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16 Juni
Sonntag, den 16.06.2019 09:30 Uhr Friedenskirche

Zeitansage – Konfirmationspredigt 2019

Predigt zu Lk 12,54

Liebe Festgemeinde und heute ganz besonders liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
jetzt ist er da! Euer großer Tag! Ein ganzes Jahr waren wir gemeinsam unterwegs und haben viel Schönes zusammen erlebt. Mit der Fahrt an den Bodensee ging es los, dann folgten das Wochenende in Kloster Höchst und die vielen Dienstagnachmittage hier in der Friedenskirche, wo wir nicht nur Berge von Keksen gegessen, sondern miteinander auch hitzig diskutiert und über Gott und die Welt gesprochen haben.

Ich sehe Euch noch vor mir, wie Ihr zum ersten Mal dort in der Konfirmandenbank Platz genommen habt. Und ich erinnere mich noch, wie vor genau einem Jahr dort auf der Empore standet und sehr gekonnt und treffsicher Eure Vorgängerinnen und Vorgänger mit Bonbons überschüttet und beworfen habt.

Da wart Ihr noch echte Kinder!

Aber wenn ich Euch heute anschaue, kann ich meinen Augen kaum trauen. Richtig erwachsen seht Ihr aus mit Euren schicken Anzügen und tollen Kleidern. Und wenn ich an Euren Vorstellungsgottesdienst denke, den wir vor zwei Wochen zusammen in der Stadtkirche gefeiert haben, dann weiß ich, dass der äußere Anschein nicht trügt: Ihr seid wirklich groß geworden!

Die Konfirmation, Ihr Lieben, ist so ein Fest, das am Übergang steht zwischen Kindheit und Erwachsensein. Früher war das ja noch viel eindrücklicher. Da gingen die meisten Jungen und Mädchen nämlich bereits mit 14 von der Schule ab und verließen ihr Zuhause, um irgendwo in der Fremde eine Lehre anzufangen oder sogar die erste Stelle anzutreten.

Und weil das Schuljahr an Ostern zu Ende war, findet die Konfirmation schon seit langem um diese Feiertage herum statt. Denn sie markierte früher tatsächlich das Ende der Schulzeit und damit das Ende der Kindheit.

Die Konfirmanden damals bekamen deshalb zu ihrem großen Tag Dinge, die sie als Erwachsene gut brauchen konnten. Und der Klassiker war eine eigene Uhr. Die erste echte, richtige goldene Uhr, die einen fortan durchs Leben begleiten soll.

Sie sagt die Zeit an. Sie ist das Symbol schlechthin, dass nun der Ernst des Lebens beginnt. Denn im Unterschied zum Kind scheint für den Erwachsenen die Zeit exakt bemessen und das Leben durchgetaktet auf die Minute und Sekunde genau.

Liebe Konfis, als ich im Verlauf unserer gemeinsamen Zeit so mitbekam, unter welchem Stress und Zeitdruck Ihr jetzt schon viel zu oft steht, habe ich mir sehr für Euch gewünscht, dass Euch viel mehr Muße bleibt, um zwischendurch einfach mal mit gutem Gewissen „zu chillen“, ohne auch dabei noch auf’s Mathebuch schielen zu müssen. Und ich wünschte Euch – und tue das immer noch – im wahrsten Sinne des Wortes öfters Mal eine lange Weile. Denn unser Leben ist viel zu schnell geworden. Was muss heute alles in 24 Stunden hinein? Das tut mir für Euch manchmal richtig leid!

Und ich wünsche Euch in dieser ganzen durchgetakteten Hektik einen klaren Kopf und vor allem ein aufmerksames Herz, das Euch sagen kann, wie spät es wirklich ist und was für Euch und Eure Zeit gut ist und was nicht.
Macht eine Pause, wenn ihr sie braucht. Kommt zur Ruhe, wenn sie dran ist. Lasst die Seele einfach mal baumeln, um mit Abstand wieder sehen zu können, was wirklich wichtig ist. Und dann gebt Euch rein. Mit der ganzen Begeisterung, zu der Ihr alle elf fähig seid. Gott hat uns nämlich allen die Ewigkeit in unser Herz hineingelegt, wie es der Prediger Salomo sagt. Wir haben ihn eben in der Lesung gehört.

