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01 Januar
Mittwoch, den 01.01.2020 11:00 Uhr Friedenskirche

Heiliger Unglaube

Predigt zur Jahreslosung 2020

Liebe Brüder und Schwestern,
es ist seit langem Tradition in der Friedenskirche, dass wir uns zwischen den Jahren Abend für Abend an der Krippe versammeln, um zusammen Weihnachtlieder zu singen und so das Fest noch ein bisschen in uns nachklingen zu lassen.

Mich berührt immer wieder sehr, wie sangesfreudig und notensicher Sie alle sind. Manche von den Älteren unter Ihnen können die alten Lieder sogar auswendig. Von der ersten bis zur letzten Strophe. Und wenn ich frage, woher Sie diese alten Weisen so inwendig können, erzählen Sie mir immer wieder mit leuchtenden Augen von jener glücklichen Zeit hier in der Friedenskirche, als die Konfirmationsjahrgänge noch über 100 Jungen und Mädchen hatten, und manch eine gleich ihr Bett hier hätte aufschlagen mögen, weil damals so viel Leben in der Friedenskirche war, und der Glauben für alle selbstverständlich dazugehörte. Fast ein bisschen neidisch werde ich da jedes mal. Denn heute ist das ja leider nicht mehr so selbstverständlich. Für die Mehrheit in unserer Gesellschaft spielt Gott allenfalls noch an den Rändern des Lebens, in Krankheit und Tod, eine Rolle, für viele aber selbst da nicht mehr.

Im gerade vergangenen Jahr hat eine Studie die Kirchen alle miteinander ganz schön in Aufruhr versetzt, weil sie belegt, was eigentlich alle schon vorher wussten. Immer mehr junge Leute kehren uns den Rücken, weil sie die Kirche schlicht nicht brauchen. Nun sagt das selbstverständlich noch nichts darüber aus, ob sie auch Gott nicht brauchen und nicht auch außerhalb von Gemeinde und Kirche gläubige Menschen sind. Aber allein schon, wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, wird mir klar, dass viele schlicht und ergreifend mit Gott einfach nichts mehr anfangen können. er hat ihnen buchstäblich nichts mehr zu sagen.

Freilich die Sehnsucht nach echtem Halt und Trost, die ist noch da. Die ist ja unstillbar in uns Menschen. Da können wir nichts machen. Jeder Versuch, sie zu stillen und zu stopfen, lässt nur noch brennender werden. Aber die meisten suchen heute die Antwort nicht mehr im Glauben an einen Gott, zu dem wir Du sagen können. Allenfalls gibt es für sie in der Weite des Universums noch an eine Kraft und Energie, die alles durchdringt, und der wir Menschen uns öffnen können. Jener aber, an den wir uns wenden können, der mit uns in Beziehung tritt und uns liebt, ist vielen fremd geworden. Und das nicht nur außerhalb der Kirche. Immer wieder erzählen mir im Vertrauen auch Menschen in unserer Gemeinde, Junge und Alte, dass ihnen Gott in ihrem Alltag irgendwie abhandengekommen sei und wie schwer ihnen dieser Glaube an ihn doch fällt, an seine Liebe, seine Gerechtigkeit und an seine Zukunft, die über den Tod hinausreicht.

Ich kann sie gut verstehen. Denn angesichts der düsteren Zukunftsszenarien für uns und unseren Planeten, die im vergangenen Jahr zu recht für Schlagzeilen gesorgt haben, frage auch mich heute, am Neujahrsmorgen 2020 sorgenvoll, ob es wirklich noch gut werden kann mit uns und unserer Welt. Und wo Gott ist in all dem.

Und so trifft die Jahreslosung für das neue Jahr mitten ins Herz: „Herr, ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“
Ich finde, sie ist genau die richtig für diese Zeit, die vor uns liegt. Denn sie hilft uns, in der Spannung zu leben zwischen Sorgen und Hoffnung, Glauben und Unglauben, Angst und Vertrauen und dabei nicht unterzugehen.

„Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!“
Diese Losung stammt aus dem Markusevangelium. Eben noch war Jesus mit drei seiner Jünger oben auf dem Berg gewesen und vor ihren Augen verwandelt worden. Wie ein helles, klares Licht stand er ihnen vor Augen. Auf diesen Höhen des Glaubens wollten sie gerne bleiben. Lasst uns hier Hütten bauen, sagt Petrus noch sehnsüchtig, aber da ist sein Meister schon wieder auf dem Weg hinunter ins Tal, dorthin, wo nicht mehr alles so klar und selbstverständlich ist. Und den Tumult, den sie unten antreffen, entlockt Jesus einen messianischen Seufzer: „O, du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein?“

Ein Disput ist im Gange. Irgendwer diskutiert mit den Schriftgelehrten und irgendwo müssen auch die anderen Jünger stecken. Denn sie sind Anlass der Auseinandersetzung. Ein verzweifelter Vater hat seinen schwerkranken Sohn gebracht, damit er geheilt wird. Was haben sie schon alles ausprobiert, um ihn gesund zu machen? Nichts und niemand hat geholfen. Und jetzt ist er hier. Voller Hoffnung, aber auch voller Zweifel.

Und weil Jesus nicht da war, haben seine Jünger versucht, selbst das Kind zu heilen. Aber sie waren gescheitert. Nun ist ihr Meister zurück. Und der Vater ergreift die Gelegenheit. „Wenn du etwas vermagst, so hilf uns und erbarme dich unser!“ wendet er sich an ihn. In der Bitte mischt sich ein Vorbehalt, der vielleicht auch uns vertraut ist. Der Zweifel spricht mit. „Hilf, wenn du kannst!“ Aber es spricht auch der Glaube. „Hilf, indem du dich erbarmst.“

Jesus geht auf den Zweifel ein. „Wenn du es kannst…? – Alles ist möglich dem, der glaubt,“ sagt er dem Vater und hat dabei aber auch seine Jünger und uns im Blick. Der Vater hört die Ermutigung. Er zögert keine Sekunde. „Ich glaube. Hilf meinem Unglauben.“

Und er wirft sich damit Jesus förmlich in die Arme. Er selbst kann in dem Moment nicht vertrauen, zu groß ist die Angst, wieder enttäuscht zu werden, zu schwer die Sorge, dass sein Kind nie wieder gesund wird, zu ungewiss die Zukunft für sie beide. Aber indem er sich mit seinem Nichtkönnen, seinem Zweifel, der an Verzweiflung grenzt, und mit seiner ganzen Ohnmacht an Jesus wendet, geschieht der Glaube. Und nicht nur der Sohn wird heil und gesund. Auch der Vater.

Und als die Jünger Jesus später fragen: „Warum konnten wir ihn nicht heilen?“ antwortet der: „Das gelingt nur durch Beten.“ Denn wir Menschen haben es nun mal nicht in der Hand, auch wenn wir es immer wieder meinen. Wir sind angewiesen auf andere Hilfe, auf anderen Trost und andere Zukunft.
Die aber ist im wahrsten Sinne des Wortes prekär. Immer. Prekär kommt nämlich vom lateinischen precare, das heißt übersetzt „erbitten“. Hilfe, Trost, Zukunft können wir nur immer wieder erbitten von jenem, der Anfang und Ende ist, Weg und Ziel.

