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24 Februar
Sonntag, den 24.02.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Aufbruch

Predigt zu ApG 16,9-15

Liebe Schwestern und Brüder!
Jetzt, im Februar, wenn es draußen grau und nasskalt ist, und sich das Wetter noch nicht so richtig entscheiden kann, ob es Winter oder Frühling ist, wenn wir selbst müde sind von den dunklen Monaten und uns nach Wärme und Sonne sehnen, genau dann flattern die ersten Angebote der Reiseveranstalter in den Briefkasten oder stehlen sich zwischen unsere Mails und locken mit Sonne, Strand und Meer im Fernsehen und Internet.

Und wer fängt dann nicht an, davon zu träumen, – wenigstens für einen Augenblick – wie es wäre, jetzt einfach die Koffer zu packen und loszufahren, den Driss des Alltags hinter sich zu lassen, fremde Länder und fremde Menschen kennenzulernen.

Denn es tut unendlich gut, hin und wieder einfach aufzubrechen zu neuen Ufern. Alles, was sich eingefahren hat, einmal zurückzulassen, um neue Erfahrungen zu machen.

Und der Clou dabei ist: Für dieses Reiseabenteuer müssen wir eigentlich oft noch nicht mal weit fahren. Manchmal erweitern wir schon unseren Horizont, wenn wir den bekannten Weg zur Arbeit oder zur Schule oder zum Einkaufen einmal verlassen und auf den Seitenstraßen etwas völlig Neues entdecken.

Manchmal betreten wir ja schon andere Länder, wenn wir uns einfach zwischendurch die Zeit nehmen, unseren Kindern wirklich mal zuzuhören und uns ohne Schere im Kopf auf ihre Welt einzulassen. Manchmal lernen wir ja wirklich fremde Völker kennen, wenn wir dem Nachbarn einmal nicht mit dem Vorurteil begegnen, dass er sich nicht so anpasst, wie wir uns das wünschen.

Und wenn wir unsere Mitmenschen einfach mal erzählen lassen, wie ihr Alltag aussieht, ohne gleich abzuschalten, wäre das nicht auch ein Ausflug in eine unbekannte Welt?

Im heutigen Predigttext aus der Apostelgeschichte, liebe Brüder und Schwestern, zeigen uns fünf Menschen, wie das geht, bereit zu sein zum Aufbruch und zur Reise.
Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Liebe Schwestern und Brüder, da sitzen wir nun am Flussufer vor den Toren der Stadt und sehen die Möwen im Wind gleiten und die Sonnenstrahlen, die über die Wellen tanzen, wenn ein Schiff vorüberzieht. Und wir hören Menschen zu, die ihren Träumen trauen, die bereit waren, Grenzen zu überschreiten und sich für Neues zu öffnen.

Da sind zuerst einmal der Apostel Paulus mit seinen Begleitern Silas und Timotheus, sowie Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes zu neuen Ufern aufgebrochen. Nämlich von Troas nach Mazedonien. Also von Asien nach Europa.

Und sie unternehmen diese Reise, weil Paulus von einem Fremden träumt, der ihn bittet, zu ihm und seinen Landsleuten zu kommen.

Dieser Fremde ist Teil seines großen Traums, seiner Mission, nämlich allen Menschen überall auf der Welt von der frohen Botschaft Jesu zu erzählen. Und so überschreitet Paulus Grenze um Grenze: Volksgrenzen, Sprachgrenzen, Kulturgrenzen, aber auch seine eigenen, ganz persönlichen.

Denn Träume können Wegweiser sein. Und es lohnt sich, gut auf sie achtzugeben.
Damit meine ich nicht so sehr die Träume in der Nacht, an die man sich meist morgens kaum noch erinnern kann, sondern jene, die uns sehnsüchtig machen auf irgendetwas Neues, Anderes als das, was wir haben.
Nicht jeder Traum aber führt uns dabei auf gute Wege, die uns und andere weiterbringen. Das kennen wir vermutlich alle aus eigener Lebenserfahrung.
Es braucht deshalb immer die Gabe unterscheiden zu können, welchen Traum es zu verwirklichen gilt und welchen nicht. Und auch bei Paulus ist das nicht anders. Denn eigentlich wollte er ursprünglich ganz woanders hin, nämlich nach Bithynien. Aber der Geist Jesu, so wird er später erzählen, habe ihn daran gehindert und ihn stattdessen nach Europa geschickt, nach Mazedonien, um genau zu sein.

