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17 Februar
Sonntag, den 17.02.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Ordnung & Chaos

Predigt zu Predigt 7

Liebe Brüder und Schwestern.

eine irische Freundin meiner Eltern, in deren Haus ich als Kind oft zu Besuch war, schenkte mir zur Hochzeit eine große Brosche aus buntem Strass. „Die steckst Du Dir an Deinen Morgenmantel,“ schrieb sie dazu. „Und wenn Dich der Drang überkommt, unbedingt putzen und aufräumen zu müssen, dann schau Dir die bunte Anstecknadel an, koch Dir eine Kanne Tee, freu Dich an Deiner Wohnung und an Deinen Kindern und warte, bis der Putzdrang vorüber ist. Und dann tu, was sein muss.“  

Eine sehr kluge Frau war sie. Und erst mit den Jahren verstand ich, was für eine  tiefe Weisheit sie mir da in die Ehe mitgegeben hatte. Anfangs nahm ich ihren Rat noch als Entschuldigung für meine unaufgeräumte Wohnung. Aber als aus den Zimmern unserer Kinder dann das Chaos herausquoll und wir uns im täglichen Grabenkrieg zwischen Hügeln aus Strümpfen und Turnschuhen, leeren Chipstüten und Joghurtbechern verloren, wurde mir klar, was sie wirklich meinte, nämlich dass die Ordnung für den Menschen da ist und nicht anders herum. 

Ein Zuviel davon ist genauso schädlich wie ein Zuwenig. Denn in beiden Extremen gibt es keinen Raum mehr zum Leben. 

„Gott ist die Sauberkeit und die Ordnung,“ war das Credo der alten Nonne, die in der Klosterschule, wo ich Schülerin war, das Amt der Küsterin versah. Und so roch die Kirche mehr nach Meister Propper als nach Kerzenwachs und Weihrauch. Und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten wir vor der Kirchentür die Schuhe ausziehen müssen. Ja, am liebsten wäre es ihr wohl gewesen, wenn wir gar nicht erst hineingegangen wären. Denn Menschen – und Kinder noch dazu-machen Dreck, einfach weil sie da sind, war ihre Devise. Wer kennt sie nicht solche Putzteufel, bei denen alles so sauber und akurat ist, dass man sich völlig fehl am Platz fühlt und verkrampft darauf achtet, ja nicht zu krümeln oder Fingerabdrücke auf der Kaffeetasse zu hinterlassen.

Aber andererseits wer kennt nicht auch jene, die nach dem Motto leben: „Der Kleingeist hält Ordnung. Das Genie überblickt das Chaos“ und bei denen man genauso wenig weiß, wo man sich hinsetzen soll, weil alles pappt und sich auf dem Sofa und den Küchenstühlen schon die Zeitungen und Bücher stapeln? Auch hier ist nicht gut bleiben.

Das Haus jener irischen Freundin dagegen war wundervoll. Alles strahlte in einem ganz besonderen Licht und schien bei ihr seinen Platz zu haben, auch die Legosteine der Enkel auf dem Teppich im Wohnzimmer. Diese besondere Ordnung in ihrem Haus schuf den Rahmen dafür, dass sich alle wohlfühlen konnten. Sie hatte jene goldene Mitte gefunden, die dem Leben Raum gibt und den Menschen mittendrin.  

Ja, sie war weise wie jener Prediger Salomon, auch Kohelet genannt, für den jegliches seine Zeit hat und der an anderer Stelle schreibt: Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“

Liebe Brüder und Schwestern,  

 „Kohelet hat unrecht,“ schreibt ein jüdischer Gelehrter. Und ein christlicher Theologe hält diesen Text für den „Bankrott der Ethik“.  Zwar hat sein Buch den Weg in die Bibel gefunden, seine Worte sind aber bis heute unter den Theologen umstritten.  Warum? Weil sie sie brandgefährlich, ja geradezu ketzerisch finden und als Aufforderung verstehen, es mit der Gerechtigkeit nicht so genau zu nehmen. 

Das hieße, den weisen Prediger gründlich misszuverstehen. Denn wer die Hände in den Schoß legt und achselzuckend meint „Die Welt ist eben so, wie sie ist. Und meine Wohnung auch,“ der hat wirklich noch nicht verstanden, um was es geht.

