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14 Mai
Sonntag, den 14.05.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Jubelkonfirmation

15 Menschen feierten am 14. Mai 2017 ihr 50,60,70, 75 und 80. Konfirmationsjubiläum. Es war ein bewegender Gottesdienst – nicht zuletzt wegen der hervorragenden musikalischen Gestaltung durch die Pianistin Eunhye Bading und dem Klarinettisten Sina Sadeghpour. Herzlichen Dank an alle, die dazu beigetragen haben, dass wir ein so schönes Fest feiern durften.

Predigt anlässlich der Jubelkonfirmantion

Liebe Jubelkonfirmanden, meine lieben Brüder und Schwestern, mein Sohn war ungefähr neun Monate alt, als ich zum ersten Mal sonntags mit in die Kirche nahm. Wir hatten uns zu Vorsicht extra an den Rand in die letzte Reihe gesetzt, um jederzeit rausgehen zu können. Beim ersten Orgelton fing der kleine Kerl fröhlich an, vor sich hin zu brabbeln. Strafende Blicke trafen uns von links und rechts. „Sch“ kam es von vorne. Mir stand der Schweiß auf der Stirn. Ich versuchte es mit Schnuller und Ablenkung, aber mein Sohnemann krähte munter weiter. Die Blicke unserer Banknachbarn wurden verbissener und die „Schs“ immer lauter. Ich war gerade im Begriff, mit wehenden Fahnen den Gottesdienst vorzeitig zu verlassen, als mein Sohn mit einem Mal ganz still wurde und sich mit großen Augen zu zwei Damen hinüberbeugte, die sich immer wieder umdrehten und dabei besonders böse guckten. Unverwandt schaute er sie an. Die beiden erwiderten seinen Blick zuerst streng, aber der Kleine schaute ihnen weiter tief in die Augen, ohne zu blinzeln, als wollte er sagen: „Was macht Ihr hier mit mir? Warum seid Ihr so böse? Ich finde es doch so schön, wie Ihr singt. Und die Orgel ist große Klasse. Warum freut Ihr Euch nicht darüber?“Nach und nach veränderten sich die Gesichter der zwei Damen. Sie wurden verlegen und linsten immer wieder mal vorsichtig zu ihm hinüber, um zu gucken, ob er sie immer noch anschaute. Und irgendwann vertieften sie sich in ihren Gesangbüchern und sangen mit. Erst da setzte sich mein Filius wieder so aufrecht hin, wie das nur Babys können, und brabbelte einfach fröhlich weiter. An diese Szene musste ich denken, liebe Brüder und Schwestern, als ich letzte Woche eine Taufe im Familienkreis hatte. Es waren zwanzig Kinder da, überwiegend Säuglinge und Kleinkinder, die während des Gottesdienstes schrien, quengelten und munter durch Reihe liefen. Ich hatte mir viel Mühe für die Predigt gegeben, aber nun den Eindruck, dass mir eh keiner zuhört. „Das ist doch kein Gottesdienst, sondern der reine Kindergarten,“ grummelte ich leise vor mich hin und war froh, dass außer der Familie keine Gemeinde da war, die sich in ihrer Andacht hätte gestört fühlen können. Aber dann erinnerte ich mich an die großen fragenden Augen meines Sohnes und musste über mich selber lachen. „Nimm Dich nicht so wichtig!“ sagte ich mir, „freu Dich lieber mit den Eltern an diesen Kindern, an ihrer Lebendigkeit und ihrer Lebensfreude!“

„Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst Du Dir Lob! Habt Ihr das nicht gelesen?“ fragt Jesus die Priester und Gelehrten und nimmt ihnen damit den Wind aus den Segeln. Denn regen sich furchtbar über ihn und die Kinder auf, die ihm im Tempel von Jerusalem begeistert hinterherschreien. Matthäus erzählt davon im 21. Kapitel. Es ist der Predigttext für heute:

Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Meine lieben Brüder und Schwestern, es herrscht großes Gedränge in den Vorhöfen des Tempels. Kurz vor dem großen Fest sind von überall Pilger in die Stadt gekommen, um im Tempel zu beten. Auch Jesus geht zuerst dorthin, nachdem er auf einem Esel in Jerusalem eingezogen war.

