Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Jetzt folgen
Haben Sie Fragen?
18 August
Sonntag, den 18.08.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

a race WE must not win

Predigt zu Phil 3

Liebe Schwestern und Brüder!
„a race we must win“ steht auf dem Segel des Schiffes, mit dem Greta Thunberg – sicherheitshalber mit einer Crew und ihrem Vater – am Mittwoch in See gestochen ist, um den Atlantik zu überqueren. Ihr Ziel ist New York, wo sie in zwei Wochen am UN-Klimagipfel teilnehmen will. Da sie aus Überzeugung nicht fliegt, wird sie die nächsten 10-14 Tage in einem Segelboot sitzen ohne Dusche, ohne WC, ohne Küche oder sonst irgendwelche Annehmlichkeiten. Das Ziel ist es ihr wert, diese beschwerliche und auch gefährliche Reise auf sich zu nehmen. Denn ihr eigentliches Ziel ist nicht New York, sondern der Klimaschutz: „A race we must win“ – „ein Rennen, das wir gewinnen müssen!“

Und ich muss Ihnen sagen, dass ich als Mutter von drei Kindern, schon angst und bange wird, was Greta da vorhat. Aber wenn ich ihr so zuhöre und all die tausenden Berichte lese von der Antarktis, von riesigen Waldbränden, immer neuen Hitzerekorden und von Mikroplastik nicht nur in Fischmägen sondern nun auch in den Schneeflocken, dann wird mein Eindruck, dass das ein Wettlauf gegen die Zeit sein könnte, von Tag zu Tag stärker.
Die Nachrichten aus aller Welt überschlagen sich momentan ja geradezu. Immer rasanter macht sich der Klimawandel inzwischen als Klimanotstand bemerkbar. Und wenn wir nicht schneller sind als er und endlich handeln, so warnen die Aktivisten und mit ihnen viele Wissenschaftler, dann werden wir dieses Rennen verlieren.

Ich komme da gerade ganz schön außer Atem und Sie vielleicht auch. Und ich frage mich dann schon, können wir diesen Wettlauf gegen die Zeit überhaupt noch gewinnen? Können wir das Ziel überhaupt noch erreichen?

Was ist eigentlich unser Ziel? Hab ich das so glasklar vor Augen wie eine Greta Thunberg? Bin ich vielleicht deswegen so außer Atem, weil ich gerade gar nicht weiß, wohin ich rennen soll? Musste wirklich erst eine Greta Thunberg kommen, um uns beide Augen zu öffnen und nicht nur eins?

Auch dem Apostel Paulus geht es im heutigen Predigttext um einen Wettlauf und um ein Ziel. Aus dem Gefängnis in Rom schreibt er an die Gemeinde in Philippi:
Das Einzige, was zählt, ist: Christus zu gewinnen und ihm zu gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist.
Christus und die Kraft seiner Auferstehung möchte ich erfahren.
An seinem Leiden möchte ich teilhaben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde.
Das alles geschieht in der Hoffnung, auch zur Auferstehung vom Tod zu gelangen.
Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin.
Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: ich vergesse, was hinter mir liegt.
Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.
Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen:
Die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, Paulus hat sehr klar vor beiden Augen, was sein Ziel ist. Das Einzige, was zählt, schreibt er mit eindrücklichen Worten, ist, Christus mit ins Boot zu holen. Seine Auferstehung gibt ihm und uns die Richtung vor. Und der Glaube daran stärkt ihn und hoffentlich auch uns, dafür auch einiges zu riskieren. So wie jener Kaufmann im heutigen Evangelium, der die schönste aller Perlen vor Augen hat und deswegen alles andere verkauft, um diese eine Perle zu ergattern. Und er bekommt sie.

Und die beiden stellen uns die Gretchenfrage: Wie haltet Ihr es damit? Was ist euer Ziel, für das Ihr alles auf Euch nimmt? Wonach strebt Ihr?

Ja, wohin streben wir eigentlich, liebe Brüder und Schwestern?
Hand aufs Herz: Vielen heute, auch in der Kirche, fällt es schwer, an eine Auferstehung der Toten zu glauben und daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt.

Und es gibt viele, die vielleicht dem Apostel Paulus antworten und sagen: Das ist doch Jenseitsvertröstung! Wir dürfen uns jetzt nicht aus der diesseitigen Verantwortung stehlen. Uns muss es um die Rettung der Welt gehen! Denn wir Menschen in der Lage sind, sie zu zerstören. Also müssen wir jetzt auch alles dransetzen, sie zu retten. Das muss unser Ziel sein. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren! A race we must win!

