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01 März
Sonntag, den 01.03.2020 09:30 Uhr Friedenskirche

Das Böse

Predigt zu Gen 3

Wie kann man nur so böse sein?
Das ist eine Frage, liebe Brüder und Schwestern, die mich in den letzten Tagen nicht zur Ruhe kommen lässt.
Ich bin fassungslos über den zunehmenden Fremdenhass in unserem Land, der in Hanau neun Menschen getötet hat und der alle terrorisiert, die schon allein wegen ihrer Haut- und Haarfarbe nicht in sein Bild passen, ganz zu schweigen von jenen, die auch noch ein Kopftuch tragen. Ich bin fassungslos, dass jüdische und mittlerweile auch muslimische Menschen in unserem Land Polizeischutz brauchen. Und ich stehe hier heute Morgen klopfenden Herzens vor Ihnen, weil mir nach all den Ereignissen der letzten Wochen die Worte wirklich nicht leicht fallen. Noch dazu, wo wir es durch den Ausbruch des Corona Virus mit gleich zwei uns bedrängenden Feinden aufnehmen müssen.

Die Erkenntnis, dass der Täter vermutlich psychisch krank war, mindert den Schrecken in keinster Weise und ist keine befriedigende Antwort auf meine Frage, warum Menschen zu so einer Tat überhaupt fähig sind. Denn nicht alle, die Fremde und Andersdenkende hassen und hetzen, die quälen und morden, sind krank. Die Bereitschaft, anderen Böses zu tun, scheint wirklich, wie der Soziologe Heinrich Popitz behauptet, eine „Jedermanns-Ressource“ zu sein. Und das Böse beginnt ja oft schon im Kleinen und Alltäglichen. Mag sein, dass v ich im Laufe der Zeit empfindlicher geworden bin für aggressive Töne bei mir selbst und bei anderen, aber ich habe doch den starken Eindruck, dass das böse Wort und die Aggression zur Zeit bei vielen so unter der Oberfläche brodeln, dass der kleinste Anlass reicht, dem Ärger Luft zu machen. „Man wird doch nochmal sagen dürfen!“ heißt es dann ohne jede Rücksicht auf jene, die davon betroffen sind.

Wie kann ein Mensch so böse sein?
Das ist eine Frage, liebe Brüder und Schwestern, die wohl so alt ist wie die Menschheit selbst.
Zumindest erzählt es uns so das Buch der Bücher. Und was wir dort lesen ist kein historischer Bericht von anno dazumal, sondern der Versuch eine Antwort auf diese bedrängende Frage zu geben, warum wir Menschen alle in der Lage sind, Böses zu tun.

Gleich schon auf der zweiten Seite geht es genau darum, wie Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Aber die Geschichte beginnt früher, nämlich mit den Eltern Adam und Eva, die das Paradies ja noch von innen kannten und als einzige von uns Menschen wissen, wie das ist rundum in Frieden zu sein, ohne die Erfahrung von Gewalt, Angst und Tod. Denn sie lebten ja noch in jenem Garten, den Gott extra für uns Menschen angelegt hat, damit sie mit ihm zusammen dort wohnen können. So viele Bäume und Pflanzen und Früchte gibt es dort. Und von allen dürfen sie essen. Nur von einem einzigen nicht. Von jenem nämlich, der mitten im Garten steht. Es ist der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
„Wenn Ihr seine Früchte esst,“ sagt Gott warnend, „werdet Ihr das nicht überleben!“ Und zuerst hören Adam und Eva hören auch auf ihn. Denn sie genießen die ganze Pracht des Gartens in vollen Zügen. Bis eines Tages, es ist Nachmittag, die Schlange sich an Eva heranschleicht. Später wird es heißen, dass die Schlange das Böse in Person ist, die den Menschen zum Bösen verführt hat, aber in der Bibel ist sie nichts weiter als ein ganz besonders listiges Tier, listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott gemacht hat. Das Böse kommt also woanders her. Es kommt aus dem Zweifel, den die Schlange streut, als sie hinterhältig fragt:
„Sag mal, Eva, hat Gott wirklich gesagt, dass Ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?“ „Nein,“ antwortet Eva zwar und erklärt der Schlange, dass sie nur von den Früchten des Baumes mitten im Garten nicht essen dürfen und sie auch nicht berühren dürften. Aber damit hat sie dem Zweifel schon ein wenig die Tür geöffnet. Denn sie verschärft Gottes Gebot und behauptet, dass er ihnen sogar verboten habe, den Baum nur zu berühren. Und das so ein absurdes Verbot, dass man es doch eigentlich übertreten muss.

Da setzt die Schlange noch einen drauf: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Damit hat sie den Zweifel an Gottes Liebe und Großzügigkeit endgültig ausgesät.

Und da sieht Eva, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug macht. Und sie schnappt sich einen seiner Äpfel und isst und gibt sie ihrem Mann, der neben ihr sitzt, und der beißt auch hinein.
Und tatsächlich gehen ihnen beiden die Augen auf. Aber sie werden nicht klüger, sondern sehen auf einmal nur, dass sie nichts anhaben. Sie sehen sich also zum ersten Mal, so wie sie sind, nämlich nackt, keine Götter, sondern Menschen. Menschen aus Fleisch und Blut. Erdlinge also, wie der Name Adam ja übersetzt bedeutet.
Und das behagt ihnen gar nicht und sie verstecken sich in den Büschen, als Gott am Abend durch den Garten spazieren geht. Und der ruft nach Adam und fragt: Wo bist du?

Eine jüdische Geschichte erzählt, dass Gott, der ja eigentlich alles weiß, diese Frage nur gestellt hat, um Adam und Eva die Gelegenheit zu geben, zur Besinnung zu kommen und umzukehren.

