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20 Oktober
Sonntag, den 20.10.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Freunde Gottes

Predigt zu Jak 2, 14-26

Liebe Schwestern und Brüder,
neulich meinte ein Jugendlicher zu mir: „Gott? Den brauch ich nicht! Ich lebe ganz gut ohne ihn.“ Er spricht aus, was viele heute denken. Nicht nur Junge sondern auch Alte.

Aber nicht nur heute, sondern zu allen Zeiten haben Menschen so gedacht. Schon in der Bibel ist von den Frevlern und Ungläubigen die Rede, denen es zum Verdruss der Frommen damit gar nicht mal so schlecht, ja, im Gegenteil sogar sehr gut geht. Manchmal sogar besser als den Frommen!

In jüngster Zeit mehren sich aber die Studien, die wissenschaftlich belegen wollen, dass es sich mit dem Glauben doch irgendwie besser leben lässt als ohne ihn. In der Neurobiologie gibt es eine Fülle von spannenden Forschungsergebnissen, die im MRT zeigen können, wie regelmäßiges Beten das Gehirn verändert und Meditation zu mehr Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen führt. Und dass der Glaube eine wichtige Ressource im Umgang mit belastenden Lebenssituationen und Krankheiten bereitstellt, ist in der psychologischen Forschung unumstritten.

„Ich brauch den Glauben trotzdem nicht,“ meinte der Jugendliche. „Ich bin total entspannt. Und wenn ich Stress habe, mache ich Sport und reagier mich ab.“ Und er legt damit nicht den Finger in die Wunde? Mittenrein?

Ist der Glaube wirklich eine Technik, um mehr Seelenruhe zu finden? Nein! würden wohl die meisten uns entrüstet antworten. Aber auch in der Kirche erliegen wir immer wieder der Versuchung, den Nutzen des Glaubens aufweisen zu wollen, wie frei er uns Menschen doch macht, wie gelassen und krisenfest.

Aber mal ehrlich: Stimmt das denn?
Macht der Glaube uns immer gelassen und ruhig? Oder ist er es nicht sogar, der uns manchmal auch ganz schön unruhig sein lässt, weil er uns die Augen öffnet für die Welt, wie sie ist mit all ihrer Not und Ungerechtigkeit?

Egal wo ich die Bibel aufschlage, werde ich auch mit der Welt konfrontiert, in der ich lebe, obwohl die Geschichten tausende von Jahren alt sind. Denn die Menschen sind doch dieselben. Ihre Fragen und Zweifel sind dieselben. Ihre Sehnsucht und Not sind diesselben. Wenn ich das ernst nehme, was ich da lesen, dann kann ich einfach nicht mehr wegschauen, wo Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Geschlechts missachtet und verletzt werden. Dann kann ich einfach nicht mehr wegschauen, wo Menschen unter furchtbaren Bedingungen in Flüchtlingscamps aufwachsen müssen oder im Mittelmeer ertrinken. Dann kann ich einfach nicht mehr wegschauen, wo auch hier in Offenbach Menschen kein Obdach haben, am Rand leben und einsam sind. Der Glaube an Gott lässt mich mit seinen Augen sehen. Und das stört meine Seelenruhe erheblich. Denn ich nehme dann auch die Diskrepanz wahr zwischen der Welt, wie Gott sie sich für uns wünscht und was wir daraus gemacht haben, zwischen meinem Wohlstand und der Not der anderen, zwischen dem, was ich glaube und dem was ich tue.

Was nützt also der Glaube, der Glaube allein? Fragt nicht nur der Jugendliche. Das fragte schon Jakobus in seinem Brief und behauptet: „Ohne Werke nützt er nichts!“ Der Glaube, so sagt er, macht erst dann einen Unterschied, wenn wir auch danach leben und handeln. Und so hören wir ihn, wie er auch uns heute ins Gewissen redet:
Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn jemand sagt, er habe Glauben, er aber keine Werke hat? Kann ihn dann der Glaube retten?
Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, aber jemand von euch zu ihnen sagen würde: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch“, ihr ihnen aber nicht geben würdet, was der Leib braucht – was nützt es? So ist auch der Glaube, wenn er keine werke hat, tot, wenn er nur für sich bleibt.
Aber vielleicht sagt jemand: Du hast Glauben, ich dagegen habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, ich dagegen will dir den Glauben aus meinen Werken zeigen.
Du glaubst, dass nur einer Gott ist. Recht tust du!
Auch die Dämonen glauben es und schaudern.
Willst du aber erkennen, du eitler Mensch, dass der Glaube ohne werke nutzlos ist?
Wurde Abraham, unser Vater, nicht aus werken gerechtfertigt, als er Isaak, seinen Sohn, auf den Altar legte?
Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und der Glaube aus den Werken seine Vollkommenheit erreichte.
Und so wurde die Schrift erfüllt, die sagt: „Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet,“ und „er wurde Gottes Freund genannt“.
Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.
Wurde nicht gleicherweise auch die Hure Rahab aus Werken gerechtfertigt, als sie die Boten aufnahm und auf einem anderen Wege hinausließ?
Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Liebe Brüder und Schwestern,
wenn es nach Martin Luther gegangen wäre, müsste der Jakobusbrief aus der Bibel ersatzlos gestrichen werden. „Jeckel, wollen wir schir aus der Bibel stoßen hie tzu Wittenberg!“ donnert er. Eine recht stroherne Epistel sei es, schreibt er in seinem Vorwort zum Neuen Testament, weil in ihr nichts, aber auch wirklich gar nichts evangelisch sei.

