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03 Oktober
Sonntag, den 03.10.2021 10:15 Uhr Friedenskirche

Erntedank 2021

Predigt zu 2 Kor 9,6-15

Liebe Brüder und Schwestern,

wir feiern heute Erntedank. Am Tag der Deutschen Einheit.

Das ist Zufall. Aber ein Zufall, wie er passender nicht sein könnte.

Denn unsere Einheit ist ja alles andere als selbstverständlich.

Auch und gerade im Jahr 2021. Sie ist ein kostbares Geschenk.

Und wie kostbar und zerbrechlich sie ist, hat die Bundestagswahl wieder gezeigt. Denn als die Wahllokale am vergangenen Sonntag schlossen, wurde einmal mehr deutlich, dass es uns auch nach 32 Jahren immer noch nicht gelungen scheint, die alte Trennung zu überwinden. Weite Teile des Ostens fühlen sich offensichtlich abgehängt und nach wie vor nicht wahr und ernst genommen.

Dabei brauchen wir diesen Zusammenhalt heute dringender denn je, um gemeinsam die Wende zu schaffen und durch alle Krisen hindurch gut in die Zukunft zu kommen.

Aber wie finden wir Menschen zusammen?

Und wie bleiben wir uns gut?

 

Liebe Brüder und Schwestern, auch der Apostel Paulus steht vor dieser Frage. Denn in den Kirchengemeinden gab es damals Judenchristen und Heidenchristen. Und während die einen meinten, dass die anderen nicht so richtig dazugehören, hielten die anderen sie für hinterwäldlerisch und wenig gebildet.

Und Paulus größter Wunsch ist es, dass aus Juden und Heiden und damit aus allen Menschen Gottes einiges und eines Volk wird. Verbunden im Glauben an den Herrn, den Gott Israels und den Vater Jesu Christi.

 

Und so wird der Apostel zum großen Fundraiser der Einheit, schreibt Spendenbriefe und wirbt um eine Kollekte für Jerusalem.

„Kollekte“ heißt übersetzt Sammlung. Und es geht Paulus dabei um wesentlich mehr als eine finanzielle Hilfe. Viel wichtiger ist ihm, was mit dieser Gabe vermittelt wird, nämlich dass bei allen hüben wie drüben ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entsteht, weil einer für den anderen sorgt.

 

Aber hören wir Paulus selbst, was er der Gemeinde in Korinth und uns heute morgen dazu schreibt:

Denkt daran, schreibt. Denkt daran: Wer wenig sät, wird auch wenig ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten. Jeder soll für sich selbst entscheiden, wie viel er geben möchte, und soll den Betrag dann ohne Bedauern und ohne Widerstreben spenden.

Gott liebt den, der fröhlich gibt.

Er hat die Macht, euch mit all seiner Gnade zu überschütten, damit ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles habt, was ihr zum Leben braucht, und damit ihr sogar noch auf die verschiedenste Weise Gutes tun könnt.

In der Schrift heißt es ja ‚von dem, der in Ehrfurcht vor Gott lebt‘: „Er teilt mit vollen Händen aus und beschenkt die Bedürftigen; das Gute, das er tut, hat für immer Bestand.“

Derselbe Gott, der dafür sorgt, dass es dem Bauern nicht an Saat zum Aussäen fehlt und dass es Brot zu essen gibt, der wird auch euch mit Samen für die Aussaat versehen und dafür sorgen, dass sich die ausgestreute Saat vermehrt und dass das Gute, das ihr tut, Früchte trägt.

Er wird euch in jeder Hinsicht so reich beschenken, dass ihr jederzeit großzügig und uneigennützig geben könnt.

Und wenn wir dann eure Spende überbringen, werden die, die sie empfangen, Gott danken.

Ihr seht also: Dieser Dienst, der zur Ehre Gottes getan wird, trägt nicht nur dazu bei, die Nöte der Gläubigen in Jerusalem zu lindern, sondern bewirkt noch weit mehr, indem er zu vielfachem Dank gegenüber Gott führt.

Euer Einsatz bei diesem Projekt zeigt, dass ihr in eurem Glauben bewährt seid, und dafür werden die, denen ihr dient, Gott preisen. Sie werden ihn dafür preisen, dass ihr euer Bekenntnis zum Evangelium von Christus ernst nehmt und eure Verbundenheit mit ihnen und allen anderen auf eine so großzügige und uneigennützige Weise zum Ausdruck bringt. Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun, weil Gott seine Gnade in so reichem Maß über euch ausgeschüttet hat.

Dank sei Gott für das unbeschreiblich große Geschenk, das er uns gemacht hat!

 

Liebe Brüder und Schwestern, ja, was für ein unbeschreiblich großes Geschenk hat Gott uns gemacht. Er uns geschenkt, dass wir uns einander haben und füreinander da sind! Dafür können wir gar nicht genug Danke sagen.

