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23 Dezember
Samstag, den 23.12.2017 18:00 Uhr Friedenskirche

Gottes Ja und unser Amen

Predigt zum 4. Advent

Meine lieben Brüder und Schwestern,

nach der Krippenspielprobe am letzten Samstag drückte mir eine Mutter eine kleine Schachtel mit Pralinen in die Hand. „Danke!“ sagte sie. „danke für vier Stunden Advent!“ Als sie mein erstauntes Gesicht sah, meinte sie lachend: „Mit den Kindern ist doch immer was los. Immer will da jemand was von mir, immer ist noch was zurechtzubiegen, immer muss irgendeiner noch irgendwo hingefahren werden. Und vor Weihnachten ist das noch schlimmer als sonst! Ich war bisher noch gar nicht in Adventsstimmung. Aber jetzt! Mir ging es großartig damit, in dem ganzen Trubel und Stress mal vier Stunden Ruhe zu haben und mit einem Latte Machiato in der Hand auf dem Sofa Löcher in die Luft zu gucken! Es gab endlich mal nichts zu tun oder zu richten. Das war mein ganz persönlich Instant-Advent!“

 Und wie war das so in Ihrem Adventszeit? Hatten Sie wenigstens irgendwann mal eine kleine Ruhepause, um sich ein bisschen auf Weihnachten freuen zu können?

Oder ist auch erst dieser Gottesdienst heute Abend Ihr persönlicher „Instant-Advent“? Dann freue ich mich besonders, ihn gemeinsam mit Ihnen zu feiern!

 Wir sind am alleräußersten Ende dieser Zeit angelangt. Später kann der vierte Advent nicht sein. Wir zünden am Kranz die letzte Kerze an. Und schon in wenigen Stunden brennen am Christbaum ganz viele davon, und wir feiern das schönste Fest im Jahr. Alles, was vorbereitet werden konnte, ist endlich geschafft. Vielleicht schmücken Sie heute Abend noch den Baum, stellen die Krippe auf, verpacken die Geschenke und decken für morgen Mittag vielleicht in weiser Voraussicht schon den Tisch? Kaufen können wir nun nichts mehr! Die Läden sind jetzt zu. Was für eine Wohltat. Wir müssen auch keine Päckchen mehr packen oder Briefe schreiben. Denn bis zum 27. gehen die eh nicht mehr raus. Wir müssen jetzt nichts mehr schaffen und erledigen.  Diese eine Stunde am alleräußersten Ende des Advents gehört uns. Sie ist unser persönlicher Advent. Wir dürfen einfach nur da sein und es uns gut sein lassen.

 Sollten Sie aber doch nicht so schnell abschalten können, dann lohnt es sich, auf Paulus zu hören, der uns schreibt, was er schon damals der Gemeinde in Korinth geschrieben hat:

Der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre. Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

 Meine lieben Brüder und Schwestern, klingen diese Worte des Apostels nicht wie ein tiefes Atemholen? Und wie ein tiefgründiges Werben um Gelassenheit?

„Was regt Ihr Euch denn so auf? Es ist doch alles gut!“ sagt er uns und der Gemeinde in Korinth.

 Paulus musste nämlich seinen Besuch bei ihnen verschieben. Die Korinther reagieren unwirsch. „Da hast es versprochen. Du hast gesagt, dass Du  mit Deinen Leuten kommst, dann plötzlich kommst Du doch nicht. Auf nichts können wir uns verlassen, noch nicht einmal auf Dich!“ Paulus aber hat seine Gründe. Reiserouten verändern sich, wie eben bei einem, der so viel unterwegs ist wie er. Und es gibt ja scließlich nicht nur die Gemeinde in Korinth. Winde sind ungünstig und Boote verspäten sich. Die Gemeinde will, dass er bleibt; er kann sich eben nicht zerschneiden. „Erst hast du Ja gesagt, dann nein,“ murren die Korinther. „Was denn nun? Wie zuverlässig ist das, was du uns sagst?“

 Es kommt doch nicht auf mich an, sagt Paulus. Ich bin nicht der Messias. Wir Menschen haben unsere Grenzen. So sehr wir uns das manchmal auch wünschen mögen, wir können es nicht allen recht machen. Ich auch nicht! Irgendwann müssen wir es genug sein lassen. Klar, es geht immer noch perfekter und organisierter, aber gut ist es damit noch lange nicht. Es wird gut, wenn Ihr es endlich gut sein lasst, könnte Paulus sagen. Bleibt also gelassen. Gott hat schon längst „JA“ gesagt, und Ihr müsst nichts weiter tun, als ihm durch Euer Amen zu zeigen, dass Ihr begriffen habt, was er meint.

