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21 November
Sonntag, den 21.11.2021 10:15 Uhr Friedenskirche

Vergissmeinnicht – Ewigkeitssonntag

Predigt zu Daniel 12,2

Liebe Brüder und Schwestern,

heute ist ein Tag voller Erinnerungen. Ganz besonders an jene, mit denen wir im Laufe unseres Lebens Seite an Seite ein Stück des Wegs gemeinsam gehen durften und die uns schon vorausgegangen sind.

Wir sehen ihnen nach mit einem Herzen voller Erinnerungen an viele gemeinsame Zeiten. Aber da ist auch immer diese große Lücke in und um uns, die an Tagen wie diesen besonders schmerzt.

Weil sie uns so sehr fehlen, jene, die wir lieben und gehen lassen mussten.

 

Liebe Brüder und Schwestern, hat Dietrich Bonhoeffer nicht recht, wenn er schreibt, dass es nichts gibt, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und dass wir es gar nicht erst versuchen sollen. „Man muss es einfach aushalten,“ rät er, der genau wusste, wie wir uns fühlen. „Man muss es einfach aushalten und durchhalten. Das klingt zunächst hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleiben wir durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn wir sagen, Gott füllt die Lücke aus. Er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“

 

Was das bedeuten kann, habe ich wieder mal von einer Seniorin gelernt, die ich neulich besucht habe.

„Eine muss ja die letzte sein,“ sagte sie mir mit einem leisen Lächeln und erzählte dann aus ihrer Kindheit im Dreimädelhaus, von den Kriegsjahren und ihren Freundinnen, mit denen sie schon als I-Dötzchen unterwegs war zur Schule und dann später hinaus ins Leben, wie sie heirateten, erst die Kinder und dann die Enkelkinder großzogen, Witwen worden und doch über all die Jahre Seite an Seite blieben. Bis am Ende sich eine nach der anderen verabschiedet hat.

„Sie sind alle hier drin,“ meinte die alte Dame, „hier in meinem Herzen! Und ich seh sie noch vor mir und weiß jede Geschichte, die wir miteinander geteilt haben. Manchmal nur will der Kopf nicht mehr und mir fallen dann ihre Namen partout nicht mehr ein. Aber dann hab‘ ich ja Gott sei Dank noch mein christliches Vergissmeinnicht.“

Als sie mein ratloses Gesicht sah, zog sie aus ihrer Handtasche ein kleines Adressbuch. Ledergebunden. Mit Goldschnitt. Die Patin hatte es ihr vor jetzt über 80 Jahren zur Konfirmation geschenkt. Und seitdem hat sie alle ihre Lieben mit Namen und Anschrift und Geburtstag fein säuberlich hineingeschrieben. „Und jetzt schauen Sie, Frau Pfarrer,“ sagte sie leise und hielt mir das Büchlein hin. „Jetzt stehen bei allen zwei Daten!“

Liebe Brüder und Schwestern, mit dieser kleinen Geschichte im Kopf und im Herzen können wir den heutigen Predigttext vielleicht ein bisschen anders hören. Denn der Prophet Daniel erzählt da von so einem himmlischen Buch, in dem Gott die Namen der Menschen verzeichnet. Und so lesen wir im Alten Testament:

Zu jener Zeit wird Michael auftreten, der große Engelfürst, der für dein Volk einsteht. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. (…) Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Auch Gott hat also ganz offenbar so ein Buch, in dem die Namen der Menschen hineingeschrieben sind wie in dem kleinen in rotem Leder gebundenen Adressbüchlein, von dem ich eingangs erzählte.

Aber das Besondere an Gottes Buch ist, dass alle, die dort drinstehen, errettet werden. Was ist aber damit gemeint?

Was heißt hier „errettet“?

