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02 Juni
Sonntag, den 02.06.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Weiter Raum

Predigt zu Eph 3,14-21

Liebe Brüder und Schwestern, ich war neulich auf dem Rundgang der Hochschule für Gestaltung. Vielleicht sind Sie da ja auch gewesen. Besonders gespannt war ich diesmal auf den Ort der Ausstellung, nämlich die ehemalige Offenbacher Flüchtlingsunterkunft. Was ich da sah, macht mir seitdem sehr zu schaffen.

„Schlafsaal“ steht da noch an der Tür einer kühlen und kahlen Halle, die im Dämmerlicht geradezu endlos scheint. Nur die Fluchtwege leuchten hellgrün und lassen die Ausmaße des Raumes erahnen. Ich folge den Linien auf dem Boden, zwei weiße in der Mitte, von denen gelbe rechts und links abzweigen, bis sie wieder auf andere weiße Linien stoßen und schließlich ein Raster aus Rechtecken bilden. Und mir wird mit einem mal schlagartig bewusst, dass jedes dieser Rechtecke einen winzig kleinen Raum markiert, der für Wochen und Monate die einzige Zuflucht war für jene, die 2015 und 2016 aus ihrer Heimat geflohen und zu uns nach Offenbach gekommen waren. Die Vorstellung, in einem dieser winzigen Vierecke auch nur eine Nacht schlafen zu müssen, schnürt mir die Kehle zu. Wie muss das erst jenen ergangen sein, die ,von der Flucht zutiefst dünnhäutig geworden, dort Schutz und Ruhe suchten.

Ich habe bisher nicht wahrhaben wollen, wie wenig Raum wir jenen gaben, die zu uns kamen, weil sie ihre Heimat, ihr Land, ihre Häuser und Wohnungen im Krieg verloren haben und nun nichts anderes wollen als einen Ort, an dem sie sicher sind und bleiben können.

Mich lässt die Erinnerung an diesen riesigen Schlafsaal mit seinen vielen kleinen Parzellen auf dem Boden nicht mehr los. Zum einen, weil mich wirklich das Gewissen plagt, nicht genau hingeschaut zu haben, unter welchen Bedingungen die Geflüchteten hier in Offenbach lebten. Zum anderen aber, weil er für mich zu einem Sinnbild für unsere Zeit geworden ist. Und das macht mir sehr zu schaffen!

Denn auch in unserer Gesellschaft sind die Räume gerade sehr eng. Nicht nur jene Räume also, die wir den Fremden zugestehen, sondern auch die viel zu engen und viel zu wenigen sozialen Wohnräume in unserem eigenen Land und in unseren eigenen vier Wänden. Hinzukommt, dass auch der gesamte Lebensraum auf unserem Planeten gerade sehr gefährdet scheint.

Dabei brauchen wir doch alle Raum, um uns buchstäblich zu verorten und zu beheimaten, um atmen und leben zu können. Und wie schlimm es ist, wenn wir diesen Raum nicht kriegen. Und in Krisenzeiten werden diese Räume noch enger, weil die Sorgen uns dann erst recht bedrängen, die Panik den Boden unter den Füßen wegreißt, die Krankheit ans Bett fesselt, Vorurteile Mauern hochziehen und Angst uns hilflos macht. Und das gilt nicht nur für unser ganz persönliches Leben, sondern auch für das Zusammensein in einer Gesellschaft.

Manche reagieren dann auf diese buchstäbliche Raumnot, in dem sie sich zurückziehen, ihrerseits die Türen zu machen, die Decke über den Kopf ziehen und alles tun, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Aber ein solches Verhalten, so verständlich es auch sein mag, macht die Räume doch nur noch enger und zwar für alle!