 Gott sagt „Ja“ von Anfang an. Immer wieder. Wir überhören es nur schnell im Trubel, in all dem Stress und den vielen Gedanken, die wir uns machen.  Erst ist doch bei uns, egal, ob wir ihn sehen oder nicht, ob wir ihn fühlen oder nicht, ob wr uns für ihn Zeit nehmen oder nicht. Er nimmt sie sich. Für uns! Und wäre Paulus jetzt hier, würde er all das auch uns erklären und zu seinen Korinthern hören wir ihn weiter sagen:

Davon übrigens habe ich Euch ja schon unendlich viele Briefe geschrieben. Über den Glaube, die Hoffnung, die Liebe und die Auferstehung von den Toten. Das wisst Ihr alles schon. Und weil Ihr das wisst, kennt Ihr doch das Ja von Gott. Dieses Ja heißt Jesus Christus. Das sagt er zu Euch. Immer und immer wieder. Solange, bis es zu Euch durchdringt.

 Auch wenn Ihr enttäuscht seid, weil ich nicht komme, schreibt er den Korinthern, auch wenn Ihr Euch die Sorge quält, ob alles gut wird, auch wenn Ihr erschöpft und außer Atem seid, steht dennoch über allem steht sein Ja! Einfach über allem. Er nimmt uns an als die, die wir sind. „Du bist gesehen. Und es ist gut.“

 Meine lieben Brüder und Schwestern, eines der schönsten Komplimente seines Lebens bekam der berühmte Dirigent Sergio Celibidache von einer Prinzessin aus Hannover. „Ich war sehr jung,“ erzählt er, „meine Karriere war zwei Jahre alt. Und nach dem Konzert kommt sie zu mir, wunderbar friedlich, irgendwie geschlossen, und sagt: „Es ist so“ (…) Nicht: „Es ist schön, es ist wunderbar.“ – Das sind tausend Ausdrücke, die nicht die Wirklichkeit treffen – aber: „Es ist so“. Ich hätte es nicht besser formuliert, und bis heute denke ich, dass ist das Schönste, was ich von einem anderen Menschen, der mit mir zusammen musiziert hat, gehört habe.“

Und er erzählt weiter: „Wenn du also nach einer Symphonie zu mir kommst und sagst –nicht so in der Agentensprache „noch nie habe ich das so schön gehört, Sie sind wunderbar, keiner kann Ihnen das nachmachen…“ – sondern einfach: „es ist so!“, dann weiß ich, dass du über das Schöne hinausgekommen bist. Und was hast du erlebt? Das, was nicht weiter definierbar bleibt: Wirklichkeit. Es ist so.“

 Kennen Sie auch solche Momente, in denen man nur noch sagen kann: „Es ist so“? Weil es dann nichts mehr anders zu sagen gibt als das. In der Musik, im Staunen, im Lachen, im Gesang, im guten Gespräch, in der Liebe, da erleben wir doch solche Momente. Warum? Weil wird dann ganz tief im Inneren berührt sind und wissen nicht wie. Wir lassen es geschehen. Weil es so ist!

Und nichts anderes als dieses „es ist so“ heißt wörtlich übersetzt: „Amen!“ Und von Luther kennen wir sein „das ist gewisslich wahr!“

 Auch Maria hat als Erste von uns so auf die Botschaft des Engels geantwortet: „Es ist so! Mir geschehe, wie Du gesagt hast!“ In ihr kommt Gottes Ja zur Welt. Und er will auch in uns zur Welt kommen. Und um das zu spüren, reicht manchmal ein einziger Moment. Und: auch eine Stunde wie die heutige, jetzt, hier.  Und mit diesem Gott-Lächeln, dieser: Ich-bin-gesehen-Zustimmung im Herzen dann zurück ins Familien- und Kinderchaos oder in die leere Wohnung oder zu Besuch bei Tante ins Seniorenwohnheim oder wo immer uns dieser Abend noch hinbringen wird. Mit Gottes Ja und meinem Amen können wir es gut sein lassen. Denn es ist alles gesagt und getan.

 Auch wenn die Buttersauce schwarz ist, das Wachs tropft und unterm Weihnachtsbaum beim ferngesteuerten Spielzeugauto morgen die Batterie fehlt. Auch wenn das Weihnachtsprogramm im Fernsehen keine Ablenkung bietet und das Herz in dieser Zeit besonders schwer ist. Egal, wer Nein zu mir sagt und wenn ich es selber bin. Es gibt einen liebevollen Ja-Blick auf mich. So wie ich da bin. Mit allem, was die nächsten Stunden bringen, und auch mit dem, was sie nicht bringen.

Durch das Kind in der Nacht, die nun kommt. Es schaut uns liebevoll an. Können wir denn anderes als das zuzulassen?

 Ich habe Ihnen allen ein kleines Herz mitgebracht. „Ja“ steht da auf der einen Seite, „Amen“ auf der anderen. Es ist ein Christbaumanhänger. Hängen Sie ihn sich gut sichtbar an den Weihnachtsbaum – oder an die Spüle – oder an den Schreibtisch – oder wo auch immer in den kommenden Tagen die Versuchung lauert, sich unter Druck zu setzen. Denn jetzt zählt nur das. Es geht um Gottes „Ja“, zu dem wir nichts weiter tun müssen, als  „Amen“ zu sagen. Es ist so. Das ist gewisslich wahr. Amen

 Pfarrerin Henriette Crüwell, 23.12.2017

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.