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10 Juni
Montag, den 10.06.2019 11:00 Uhr Friedenskirche

Die ganze Mischpoke

Predigt anlässlich des ökumenischen Pfingstmontagsgottesdienstes in Sankt Paul

Liebe Brüder und Schwestern,
ich möchte mit einer kleinen Geschichte anfangen, die so alltäglich ist, dass vielleicht manche von Ihnen sie so oder so ähnlich schon selbst erlebt haben. Sie handelt von einem jungen Paar, das frisch verliebt zusammengezogen ist. Der 90. Geburtstag der Großtante steht ins Haus. Der junge Mann überlegte lange, ob er seine Liebste dorthin mitnehmen und ihr gleich die ganze Familienpackung zumuten soll.
Weil aber alle, die Geschwister, die Eltern und Großeltern, schon so neugierig sind auf das junge Glück, kommt sie schließlich mit und lernt sie kennen: den knurrigen Onkel, der immer und überall mit redet, die Oma, der die Zukunftspläne des jungen Paares am Herzen liegen, den besserwisserischen Cousin, die Hippietante, den schräghumorigen Vater und schließlich die besagte überaus redselige Großtante selbst. Drumherum wuselt der Nachwuchs und setzt geräuschmäßig noch eins drauf.

Als die beiden abends schließlich völlig erledigt wieder daheim auf dem Sofa sitzen, spürt der junge Mann plötzlich den Ellbogen seiner Liebsten in der Seite: „Jetzt schuldest du mir aber einen großen Gefallen!“

Die zwei haben gerade jene Erfahrung hinter sich, die alle jungen Pärchen über kurz oder lang wohl machen: Man „heiratet“ halt immer die Familie mit. Diese Einsicht sagt auch die Mutter ihrem Sohn später tröstend am Telefon und weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie redet: „Tja, mein Lieber, so ist sie halt, unsere Mischpoke!“

„Warum sind wir keine normale Familie wie alle anderen?“ stöhnt der Sohnemann. „Meine ganzen Freunde haben vorzeigbare Familien, nur bei uns haben alle einen Knall!“

Wie normal seine Familie aber in all ihren Differenzen tatsächlich ist, versteht er wenig später. Denn mittlerweile sind sie quitt, er und seine Freundin. An Ostern war er nämlich mit bei ihrer Familie und wurde ebenso unter die Lupe genommen. Und der Vater zeigt ihm gleich, wo der Hammer hängt, wenn er es wagen sollte, seine Tochter traurig zu machen.

Liebe Schwestern und Brüder, so geht Familie! „Freunde sucht man sich aus,“ heißt ja dann auch ein Sprichwort, „Familie hat man.“ Aber wie schön, wenn sie da ist, diese liebenswerte Sippe. Und was für ein Glück, wenn in ihr alle ihren Platz findet.

Im heutigen Evangelium erzählt uns Jesus vom Haus seines Vaters, in dem es viele Wohnungen gibt. Es ist eines meiner Lieblingsworte aus dem Buch der Bücher. Ich stelle mir dann nämlich jedes Mal ein großes, altes Familienhaus inmitten eines verwunschenen Gartens vor. Der Putz bröckelt schon ein wenig. Die Speicher und Keller quellen über von Erinnerungen und alle gleichermaßen ihren Platz haben: der knurrige Onkel, die Hippietante, der besserwisserische Cousin, die wuselige Kinderschar, die schwerhörige Großtante, die besorgte Oma und auch das frischverliebte Paar.

Und in dieses Haus, von dem Jesus spricht, ist eins, passt die ganze Menschheitsfamilie hinein in ihrer Vielfalt, ihrer Lebensfreude und quirligen Lebendigkeit, aber auch mit ihren schweren Sorgen, ihrer brennenden Sehnsucht, ihren Differenzen und ihrem Kummer.

Und wenn wir, liebe Schwestern und Brüder, heute Morgen als evangelische und katholische Christen zusammen hier in Sankt Paul Pfingsten feiern, dann ist das ein Familienfest in diesem großen Haus. Nicht ohne Grund nennen wir uns Brüder und Schwestern. Denn das sind wir doch wirklich.

Mich tröstet dieses Bild immer wieder besondere dann, wenn ich nur noch kopfschüttelnd dastehe und mitkriege, wie kleinlich sich die Konfessionen gelegentlich begegnen und mit wie viel Vorurteilen den anderen gegenüber wir alle immer noch beladen sind. Ich stelle mir dann den Bischof XY., der evangelische Christen nicht zur Eucharistie zulassen will, als den knurrigen Onkel vor, erkenne in jenen Protestanten, die jedes Traditionsbewusstsein als „typisch katholisch“ abtun, die besserwisserischen Cousins, und in manchem Orthodoxen, dem alle anderen irgendwie suspekt sind, die Hippietante wieder. Sie alle gehören zu unserer Familie.

Und nicht nur sie! Denn nicht nur wir Christen sind eine bunte, große und manchmal leider auch zerstrittene Familie. Auch die Juden sind unsere Geschwister, unsere älteren Brüder und Schwestern, wie es das zweite Vatikanum in Nostra Aetate schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts so schön formuliert hat. Und gehören nicht auch die Muslime als jüngere Geschwister dazu? Und überhaupt alle Menschen guten Willens?

