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19 Januar
Sonntag, den 19.01.2020 09:30 Uhr Friedenskirche

Kleine Pflanze Hoffnung

Predigt zu Jer 14

Predigt zu Jeremia 14
Wenn ein vertrauter Mensch für immer geht, dann wirkt die Wohnung mit einem Mal leer, das Leben trostlos und die ganze Welt irgendwie grau und öde.
Und das, liebe Brüder und Schwestern, erleben nicht nur die Hinterbliebenen so, sondern auch jene, die im Streit auseinandergegangen sind, und wo nichts als verbrannte Erde zurückbleibt.

Eines Tages, um bei dem Bild des Abschieds und seiner Schwere zu bleiben, sind es die Nachbarn, die den Sohn in der fernen Stadt anrufen und hilflos sagen: „Seit Du ausgezogen bist, geht es Deiner Mutter echt schlecht. Die Rollläden sind immer unten. Sie geht kaum noch vor die Tür. Du musst was unternehmen – am besten Du kommst.“

„Wenn das nur so einfach wäre,“ denkt sich der Sohn. Denn er weiß nicht, was er noch tun soll. An allem hatte sie was auszusetzen. Schon als er noch ein ganz kleiner Junge war. An seinen vom Spielen zerrissenen Hosen, an seinen Schulnoten, an seinen Freunden. Einfach an allem. Als sie aber auch noch an seiner großen Liebe herumhackt, läuft das Fass endgültig über.

Der Sohn packt schließlich entnervt seine sieben Sachen und zieht weit weg. Jeder Versuch, seine Mutter dann doch einmal anzurufen, schlägt fehl. Als er selbst Vater geworden ist, fährt er mit dem Kind eines Tages kurzentschlossen zu ihr. Aber sie lässt die beiden vor der Tür stehen.

„Schlimm sieht es bei Deiner Mutter aus,“ sagen ihm die Nachbarn am Telefon. „Sie kommt allein nicht mehr zurecht. Alles ist völlig verstaubt. Die Luft steht in den Räumen. Alle Pflanzen lassen die Köpfe hängen. Mach was! So geht das nicht weiter!“

Liebe Brüder und Schwestern, so geht das nicht weiter, das denkt auch der Prophet Jeremia. Und es wird ihm angst und bang im Angesicht der ganzen Trostlosigkeit, die sich vor ihm auftut. Auch er sieht, wie alles immer mehr kaputt geht. Auch er sieht, was die anderen einfach nicht wahrhaben wollen: Wir kommen allein nicht zurecht. Und es jammert Gott und es jammert Jeremia. Seine Klage über Juda ist der Predigttext für heute:

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Liebe Brüder und Schwestern, vor der Buchhandlung eines vom Feuer verwüsteten australischen Dorfes steht ein neues Schild mit dem Hinweis: „Postapokalyptische Bellestrik“ findet sich jetzt unter der Rubrik „Aktuelles Zeitgeschehen“. Was für eine hoffnungslose Ironie. Aber wenigstens zu dieser hat der Schreiber sich aufgerafft.

Ich kann den Predigttext für heute nicht lesen, ohne an Australien zu denken, an die verbrannten Wälder und ausgebrannten Häuser, die staubtrockene, graue Asche, in der wie in schmutzigem Schnee das ganze Land versinkt. Der Rauch löscht alles Licht aus und macht den Tag zur Nacht. Es ist trostlos. Man kriegt schon bei den Bildern Durst. In Australien sind es keine Hirschkühe und Wildesel, sondern Koalas und Kängurus. Ein Massensterben. Und die, die noch übrig sind, stehen auf kahlen Höhen. Nirgends ist Gras.

Nach Schätzungen von Wissenschaftlern sind fast eine halbe Milliarde heimischer Tiere ums Leben gekommen. Man befürchtet, dass einige Arten auch von Pflanzen völlig ausgestorben sind. Tiere, die überlebt haben, lassen ihre Jungen zurück. Es ist von ihrem massenhaften Verhungern die Rede, von Tausenden an den Strand Geflüchteter, dichtgedrängter Lebewesen, die mit schreckensweiten Augen stumm auf das Inferno schauen.

Niemand von uns kann wohl mehr die Augen davor verschließen, was der Klimawandel für das gesamte Leben auf unserem blauen Planeten bedeutet. Jahrzehntelang schon warnten Wissenschaftler vor den Folgen unseres ungehemmten Lebensstils und wurden jahrzehntelang als Unheilspropheten abgetan und verspottet. Und jetzt, jetzt werden ihre Vorhersagen traurige Wirklichkeit.

