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Haben Sie Fragen?
03 Dezember
Sonntag, den 03.12.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Gottesdienst zum ersten Advent mit Hl. Abendmahl

Einführung von Claudia Kaschube und Markus Söhnchen als Kirchenvorstände.

Im Anschluss Sektempfang.

Predigt zu Offenbarung 5,1-14

Meine lieben Brüder und Schwestern,

„ich habe noch eine Menge Fragen,“ meinte neulich ein älterer Herr schmunzelnd zu mir: „Mit jedem weiteren Jahr, das ich auf dem Buckel habe, werden es mehr. Und ich freue mich schon darauf, wenn Gott mir die dann endlich mal alle beantworten wird.“

Mich hat er sehr nachdenklich zurückgelassen. Denn ich hätte nicht so klar sagen können, welche Fragen mir dermaßen auf dem Herzen brennen und worauf ich mir von Gott Antworten ersehne. Und ich habe großen Respekt vor dem alten Herrn, der sich noch lange nicht mit der Welt, wie sie ist, abgefunden und eingerichtet hat, und der noch im hohen Alter nach Antworten für all die schönen und schrecklichen Rätsel sucht, die das Leben hier auf Erden für uns bereit hält.

An ihn und seine Sehnsucht musste ich denken, als ich den heutigen Predigttext aus der Offenbarung des Johannes zur Hand nahm. Im 5. Kapitel schreibt der Seher:

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln. 2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, als ich den Predigttext zum ersten Mal las, musste ich schon schlucken. Das ist ganz schön harte Kost für den ersten Advent. Und ich habe diesen Text in der vergangenen Woche immer und immer wieder auf das hin gelesen, was er uns für die Adventszeit mitgeben will. Und ich meine mittlerweile, dass er uns Mut mitgeben will, unser Herz zu öffnen für das Wunder, das sich an Weihnachten ereignet. Und dazu gehört auch, an den Rand der eigenen Sehnsucht zu gehen.

Wie das der Seher Johannes in unserem Predigttext tut, dem vor lauter Sehnsucht die Tränen kommen. Denn vor sich sieht er zum Greifen nah das Buch, das die Antworten auf alle Fragen enthält, die ihn und die Welt bedrängen. Vor sich sieht er die Chance, endlich den Sinn in all dem Unsinn dieser Welt zu finden und Frieden zu finden für sich und alle Bedrängten und Gehetzten.

Gleichzeitig aber wird ihm bewusst, dass dieses Buch eins mit sieben Siegeln ist. Eins also, das selbst ein Rätsel ist. Das Buch bleibt zu. Und weit und breit ist niemand, der die Siegel öffnen kann. Und deshalb weint Johannes. Er weint aus Verzweiflung, Frust, Wut und Schmerz darüber, dass die Welt so ist, wie sie ist, und er nichts daran ändern kann. Ihm brennen so viele Fragen auf dem Herzen. Und die sind echt zum Weinen: Warum nehmen diese schrecklichen Kriege und der Terror kein Ende? Warum all das unfassbare Leid, warum all die schmerzhafte Abschiede, warum all dieses Elend?

Neulich gestand mir eine Frau, dass ihr bei den täglichen Nachrichten regelmäßig die Tränen kämen. „Warum weinst Du denn, Du kannst doch eh nichts daran ändern?“ fragten die Freundinnen daraufhin. Und: „Ebendrum!“ musste sie dann zugeben.

 

Wer leidet, aber auch wer sich wie jene Frau vom Unglück der anderen berühren lässt, dem kommen Fragen und dem kommen Tränen. Aus diesem Blickwinkel ist nämlich die Welt nicht in Ordnung. Aus diesem Blickwinkel ist der Vorhang zu und alle Fragen offen. Aus diesem Blickwinkel ist die Angst groß, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.

Im Roman „Der Geruch des Paradieses“ von Elif Shafak antwortet Mensur, dessen Sohn Umut in den Folterkellern der Türkei der 80erJahre verschwunden ist, seiner Tochter Peri auf die Frage, ob es Gott wirklich gibt: „Das will ich doch hoffen. Wenn ich ihm im Jenseits treffe, frage ich ihn, noch bevor er mich anschnauzen kann, wo er eigentlich die ganze Zeit war.“ „Warum hat Gott Umut nicht geholfen, Baba? Warum hat er das zugelassen?“ fragt die Tochter. „Das weiß ich nicht, mein Herz,“ antwortete Mensur und weint leise. Da ist so vieles, auf das er sich keinen Reim machen kann und wo er sich in der Sorge um seinen Sohn so schrecklich ratlos und ohnmächtig fühlt. Und so sehr er mit Gott hadert, erwartet er von niemand anderem als von ihm die Antworten. Warum? Weil nur Er es wieder gut machen kann!

