchkreuzt unsere menschliche Logik, dass der Stärkere siegt und verweigert Gewalt mit Gewalt zu beantworten. „Meine Kraft ist im Schwachen mächtig!“ setzt er uns entgegen und spricht von der Ohnmacht der Liebe, die mächtiger ist als alle Waffen. Das ist das Evangelium, liebe Brüder und Schwestern. Und es ist an allen Sonntagen wunderschön und tröstlich. Aber wenn ich in die Ukraine schaue, dann kann ich Petrus verstehen, dann möchte ich Jesus auch widersprechen. Von der Macht der Liebe zu sprechen, kann sich doch nur ein Gott leisten, nicht wir Menschen mit unseren begrenzten Kräften.

 

Aber dann höre ich Jesus, der auch uns heute morgen, am 27. Februar 2022 sagt: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Und ich möchte zurückfragen: Wie soll das gehen? Wie können wir Dir denn nachfolgen? Was können wir denn heute tun? Für den Frieden in der Ukraine? Für den Frieden in Europa?

 

Liebe Brüder und Schwestern, mich hat diese Frage wie viele andere auch in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Und ich habe noch keine richtige Antwort darauf gefunden. Aber weitergeholfen hat mir eine kleine Entdeckung. Denn die Aufforderung, das Kreuz auf uns zu nehmen, ist ein Zitat. Ein Zitat aus dem Buch des Propheten Ezechiel. Der sieht nämlich in einer Vision, wie Gott in Jerusalem Gericht hält und allen, die über die Abscheulichkeiten und Ungerechtigkeiten in der Stadt seufzen und stöhnen, ein Taw-Zeichen, also ein Kreuz auf die Stirn macht. „Seufzen und stöhnen“, nicht verstummen angesichts des Unrechts und der Gewalttaten, das ist es, so der Prophet, was Gott von uns erwartet. Das ist es übrigens auch, was unsere Freiheit als Christen auszeichnet. Es ist parrhesia, der Mut, aufzustehen und die Dinge beim Namen zu nennen.

 

Und das tut auch der ehemalige Box-Weltmeister und heutige ukrainische Politiker Wladimir Klitschko hat sich am Donnerstag in einem sehr emotionalen Brief an Deutschland gewandt uns zu eben dieser Parrhesia aufgerufen: „Ich schreibe aus der Hauptstadt eines Landes, das sich im Krieg befindet und von allen Seiten angegriffen und überfallen wird. (…) Und, wenn Sie genau hinhören, spricht dieser Krieg auch von Europa und damit von Deutschland. Auch Sie in Deutschland können handeln. Lassen wir uns nicht von der Angst ergreifen, bleiben wir nicht erstarrt. (…) Verschaffen Sie sich Gehör. Verschaffen Sie der Stimme der Demokratie Gehör. Sagen Sie laut und deutlich, dass der Krieg das größte aller Übel ist und dass das Leben heilig ist.“

 

Liebe Brüder und Schwestern, nehmen wir in diesem Sinne das Kreuz auf uns. Schweigen wir nicht. Stehen wir zusammen. Stehen wir mit Wort und Tat an der Seite jener, die unsere Freundschaft und Solidarität heute ganz besonders brauchen. Nennen wir das Unrecht beim Namen, nennen wir Gewalttat Gewalttat und Krieg Krieg und beten wir um Himmels willen zu Gott um Frieden. Um Frieden für Ukraine. Um Frieden für Europa. Um Frieden für die Welt.

Denn er allein ist es, der uns retten kann. Seine Kraft ist doch im Schwachen mächtig. Also auch in uns.

Mögen uns die bekannten Worte Martin Luthers, die schon so vielen in unruhigen Zeiten Mut gemacht haben, auch heute Mut machen: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten.
Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine. – Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.