Liebe Brüder und Schwestern, „Ich glaube, hilf meinen Unglauben,“ dieser Schrei des Vaters ist unsere Losung für das neue Jahr. Gott sei Dank! Und ich wünsche uns, dass er in den kommenden 12 Monaten immer mehr auch zu unserem Gebet wird. Ich wünsche uns, dass wir dann auch unsere Zweifel lieb gewinnen. Denn die Zweifel sind es, die uns nach Gott fragen lassen immer und immer wieder. Die Zweifel sind es, die uns davor bewahren, Hütten zu bauen, wo wir keine bauen sollen, weil der Glaube eben nichts ist, was wir besitzen können, sondern der geschieht, wo wir loslassen. Ja, hundert Zweifel sind wirklich heiliger als ein Schulterzucken, wie es auf der Karte steht, die Sie hoffentlich alle in Händen halten. Denn die Zweifel sind es, die uns Gott immer wieder in die Arme treiben. Wenn wir der Sehnsucht Raum geben, die ihnen inne wohnt. Eben jener Sehnsucht, die uns Menschen ausmacht, die Sehnsucht nach letztem Halt und echtem Trost.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“
Das Leben wird uns immer wieder in Situationen bringen, in denen wir uns nach diesem Halt sehnen und nicht wissen, ob uns unser Glaube da hindurchträgt. Und womöglich werden wir Zweifeln ausgesetzt sein, in denen wir unseres Glaubens nicht mehr sicher sind. In solchen Momenten wünsche ich uns, dass wir von der Gemeinschaft jener getragen werden, die zu ihm gehören, und dass auch wir die anderen in ihren Zweifeln und Nöten tragen und füreinander beten, wie das schon Menschen vor uns hier in der Friedenskirche miteinander getan haben. Denn auch sie haben ja in glaubensarmen, sogar in glaubensfeindlichen Zeiten gelebt. Manche Älteren unter uns können sich noch gut daran erinnern.

Die Idee der Jahreslosung ist in eben einem solchen dunklen Jahr entstanden. Otto Riethmüller war es, der 1930, also heute vor 90 Jahren, damit angefangen hat. „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht,“ lautete sie damals. Denn wo es uns an Glauben fehlt, und Gott uns fern und fremd erscheint, da ist er uns nahe. Da brauchen wir nichts weiter tun, wie jener Vater im Markusevangelium, als uns immer wieder aufs Neue an Jesus zu halten: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“ Da geschieht er, der Glaube!

Und nicht zuletzt deswegen ist es so schön, dass wir fast eine Woche lang Abend für Abend gemeinsam an der Krippe singen und einfach nur schauen, was uns da mit dem Kind von Gott in die Hand gelegt wird. Und ich wünsche unserer Gemeinde, dass wir auch über das Jahr noch andere Gelegenheiten finden, um so zusammen zu sein mit unseren Fragen und Antworten, mit unserem Glauben und unserem Unglauben, mit unserem Singen und Schweigen.

2020 liegt vor uns, liebe Brüder und Schwestern. Und Jesus verspricht uns auch heute, dass er uns vorausgeht. „Ich gehe voraus, um euch einen Platz zu bereiten,“ haben wir ihn ja eben im Johannesevangelium gehört. Jesus macht uns die Zukunft bewohnbar. Er macht sie zu unserem Zuhause. Das heißt, ganz gleich, was uns im kommenden Jahr erwartet, es ist getragen durch seine Liebe und Treue zu uns. Und wir brauchen wirklich nicht mehr tun, als immer wieder uns an ihn zu halten. Auch und gerade mit unseren Fragen und Zweifeln. Wohin der Weg uns auch führt, bleibt er in unserem Blickfeld. Er ist ja hinabgestiegen in unsere Tumulte und Abgründe, in unsere Zweifel und unsere Ängste. Er weiß um uns und unser Menschenherz.

Liebe Brüder und Schwestern, zu Beginn dieses neuen Jahres möchte ich Ihnen Worte mitgeben, die von diesem Glauben in allem Unglauben sprechen. Ich habe sie Ihnen schon am Sonntag zitiert. Aber es lässt sich einfach nicht besser ausdrücken, was ich uns allen für die kommende Zeit wünsche:
Ich sage dem Engel,
der an der Pforte des neuen Jahres stand:
Gib mir Licht,
damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit
entgegengehen kann!
Aber er antwortete:
Gehe nur hin in die Dunkelheit
Und lege deine Hand in die Hand Gottes.
Das ist besser als ein Licht
Und sicherer als ein bekannter Weg.

So bleiben Sie behütet, liebe Brüder und Schwestern, auch im neuen Jahr. Legen Sie Ihre Hand ruhig in jede, die sich Ihnen entgegenstreckt. Denn Hand in Hand gehen wir, von ihm begleitet, was auch kommen mag.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, Neujahr 2020

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.