Er sieht nämlich einen unüberwindbaren Widerspruch zwischen dem, was Jakobus sagt und dem, was er durch Paulus als das Evangelium erkannt hat, nämlich: „Allein aus Glaube!“ Für den Mönch Martin war das die befreiende Botschaft: Wir können und müssen nichts leisten, um uns Gottes Wohlwollen zu verdienen. Er schenkt es uns gratis in seinem Sohn Jesus Christus.

Und wenn Jakobus schreibt, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein, dann ist das für Luther der Stein des Anstoßes schlechthin und mit dem Evangelium seiner Meinung nach einfach nicht übereins zu bringen.

Aber schon sein Freund Melanchthon hat ihm da widersprochen. Jakobus rede doch wie Paulus vom Glauben, sagt er. Auch dem Herrenbruder gehe es keineswegs darum, dass wir durch Werke uns das Heil verdienen, sondern er rede doch von den Werken derer, die schon Christen sind. Es geht ihm also um die Werke des Glaubens, oder wie Paulus sie nennt: um die Früchte des Glaubens.

Paulus und Jakobus antworten also auf zwei verschiedene Fragen.
Die Frage, die Paulus beschäftigt, lautet: Wer ist gerechtfertigt? Wer gehört zu Gottes Volk? Wer hat mit ihm Gemeinschaft?
Alle, antwortet er, alle, die an den Gott Israels und damit an den Gott Jesu Christi glauben, sie alle gehören dazu. Der Glaube allein ist unser Zugang zur Gemeinschaft mit Gott, heißt das. Jesus ist es, der uns zu Freunden Gottes macht.

Aber das stellt Jakobus überhaupt nicht in Frage. Im Gegenteil. Er hat ja mit seinem Brief gerade jene vor Augen, die schon zum Glauben gekommen sind.

Ihm brennt was anderes auf den Nägeln, nämlich wie wir aus diesem Glauben und in ihm leben. Wie sich also unsere Freundschaft zu Gott bewährt. Und er stellt die steile These auf: wo sie sich nicht durch unser Leben bewährt, also durch unser Tun und Handeln, ist der Glaube tot.

Was er damit meint, mag Beispiel aus dem Leben illustrieren, das wir, vermute ich mal, so oder ähnlich alle schon mal erlebt haben, mag illustrieren.

Da sind zwei Freunde, die sich schon lange kennen und sich regelmäßig zum Feierabendbier treffen, um über die Probleme im Job, in der Beziehung und überhaupt über Gott und die Welt zu reden. Eines Tages wird einer der beiden krank, schwer krank. Er ist im Krankenhaus. Es sieht nicht gut aus. Sein Freund aber besucht ihn nicht, ruft nicht an und zieht sich zurück. „Krankenhäuser“, sagt er, „machen mich depressiv. Und kranke Menschen auch.“

Die beiden nennen sich zwar vielleicht nach wie vor einander Freund, aber der eine hat sich als Freund nicht bewährt. Seine Freundschaft trägt nicht. Sie ist nicht lebendig.

Und Jakobus sagt: Seht, so ist das auch mit dem Glauben. Gott schenkt uns in seinem Sohn Jesus Christus seine Freundschaft. Aber diese Freundschaft muss sich bewähren. Sie muss Früchte tragen in unserem Leben.