Wie jene des Propheten Jeremia, auf den auch niemand hören wollte, und dessen Vorhersagen ebenfalls traurige Wirklichkeit wurden. Rund 2600 Jahre ist es her, dass Juda so beklagenswert dalag. Längst wissen alle, sie sind betroffen und mitschuld. „Unsere Abweichungen sind zahlreich, an dir haben wir gesündigt!“ Dieses Schuldbekenntnis spricht Jeremia hier stellvertretend für seine Brüder und Schwestern aus und macht ihnen damit deutlich, dass wir uns nicht immer auf äußere Umstände oder höhere Gewalt berufen können. Selbst beim Wetter nicht! Was den Umgang des Menschen mit sich und der Schöpfung anbelangt, gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen unserem Tun und dem Ergehen der Welt.

Und für Jeremia ist die Sache klar. Diese Katastrophe habt Ihr Euch selbst eingebrockt, sagt er seinen Landsleuten und er sagt es auch uns heute. Ihr habt Gott vergessen und gemeint, ohne ihn leben zu können. Ohne ihn versiegen aber die Quellen. Ohne ihn blüht nichts mehr. Ohne Gott ist nichts als Dürre. Im Land und in Eurem Herzen.

Findet euren Gott wieder! mahnt er eindringlich. Dass Ihr Gott vergessen habt, ist der Grund für eure Misere. Die Dürre, das Artensterben, der Krieg, die Trostlosigkeit. All das sind nur Symptome. Symptome eurer Gottvergessenheit.

Liebe Brüder und Schwestern, die Gründe für den Klimawandel sind zwar immer noch umstritten, aber dass wir einer Erderwärmung ausgesetzt sind und wir Menschen einen großen Anteil daran haben, darin sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig.

Die Frage ist nur, wie gehen wir damit um? Manches, was gerade gedacht, gesagt und verabschiedet wird, erscheint dabei oft lediglich wie ein armseligen Herumdoktern an Symptomen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Jede noch so kleine Änderung unseres Lebensstils, der es darum geht, der Umwelt nicht weiter zu schaden, ist unterstützenswert! Doch ob das am Ende reichen wird, die Folgen des Klimawandels einigermaßen in Grenzen zu halten, das wird sich erst noch erweisen müssen.

Uns wird doch gerade in Australien vor Augen geführt, dass wir es als Menschen nicht mehr in der Hand haben, unseren Planeten zu retten.

Wir müssen unseren Lebensstil ganz grundsätzlich überdenken, um wirklich etwas zu bewegen. Hat Jeremia nicht am Ende Recht mit seiner Deutung? Das Problem liegt doch viel tiefer. Es geht nämlich nicht nur um die Frage, ob wir noch Plastiktüten verwenden oder nicht, ob wir noch fliegen oder nicht, ob wir auf der erneuerbare Energie umsteigen oder nicht.
Greift das nicht alles viel zu kurz? Wo bleibt denn unser Respekt vor der Schöpfung und vor dem, der sie allein verantwortet? Warum um alles in der Welt zerstören wir diese Welt?

Es geht um unsere Beziehung zu Gott, liebe Brüder und Schwestern. Und damit um unsere Beziehung zu seiner Schöpfung. Wo wir Menschen gottvergessen leben, zerstören wir auch unsere Welt. Das ist nicht nur eine Einsicht, die damals zur Zeit des Jeremia topaktuell war. Sie ist es auch heute. Denn auch heute meinen wir, mehr denn je vielleicht, ohne Gott leben zu können. Er hat vielen, wenn nicht sogar den meisten von uns, einfach nichts mehr zu sagen. Wir richten uns im Alltag nicht nach ihm. Denn täten wir es, unser Leben sähe anders aus.