Und wir haben alles, was wir dazu brauchen. In Hülle und Fülle.

Die roten Äpfel, der große Kürbis, die Trauben, Birnen, Möhren und Kartoffeln auf dem reichgeschmückten Erntedankaltar erinnern uns doch Jahr für Jahr wieder daran. Es gibt mehr als genug für alle.

Wir müssen es nur miteinander teilen und immer wieder aussäen, damit unser blauer Planet blau bleibt und auch die Generationen nach uns darauf leben können.

 

Um diese Einheit der Menschheit geht es auch dem Apostel Paulus, der in Korinth Spenden für die Bedürftigen in Jerusalem einwirbt. Er hofft, dass so alle im Geben und im Annehmen die Erfahrung machen, über jede innere und äußere Distanz hinweg miteinander verbunden zu sein und sich so gegenseitig im Glauben zu stärken. „Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun,“ verspricht er den edlen Spenderinnen und Spender.

 

Dass Spenden allein aber nicht ausreichen, um aus verschiedenen Menschen und Gruppen eine Einheit werden zu lassen, weiß Paulus. Und das wissen auch wir aus eigener Erfahrung.

Mehr als 30 Jahre lang gab es ja den so genannten Soli, also den Solidaritätszuschlag für die neuen Bundesländern. Erst jetzt im Jahr 2021 wurde er mehr oder weniger abgeschafft.

Und trotzdem ist das Misstrauen und die Missgunst immer noch da und heute wieder mehr denn je.

Vielleicht weil die Gabe nicht von Herzen kam, sondern immer nur der Preis war, den man für die Einheit meinte zahlen zu müssen.

Aber Einheit lässt sich nicht kaufen. Genauso wenig wie Freundschaft und Liebe.

 

Und es gibt ja auch vergiftete Gaben, liebe Brüder und Schwestern. Also solche, die an Bedingungen geknüpft sind und sei es nur an die Bedingung, gefälligst dankbar zu sein. Wer kennt diesen unheilvollen Satz nicht, der einem auch noch das schönste Geschenk vergällen kann: „Wie sagt man da?!

Es kommt also nicht nur darauf an, dass wir miteinander teilen, sondern auch und vielmehr mit welcher Haltung wird das tun.

„Gott liebt den, der fröhlich gibt!“ schreibt Paulus deshalb. Und fröhlich gibt, wer von Herzen gibt, ohne wenn und aber, einfach weil es schön ist, anderen das Leben leichter zu machen und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Echte Einheit entsteht erst dort, wo Menschen das verstanden haben, nämlich dass niemand allein, aber auch keine Gemeinde allein, kein Land, kein Kontinent und keine Völkergemeinschaft für sich allein glücklich werden kann, sondern nur alle gemeinsam. Die Pandemie und der Klimawandel lehren uns das doch sehr schmerzlich auf ihre Weise. Wir sind füreinander geschaffen. Das ist Geschenk und Auftrag.

„Niemand lebt sich selber, und niemand stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn,“ schreibt Paulus an anderer Stelle. Und dem ist nichts hinzuzufügen.

Gegenüber Gott sind wir alle Beschenkte. Und der gibt gerne und ohne Hintergedanken. Ohne wenn und aber überschüttet er uns mit seiner Gnade. Denn er ist die Liebe. Und wo wir es ihm dankbar gleichtun, da finden wir Menschen zusammen. Über alle Grenzen hinweg. Da entsteht aus Juden und Heiden, Ost und West, Nord und Süd, jung und alt, arm und reich, aus allen Menschen also Gottes Volk. Da werden wir endlich, was wir längst sind. Menschen seines Wohlgefallens.

 

Und in jedem Abendmahl feiern wir dieses Geheimnis, das ja eigentlich gar keines ist, weil wir tief drinnen alle darum wissen, nämlich das Teilen Gewinn ist. Indem wir Brot und Wein miteinander teilen, werden wir ja selbst zu Beschenkten. Denn Gott gibt sich uns dann selbst, so glauben wir, in diesem geteilten Brot und Wein. Und mit ihm und in ihm haben wir das Leben. Und wir haben es in Fülle. Und es wird nicht weniger sondern mehr, wenn wir es miteinander teilen.

 

Wir feiern heute am Tag der deutschen Einheit Erntedank. Das ist Zufall. Aber ein Zufall, wie er passender nicht sein kann.

Denn es ist und bleibt ein Geschenk, dass keine Mauer aus Beton und Steinen mehr zwischen uns steht, sondern dass wir hüben und drüben wieder in Freiheit zusammen leben.

 

Und ich wünsche uns, liebe Brüder und Schwestern, dass wir das nicht vergessen und fröhlich miteinander teilen, was wir haben. Dann schaffen wir alle notwendigen Wenden, die vor uns liegen.

Dank sei Gott für dieses unbeschreiblich große Geschenk, das er uns damit gemacht hat!

 

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.