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30 März
Freitag, den 30.03.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Karfreitag

musikalisch gestaltet von Sina Sadeghpour (Klarinette)

Einführung in die Passion

„Es ist besser, wenn ein Mensch für das Volk stirbt.“ Auf diese Worte des Hohenpriesters Kaiaphas hin beschließen die Priester und Schriftgelehrter Jesus zu töten. Es ist der Versuch einer Rechtfertigung ihres bösen Tuns.

Und im Evangelium heißt es sogar, dass Kaiaphas es so weissagte, weil er der Hohepriester in diesem Jahr war. Mit anderen Worten, dass es der Plan Gottes gewesen soll, dass sein Sohn am Kreuz jämmerlich stirbt.

Und Walter Jens lässt deshalb seinen Judas folgerichtig in dem Theaterstück, das vor zwei Wochen hier in der Friedenskirche aufgeführt wurde, sagen: „Wenn ich ihn nicht verraten hätte, wärt Ihr nicht erlöst worden. Nur weil ich ihn überliefert habe, konnte seine Überlieferung beginnen.“ Aber ist das wahr, liebe Brüder und Schwestern? Musste Jesus wirklich verraten und hingerichtet werden, damit wir erlöst werden? Ist dieser grausame Tod wirklich Gottes Wille?

Ich gebe ehrlich zu: Es fällt mir schwer zu glauben, dass ein Vater den eigenen Sohn so leiden und sterben sehen will. Für mich als Mutter unvorstellbar! Und so berührt mich die Pietà immer wieder besonders: es ist der Schmerz der Mutter über den furchtbaren Tod ihres Sohnes und es ist der Schmerz aller Mütter, die um ihre Kinder trauern. Und ist das nicht auch der Schmerz des Vaters?

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich ringe jedes Jahr wieder mit diesem Karfreitag. Ich ringe mit einer Theologie, der es so locker über die Lippen geht, dass Jesus für uns geopfert worden ist, weil sein und unser himmlischer Vater es so wollte. Und ich frage mich jedes Jahr: Was feiern wir hier eigentlich?

Mittlerweile glaube ich, dass dieses Ringen zum Karfreitag dazugehört. Denn das, was heute geschieht, ist und bleibt ungeheuerlich. Und wir dürfen es nicht schön reden. Es ist ein Verbrechen! Es ist Mord! Niemand kann das wollen. Und Gott schon mal gar nicht. Und so begleitet mich schon seit einigen Jahren das Bild, das Sie hoffentlich alle jetzt in Händen halten. Da hält der Vater den Sohn in seinen Armen. Sein Schmerz über diesen Tod steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er schaut uns an. Er sagt zu uns: Ich kenne Eure Not! Und er fragt uns: Was habt Ihr getan?

Vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung eine Meldung entdeckt, die mich tief berührt und die mir geholfen hat, besser zu verstehen, was wir Karfreitag tatsächlich feiern. Und ich möchte mit Ihnen teilen, was ich da gelesen habe, bevor wir gleich gemeinsam die Passion Jesu Christi hören.

Letzte Woche wurde Hussein K. wegen des Mordes an der Studentin Maria L. zu lebenslanger Haft verurteilt. Dieser brutale Mord in Freiburg hatte in den vergangenen Monaten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil er für viele nur ein weiterer Beleg dafür war, dass die Integration der unzähligen Geflüchteten in unserem Land sehr, sehr schwer war und ist. „Marie L. ein Opfer der Willkommenskultur? titelte eine Zeitung. Und es ist kein Wunder, dass sich die Fronten in der Flüchtlingsdebatte durch solche Tragödien immer wieder und immer weiter verhärten. Den Schmerz der Eltern des Opfers können wir nur erahnen.

Am Tag vor der Urteilsverkündung aber gingen diese Eltern dann zum Erstaunen vieler mit einer außergewöhnlichen Geste an die Öffentlichkeit. Sie gründeten eine Stiftung, die unter anderem ausländische Studierende bei deren Integration unterstützen soll. In der Pressemitteilung erklären sie: „Maria war und bleibt ein Sonnenschein für ihre Familie, für ihre Freundinnen und Freunde. Die Stiftung will das Geschenk ihres Lebens an Studierende weitergeben und in ihrem Sinne ein Zeichen der Mitmenschlichkeit setzen. Ihr Leben überstrahlt, auch heute, alles Dunkel.“ Was für eine Größe erweisen sie in ihrem unermesslichen Leid. Sie setzen damit ein Zeichen, dass die Hoffnung stärker ist als die Rache und das Leben mächtiger als der Tod.

Und ist es das nicht, was Gott heute am Karfreitag für uns tut? Stiftet er denn nicht heute das Zeichen der Hoffnung schlechthin, so dass das Licht seines geliebten Sohnes unser Dunkel überstrahlt? Unsere Verzweiflung, unseren Verrat und unsere Verlorenheit?

Denn er ist es doch selbst, der sich hineingibt in unsere Welt mit all ihrer Not, ihrem Schmerz, ihrer Gewalt und ihrer Gottvergessenheit, um bei uns zu sein. Er ist es doch selbst, der die absolute Einsamkeit durchleidet, von Mensch und Gott verlassen zu sein, damit wir es nie wieder sind; auch dann nicht, wenn wir uns völlig in Schuld verrannt haben.

„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen,“ lässt Johann Sebastian Bach seinen Chor in der Matthäuspassion singen. Wer diesen unglaublich beeindruckenden Ausruf in einer der größten musikalischen Schöpfungen einmal gehört hat, wird vielleicht am ehesten ermessen, welches Zeichen Gott da gesetzt hat.

„Und das habt zum Zeichen, Ihr werdet finden das Kind in einer Krippe liegen,“ heißt es im Weihnachtsevangelium. „Und das habt zum Zeichen,“ hören wir Gott heute sagen, „Ihr werdet ihn finden, den, der für Euch gestorben ist. Habt Vertrauen. Zu mir. Und zu meinem Entschluss zu zulassen, dass die Menschen ihn ans Kreuz schlagen. Verzweifelt nicht an mir, sondern glaubt mir! Ich habe nicht nur ihn aus dem Tod geholt, sondern auch Euch! Meine Liebe ist mächtiger als der Tod. Und das Licht meines geliebten Sohnes überstrahlt all Euer Dunkel!“

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.