Liebe Brüder Schwestern, vielleicht bringen auch Sie so manches mit in diesen Gottesdienst, was Sie persönlich bedrückt und belastet. Fragen und Sorgen, wo die Tränen einfach kommen, weil man nicht weiterweiß. Und auch die haben hier am ersten Adventssonntag ihren Raum. Wo denn auch sonst. Und das ist gut so! Wenn wir nämlich unsere Tränen vor Gott bringen, dann rechnen wir mit ihm, wie der Vater Mensur und der Seher Johannes mit ihm rechnen und darauf hoffen, dass er alles zum Guten wenden wird.

Und während Johannes noch weint, gehen ihm die Augen auf: „Einer von den Ältesten“, so erzählt er weiter, „einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“

Aber Johannes sieht keinen großen, starken und mächtigen Löwen kommen, sondern ein Lamm:

„Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande. 7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, ist das nicht ein tollkühnes Bild, mit dem Johannes versucht, uns anschaulich zu machen, was er gesehen und verstanden hat? Löwe und Lamm, der Kontrast könnte kaum größer ausfallen: Der starke und räuberische Löwe und das wehrlose Lamm, das wegen seiner Hilflosigkeit zum Opfer geworden ist. Fast erwarten wir, dass der König der Tiere mit seiner Majestät und Löwenkräften die Siegel aufbrechen wird.

Aber es ist das Lamm, das jetzt mitten im himmlischen Thronsaal steht und das Buch mit den sieben Siegeln entgegennimmt. Warum? Weil das Lamm die drängenden Fragen der Welt bis zur letzten selbst durchlitten hat. Denn das Lamm ist das kleine hilflose Kind in der Krippe und der verspottete und gemarterte Mensch am Kreuz.

Johannes versteht mit einem Mal, was uns mitten im Weinen so schwer fällt zu glauben, nämlich dass die Ohnmacht und die Hilflosigkeit, die Angst und die Sorge, der Terror und der Tod nicht das letzte Wort haben, sondern die Liebe. Und die ist doch im Schwachen mächtig, sagt Paulus. Denn sie ist die einzige Kraft, die die Welt verändern kann, weil sie sich weigert, Gewalt mit Gewalt, Leid mit Leid, Angst mit Schrecken und Not mit Gleichgültigkeit zu beantworten und die ihr Herz nicht verschließt, sondern öffnet – auch auf die Gefahr hin, dann selbst verletzbar zu werden.

Und der Seher berichtet weiter, dass alle, die da im himmlischen Thronsaal versammelt sind, vor dem Lamm niederfallen und es anbeten, wie in der Heiligen Nacht die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland vor dem kleinen Kind in die Knie gehen und es anbeten werden.

Was aber heißt Anbetung? Ich meine, es bedeutet eigentlich nichts anderes als Staunen, also sich ergreifen und berühren lassen. Der Cellist Pablo Casals hat in seinen Lebenserinnerungen diesen Zusammenhang ganz wunderbar beschrieben: „Die letzten achtzig Jahre habe ich jeden Morgen auf dieselbe Weise begonnen, nicht etwa mechanisch, aus bloßer Routine, sondern weil es wesentlich ist für meinen Alltag: Ich gehe ans Klavier und spiele zwei Preludien und zwei Fugen von Bach. Es ist so etwas wie ein Haussegen, aber es bedeutet mir noch mehr: die immer neue Wiederentdeckung einer Welt, der anzugehören ich mich freue. Durchdrungen von dem Bewusstsein, hier dem Wunder des Lebens selbst zu begegnen, erlebe ich staunend das schier Unglaubliche: ein Mensch zu sein.“

In der Anbetung und im Staunen öffnen wir unser Herz für die Gegenwart eines anderen, lassen uns berühren und gehen an den Rand unserer Sehnsucht. Denn dort finden wir die Antwort auf unsere Fragen, wie Rainer Maria Rilke das so treffend in einem seiner Gedichte beschreibt:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,

dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.

Aber die Worte, eh jeder beginnt,

diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,

geh bis an deiner Sehnsucht Rand;

gib mir Gewand.

(…)

Lass dir Alles geschehn:

Schönheit und Schrecken.

Man muss nur gehen:

Kein Gefühl ist das fernste.

Lass dich von mir nicht trennen.

Nah ist das Land,

das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen

an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Wochen des Advents, die vor uns liegen, sind eine Zeit, um Gott die Hand zu geben und uns von ihm an den Rand unserer Sehnsucht führen zu lassen, das Staunen wieder zu lernen, das eigene Herz nicht zu verschließen, sondern den Mut zu haben, die eigene Ohnmacht auszuhalten, dem Wunder des Lebens zu begegnen und Mensch zu sein. Denn das Kind in der Krippe ist doch die Antwort auf alle unsere Fragen.

