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02 Februar
Sonntag, den 02.02.2020 09:30 Uhr Friedenskirche

Apokalyptische Bilder

Predigt zu ApK 1

Liebe Brüder und Schwestern,
die Bibel ist voller apokalyptischer Bilder, die uns den Untergang der Welt in den grausigsten Farben ausmalen. Es sind Bilder, die uns heute all überall vor Augen stehen: Brände, massive Ernetausfälle, gewaltige Überschwemmungen, Millionen von Flüchtlingen aus Gegenden, die jetzt schon unbewohnbar geworden sind. Offensichtlich haben Menschen zu allen Zeiten solche Katastrophen am eigenen Leib erlebt. Heute aber sehen wir, wie unsere ganze Erde in Flammen steht. Buchstäblich und im übertragenen Sinne brennt unser Haus.

Und diese schrecklichen Bilder sind so allgegenwärtig, dass ich oft gar nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht. Und wenn ich ganz ehrlich bin, möchte ich den am liebsten in den Sand stecken. Nichts hören. Nichts sehen. Und irgendwie abwarten, dass der Spuk sich wie durch ein Wunder vielleicht noch von selbst auflöst.

Liebe Brüder und Schwestern, das „Ende vom Ende der Welt“ heißt eine Sammlung von kleineren Texten des bekannten Schriftstellers Jonathan Franzen, der Mut machen will, diesem Schrecken anders zu begegnen.

„Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen,“ sagt er, der sich seit vielen Jahren mit den Fragen des Umweltschutzes beschäftigt. „Das Spiel ist aus. Wir werden den Klimawandel nicht verhindern können.“
Aber er ist gleichzeitig überzeugt davon, dass das nicht das Ende von allem ist. „Wenn uns unser Planet am Herzen liegt und mit ihm die Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen,“ schreibt er. „Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindert lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt nur immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“

Und Jonathan Franzen versucht diese Hoffnung durchzubuchstabieren und bringt sie aufs Papier, damit wir mit denken können. Er provoziert geradezu dazu. Er schreibt, was er sieht. Und das, was er sieht, lässt ihn nicht nur verzweifeln, sondern gibt ihm auch Hoffnung für heute.

Auch Johannes, der Seher von Patmos schreibt, was er sieht. Er tut das sogar auf himmlischen Befehl hin: „Was du siehst, das schreibe auf!“ hört er eine Stimme sagen. Ein Buch wird daraus. Die sogenannte Apokalypse des Johannes. Sie steht am Schluss der Bibel und ist in gewisserweise ebenfalls das Ende vom Ende der Welt.

Buchstäblich am Ende der Welt sitzt Johannes fest. Ihn hat es nach Patmos verschlagen. Eine Insel am Rand von Europa. Freiwillig ist er nicht hier. Vermutlich ist er bei den römischen Behörden wegen seiner Predigten in Ungnade gefallen. Daraufhin haben sie ihn weggesperrt, wie Diktaturen zu allen Zeiten das mit kritischen Geistern tun. Dort im Exil nun ist Johannes allein mit seinen Ängsten und Sehnsüchten und seinem Wunsch, seinen Brüdern und Schwestern nahe zu sein. Und er mag vielleicht nicht mehr zu seinen Gemeinden sprechen können, aber schreiben kann er ihnen. Und so hinterlässt er uns jene Worte, die uns an diesem Sonntag zum Nachdenken aufgetragen sind.

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. Schreibe, was du gesehen hast und was ist und was geschehen soll danach.

Liebe Brüder und Schwestern,
„Schreib, was Du siehst!“ Und Johannes schreibt, was er vor Augen hat, und was ihn bis in sein Exil auf dieser Insel irgendwo fernab im Mittelmeer verfolgt. Er sieht die ganze Welt in einem Krieg. Die Erde in Brand gesetzt. Die Menschen, wie sie um ihr Leben fürchten müssen.

Viele der Bilder, die er in seinem Schreiben aufruft, bleiben für uns heute rätselhaft, aber man spürt in jeder Zeile, die er aufs Papier bringt, auch heute noch, dass der Seher von Patmos nicht nur in eine weite Zukunft blickt, sondern Erlebtes verarbeitet. Er kennt die Angst. Er kennt die Sorge um die Zukunft. Er kennt die Verzweiflung, wenn man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Und das Einzige, was er jetzt will, ist, seinen Brüdern und Schwestern Mut zu machen, und ihre Hoffnung zu stärken. Denn das ist es, was sie jetzt brauchen. Und deswegen setzt er sich hin und schreibt, was er sieht, wo andere nur die Katastrophe und das Ende vor Augen haben.

„Apokalypse“ lautet der Titel seiner Briefsammlung. Es ist das erste Wort, mit dem sein Buch beginnt. Und es ist der Schlüssel zu seinen Visionen. Entgegen unserer Alltagssprache meint Apokalypse nämlich gerade nicht den Weltuntergang und die totale Katastrophe. Apokalypse heißt vielmehr, dass etwas, das verborgen ist, aufgedeckt und damit sichtbar wird für alle, die genau hinschauen. Und die Apokalypse Jesu Christi geht es dem Seher von Patnos deshalb. Um die Offenbarung Jesu.

Für Johannes ist es die Hoffnung, die sich in der Katastrophe verbirgt, und die wir aufspüren sollen und können, weil sie ein Angesicht hat und einen Namen, nämlich Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, und die Schlüssel zum Tod und zur Hölle in den Händen hält. Er ist, etwas salopp formuliert, der Ausweg. Der einzige, den wir haben.