Was damit gemeint sein könnte, wisst Ihr vielleicht noch viel besser als wir Großen. Das hat was mit dem Horizont zu tun, in dem wir leben. Und wie ein roter Faden zieht sich durch das Buch der Bücher das Versprechen, dass Gott uns in einen ganz, ganz weiten Horizont gestellt hat. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, haben wir ja gerade im Psalm miteinander gebetet.

Und diese Weite spüren wir im Herzen manchmal als brennende Sehnsucht, aber auch dann, wenn wir plötzlich sehr genau wissen, was jetzt in diesem Augenblick dran ist. Und es dann einfach tun.

Die vielen, vielen Jugendlichen, die überall auf der Welt in diesen Tagen auf die Straße gehen, zeigen uns Großen inzwischen mehr als anschaulich, was die Glocke geschlagen hat. Viele von uns Erwachsenen haben nämlich die Zeit leider aus dem Blick verloren, weil wir durch die Tage hetzen und jagen, statt achtsam zu sein für unsere Welt, in der wir leben. Auch unser Horizont wird dann sehr eng. Gott sei Dank, erinnert Ihr uns aber daran, dass es auch mal zu spät sein kann, wenn wir jetzt nicht aufhören mit all dem Wahnsinn des Immer-mehr und Immer-Schneller und endlich wahrnehmen, was wirklich dran ist.

Um einen solchen Aufruf an uns geht es auch Jesus. Immer wieder will er den Menschen die Augen dafür öffnen. Und ich möchte Euch seine Worte, die der Evangelist Lukas überliefert hat, heute mit auf den Weg geben:
„Dann redete Jesus zu allen: «Wenn die Wolken von Westen kommen, sagt ihr: ‚Es gibt Regen‘, und das stimmt auch. Wenn der Wind von Süden weht, sagt ihr: ‚Es wird heiss‘, und ihr habt recht. Ihr Heuchler! Das Wetter könnt ihr aus bestimmten Anzeichen voraussagen, aber was in dieser Zeit vor euren Augen geschieht, das wollt ihr nicht wahrhaben. Warum weigert ihr euch zu erkennen, was die Stunde geschlagen hat?“

Liebe Schwestern und Brüder, mitten ins Herz trifft mich die Frage Jesu, warum wir uns weigern, was die Stunde geschlagen hat. Ich kann mich bisweilen nur wundern, wie viele von uns, mich eingeschlossen, die Augen lieber zu machen wollen vor dem, was auf uns zukommt, wenn wir nicht endlich wach werden.

Es geht Jesus nicht um Panikmache, und uns sollte es auch nicht darum gehen. Denn Panik ist keine christliche Tugend.

Wir sollten uns immer und immer wieder klar machen, wie kostbar jede Stunde hier auf Erden ist, und dass jeder Augenblick entscheidend sein kann. Und ich denke, das spüren wir alle, auch wenn es uns nicht immer so bewusst ist.

Liebe Konfis, als ich mir Eure Konfirmationssprüche vor ein paar Tagen noch einmal durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, wie besonders sie sind. Ich kann mich an keinen anderen Jahrgang erinnern, wo sich die Konfis solche Verse ausgesucht haben. Die haben es in sich! Auf der Rückseite des Liedheftes stehen sie fein säuberlich untereinander. Sie sind sehr beeindruckend und lesen sich wie eine Gebrauchsanweisung für unsere Zeit.

Denn es geht Euch um die Gabe der Unterscheidung von Gut und Böse und darum, was es braucht, um gut urteilen und den eigenen Wegfinden zu können. Euch scheint sehr klar zu sein, wie aufmerksam ihr in Eurem Leben sein müsst, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und erkennen zu können, was wahr ist und was nicht. Wir gehen einer Zeit entgegen, wo wir das alle wieder mehr denn je brauchen werden.

Besonnenheit, Freude, Glaube, Kraft, Einsicht und den Mut zum Widerstand wünscht Ihr Euch deshalb mit diesen Versen aus dem Buch der Bücher. Zu diesen großartigen Vorsätzen kann ich Euch nur gratulieren.
Möge Euch Gottes Geist, den Ihr in der Taufe empfangen habt, dabei immer zur Seite stehn und Euch in die ganze Wahrheit führen!