Siegel um Siegel öffnet das Lamm das Buch, so sieht es Johannes. Und mit jedem weiteren Siegel geraten die Not und die Angst in der Welt nur noch mehr in den Blick. Niemand kann und soll davor die Augen und das Herz verschließen. Das Buch öffnet sich nämlich dem, der sich berühren lässt von all dem Leid und dem Elend ringsum und dem all das frag-würdig bleibt. Das Buch öffnet sich dem, dessen eigenes Herz nicht verschlossen bleibt und dem, der sich nach Antworten und nach Frieden sehnt.

Der Advent ist eine solche Sehnsuchtszeit. Und das bedeutet zunächst einmal, so schmerzlich das ist, in dieser Zeit der Ankunft die Wirklichkeit so wahrzunehmen und zu benennen, wie sie ist. Und es bedeutet, sich nicht aus ihr wegzuträumen.

Und was geschieht, als das siebte Siegel aufgebrochen ist und das Buch nun offen da liegt? „Als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel etwa eine halbe Stunde lang,“ erzählt der Seher. Ich finde, das ist ein wunderschönes und ein sehr tröstliches Bild. Eine halbe Stunde Stille. Eine halbe Stunde Pause und Atemholen mitten in all dem, was bedrängt und unruhig macht. Im Großen wie im Kleinen.

Gott selbst ist in dieser Stille. Er ist nicht im Erdbeben und nicht im Feuersturm. Er ist im aufsteigenden Schweigen, wie das der Prophet Elija erlebt hat. Und es ist die Erfahrung, die wir Menschen immer wieder machen, auch wenn wir an unserer Grenzen kommen. Da, wo wir uns Gott anvertrauen und mit ihm rechnen, finden wir Ruhe im Chaos, Trost in der Angst, Frieden im Streit und Stille im Herzen. Es ist übrigens einer der ältesten Weihnachtstexte der Kirche, der diese Erfahrung staunend in Worte zu fassen versucht: „Tiefstes Schweigen hielt alles umfangen, die Nacht hatte in ihrem Lauf die halbe Strecke zurückgelegt, da kam dein allmächtiges Wort, Herr, vom Himmel herab aus dem Königssitz.“

Und wären diese Wochen des Advents, liebe Brüder und Schwestern, nicht die Gelegenheit, sich einmal jeden Tag so eine halbe Stunde Ruhe zu gönnen, um all den Fragen und Gedanken Raum zu geben, die uns durch den Kopf gehen? Ist der Advent, ist die Ankunft unseres Herrn dafür nicht wie geschaffen?

Im schon zitierten Roman „der Geruch des Paradieses“ von Elf Shafak schenkt der Vater Mensur seiner Tochter ein wunderschönes, handgebundenes Notizbuch. „Ich kann dir nicht alle Fragen beantworten,“ sagt er ihr und rät ihr alle ihre Gedanken und Fragen an Gott in dieses Büchlein zu schreiben. „Aber es hat nicht genug Seiten,“ wendet das Kind ein. „Stimmt. Du musst die alten Notizen immer wieder wegradieren. Verstehst du, was ich meine? Schreiben und wegradieren. Glauben und zweifeln.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich möchte Ihnen ein Angebot machen: Nehmen wir uns doch in den kommenden Wochen eine halbe Stunde Zeit zum Schweigen und zum Hören, zum Beten und zum Staunen.

Vielleicht haben Sie ja auch so ein schönes Notizbuch, in das Sie all das, was Ihnen durch den Kopf geht und Ihr Herz bewegt, aufschreiben mögen.

Und wenn Sie sich fragen, wie das mit dem Schweigen geht, weil Sie das noch nie gemacht haben, dann hängen Sie die Latte bitte nicht zu hoch. Es reicht manchmal schon, sich jeden Tag mit einer Tasse Kaffee auf’s Sofa zu setzen, eine Kerze anzumachen und einfach mal in Ruhe wahrzunehmen, was Sie alles so beschäftigt. Und das, das legen Sie dann einfach mal alles dem lieben Gott vor die Füße: Ihre Pläne, Ihre schönen Erinnerungen, Ihre Tränen und Ihre Sorgen.

Und wenn Sie mögen, könne wir uns gern miteinander darüber austauschen und miteinander überlegen, welche Zeit am Tag vielleicht für Sie die richtige ist, welchen Ort Sie brauchen, um wirklich mal ganz abzuschalten, und was es für schöne Texte gibt, die Sie in diese Stille führen können.

Denn dann ist wirklich Advent. Dann öffnen wir uns für den, der die Liebe ist und die Antwort gibt auf alle unsere Fragen.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.