Wenn ich Trauernden zuhöre, wie sie von jenen erzählen, die sie hergeben mussten, bin ich jedesmal aufs Neue zutiefst berührt. Weil mir dann immer wieder bewusst wird, wie unverlierbar unsere Verstorbenen in der Erinnerung, im Herzen ihrer Lieben also, da sind. Auf neue andere Weise.

Und wenn unsere menschliche Liebe das schon kann, nämlich den Tod zu überdauern, weil wir uns erinnern und einander im Herzen behalten, dann ist Gottes ewige Liebe doch imstande, den Tod sogar zu überwinden.

Alle also, die bei Gott in guter Erinnerung sind, alle also, die in seinem Herzen leben, haben damit ewiges Leben.

Und geht es nicht genau darum, wenn der Prophet Daniel schreibt, dass jene, deren Namen im Buch stehen, von Gott errettet sind, also bei ihm für immer geborgen sind?

Daniel sieht in diesem Buch des Lebens nur die Namen seines Volkes eingetragen, von dem Gott ja sagt: „Ich werde ihr Gott sein. Und sie werden mein Volk sein!“

Was mit den anderen Menschen sein wird, das bleibt bei dem Propheten buchstäblich im Dunkeln. Denn nur die Verständigen werden leuchten wie die Sterne am Himmel, schreibt er.

Aber dann hören wir Jesus, wie er im Evangelium zu seinen Jüngern sagt: Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!

Und er sagt auch zu uns heute: Freut Euch, dass Eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind!

Und wenn es bei der Taufe heißt, liebe Brüder und Schwestern. Wenn es heißt: „Maximilian, Ada, Luis, Sarah, Isabella, Andreas, ich taufe Dich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“, dann gehören wir durch diese Taufe zu Jesus Christus. Und durch ihn, in ihm und mit ihm sind unsere Namen in Gottes Buch eingetragen. Für immer und ewig.

Und nicht nur unsere Namen sind da aufgeschrieben. Und wenn wir darin blättern könnten, wie ich damals im Adressbüchlein der Seniorin würden wir die Namen aller Menschenkinder finden, die vor uns, mit und uns und nach uns auf dieser Erde leben. Denn Gott schaut uns alle voller Liebe an. Und von dieser Liebe kann uns nichts trennen.

Bei ihm glauben wir jene, die uns vorausgegangen sind. Und weil wir ja trotz aller Wissenschaft im Grunde nicht wissen, was jene Sterne uns zu sagen haben, die wir am Nachthimmel sehen, ist es uns doch völlig freigestellt, in dem ein oder anderen ein Lächeln zu erkennen. Ein Lächeln jener, die auf uns warten? Ist das nicht auch sehr tröstlich? Und gehört zur Liebe dazu?

Und in dieser Liebe leben wir schon heute und werden wir leben in Ewigkeit. Denn Christus ist das A und O. Das Alpha und das Omega. Der Anfang und das Ende. Der uns voraus ist und uns hinterhergeht. Und der alle Seite dieses Buches im Himmel kennt. Und alle Namen, die dort verzeichnet sind.

Ihm das zu glauben, schließt nicht die Lücken in unserem Herzen, sondern hält sie offen. Ihm zu glauben, dass unsere Namen im Himmel verzeichnet sind, heißt sich in der Erinnerung mit ihm zu verbinden.

Und so schreibt auch Dietrich Bonhoeffer weiter an seine Lieben:

„Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Wir tragen dann das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in uns. Wir müssen uns hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie wir auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachten, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen wir uns gewiss sind, besitzen; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus.“

Oder wie es die alte Dame so weise gesagt hat, von der ich eingangs erzählte. „Unsere Lieben sind doch alle hier drin. In Gottes und in unserem Herzen. Und ihre wie unsere Namen sind für ewig eingeschrieben im Buch des Lebens.

Ich wünsche uns alle, die wir auf welche Weise auch immer jetzt hier beisammen sind, unbeschadet behütet bleiben mögen in dunkler Zeit. Und der gesamten Welt um uns herum auch.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.