Als wir uns vor zwei Wochen noch einmal zusammen das Glaubensbekenntnis angeschaut haben, da habt Ihr viele Zweifel angemeldet. Und das ist gut so. Denn der Zweifel gehört ja als Zwilling zum Glauben dazu.

Ein Punkt aber war Euch wichtig. Und den haben viele von Euch unterstrichen: „Wir glauben an die Vergebung der Sünden!“ Das fand ich schon bemerkenswert. Und ich habe Euch gefragt, was Ihr denn ausgerechnet an diesem Satz so gut findet. „Egal, welche Fehler man macht, man kann neu anfangen,“ war Eure Antwort. Und diese Zuversicht wünsche ich Euch für Euer Leben. Denn sie ist die Gabe des Geistes Gottes, der uns immer wieder neu beginnen lässt. Der uns aufrichtet, wenn wir scheitern. Der uns an die Hand nimmt, wenn wir uns verlaufen haben. Der uns anschupst, wenn wir den ersten Schritt tun. Und der uns selbst am Ende noch einen Anfang schenkt.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, als kleine Erinnerung an Eure Konfirmation möchte ich Euch im Namen der Friedenskirche einen ganz besonderen Zeitansager schenken. Es ist ein so genannter Bauernring. Vor vielen hundert Jahren sollen Mönche ihn erfunden haben, um zu wissen, wann es Zeit zum Beten ist und Zeit zum Kühe-Melken.

Es ist ein Ring, der wie alle Ringe keinen Anfang und kein Ende hat und deswegen mit seiner Unendlichkeit an jenen weiten Horizont und damit an jene Freiheit erinnert, die wir von Gott geschenkt bekommen haben.

Um damit die Zeit bestimmen zu können, müsst Ihr das, was Ihr gerade tut, kurz unterbrechen, stehen bleiben und ruhig und behutsam Eure ganze Aufmerksamkeit darauf richten, diesen Ring so in die Sonne zu halten, dass sie durch dieses winzige Loch im Metall hindurchscheinen kann. Dann erst könnt Ihr im Inneren des Rings den kleinen hellen Punkt ausmachen, den das Licht auf der Skala hinterlässt. Und dann erst könnt Ihr die richtige Zeit ansagen.

Wir wünschen Euch damit, dass Ihr Euch in eurem Leben von nichts und niemandem die Freiheit nehmen lasst, immer wieder innezuhalten und erstmal wahrzunehmen, wo ihr steht, die Zeichen der Zeit zu deuten und dann selbst zu urteilen.

Wir wünschen euch, dass Ihr im Glauben an Gott, der Euch sein ewiges Dasein und seinen weiten Horizont ins Herz hineingelegt hat, bewahrt bleiben mögt.
Vertraut Euch ihm und seinem Sohn Jesus Christus an, die Euren Horizont mehr und mehr erweitern.

Denn Jesus Christus ja dafür ein, dass es für uns alle auch am Ende der Tage noch einen neuen Anfang geben wird und es bei Gott nie zu spät ist.

Lebt in Seinem guten Geist, der Euch eine lange Weile schenkt und Euch mutig macht, mit wachen Augen, klarem Kopf und aufmerksamem Herzen anzusagen, wie spät es ist.

Und ich möchte Euch zum Schluss nun noch sagen, wie dankbar ich bin, dass ich Euch kennenlernen durfte. Ihr habt mir viel Freude gemacht und mir viel zum Denken mitgegeben. Und ich hoffe, auch Ihr werdet aus Eurer Konfirmandenzeit mindestens ebenso viel mitnehmen.

Wenn ich mir Euch so anschaue, wächst in mir die Hoffnung. Denn Ihr habt das Zeug dazu, der Welt auf die Beine zu helfen. Und was ich Euch neben allem anderen auch wünsche, ist, dass Ihr immer wieder spürt, was Glück ist. Glück gibt es immer dann, wenn wir uns Zeit nehmen, mit Gras und Schnecken zu reden. Bleibt behütet!
Amen
Pfarrerin Henriette Crüwell, 16.6.2019

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.