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03 Juni
Sonntag, den 03.06.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Falsche Propheten

Predigt am 1. So nach Trinitatis - Prädikant A. Küstermann

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und Herrn, Jesus Christus, Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht beim Propheten Jeremia im 23. Kapitel.

So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, daß er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redet nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott der ferne ist? Meinst du, daß sich jemand so heimlich verbergen könne, daß ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr.

Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, daß mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über den Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

 

Liebe Gemeinde,

Was hat der heutige Predigttext mit dem Berliner Flughafen oder mit einem komplexen IT Projekt in einem Großunternehmen gemeinsam?

Beim Berliner Flughafen wie bei vielen Projekten wird im Rahmen von unzähligen Statusberichte der wirkliche Zustand des Projektes verschwiegen und im Laufe des Berichtsweges immer mehr verschönert.

Das fängt schon bei der Planung an, wenn ein viel zu geringe Kostenschätzung genannt wird, weil man den Entscheidern keine höheren Kosten vermitteln will.

Und während des laufenden Projektes wandeln sich die Statusmeldungen bei ihrem Weg durch die Hierachie von „hochkritisch“ bis zu „alles im Lot“.

Wie kommt das? Auf jeder Ebene der Berichterstattung wird vermieden, der nächsthöheren Hierarchieebene ein ungeschminktes Bild des aktuellen Zustandes zu geben. Statt der Wahrheit wird den jeweiligen Berichtsempfängern nach dem Mund geredet. Denn es müssen möglichst positive Nachrichten gemeldet werden. Erfolge, in denen sich dann die jeweilige Führungsebene sonnen kann.

Das Ergebnis solch einer Filterung zeigt der Berliner Flughafen eindrücklich: Es gibt immer wieder gute Meldungen, alles sei im Zeitplan. Doch leider sieht die Wahrheit anders aus. Am Ende, wenn‘s zum Schwur kommt, bricht das ganze Lügengebilde in sich zusammensammen, die Eröffnungfeier muss wenige Tage vor dem Termin abgesagt werden und es bleibt ein riesengroßes  unkontrollierbares Chaos.

Es ist eben nicht gut, statt der Wahrheit nur Wohlfühlnachrichten zu verbreiten.

Im heutigen Predigttext geht es um das angebliche Wort Gottes, welches selbsternannte Propheten den Menschen verkünden.

Schöne Worte, aber eben hohle Worte, da die Propheten gerade nicht Gottes Wort verkündeten sondern den Menchen nach dem Mund redeten.

Wie schön wäre es doch, wenn man diese falschen Propheten leicht erkennen könnte.

Gibt der Predigttext das vielleicht her?

Er beginnt zunächst einmal mit einer vermeintlich klaren Abgrenzung.