In so einer Krise war auch die christliche Gemeinde in Ephesus in den 80er und 90er Jahren des ersten Jahrhunderts. Die überschwängliche Begeisterung des Anfangs ist dem Alltag gewichen, den sie nun als Minderheit organisieren und gestalten müssen mitten in einer Gesellschaft, die vom Christentum nichts wissen will. Jetzt, wo diese christliche Gemeinde versucht, ihren Platz in Ephesus zu finden, wird ihr erst richtig bewusst, was da auf sie zukommt. Und so beschäftigt sie sich damit, Ämter zu schaffen, Strukturen des Zusammenlebens zu regeln und genau zu definieren, wer denn nun dazugehört und wer nicht. Das war damals nicht anders als heute.

Und in diesem Umbruch tritt eine alte Bruchstelle zutage, die in der Begeisterung für das Evangelium zunächst in den Hintergrund getreten war, jetzt aber wieder auf der Tagesordnung steht. Da ist auf der einen Seite die Gruppe der so genannten Heidenchristen, die in Ephesus die Mehrheit darstellen, und auf der anderen Seite, jene, die aus dem Judentum kommen. Letztere werden immer mehr an den Rand gedrängt, weil sie mit ihrem Brauchtum und ihrem Lebensstil den anderen fremd sind. Aber statt diese Fremdheit als Bereicherung und Erweiterung des eigenen Horizontes zu begreifen, schließen sie sie lieber aus. Und es kommt, wie es kommen muss. Es wird für alle eng. Und alle haben Angst, wie es weitergehen soll. Und auch das was damals nicht anders als heute.

Und in ihre und unsere Enge hinein betet der Apostel Paulus um den Geist Gottes, um Glauben und Vertrauen, um Erkenntnis jener Weite und Heimat, die Gott uns allen schenken will. Und sein Gebet, das im Brief an die Gemeinde in Ephesus überliefert ist, ist der Predigttext für heute:
„So beuge ich meine Knie vor dem Vater,“ betet Paulus, „ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dem jedes Vaterland im Himmel und auf Erden benannt ist. Er möge Euch den Reichtum seiner Herrlichkeit entsprechend geben, durch seinen Geist an Kraft stark zu werden, um mit dem inneren Menschen in Christus Wohnung zu nehmen durch das Vertrauen in Eurem Herzen. In seiner Liebe sollt ihr fest verwurzelt sein; auf sie sollt ihr bauen. So könnt Ihr zusammen mit allen Heiligen die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ermessen und die Liebe Christi verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt, damit erfüllt werde die ganze Menschheit (Vollzahl Gottes, siehe Eph 1,27). Dem aber, der durch die Kraft, die uns erfüllt, überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen; dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen

Mit einem kleinen Wortspiel, das es aber in sich hat, beginnt der Apostel sein Gebet: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, nach dem jedes Vaterland im Himmel und auf Erden benannt ist.“ Alle Lande gehören ihm, unserem Gott, nicht uns, bekennt Paulus damit. Und wo uns hier auf Erden ein Ort zur Heimat wird, erinnert er uns immer auch an jene eigentliche, wo wir alle, ausnahmslos die ganze Menschheit, herkommen und daheim sind. Dort, wo es also keine Fremden gibt. Dort, wo niemand an der Grenze abgewiesen wird. Dort, wo Raum ist für alle. Und deswegen eine Heimat also, aus der uns nichts und niemand vertreiben kann. Von der aber auch wir niemanden ausschließen dürfen.

Der Apostel betet für die Heidenchristen in Ephesus, also für jene, die den anderen das Heimatrecht absprechen wollen. Ihnen hat er den Brief geschrieben, in dem er darum wirbt, dass sie doch nur gemeinsam mit den Juden wirklich Gemeinde sein können. Denn die ist so viel größer, schreibt er, weil Gottes Liebe so viel umfassender ist, als wir uns das vorstellen können.

Paulus verurteilt die Epheser nicht. Er macht den Raum weit. Er betet für sie um Kraft in ihren Ängsten, die sie haben unsicher und engherzig werden lassen, und um das Vertrauen, sich in Christus festzumachen und sich in seiner Liebe zu verwurzeln.

