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25 August
Sonntag, den 25.08.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt

Predigt zum Gemeindefest

Liebe Schwestern und Brüder,
als ich klein war, habe ich, wenn es mir zwischen den Großen langweilig wurde, unzählige Papierboote gefaltet. Aus Servietten. Menükarten. Zeitungen, Malblättern und aus allem, was ich in die Finger bekam. Und ich kann Ihnen verraten: Sogar aus dem silbernen Kaugummipapier lassen sich winzig kleine von den Dingerchen bauen. Und diese Schiffchen habe ich dann in Brunnen und Teichen, auf Seen und sogar auf dem Meer fahren lassen. Schön war das jedes Mal, ihnen hinterherzuschauen, wie die alle mit Leichtigkeit über die Wellen tanzen und jeder auch noch so kleine Windhauch sie voranbringt. Ich liebe seitdem Schiffe! Nicht nur Papierboote.

Jetzt in diesem Sommer sind sie aber für mich noch einmal mehr zum Sinnbild des menschlichen Lebens auf unserem blauen Planeten geworden. Denn während die einen Urlaub machen auf riesigen Kreuzfahrtlinern, die wie mächtige Festungen mitten auf dem Meer aussehen, sind die anderen in kleinen Schlauchbooten den Gezeiten ausgesetzt. Seenotrettungschiffe harren vor den europäischen Mittelmeerhäfen oder dürfen gar nicht erst ausfahren. Und Greta Thunberg segelt unterdessen in einer -wie es heißt- klimaneutralen Hightech-Segelyacht über den Atlantik, begleitet von lobenden und inzwischen mehr noch kritischen Stimmen.

Seit Menschen das Schiff erfunden haben, vergleichen sie auch ihr Leben mit so einem Schiff, das sie durch das unendliche Meer der Zeiten fährt. Manchmal ist Flaute. Dann geht gar nichts mehr. Manchmal ist Sturm. Dann wird es hin- und hergeworfen. Und Schiffbruch erleidet, wer scheitert und untergeht in Kummer und Sorgen.

Auch hier in der Friedenskirche spielt das Schiff eine große Rolle. Nicht nur über dem Portal ist das Schiff aller Schiffe, die Arche Noah abgebildet, sondern auch hier gleich auf dem ersten Kirchenfenster neben dem Eingang. Und sogar auf unserem Siegel, mit dem wir Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Bestattungen besiegeln, prangt es. Auch in den höchsten Wellen erinnert uns die legendäre Arche daran, dass wir als Glaubende dennoch geborgen sind. Auch wenn die ganze Welt um uns herum. Für all jene Menschen, die unsere Kirche kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs erbauten und dann die beiden furchtbaren Kriege und die grauenhafte Nazidiktatur erlebten, war das ein Trostbild, an dem sie sich festhalten konnten. Denn sie lebten – weiß Gott – in stürmischen Zeiten. Und die Kirche, auch unsere Friedenskirche war für sie ein Zufluchtsort, wo sie mit Gleichgesinnten neue Kraft sammeln und beten konnten.

„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“, heißt deshalb auch ein bekanntes Kirchenlied aus den 60er Jahren, das diese Erfahrung aufleben lässt: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit. Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr. Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn? Erreicht es wohl das große Ziel? Wird es nicht untergehn?“ Noch in meiner Jugend, liebe Schwestern und Brüder, war das ein Hit. Kein Sonntag, wo es nicht gesungen wurde. Aber stimmt das denn? Stimmt es, dass die Kirche bzw. die Gemeinde unsere Arche ist, in die wir uns wie Noah retten können?

Ich habe so den Eindruck, dass uns dieses Bild des Kirchenschiffs auf eine falsche Fährte setzt. Denn dann sind wir ganz schnell dabei, die Schotten dichtzumachen, unter uns zu bleiben und nur unsere eigene Haut retten wollen. So wie das übrigens ja auch Noah gemacht hat, der für seine Mitmenschen nicht eingetreten ist, als Gott ihm seine Pläne anvertraute und ihn anwies, sich und die Seinen auf der Arche in Sicherheit zu bringen. Nein, erst nach der Sintflut, erst als Noah wieder Boden unter den Füßen hat und die Verwüstung sieht, klagt er Gott mit der Frage an, warum er alles vernichtet habe. Und Gottes Antwort ist entlarvend: „Warum fragst Du mich das erst jetzt? Warum war Dir das Schicksal der anderen vor der Katastrophe egal?“