Aber als er dort ankommt und die Händler mit ihren Buden sieht, kocht er vor Wut: „Seid Ihr noch bei Trost?!“ brüllt er sie an. „Das hier ist keine Räuberhölle, das ist ein Bethaus.“ Hochkant setzt er sie vor die Tür und holt eine Gruppe von Blinden und Lahmen herein, die draußen stehen, weil sie wissen, dass sie drinnen nicht gerne gesehen sind. Sie haben ja nichts zu bieten und noch nicht mal Geld, um die Tempelsteuer zu bezahlen, geschweige denn ein paar Täubchen, um ein Opfer darzubringen.

Matthäus stellt uns zwei Gruppen gegenüber. Da sind die Händler, die Hohenpriester und Schriftgelehrten auf der einen, die Blinden und Lahmen auf der anderen Seite.

Für erstere ist der Tempel ihr Arbeitsplatz. Sie sind das religiöse Personal, das dafür sorgt, dass die Pilger ihre Gaben bringen, die vorgesehenen Gebete sprechen und der Kult also würdig gefeiert wird. Sie kennen sich in Glaubensfragen aus. Denn der Glaube ist ihr Geschäft!

Die Blinden und Lahmen dagegen haben nur ihre Hoffnung im Gepäck: sie wollen gesund werden. Denn der Glaube, dass Gott rettet, ist für sie existentiell. Daran hängt ihre Zukunft, das bestimmt ihr ganzes Leben.

Und zwischen diesen zwei Gruppen springen auch viele Kinder herum, die mit ihren Familien in den Tempel gekommen sind. Und diese Kinder sehen sofort, was echt ist und was nicht. Ihnen kann man in Glaubenssachen nichts vormachen. Und das macht jede Katechese so wahnsinnig anstrengend! Denn Kinder sind immun gegen fromme Worte und zeremonielle Formeln. Sie legen gnadenlos ihre Finger in die Wunde. Und so schreien die Kleinen vor Freude „Hosianna, dem Sohne Davids“!  Auch sie kennen den alten Jubelruf schon, der am Höhepunkt der Pessachfeier im Tempel erklingt.

Als sie sehen, was Jesus da tut, nämlich dass er die Blinden und Lahmen gesund macht, da freuen sie sich lauthals mit. So was Tolles haben sie noch nie erlebt! Instinktiv haben sie begriffen, wen sie da vor sich haben.

„Hörst du, was sie rufen?“ fragen jene empört, die im Tempel den Ton angeben. „Sag ihnen doch endlich, sie sollen still sein!“

Das, was Jesus da bewirkt, rührt ihr Herz nicht an. Für derlei sind sie blind. Vielleicht weil sie erstarrt sind in den Ritualen, die sie täglich feiern. Die sie aus dem Ff beherrschen, die aber ihr Leben nicht erschüttern! Ihr Glaube bleibt äußerlich, nichts anderes als liebgewonnene Gewohnheit. Und so sehen sie in den Blinden und Lahmen, in Jesus und den Kindern nichts mehr als eine Störung ihrer Heiligen Ordnung. Vielleicht macht Jesus ihnen sogar Angst, weil er ihnen zeigt, dass Glaube mehr ist als fromme Übungen und Lippenbekenntnisse, sondern Leben heißt und den Mut verlangt, sich von Gott verändern zu lassen.

„Hörst du, was sie rufen?“ fragen sie und meinen damit: „Sorg gefälligst dafür, dass sie den Mund halten und uns in Ruhe lassen! Sie stören uns. Und lenken die Besucher vom Wesentlichen unseres Glaubens ab!“

Ist nicht aber das Wesentliche etwas völlig anderes, liebe Brüder und Schwestern?