Und sie bewährt sich darin, wie wir mit der Not unseres Freundes umgehen. Was aber ist Gottes Not? „Was ihr einem der geringsten Brüder und Schwestern getan habt. Das habt Ihr mir getan,“ sagt Jesus im Evangelium. Wo wir also unseren Nächsten im Stich lassen, lassen wir unseren göttlichen Freund im Stich. Denn Gott hat sich ja mit den Einsamen und Kranken, den Obdachlosen und Gescheiterten identifiziert. Er hat sich mit uns Menschen identifiziert. In all unserer ganzen Verletzlichkeit. In all unserer Nacktheit und in unserem Hunger nach Leben und Glück. Und wo wir einander das vorenthalten, leben wir nicht als seine Freundinnen und Freunde.
Und so kann Jakobus zu dem Schluss kommen: „Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.“

Gott bietet uns seine Freundschaft an. Ja, in der Taufe nennt er uns seine Freundinnen und Freunde. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde,“ sagt ja Jesus. Das meint Rechtfertigung, mit Gott Gemeinschaft haben. Aber diese Gemeinschaft wird erst lebendig, wenn wir daraus auch leben und seine Freundschaft erwidern.

Und wie leben wir denn aus diesem Glauben? Wer ist denn unser Nächster, in dem sich Gott als unser Freund zeigt?

Wenn ich in unsere Welt schaue, dann überwältigt und lähmt mich das, was ich dort sehe. Das Unrecht schreit zum Himmel. Die Not ist groß. Wo kann ich mich da als Freundin Gottes bewähren? Ich weiß doch gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte ja was tun, aber ich weiß nicht wo anfangen.

Die Beispiele, die Jakobus nennt, sind aber sehr konkret. Sie stammen aus der Alltagswelt seiner Zuhörer. Er lenkt unseren Blick auf jene Menschen, die uns tagtäglich begegnen. Fangt dort an, wo ihr was bewirken könnt, mahnt er. Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, dann macht nicht nur schöne Worte, sondern teilt, was Ihr habt.

Mit Bruder und Schwester sind hier nicht nur die Blutsverwandten gemeint, sondern die anderen in der Gemeinde, aber auch Menschen, die wir „grüßen“, die uns also im Alltag begegnen. Sie sind uns von Gott ans Herz gelegt. Und wo wir an ihnen vorbeigehen, da gehen wir auch an unserem göttlichen Freund vorbei. Und es sind die kleinen Gesten, die schon zählen. Sich Zeit nehmen, mal anrufen, nachfragen, die Hand halten und einfach da sein.

Lieber Schwestern und Brüder, in diesem Zusammenhang bedrückt mich nun schon im dritten Winter eine Not ganz besonders. Und ich brauche da Ihre Hilfe und Ihren Rat. Jetzt, wo die Nächte wieder länger werden, es draußen kalt und nass ist, stehen nämlich wieder die Obdachlosen bei mir vor der Tür. Es gibt in Offenbach keine Unterkunft für sie. Und auch in Frankfurt gibt es nur eine, nämlich im Ostpark. Immerhin werden in den Wintermonaten die B-Ebenen für sie geöffnet. Aber auch da ist es kalt und zugig.

Ich stehe dann an der Tür der Kirche, vor mir ein Mensch in Not und hinter mir ein riesig großes leeres Haus, in dem es kuschelig warm ist. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Oder besser: ich weiß, was Jesus getan hätte. Er hätte die Türen weit aufgemacht und die ohne Obdach willkommen geheißen. Und ich? Kann ich das auch? Mir ist klar, dass ich das nicht so einfach kann. Aber ich bringe es auch nicht übers Herz, wie jene im Beispiel des Jakobus zu diesem frierenden Menschen vor mir zu sagen: Geh in Frieden und wärme Dich! Denn ich weiß doch, dass es keinen Ort gibt, wo dieser Bruder in Frieden sein kann und es warm hat. Und ich frage mich jetzt schon den dritten Winter, wie wir uns als Gemeinde ihm gegenüber als Freunde Gottes zeigen können.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn wir darüber gemeinsam nachdenken.
Denn unser Glaube nützt nichts, wenn uns die Not des Obedachlosen, der vor unserer Kirchentür steht, egal ist und wir ihn einfach nur wegschicken: Geh in Frieden und wärme Dich woanders!

Im Glauben an Gott sind wir nämlich ein großer Freundeskreis. Da lebt und stirbt man nicht allein. Da ist Gott mittendrin. Als Freund des Lebens.
Mag sein, dass wir Gott in diesem Leben nicht brauchen, um glücklich zu sein, aber er braucht uns, um in unsere Welt hineinzuwirken.

Dietrich Bonhoeffer sagt das so. Und ich möchte mit seinen Worten schließen:
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.

Möge er auch uns vergeben, wo wir es an Freundschaft und Liebe haben fehlen lassen. Möge er uns immer wieder aufs Neue seinen Geist geben, in dem wir tun, was in Liebe zu tun ist.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 20.10.2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.