Liebe Schwestern und Brüder, sitzen wir nicht alle in einem Boot?
Und wenn das so ist, dass wir tatsächliche alle im selben Boot und das nicht aus dem Blick verlieren, wenn wir also niemanden aus dem Blick verlieren, dann würden wir doch ein Schiff haben, das viel größer ist als unsere Kirche und unsere Gemeinde. Und dann, dann könnte es sein, dass wir uns nicht mehr länger in Strukturdebatten verlieren und im ewigen Kreisen um die Frage, wie wir unser Kirchenschiff wieder flott und zukunftsfähig kriegen. Denn dann nämlich ginge es uns um den Glauben. Und der und nichts anderes ist unser Schiff.

Dazu ermahnt uns auch der Apostel Paulus. Er verwendet dafür zwar ein anderes Bild, aber er meint das gleiche. Er spricht vom Leib, den wir gemeinsam bilden. Und wo auch der kleinste Zeh unverzichtbar ist für das Fortkommen aller. In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Niemand vermag zu sagen „ich gehöre zu Jesus“ – es sei denn im Geist Gottes. Es gibt Unterschiede in den geschenkten Fähigkeiten, doch sie stammen von derselben göttlichen Geistkraft. Es gibt Unterschieden in den Arbeitsfeldern, doch der Auftrag dazu kommt von ein und demselben ewigen. Es gibt Unterschiede in den Fähigkeiten, doch es ist derselbe Gott, der in allen alles in gleicher Weise bewirkt. Der einen wird durch den Geist die Fähigkeit zum Denken und Reden in Weisheit gegeben, einem anderen durch denselben Geist die Fähigkeit, Offenbarungen weiterzugeben. Der nächsten wird Vertrauen gegeben – von demselben Geist – einem anderen wiederum die Fähigkeit zu heilen, durch den einen Geist, eine andere erhält die Fähigkeit, Wunder zu tun, der nächste, die Gabe zu prophezeien oder eine andere die Fähigkeit, kritisch zu prüfen, ob alles tatsächlich in Gottes guten Geist geschieht. Andere bekommen die Fähigkeit, eine besondere Sprache gegenüber Gott zu sprechen, und wieder andere können sie deuten. All dieses wirkt ein und derselbe Geist, der sich den einzelnen mitteilt, so wie er will.“

Liebe Schwestern und Brüder, als Gemeinde sind wir also die Passagiere und die Mannschaft zugleich, die sich miteinander beraten, verlässlich zusammenarbeiten und während des Segelns immer wieder in den Himmel schauen, um die Zeichen der Zeit zu deuten. Manchmal sind die Kleinsten dann die Größten, weil sie Dinge sehen, die den Übrigen abhandengekommen sind.

Und der Geist Gottes ist dabei der Wind in unseren Segeln: Und: Jesus ist bei uns – wie er schon bei den Jüngern damals auf dem See Genezareth. Er wird den Stürmen gebieten. Er wird uns sicher durch die Zeiten bringen.

Allein Gott ist unsere feste Burg. Vor allem dann, wenn die Wellen über uns zusammenschlagen, und wir nicht wissen, wo und wie es weitergeht. Allein der Glaube an ihn ist das Schiff, in das wir uns immer wieder retten können. Auch der ist kein Luxusliner, mit dem wir unbeeindruckt durch die Wellen und die Stürme fahren. Der ist manchmal tatsächlich eher das Boot, auf das sich Menschen mutig hinauswagen. Er ist das Rettungsschiff, das alle aufnimmt, die hilflos im Meer der Zeiten treiben. Der Glaube also ist es, der uns daran erinnert, dass wir Menschen alle im selben Boot sitzen. Wo einer untergeht, gehen alle unter!

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte nun gern mit Ihnen ein Papierboot falten, das ein Bild sein kann für unser Glaubensboot. Sie kennen vielleicht den Ablauf der Faltung, aber ich möchte diesen Ablauf gern mit Ihnen zusammen Schritt für Schritt vollziehen. Weil mir dabei ganz wichtig ist, was daraus entsteht, wenn wir es gemeinsam tun.