    • „Sie – die Propheten – sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen – und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.“Fundamentalistische Strömungen, sowohl im Christentum wie auch in anderen Religionen neigen zu vermeintlich eindeutigen und klaren Abgrenzungen.Für derart simple Abgrenzungen ist jedoch kein Raum:Aber dennoch kann sich niemand anmaßen, im Besitz der reinen Lehre zu sein und alles schon zu wissen und auf alles eine eindeutige Antwort zu haben.So heißt es dann auch im weiteren Verlauf unseres Predigttextes:
    • Gottes Wort ist immer – egal wie sehr jemand selbst überzeugt ist, nach Gottes Wort zu leben – es ist immer auch ein Wort der Umkehr und der Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen.
    • Es ist richtig: Gottes Wort ist kein Wohlfühl- und Weichspülprogramm.
    • Unter Berufung auf solch vermeintlich klar trennenden Textpassagen, wird den eigenen Anhängern vermittelt, man sei als einzige im Besitz der reinen Lehre. Alle anderen sind die Bösen.
    • Dieser Vers lässt wenig Fragen offen: Hier das Wort Gottes – dort die Weissagungen und Wohlfühlpropheten für all diejenigen, die des Herrn Wort verachten und nach ihrem verstockten Herzen wandeln.
    • „Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.“So fordert uns das Hören auf Gottes Wort zu einer andauerndes Auseinandersetzen mit den eigenen Fehlern und Schwächen heraus. Und dass wir unser Herz an Dinge hängen, an die wir es nicht hängen sollten.Gerade wenn es um den Umgang mit Geld geht, öffnen sich manchmal Abgründe. Egal ob es um die Finanzen der Gemeinde geht oder um die der Landeskirche. Da gibt es schwarze Kassen, um eben doch noch was für sich zu haben und nicht mit dem Gemeindeverbund, Dekanat oder anderen Verwaltungseinheiten zu teilen, da werden Spendenquittungen ausgestellt ohne dass dem ein echter Gegenwert entgegensteht. Es ist teilweise erstaunlich, wie gerade auch in kirchlichen Kreisen alle Maßstäbe verloren gehen, wenn es um das liebe Geld geht.Aber auch wenn wir unsere Schwächen erkennen und feststellen, dass wir immer wieder hinter unserem eigenen Anspruch zurückbleiben, gibt das keinen Grund, in Fatalismus zu fliehen und sich zu sagen, „ich kann ja sowieso nicht alles richtig machen, daher probiere ich es auch gar nicht.“Nur, ist das alles so eindeutig, mögen Sie einwenden. Wie verhält es sich denn mit der Aussage im Predigttext über die Ferne Gottes?Unser Predigttext ist nämlich auch ein sperriger Text. Insbesondere wenn wir lesen:
    • Genau diese Frage, möchte ich nun mit Ihnen betrachten.
    • Fatalismus ist keine christliche Tugend. Vielmehr ist es unser Auftrag, uns immer wieder zu bemühen, Gottes Wort umzusetzen. Denn Gottes Wort wirkt durch uns. Das ruft uns der Wochenspruch für diesen Sonntag in Erinnerung, dessen erster Teil lautet: Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich.
    • —–
    • Und auch gerade in der Kirche sind wir vor diesen Fehlentwicklungen nicht gefeit.
    • Und dann erkennen wir, dass wir eben selbst auch möglicherweise falschen Prophetien folgen.
    • Es gibt nicht den Zustand der reinen Lehre und des reinen Lebens. Wir sind immer wieder gefangen in unserer eigenen Unvollkommenheit und Schwäche.
    • „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“—Sie kennen das ja auch: In einer kontroversen Diskussion stimmt der eine Gesprächspartner dem anderen in einem Punkt zu. Dann heißt es oft: „Ja, in Punkt X, bin ich ganz bei Ihnen, aber im Punkt Y gar nicht“.So wenig wie „Bei jemanden sein“ räumlich zu verstehen ist, ist das „ferne sein“ räumlich zu verstehen.Es ist die klare Ansage Gottes, dass er nicht vollständig erklärbar ist. Wir können über Gott nicht verfügen. Und es gibt Dinge, die können wir nicht erklären und werden wir auch nicht verstehen.Wir Menschen wollen immer alles wissen. Es lässt uns keine Ruhe, ohne Antwort zu bleiben. Und in unserem Leben gibt und gab es genug Situationen, wo sich jede und jeder von uns gefragt haben mag, warum musste dieses oder jenes jetzt geschehen?
    • Dies zu akzeptieren, fällt nicht leicht.
    • Wenn wir den Begriff „ferne sein“ im Sinne eines „nicht erklärbar“ verstehen, erschließt sich dieser Satz.
    • Egal, ob jetzt über den Punkt X oder Y diskutiert wird; die Diskutanten bleiben jedoch beide ruhig auf ihren Stühlen sitzen und bewegen sich nicht aufeinanderzu bzw. voneinander weg.
    • Für das Verständnis dieser Aussage bietet es sich an, sich von dem räumlichen Verständnis des Begriffs „ferne sein“ zu – (nun ja) entfernen.
    • Ein Gott, der ferne ist? Wie passt das in unser Selbstverständnis? Leben wir nicht vielmehr aus der Nähe Gottes? Hat nicht Jesus uns die Zusage gegeben „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“? (Matt. 28,20)
    • Warum habe ich oder ein Angehöriger diese oder jene Krankheit, warum läuft es privat oder beruflich nicht so, wie ich es mir gerne wünschte?
    • Und die, denen es so ganz gut geht, mögen sich vielleicht fragen, warum geht es mir eigentlich so gut, vielen anderen Menschen nicht? Womit verdiene ich das eigentlich?Was gibt es nicht alles auf dem Markt der Krebstherapien, was sündhaft teuer ist und letztendlich nur einem hilft: Dem Verkäufer.Aber auch wenn Gott für uns immer unverfügbar bleibt, so ist auch dies kein Grund für Fatalismus. (Wie gesagt, Fatalismus ist keine christliche Tugend).Der Dichter Jochen Klepper, von den Nazis in den Tod getrieben, hat es in die Worte gefasst, die wir eben als Eingangslied sangen:
    • Denn Gott ist uns in seinem Wort täglich nahe.
    • Gerade die Auseinandersetzung mit leidvollen Erfahrungen ist häufig der Moment der Scharlatane, die – zum Teil religiös verbrämt – angeben, für alles und jedes eine Erklärung zu haben. Vielleicht auch wieder verbunden mit irgendwelchen Wohlfühlzusagen.
    • Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, daß ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.
    • Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewgen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs neue so, wie ein Jünger hört.Wir sind nicht einer undurchschaubaren Gottheit hilflos ausgeliefert. Gottes Wort führt und hält uns. Und Gottes Wort ist nicht wirkungslos:Zu DDR-Zeiten war bereits der simple drei-Wort-Satz „Schwerter zu Pflugscharen“ aus dem Buch des Propheten Micha als derart staatsgefährdent angesehen, dass die Stasi in Aktion trat.Wir mögen es vielleicht hier in Deutschland nicht immer so spüren, aber dass sind reale Beispiele, die den letzten Vers unseres Predigttextes mit Leben füllen:
    • In China werden Hauskreise, die nicht der staatlich zugelassenen Kirche angeschlossen sind, verfolgt. Zu stark ist dort die Angst vor der unkontrollierten Weitergabe des Wortes Gottes.
    • Vielleicht ist es uns nicht immer so bewusst, aber immer wieder haben Menschen im Vertrauen auf Gottes Wort diese Welt entscheidend geprägt.
    • Das Wort Gottes, das macht den Unterschied.
    • „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“Wir sind aufgefordert, im Hören auf das Wort Gottes unsere Stimme zu erheben und uns einzusetzen für die Menschen, die unsere Stimme brauchen.Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinnen in Jesus Christus. Amen.
    • Simple Schwarz-Weiß Malereien, die Menschen in vermeintlich Gute und Böse, in Rechtgläubige und Verräter teilt, bedarf es dafür allerdings nicht.
    • Und so sind auch wir aufgefordert, im Hören auf das Wort Gottes immer wieder unser Verhalten, unsere Prioritäten im Leben kritisch zu überdenken, so dass wir nicht den falschen Propheten auf den Leim gehen.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.