Mich berührt sein Gebet sehr. Weil auch ich mich nach diesem Mut für uns alle sehne. Nach dem Mut, nicht länger ängstlich um uns selbst zu kreisen, sondern aus unserer Mitte heraus zu leben. Und das bedeutet also: aus der Liebe Gottes heraus zu leben.

Und der Apostel wünscht den Menschen damals und uns heute, dass wir aus dieser Mitte heraus gemeinsam die Breite und Länge, die Höhe und Tiefe jenes Raumes ermessen, in dem wir schon jetzt sind und nicht nur wir, sondern alle. „Die Vollzahl Gottes“, so nennt das der Apostel und meint damit die gesamte Menschheit.

Was für ein wunderbares Bild von Weite! Paulus stellt uns einen Garten vor Augen, in dem alle fest wurzeln und aufblühen können, geborgen und frei. Es ist jener Raum, der sich dort auftut, wo Menschen einander mit Vertrauen und Liebe begegnen. Wir können ihn nicht mit dem Zollstock abmessen, sondern nur durch und mit den anderen zusammen. Denn es ist ein Beziehungsraum, der sich öffnet, wo wir uns einander zuwenden und so die Beziehung erfahrbar machen, aus der wir alle leben. Und diese Weite können wir tatsächlich nur gemeinsam begreifen. Es ist das Gegenbild zu jenem Schlafsaal der ehemaligen Notunterkunft.

Gott selbst wird zum Ort der Welt. Einer der jüdischen Gottesnamen ist deswegen auch HaMakom, was so viel heißt, wie „Raum“. Denn Gott ist doch der, der ihn uns gibt. Von der ersten bis zur letzten Seite spricht das Buch der Bücher von nichts anderem. Er erschuf die Erde als Garten für uns. Er verspricht Abraham Heimat. Er führt Israel aus der Unterdrückung in die Freiheit des gelobten Landes. Er öffnet uns sogar jenen Himmel, in dem wir einmal wohnen können. „Im Hause meines Vaters gibt es nämlich viele Wohnungen,“ sagt Jesus uns. „Wenn es nicht so wäre, hätte ich sonst gesagt, ich gehe hin euch eine zu bereiten?“ Dorthin sind wir alle unterwegs. Gott ist unsere Zuflucht, wo wir frei atmen können. In ihm sind wir ohne Angst und ohne Enge alle daheim.

Mit dieser Weite im Herzen können wir einander Heimat geben auch in der Fremde. Mit dieser Weite im Herzen können wir füreinander Räume öffnen hier in der Friedenskirche, in Offenbach, in Deutschland, in Europa, auf der ganzen Welt.
Mit dieser Weite im Herzen beten wir: „Dein Reich komme!“ und wünschen es nicht nur uns, sondern auch allen anderen. Denn Gottes Liebe lässt niemand und nichts aus.

Um diese Weite warb übrigens auch Angela Merkel jüngst in ihrer beeindruckenden Rede vor den Absolventen der Harvard-Universität in Amerika: „Nichts ist selbstverständlich“, warnte sie da. „Aber wenn wir die Mauern, die uns einengen, einreißen, wenn wir ins Offene gehen und Neuanfänge wagen, dann ist alles möglich.“

Wir gehen auf Pfingsten zu, auf jenes Fest, mit dem wir feiern, dass wirklich alles möglich wird, wo Menschen ins Offene gehen und diese Neuanfänge wagen.

An Pfingsten, so erzählt es die Apostelgeschichte, haben die Jünger Jesu den Heiligen Geist empfangen, der ihnen die Kraft gegeben hat, die Türen und Herzen zu öffnen und hinauszugehen auf die anderen zu. Wir brauchen diesen Geist. Wir schaffen es nicht alleine.

Auch auf uns kommt dieser Geist in der Taufe herab, damit wir in ihm leben können.
Bitten wir Gott in diesen Tagen vor Pfingsten um seine Kraft, um das Vertrauen in ihn und seine Nähe und um die Weite des Herzens, mit der wir einander mit Liebe und Aufmerksamkeit begegnen von Mensch zu Mensch. Dann ist uns Gott doch am nächsten.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 2.6.2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.