So leer und trostlos es ist, wenn ein vertrauter und geliebter Mensch nicht mehr da ist. So leer und trostlos ist es, wenn Gott nicht mehr bei uns ist. Wir merken das vielleicht nicht sofort im eigenen Leben. Aber der Zustand unserer Welt klagt es uns. Gott darf für uns nicht länger der Reisende sein, der nur über Nacht bleibt.
Vielleicht wäre uns ja schon geholfen, wenn wir ehrlich in die Klage des Propheten Jeremia einstimmten: „Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Verlass uns nicht! Mit anderen Worten: Lass uns bloß nicht in Ruhe! Störe uns in unserem Tun. Rüttle uns auf. Lass uns jetzt nicht allein. Rette uns vor uns selbst!“

Zugegeben, das klingt beim ersten Hinhören ein wenig danach, dass Gott den Karren aus dem Dreck ziehen soll, den wir da hineingebracht haben. Aber wo wir Menschen wieder auf Gott setzen und uns nicht anmaßen, den Karren allein ziehen zu wollen, da kann sich unser Leben von Grund auf ändern. Wo wir mit ihm rechnen, kommen wir in Bewegung. Umkehr nennen wir das in der Kirche. Und nur diese Umkehr kann uns aus dem gefährlichen Schlamassel herausbringen. Es ist nämlich kurz vor knapp.

Und wie reagiert Gott auf das Gebet des Propheten? Dazu müssten wir weiterlesen über die Verse des heutigen Predigttextes hinaus. Denn da schreibt Jeremia, wie Gott weint und wütet und dann hilft. Wie einer weint und wütet, dessen Liebe enttäuscht worden ist. Aber Gott verlässt seine Menschen nicht. Er lässt uns nicht in Ruhe, sondern schickt immer wieder Propheten zu ihnen, die uns wachrütteln sollen: Kehrt um zu mir! Versöhnt Euch doch mit mir!“

Mit Jeremia bin ich überzeugt davon, dass es noch nicht zu spät ist. Es gibt Hoffnung. Auch, weil Gott seiner Schöpfung treu ist. Das hat er uns durch Jesus Christus vor Augen geführt. Er hat ihn uns auf die Erde geschickt, damit alle, die an ihn glauben, Gottes Herrlichkeit sehen. So hat das Johannes im heutigen Evangelium gesagt. Und das hebräische Wort für „Herrlichkeit“ hat einen wunderbaren Dreh. Denn Kabod heißt wörtlich übersetzt „Schwere“ und „Bedeutung“. Alle, die Jesus damals und heute wirklich folgen, erkennen also, was schon Jeremia und viele andere für sich und ihre Welt erkannt haben, nämlich was für eine Bedeutung Gott für uns Menschen und für alles Leben hier auf Erden hat. Und dieser Glaube ist der Weg aus der Leere in die Fülle. Mit ihm ist immer wieder Hoffnung.

„Du bist doch, o HERR, in unserer Mitte, und wir tragen deinen Namen; verlass uns nicht!“
Diese flehentliche Bitte Jeremias ist uns mit Jesus Gewissheit geworden. Gott verlässt uns nicht. Auch wenn wir manchmal fragen, wo bist du und warum hilfst du uns nicht? Er ist da. „Es wird regiert,“ wie der bekannte Theologe Karl Barth diese Hoffnung auf den Punkt bringt.

Heute ist der zweite Sonntag nach Epiphanias. Die Weihnachtszeit geht nach der neuen Ordnung der Kirche wieder bis zum 2. Februar. Es tut gut, Weihnachten so lange nachklingen zu lassen. Denn da haben wir ja gefeiert, dass Gott in unsere Welt kommt und dass er uns retten will.

Liebe Brüder und Schwestern, als Frau H. einsieht, dass sie allein zuhause nicht mehr zurechtkommt und Hilfe braucht, ruft sie doch eines Tages ihren Sohn an. Und der zögert nicht und steht noch am selben Tag bei ihr vor der Tür. Und diesmal macht sie ihm endlich auf. Als erstes zieht er die Rollläden hoch und öffnet die Fenster. Eins nach dem anderen. Licht und hell wird es wieder in den Räumen seiner Kindheit.

Und als er schließlich nach dem Tod der Mutter das Haus Zimmer für Zimmer ausräumt, findet er auf dem Fensterbrett in der Küche eine kleine Pflanze, die wunderbarerweise noch grüne Blätter hat. Mit Tränen in den Augen gibt er ihr Wasser und trägt sie behutsam hinaus in die Sonne. Und ihm selbst wird es mit einem Mal ganz frei ums Herz.

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir einsehen, wie aufgeschmissen wir ohne Gott sind und wie sehr wir ihn brauchen, dann werden wir mit seiner Hilfe und seinem Segen die Wende schaffen und das kleine Pflänzchen unserer Hoffnung behutsam in die Erde setzen, damit es dort wächst und grünt.
Können wir dieser Hoffnung widerstehen? Blüht sie nicht immer wieder weiter? Gott ist es doch, der für sie gerade steht. Glauben wir es ihm.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell am 2. Sonntag nach Epiphanias 2020

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