Sie haben alle hoffentlich ein weißes Blatt Papier am Eingang bekommen. Und vielleicht haben Sie sich schon gefragt, was es damit auf sich hat.
Unbeschrieben ist es wie unser Leben, wenn wir auf die Welt kommen. Wie das Meer der Zeit. Manchmal liegt es ruhig da und glitzert still im Sonnenlicht. Manchmal wellt es sich und knittert, weil die Stürme des Lebens darüber hinwegfegen oder Sorgen und Ängste uns beunruhigen.

Wenn Sie nun dieses weiße Blatt einmal der Länge nach falten und einmal der Breite nach, dann entsteht ein Kreuz. Es ist unsere Hoffnung, dass Christus über unserem Leben ausgespannt ist von Anfang bis Ende, von A bis Z, von Alpha bis Omega.

Und wenn Sie Ihr Blatt jetzt wieder der Breite nach falten mit der geschlossenen Kante nach oben und die beiden Ecken rechts und links so nach unten falten, dass sich die Kanten in der Mittellinie treffen, dann entsteht ein Zelt.
Denn wir Menschen haben hier keine bleibende Statt, wie es Hebräerbrief sagt. Wir haben Zelte. Das sind Häuser für unterwegs. Und auch Gott selbst hat Israel durch die Wüste in einem Zelt begleitet. Und auch unser Glaubensschiff ist so ein Zelt, so eine Herberge mitten auf dem Meer.

Und wenn Sie nun die untere Kante vorne und hinten nach oben klappen, dann entsteht ein Hut. Denn von Gott behütet sind wir gemeinsam unterwegs.

Und nun falten Sie bitte die beiden unteren Ecken so zur Spitze, dass Sie einen Segeldrachen haben. So einen, wie Kinder ihn bauen und fliegen lassen. Wie der Wind diesen Drachen in die Lüfte hebt und bewegt, so bewegt uns der Geist Gottes. Wir dürfen uns ihm und seiner Kraft anvertrauen.

Jetzt falten Sie bitte die unteren Spitzen auf die obere, geschlossene Spitzen, und zwar die eine vorne, die andere hinten. Dabei entsteht ein Becher. Wir empfangen Gottes Liebe auf unserer Fahrt durch die Zeiten und wir sollen sie auch an alle weiterschenken, die sie nötig haben wie wir.

Jetzt wird es etwas kniffelig. Falten Sie den Becher so, dass die beiden größeren Spitzen zusammenliegen. Und wenn Sie nun die Öffnung des Bechers zu sich drehen und die beiden oberen Spitzen vorsichtig auseinanderziehen, entsteht ein Anker. Gott hält uns, erinnert uns dieser Anker. Ihn können wir in den Himmel werfen und uns daran festmachen. Und dann, dann können wir ganz gelassen tun, was zu tun ist. Denn wir wissen dann, wo wir wirklich zuhause sind.

Und wenn Sie nun diesen Anker noch weiter auseinanderziehen, dann haben Sie das Boot, in dem wir alle sitzen. Das leicht über die Wellen tanzt und vom Wind getragen wird.

Und so wünsche ich uns, unserer Friedenskirchengemeinde heute ganz besonders und unserer Kirche, dass wir gemeinsam Hand in Hand die Segel setzen und Gottes gutem Geist vertrauen. Er bringt uns alle ans Ziel. Ich wünsche uns, dass wir von seinem Geist behütet bleiben. Und Jesus? Jesus ist mit im Boot. Immer. Nicht nur wenn die Sonne scheint, sondern auch dann, wenn es dunkel um uns herum wird, wenn uns Nebel jede Sicht nimmt und die Stürme toben. Alle jene, die vor uns hier zusammen kamen, haben sich daran festgehalten und den Mut nicht verloren. Verlieren wir ihn auch nicht! Und sollte er Ihnen doch einmal abhandenkommen, dann spielen Sie doch dieses alte Kinderspiel und lassen sich dann erinnern, wie wir hier zusammen lauter kleine Papierboote gefaltet haben, die vom Glauben erzählen und von der Hoffnung und von der Liebe, die alles zusammenhält. Und von einem Boot, das uns alle umgibt.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell zum Gemeindefest am 225. August 2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.