 

Denn der kluge Kohelet rät genauso wenig zu Untätigkeit wie jene irische Freundin, die mich an die Brosche und an die dampfende Teekanne erinnert Tee, um erstmal durchzuatmen in all dem Chaos und in Ruhe zu überlegen, was nun wirklich dran ist. „Sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit!“ schreibt der alte Prediger.  Also mit anderen Worten: „Pass auf, dass Dir das Chaos nicht über den Kopf wächst und Du keine Luft mehr kriegst.“  

Es ist doch zum Verzweifeln, dass der Gerechte zugrunde geht und der Böse in seiner Boshaftigkeit ein langes glückliches Leben hat. Es ist doch zum Verzweifeln, wenn man in unsere Welt sieht und einfach keine Ordnung entdeckt, die irgendwie Sinn macht. Ist das Schicksal vielleicht tatsächlich ein mieser Verräter, der uns immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht, kaum dass wir dachten, endlich den Überblick zu haben? Ein ist sicher:  Dem Chaos werden wir nie Herr, auch wenn wir uns noch so anstrengen? 

„Es ist nämlich gut, wenn du dich an das eine hältst und das andere nicht aus der Hand lässt,“ rät der Prediger Salomo uns. Wir brauchen einerseits nämlich als Menschen Ordnung, um leben zu können, aber wir schaffen es andererseits nicht aus eigener Kraft. Bereits schon auf der ersten Seite der Bibel steht ja: Gott ordnet alles so, dass wir einen Lebensraum haben, in dem jedes seinen Platz hat und in dem alle leben und sich entfalten können. Und deswegen sollen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um daran mitzuwirken.  Das ist sozusagen unser Job als Menschen. Und wo die Bibel von Gerechtigkeit spricht, da geht es eben darum,  in Gottes Ordnung zu bleiben. Und die ist nie Selbstzweck, sondern dient dem Leben. Denn Gott wählt immer das Leben, auch wenn uns das allzu oft verborgen bleibt und wir meinen könnten, er habe die Welt sich selbst überlassen. Was hat er denn getan, als mir die irische Freundin die bunte Brosche schenkte? Nichts? O doch! Viel und um nicht zu sagen, alles! 

Würde uns sonst  das Chaos nicht über den Kopf wachsen, wenn er nicht Einhalt gebietet und uns immer wieder solche irischen Freundinnen schickt? 

Und wenn wir das akzeptieren, dann können wir wie jener Zöllner im heutigen Evangelium bekennen: „Ich schaff das nicht allein!“ Und in diesem Eingeständnis liegt der Anfang der Weisheit. Denn der Zöllner ging gerechtfertigt nach Hause, sagt Jesus. Warum? Weil er Gott ernst genommen hat. 

Und der weise Prediger Salomo fügt auf seine Weise hinzu: Wer Gott so ernst nimmt, der entgeht dem allen, dem Ordnungswahn und Perfektionismus ebenso wie der Verzweiflung und dem Kleinmut. Denn Gott schafft Raum mitten im schlimmsten Durcheinander, wie er das ja von Anfang an getan hat, als er mitten in dieses Tohuwabohu hineinsprach: „Es werde Licht!“ Und auch wenn wir das bisweilen nicht so spüren können, wie wir das gerne hätten, und er uns oft schrecklich fern und fremd scheint, er ist da. Und wie der Zöllner sollen wir ihn beim Wort nehmen. Wir brauchen es nicht aus eigener Kraft zu schaffen.

Und wie das geht, können wir uns beim Propheten Elija abgucken, der sich Gottes Nähe geradezu ertrotzt hat. Als er nicht mehr weiterwusste, die Welt nicht mehr verstand und am Boden zerstört war, hat er sich mit letzter Kraft zum Horeb, zum Gottesberg geschleppt. Aber Gott war nicht im Feuersturm und auch nicht im Erdbeben, sondern im Schweigen. Als es nichts mehr zu sagen gab, hörte Elija ihn: „Komm, stell Dich zu mir. Hier ist Platz für Dich!“ 

Liebe Brüder und Schwestern, der heutige Sonntag heißt „Septuagesima“ und er wirft einen vorsichtigen Blick auf die 70 Tage, die es noch sind bis zum Ende der Osterwoche. Und ich möchte Ihnen für diese Zeit die Brosche aus buntem Strass in Gedanken mitgeben. Heften Sie sie an das Kleidungsstück Ihrer Wahl, wenn Sie daheim sind. Und sollte Ihnen einmal alles über den Kopf wachsen, dann erinnern Sie sich bitte daran, kochen Sie sich eine dampfende Kanne Tee, freuen Sie sich über die Menschen, die Ihnen nahe sind, auch die Fernsten, freuen Sie sich an all dem Guten, das Sie erleben und nehmen Sie Gott beim Wort, der auch zu Ihnen dann sagt: Komm! Setz Dich zu mir. Lass alles andere stehen und liegen. Hier Platz für Dich!

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 17.2.2019

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