Ihn, den von den Toten Auferstandenen, hat Johannes buchstäblich im Rücken, wenn er hinter sich die Stimme hört: „Schreib, was Du siehst!“
Der Auferstandene ist jener Menschensohn, der zur Rechten Gottes sitzt. Durch und durch erfüllt ist er von dessen Frieden. Er ist unsere Zukunft. Denn wo er ist, sollen wir ja einmal sein. Hat er nicht gesagt: Wo ich bin, sollt Ihr sein? Ich gehe, Euch einen Platz bereiten?
Das Evangelium von heute hat uns diesen Menschensohn mit den Farben des Himmels ausgemalt, wenn Matthäus erzählt, was die Jünger da oben auf dem Berg gesehen haben, nämlich wie Jesus vor ihren Augen verwandelt wurde, und für einen Augenblick ganz Licht war und auch sie selbst nichts anderes mehr wollten, als in diesem Frieden zu bleiben und mit ihm im Rücken zu leben.

Eigentlich, und das ist der Clou, eigentlich ist oder besser: sollte das unsere Perspektive als Christen sein. Denn wir haben tatsächlich den Auferstandenen und seine Auferstehung seit über 2000 Jahren im Rücken. Wir kommen von ihr her. Sie ist nichts, was im Dunkel der Zukunft liegt. Sie ist das Licht, in dem wir uns und unsere Welt sehen können. „Ich bin der Erste und der Letzte,“ hören wir Jesus sagen. „Fürchtet Euch nicht! Ich bin bei Euch. Alle Tage bis an der Welt Ende!“

In diesem Licht können wir uns als neue Menschen sehen, die voller Möglichkeiten sind. Begabt und begnadet, um es einmal mit den Worten des Glaubens zu sagen. Wir sind reich beschenkt, weil Gott uns Menschen und unsere Welt voller Liebe ansieht. Am Ende jedes Gottesdienstes stellen wir uns unter diesen Blick: „Der Herr lasse sein Angesicht über Dir leuchten!“
In diesem Blick zu leben, hieße, es gut sein zu lassen, wie es man es gut sein lässt am Ende eines Tages auf der Bank vor dem Haus. Und ich glaube ja, es tät uns und unserer Welt gut, wenn es uns Menschen gelänge, es im wahrsten Sinne des Worte gut sein zu lassen.

Und wer weiß, vielleicht hat Jonathan Franzen tatsächlich Recht, wenn er meint, „dass die Zukunft, selbst wenn sie zweifellos schlechter sein wird als unsere Gegenwart, in mancher Hinsicht auch besser sein könnte.“ Dann nämlich, wenn wir diese Katastrophe zum Anlass nehmen, uns wie Johannes umzudrehen und auf jenen zu schauen, der hinter uns steht, und in ihm dann erkennen, wozu wir Menschen berufen sind, nämlich als immer schon Angesehene leben zu dürfen.

Am Ende seiner kleinen Schrift „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ erzählt Jonathan Franzen von einem Projekt, das ihm Hoffnung gibt für heute. Und es ist eins von vielen. In Santa Cruz, wo er lebt, gibt es das so genannte „Homeless Garden Project“, also einen Garten, den Obdachlose bestellen. Solche Projekte gibt es übrigens auch ganz in unserer Nähe, nämlich in Oberrad.
Es kann das Problem der Obdachlosigkeit nicht lösen, aber es verändert seit fast dreißig Jahren das Leben von Menschen, eines nach dem anderen. Und zwar nicht nur jener, die obdachlos waren und nun ein Stück Erde bebauen, sondern auch das Leben aller, die an dieser solidarischen Landwirtschaft teilhaben. Als Mitglied dieser Gemeinschaft genießt Jonathan Franzen dort im Sommer den Grünkohl und die Erdbeeren und freut sich daran, dass im Herbst kleine Zugvögel in den Furchen Nahrung finden, weil der Boden vital und unverseucht ist. Und er hält fest, was er sieht. „Alles, was wir jetzt an Gutem tun,“ schreibt er, „ist womöglich eine Absicherung gegen die heißere Zukunft, aber das wirklich Bedeutsame daran scheint mir, dass es heute gut ist. Solange wir etwas haben, das wir lieben, haben wir auch etwas, worauf wir hoffen können.“

Liebe Brüder und Schwestern, solche Projekte wie das in Santa Cruz und an vielen Orten, wo Menschen ohne großes Aufsehen miteinander das Leben gelingen lassen, das sind die eigentlichen apokalyptischen Bilder. Denn in ihnen leuchtet die Hoffnung auf, dass es doch noch gut werden kann mit uns und unserer Welt. Und mit dem Auferstandenen im Rücken entdecken wir sie auch mitten in der Katastrophe.
Sehen wir also auf das, was wir lieben. Und glauben wir dem, der uns liebt und der uns sieht. Dann wissen wir auch wieder, worauf wir hoffen können. Dann wissen wir vielleicht auch wieder, wo uns der Kopf steht, ganz sicher aber wissen wir dann, wo unser Herz ist. Möge es sich nicht erschrecken lassen von alldem, was uns heute Angst macht, sondern dem vertrauen, der zu uns sagt: „Euer Herz erschrecke nicht, glaubt an Gott und glaubt an mich!“
Amen
Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.