„Ja, ich höre es,“ antwortet Jesus. „Aber habt Ihr nicht gelesen: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob?“ Jesus spielt mit diesem Zitat den achten Psalm in ihre Auseinandersetzung ein. Seine Gegner kennen den auswendig. Er muss nicht mehr sagen. Sie wissen Bescheid. Und dieser Psalm hat es in sich. Dort heißt es nämlich, dass das Gotteslob, der Gottesdienst also, nicht etwas ist, was ich ableisten und durch Opfer und Gebete abhaken kann, sondern dass es zum Wesen von uns Menschen gehört, Gott mit unserem ganzen Leben zu loben. Ja, das es die Größe des Menschen ausmacht, dass wir vom ersten Gebrabbel bis zum letzten rasselnden Atemzug des Sterbenden ihn loben, einfach weil es uns gibt. Können wir nicht einfach dankbar und fröhlich sein über dieses Geschenk? Jedes Kind lebt und gedeiht doch bereits davon.

Martin Luther hat das einmal auf den Punkt gebracht: „Der Mensch ist jenes Wesen, das allein durch den Glauben gerechtfertigt wird.“

Warum? Weil diese Gabe zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben doch in jedem von uns steckt. Und wenn wir uns so beschenken lassen, gehen uns dann nicht die Augen? Können wir dann überhaupt noch anders, als so wie die Kinder zu sein und lassen und uns von ihm ergreifen zu lassen. Denn Gott braucht keine Opfer, keine andächtige Stille, keine schön formulierte Gebete. Er will unser Herz berühren, damit wir endlich ohne Angst und ohne Bosheit leben.

Gehen uns dann nicht die Augen auf wie den Blinden? Können auch wir dann nicht wieder aufrecht gehen wie die Lahmen? Können wir dann nicht sein wie die Kinder, die das längst alles verstanden haben?

Wir großen Leute können das von den Kleinen immer wieder neu lernen. Wir müssen ihnen nur zuhören, sie ernst nehmen, uns von ihnen stören und uns von ihrer überbordenden, oft sehr lauten Lebensfreude anstecken lassen.

Liebe Jubelkonfirmanden, wenn Sie heute hier in der Friedenskirche das Jubiläum ihrer Konfirmation feiern, dann werden Sie sich vielleicht an das 14 jährige Mädchen oder den gleichaltrigen Jungen von damals erinnern, der im ersten Anzug oder im tollen Samtkleid und mit dem Maiglöckchenstrauß in der Hand aufgeregt in der Bank gesessen hat. Was haben Sie damals geglaubt? Worum haben Sie gebetet? Wovon haben Sie geträumt? Und was waren Ihre Fragen an die großen Leute?

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie sich nicht nur heute sondern immer an dieses Kind erinnern, das Sie einmal waren und im besten Sinne immer bleiben werden. Es ist nicht Vergangenheit. Vielleicht ist es Ihnen über die Jahre bisweilen etwas verloren gegangen, verschüttet unter manchen Sorgen eines erwachsenen Lebens! Aber wenn Sie heute an Ihre Konfirmation denken, dann bin ich ganz sicher, dass es Ihnen vorkommen wird wie gestern, als Sie an Ihrem großen Tag voller Freude und Glaubensernst hier in der Kirche saßen.

Ich wünsche Ihnen wirklich, dass Sie tief drinnen immer dieses Kind bleiben, das über Wunder staunen kann, aber sich auch nicht täuschen lässt, sondern ein gesundes Gespür dafür behält, wo Menschen Gott wirklich Gott sein lassen und sich nicht an seine Stelle setzen. „Werdet wie die Kinder“, hat Jesus uns mitgegeben. Begreifen wir dann nicht, worum es im Gottesdienst geht, und wer Jesus ist? Dann fühlen wir doch, dass er kommt im Namen seines Vaters, um uns dort zu helfen, wo wir nicht weiterwissen. Weiß er es nicht immer? Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.