Und seine Geschichte lehrt, dass wir für diese Unterscheidung der Geister Menschen brauchen, die uns kennen und mit denen zusammen herausfinden können, wo es weitergeht. Auch Paulus versteht erst im Gespräch mit seinen Getreuen den Ruf des Mazedoniers, der ihn bittet, in seinem Land das Evangelium zu verkünden.
Denn bemerkenswert ist: Bis zu jenem Traum, wo der Fremde Paulus erscheint, erzählt Lukas, was Paulus und Barnabas und wie sie alle heißen so tun und unternehmen. Jetzt aber wechselt er die Perspektive. Jetzt spricht er von sich selbst: „Wir“, schreibt er, „wir versuchten sofort nach Mazedonien aufzubrechen, denn wir waren sicher, Gott habe uns dazu berufen.“

Die Vision des Paulus wird also Wirklichkeit, weil auch Lukas, Silas und Timotheus und wie sie alle heißen, mitträumen und sie gemeinsam erkennen, dass diese Reise jetzt dran ist.

Und schließlich begegnet uns im heutigen Predigttext die Purpurhändlerin Lydia. Auch sie bereit zum Neuen: sie lässt sich taufen und lädt Paulus und seine Freunde in ihr Haus ein.

Erlauben Sie mir eine kurze Nebenbemerkung: Auch wenn es sich sicherlich historisch erklären lässt, warum Paulus und seine Gefährten außerhalb des Stadttores am Fluss predigen, so ist doch diese Ortsbestimmung für unsere Frage eigentlich ganz spannend.

Denn für Veränderungen und neue Ideen, für die Frage, was Gott mit uns vor hat, scheint es wichtig, einmal und sei es nur für einen Augenblick, aus dem herauszugehen und auszusteigen, von dem wir meinen, dass es für uns lebenswichtig sei.

Das ist für jeden von uns etwas anderes. Sich aber in einem ruhigen Moment einmal die Frage zu stellen: „Woran hänge ich so sehr, dass ich mein Leben ändern will?“ gibt uns eine ganz neue Freiheit. Und wenn wir uns das fragen und ehrlich beantworten, ohne auszuweichen, würden wir dann nicht wie Paulus und die anderen aus dem Stadttor rausgehen?

Ermöglicht uns das nämlich nicht, einmal mit Abstand zu prüfen, was uns wirklich froh und frei macht, was uns belebt und was nicht?

Wie gesagt, Lydia, ist diesen Weg mitgegangen. Gott öffnet ihr das Herz, so heißt es in der Apostelgeschichte. Das ist ein ungewöhnliches Bild. Wir kennen es vielleicht noch am ehesten von der Redewendung „da geht einem das Herz auf“. Im orientalischen Denken ist das Herz, nicht der Kopf, der Ort der Erkenntnis, wo den Menschen ein Licht aufgeht und sie wissen, was gemeint ist. Wer sein Herz aber verschließt, versteht demgegenüber nichts vom Leben. Doch wo uns das Herz aufgeht vor Staunen und Liebe, da können wir spüren, worauf es ankommt und was wirklich zählt im Leben.

Gott ist es, sagt die Apostelgeschichte, der uns diese Erfahrung schenkt. Wir können sie nicht selber machen. Aber es ist sicher gut, wie Lydia immer wieder darum zu beten, dass wir unser Herz nicht verschließen, sondern offen halten für alle jene, die uns begegnen, für das Wort, das für uns bestimmt ist, für die Reise, die uns zu unserem Ziel führt.

Und die Begegnung, von der wir eben gehört haben, gipfelt in der Einladung der Lydia: „Wenn ihr der Meinung seid, dass ich eine bin, die auf Gott vertraut, so kommt in mein Haus und bleibt.“

Darum geht es nämlich bei jeder Reise, bei jedem Aufbruch zu neuen Ufern, bei jedem Neubeginn: Beieinander Gast zu sein. In dem tiefen Vertrauen, dass wir im anderen keinen Geringeren als Gott selbst beherbergen und ihn so in unser Leben und in unseren Alltag lassen. Weil wir wissen, dass nichts geht ohne ihn und seinen Geist.

Sein Angebot flattert nicht nur im trüben Februar in unser Haus, sein Angebot finden wir nicht nur am Ende eines langen Winters, sondern immer. Und immer wieder. Bis wir uns endlich darauf einlassen und seinem Ruf folgen: Komm ins Weite! Wage die Reise. Ich bin doch bei Dir!

Meine lieben Brüder und Schwestern, in 10 Tagen beginnt die Passionszeit, jene Wochen vor Ostern, die uns Zeit geben umzukehren, auf neue Gedanken zu kommen und dem Herzen zu folgen. Diese Wochen vor Ostern sind eine Einladung an uns alle, unsere Träume zu prüfen, zuzuhören, was andere uns mitgeben wollen, unser Herz weitzumachen, um Gottes Beistand dafür zu erbitten und beieinander Gast zu sein. Denn der Weg aufeinander zu, ist immer eine Reise wert. Eine Reise, die uns wirklich den Winter vergessen lässt. Eine Reise, auf der wir nicht alleine sind, weil da immer einer ist, der an unserer Seite bleibt.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 24. Februar 2019

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