Und ich höre den Apostel, wie er darauf antwortet: „Ihr könnt vielleicht die Welt zerstören, aber retten könnt Ihr sie nicht. Das übersteigt Eure menschlichen Kräfte! Ich weiß, wovon ich rede. Denn ich bin schon daran gescheitert, mich selbst zu retten. Und glaubt mir, ich habe wirklich alles versucht. Keine Mühe war mir zu groß, kein Weg war zur weit. Ich habe immer alles richtig gemacht und doch nichts dabei gewonnen.

Aber dann, dann bin ich dem begegnet, der wirklich rettet. Ich bin Christus begegnet. Und ich habe mit einem Mal verstanden, dass ich mit ihm schon längst am Ziel bin. Denn er ist die Rettung der Welt. Mit ihm ist alles gut!“

Liebe Brüder und Schwestern, wie aber kann alles gut sein, wenn doch nichts in Ordnung scheint und wir unter dem Eindruck stehen, dass wir, nicht der Schöpfer der Erde, diese Erde mit vollem Karacho an die Wand fahren? Wie kann alles gut sein in einer Welt voller Kriege, Heimatloser, schmelzender Polkappen und Mikroplastik in der Atmosphäre? Das ist nur schwer zusammenzubekommen.

Und das ist ja der Zweifel, der nicht erst heute, sondern seit 2000 Jahren zum Glauben dazugehört. Und es ist die berechtigte Frage unserer jüdischen Geschwister: Wenn der Messias wirklich seit 2000 Jahren da sein soll, warum ist die Welt denn dann noch immer nicht gut?

Und darauf gibt es keine Antwort. Keine Antwort jedenfalls, die wirklich befriedigt. Wir müssen als Christen in dieser Spannung leben. Und selbst der überzeugte Paulus sagt ja von sich: Ich bin doch auch noch nicht am Ziel, obwohl Christus mich bereits mit Haut und Haaren ergriffen hat.

Und Paulus beschreibt das als Leiden. Als Leiden an einer Welt, die durch Gier, Gewalt und Egoismus kaputt geht. Als Leiden aber auch an sich selbst, immer wieder hinter dem zurückzubleiben, woran er eigentlich glaubt.

Aber er hält es aus. Er steht immer wieder auf. Er läuft und streckt sich aus nach dem aus, was kommt. Der Apostel lässt sich die Hoffnung nicht nehmen. Im Gegenteil. Er lebt aus dieser Hoffnung. Einer Hoffnung darauf, dass da noch etwas kommt. Dass der Tod eben nicht das letzte Wort hat, und dass wir nicht an der berühmt berüchtigten Wand zerschellen werden.

Der bekannte evangelische Theologe Karl Barth sagte am Vorabend seines Todes vor 50 Jahren zu seinem besten Freund am Telefon: „Ja, die Welt ist dunkel. Aber nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert. Nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert. Und zwar hier auf Erden. Aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht. Bleiben wir doch zuversichtlich in den dunkelsten Augenblicken! Lassen wir die Hoffnung nicht sinken, die Hoffnung für alle Menschen, für die ganze Völkerwelt! Gott lässt uns nicht fallen. Keinen einzigen von uns und uns alle miteinander nicht! Es wird regiert!“

Ja, es wird regiert! Christus ist bei uns! Wir leben in ihm und in seiner Liebe! Trotz aller Ängste, die wir haben, trotz der Ängste, der er um uns hat.

Mit dieser Hoffnung im Herzen verlieren wir das Ziel nicht aus den Augen! Mit dieser Hoffnung im Herzen haben wir die Kraft, einen Weg zu suchen und ihn, wenn wir ihn dann gefunden haben, möglich zu gehen. Auch wenn dieser Weg in eine Sackgasse führt. Mit dieser Hoffnung im Herzen kommen wir, auch wenn es erstmal rückwärtsgeht, aus dieser Sackgasse wieder raus. Dann wissen wir wie Paulus, was für eingeschliffenen Selbstverständlichkeiten und schlechte Gewohnheiten, was für falsche Überzeugungen wir auch zurücklassen müssen, um wieder nach vorne zu kommen.

Sollten wir mit dieser Hoffnung, dass wir trotz allem behütet sind, nicht gelassener tun, was zu tun ist? Haben wir mit ihm nicht wirklich mehr gewonnen als ohne ihn? Vielleicht auch ein Rennen gegen die Zeit?
Nur ja die Ohren nicht hängen lassen, sagt Karl Barth. Es wird regiert! A race we must not win! Möge uns seine Greta Thunberg vorkommen wie ein Schutzengel. Und möge auch sie behütet sein auf ihrem mutigen Weg nach New York,
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 18. August 2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.