Schon die Propheten haben von diesem Familienfest, zu dem alle eingeladen sind, geträumt. Jesaja sieht, wie sie von allen Enden der Erde in Jerusalem zusammenkommen, um dort zu feiern. Auch der Prophet Micha lässt sich diese Vision nicht ausreden, auch wenn die Wirklichkeit manchmal ganz anders aussieht. Und Lukas greift diesen Traum mit seiner Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte wieder auf:

Damals quoll die Stadt Jerusalem über von Menschen aller Herrenländer. Die Straßen waren erfüllt von einem Kauderwelsch unzähliger Muttersprachen. Denn vor 2000 Jahren wurde ein großes Familienfest auf den Straßen der heiligen Stadt gefeiert, ein Wallfahrtsfest, zu dem alle kamen, um miteinander zu feiern und Gottes Familie zu sein.

Und die Jünger Jesu. eben noch gefangen in ihrem Schmerz und ihrer Angst, mischen sich jetzt spontan unter die Leute und fangen an, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Und Wunder o Wunder: Ein jeder versteht sie auf einmal in seiner Muttersprache. Und alle sind basserstaunt!

Das Haus, in das sich die Jünger zurückgezogen hatten, ist ihnen auf einmal zu klein geworden. Ein gewaltiges Brausen vom Himmel öffnet Fenster und Türen, und sie selbst sind erfüllt vom Heiligen Geist, so erzählt der Evangelist Lukas. Einem Geist, in dem Gott und Mensch und also auch wir alle miteinander verbunden sind.

Und dieser gute Geist bringt alle zusammen, überwindet alle Gräben und heilt alle Wunden. In ihm sind wir eins. In all unserer Verschiedenheit. Nicht Uniformität kennzeichnet diese Einheit des Geistes, sondern die bunte Vielfalt der Menschen. Es ist ja nicht so, dass die vielen Völker in Jerusalem auf einmal die Sprache der Jünger verstandn hätten, sondern andersherum wird ein Schuh daraus: Die Jünger verstehen sie und antworten ihnen allen in ihrer eigenen Sprache. Der Geist Gottes befähigt nämlich die Menschen in den vielen Sprachen dieser Welt in seinem Namen zu reden.

Und erlauben Sie mir eine kurze Nebenbemerkung mit Blick auf unsere kirchliche Wirklichkeit heute, insbesondere auf die jüngste Studie, die zeigt, dass wir gerade eine ganze Generation in unseren Kirchen verlieren: Wie gut täte uns doch dieser Geist von Pfingsten, der uns mutig neue Sprachen lernen lässt. Und mit Sprachen ist nicht Türkisch, Spanisch oder Chinesisch gemeint, sondern die Art und Weise, wie ein Mensch das Leben begreift. Wie wäre es, wenn wir als Kirchen anfingen, ganz besonders von den Jüngeren zu lernen, wie sie Gott und die Welt verstehen. Nur dann nämlich können auch wir von ihnen verstanden werden.

Und damit sind wir wieder beim Familienfest. Was gibt es da Schöneres als den Großvater, der sich in einer ruhigen Ecke des Wohnzimmers vom Enkelsohn einmal umgekehrt die Welt erklären lässt?

Und wie lohnend es ist, den Jungen zuzuhören, das können wir doch gerade erleben, wenn weltweit jene auf die Straße gehen, die um ihre Zukunft bangen, weil sie unser Haus, die gesamte Erde, in Flammen sehen. Lassen wir uns doch von ihnen einmal die Welt erklären, hören wir ihnen zu, nehmen wir sie ernst in ihrem Protest und stellen wir uns an ihre Seite. Denn wir alle, die ganze Menschheit, wohnen in diesem großen Haus. Nur wenn jetzt alle zusammenstehen und gemeinsam handeln, haben wir eine Chance, zu verhindern, dass unsere Erde in Flammen steht.

Das Pfingstfest erinnert uns an diesen Zusammenhalt, an jene Menschheitsfamilie, die wir sind. Pfingsten ist ein einziges großes Integrationsprojekt, wo niemand an den Katzentisch verbannt wird. Aber wir können diese Einheit nicht allein machen, sondern wir brauchen Gottes guten Geist, der uns eins sein lässt und mutig macht, in allen, in wirklich allen, unsere Brüder und Schwestern zu sehen.

Und ich wünsche uns hier in Offenbach diesen Geist ganz besonders. Denn die Gabe unserer Stadt ist doch eben jene Vielfalt der Menschen, die hier wohnen. Es zeichnet uns doch aus, dass wir oft Tür an Tür in einem großen Haus friedlich und respektvoll beieinander wohnen.

Beten wir also gemeinsam um diesen Geist der Eintracht und des friedens, so wie Jesus es für uns getan hat, als er seinen und unseren himmlischen Vater darum bat, bei uns zu wohnen. Beten wir gemeinsam um diese ganz besonderen Familienbande, um das Vertrauen in die Einheit, um die Freude an der Vielfalt und um den Humor, den es auch braucht, um manchmal augenzwinkernd festzustellen: „So ist sie halt, die Mischpoke!“
Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.