Aber Adam antwortet: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum verstecke ich mich. Adam misstraut also Gott. Wenn er schon nicht selbst wie Gott sein kann, will er wenigstens nicht nackig dastehen.
Und die Saat des Zweifels geht auf.

Daraufhin fragt Gott: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, du solltest nicht davon essen?

Da sagt Adam und zeigt mit dem Finger auf seine Frau: Die du mir zugesellt hast, sie hat mir eine Frucht von dem verbotenen Baum gegeben, und ich habe nur gegessen, was sie mir gegeben hat. Und als Gott Eva fragt: „Warum hast du das getan?“ antwortet die: „Die Schlange hat mich betrogen, und deswegen habe ich gegessen.“

Und das ist der Moment, wo das Böse endgültig ins Paradies eindringt. Das aber hat dort keinen Platz. Deswegen zieht Gott die Konsequenz, indem er die beiden vor die Tür setzt.

Hören wir im O-Ton der Bibel, wie diese Geschichte ausgeht:
Da spricht Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zur Frau spricht Gott: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann spricht er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Liebe Brüder und Schwestern,
nein, das Böse ist nicht mit einem angebissenen Apfel in die Welt gekommen. Es schleicht sich vielmehr Schritt für Schritt ins Herz des Menschen.
Nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, das war die einzige Grenze, die Gott seinen Menschen gesetzt hat. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes ansonsten paradiesische Freiheit. Doch, wie das so ist, Verbotenes übt einen gewissen Reiz aus, vor allem dann, wenn mit seiner Übertretung auch noch Versprechungen verbunden sind. Und die Schlange macht sich diese Schwäche zunutze. Sie ködert den Menschen mit der Aussicht, wie Gott zu sein. Und ihre Strategie geht auf. Adam und Eva essen von der Frucht, obwohl sie im Grunde genommen wissen müssen, dass sie damit eine Grenze überschreiten.
Natürlich haben sie die Suppe auszulöffeln, die sie sich da eingebrockt haben. Zwar macht Gott seine Drohung nicht wahr und lässt sie am Leben. Aber im Paradies können sie nicht bleiben. Die Konsequenzen daraus aber reichen viel weiter und betreffen auch die nächste Generation, ja alle darauf folgenden Generationen!

Denn Kain, ihr Ältester, wird zum Brudermörder. Wenn sich schon die Eltern die Freiheit herausgenommen haben, gegen Gottes Gebot zu verstoßen, was sollte den Sohn daran hindern, es ihnen gleich zu tun? Der Mord an seinen Bruder Abel ist die Folge der Grenzüberschreitung von Adam und Eva: Sie haben eine Tür aufgestoßen. Und was tut Kain? Kain geht hindurch.

Und er ist leider nicht der einzige geblieben. Denn in uns Menschen stecken auch heute noch ein Adam und eine Eva und oft genug eine Schlange.
Wer kann sich schon davon freisprechen, nicht wie Eva immer wieder die Grenzen anderer zu überschreiten? Wer kann sich schon davon freisprechen, nicht wie Adam auf andere zu zeigen und ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben?

Die Strategie der Schlange geht auch heute noch auf.
Es ist so einfach in die Frucht zu beißen.
Es ist so einfach auf andere zu zeigen.
Es ist so einfach, den Menschen das Paradies zu versprechen.
Es ist so einfach, die Schuld bei anderen zu suchen.

Das Schlimme daran ist, dass sich die Folgen daraus verschärfen und damit verselbständigen. Es reicht dann nicht mehr, seinen Frust mit Worten zu äußern.
Wenn die Verantwortlichen scheinbar nichts unternehmen, muss man das Heft halt selbst in die Hand nehmen. Auf eine Grenzüberschreitung folgt so die nächste. „Wer Wind sät, der wird Sturm ernten.“ Darum ist es so wichtig, den schon vorhandenen Anfängen Einhalt zu gebieten. Denn die Schlange ist leider auch heute noch in die Welt.

Liebe Brüder und Schwestern, wir Christen haben eine riesen Verantwortung. Wenn wir dem glauben, der gekommen ist, um uns das Reich Gottes zu verkünden, dann dürfen wir ihm auch glauben, dass er uns sein Paradies wieder und wieder aufschließt. Christus, nach dem wir benannt sind, ist ja der Mensch, mit dem Gott neu beginnt, der jedem Bösen widersteht und auch uns auf diesen Weg bringen will. Wenn wir ihm das glauben, dann hat die Schlange ausgedient. Dann überwinden wir das Böse mit dem Guten. Und dazu gehört vor allem der Schutz menschlicher Würde. Ringsum den gesamten Erdball. Wenn wir den friedlichen Gott doch nur endlich alle wollen würden. Ohne jede Form der Gewalt.
Seit Adam und Eva wissen wir durch ihn doch, was gut und was böse ist!
Liebe Brüder und Schwestern, bleiben wir aufmerksam auf das, was wir sagen, wie wir reden und haben wir den Mut, auch immer wieder andere darauf aufmerksam zu machen, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen. Es gibt ein wunderschönes Bild dafür, was der Einzelne im Kleinen bewirken kann. Ein Bild von einem Streichholzheftchen, in dem schon fünf Streichholzköpfe abgebrannt sind. Mit drinnen hat eins sich rausgezogen, so dass die nächsten Streichhölzer sich nicht entzünden haben. wir alle haben die Möglichkeit, einfach nicht mitzumachen.
Lassen Sie uns jene Worte wiederfinden, die uns vor lauter Kummer um den Frieden und um das, was wir nun immer und immer wieder im eigenen Land erleben müssen, fehlen. Mir auch. Wir haben Gott doch auf unserer Seite.
Liebe Brüder und Schwestern, niemand sonst so wie ihn. Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, 1.3. 2020

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