Evangelische Kirche in Hessen und Nassau Jetzt folgen
Haben Sie Fragen?
10 Mai
Donnerstag, den 10.05.2018 09:30 Uhr Dreieichpark

Christi Himmelfahrt

Predigt zu ApG 1,1-11

Meine lieben Brüder und Schwestern, im Museum Unterlinden in Colmar gibt es nicht nur den bekannten Isenheimer Altar, sondern auch Werke unbekannterer Meister. Eins dieser Bilder, die Himmelfahrt Christi, hat die jungen Leute, mit denen ich vor einigen Jahren dort war, ganz besonders fasziniert. Denn da schauen aus einer großen Wolke nur noch zwei Füße heraus. Es fehlt nicht mehr viel, und der, zu dem sie gehören, ist gänzlich in den Wolken verschwunden. Und man kann gar nicht anders, als zusammen mit den Jüngern, die erschüttert da drunter stehen, diesen Füßen hinterherzuschauen.

Wir hatten damals viel Spaß damit, uns vorzustellen, wohin Jesus wohl gefahren sein könnte, und ob und wie er wie ein Astronaut nach vollendeter Mission wieder zurückkommen würde. Und wir haben uns das Universum ausgemalt und waren uns einig, dass man sich das Universum gar nicht vorstellen kann. Und dass es einem ganz schwindelig wird, wenn man es versucht. Und einer fragte zögerlich und etwas unsicher: „Warum fährt Jesus denn überhaupt in den Himmel? Lebt er nicht schon seit Ostern dort?“

Wir haben lange vor diesem Bild gestanden und gemeinsam gerätselt, was es wohl mit dieser Frage auf sich hat. Und ich möchte diese gerne an Sie, liebe Brüder und Schwestern, weitergeben: Was feiern wir heute eigentlich an diesem Tag im Mai, zwischen Frühlingsgefühlen und Vatertagsfreuden? Und was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?

Das Bild, das Sie nun alle hoffentlich zusammen mit Ihrem Liedblatt vor sich haben, hält diesen Augenblick fest. Gebannt starren die Jünger nach oben und erhaschen gerade noch einen letzten Blick auf den, der da in den Wolken verschwindet. Ratlosigkeit liegt auf ihren Gesichtern, Trauer und Kummer, dass sie ihn nicht halten können und er sie nun ein zweites Mal verlässt. Eine Frau winkt ihm sogar nach, und ich höre sie rufen: „Bitte, geh nicht weg von uns! Bleib doch hier!“ Und ich kann sie so verstehen. Denn ich hasse Abschiede. Und am schlimmsten ist es, wenn ein Mensch geht, den ich liebe und der für mich wie ein Fels in der Brandung war, an dem ich mich festhalten konnte, wenn es drunter und drüber ging.

Das Lukasevangelium, liebe Brüder und Schwestern, endet mit diesem Abschied. Wir haben es eben in der Lesung gehört. Der Auferstandene verspricht seinen Jüngern, dass sie die Kraft von ihm auf andere Weise empfangen werden. Dann segnet er sie noch einmal und verschwindet in einer Wolke. Und dann sehen bis sie ihn nicht mehr.

Und damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Und die anderen Evangelien hören hier auch auf. Nur Lukas nicht. Er schreibt eine Fortsetzung. Er erzählt, wie aus dem Abschied ein neuer Anfang wurde.

Und wie das in jeder guten Serie ist, zeigt er zu Beginn der zweiten Folge noch einmal die Szene, mit der die erste aufhörte. Und so lesen wir im ersten Kapitel seiner Apostelgeschichte:

Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er den Aposteln, die er sich durch den Heiligen Geist erwählt hatte, Weisung gegeben. 3 Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen. Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt! Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden. Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her? Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde. Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, das ist eine anrührende Szene gleich zu Beginn der Apostelgeschichte. Es ist die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten. 40 Tage ist Jesus auch noch nach seiner Auferstehung bei seinen Jüngern gewesen. Und wieder liegt Abschied in der Luft. „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“ fragen sie ihren Meister, als er noch einmal mit ihnen am Tisch sitzt. Und hinter dieser Frage stecken noch viele andere: Ist es jetzt soweit? Wenn Du gehst, was bleibt dann? Beginnt es endlich, das Gottesreich? Und was heißt das für uns?

Wer so fragt, den bewegt die Sehnsucht, vielleicht auch die Angst. Und ich kann beides verstehen, die Sehnsucht und auch die Angst. Leben ist nicht immer einfach. Im Gegenteil. Es gibt so vieles, das uns aus der Bahn werfen kann. Es gibt so viel Unsicherheit. Da ist jeder Abschied doppelt schlimm. Und die Zukunft noch so weit weg und so ungewiss.

Was wird kommen? Sagen viel. So viel verändert sich. Sogar Krieg liegt wieder Luft. Neue, befremdliche Töne hört man in der Politik. Weltweit gibt es einen Brandherd nach dem anderen. Und manche sagen und frageh: Auch hier in unserer Friedenskirche ist so viel im Umbruch. Es passiert so viel Neues. Das ist zwar gut, aber es macht mir auch Angst. Möchte ich dieses Neue überhaupt? Was wird anders und bleibt es trotzdem gut?

Solche Worte sind mehr Wunsch als Frage. Der Wunsch, dass es doch bitte auch Morgen so sein möge, wie es gestern war. Denn der Wunsch nach Sicherheit und Halt in einer Welt, die so sehr in Gefahr ist, war und ist doch die ewige Frage der Menschen.

Ein Lied von der Gruppe Silbermond bringt das auf den Punkt:
„Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist,
Und alles Gute steht hier still.
Und dass das Wort, das du mir heute gibst,
Morgen noch genauso gilt.
Gib mir ein bisschen Sicherheit
In einer Welt, in der nichts sicher scheint. (…) gib mir was, irgendwas, das bleibt.“

Die Jünger um Jesus fühlen nicht anders: „Sag uns, dass dieser Ort hier sicher ist, und alles Gute hier still steht. Und dass das Wort, das du uns heute gibst, auch weiter gilt.“ Aber sie ahnen schon., dass sich etwas verändert. Es kommt die Zeit ohne ihn. Es bleibt ohne ihn sicher nicht so wie es ist. „Gib uns irgendwas, das bleibt!“

Eine einfache Antwort gibt Jesus nicht. Im Gegenteil. Er weist die Jünger erst einmal zurecht. „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen,“ sagt er und vertröstet sie gleichzeitig, indem er sie bewusst hinhält. Noch ist es nicht soweit. Noch ist sie nicht da, die Zeit, in der alles sicher bleibt und in der das Gute still steht und nie vergeht. Den Himmel auf Erden bekommen wir Menschen nicht, aber wir bekommen etwas anderes: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, wenn ich nicht mehr bei Euch bin“ verspricht er uns. Ihr werdet spüren, dass ich Euch nicht im Stich lasse, Pfingsten blitzt auf. Gottes Geist liegt in der Luft. Ein bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Und dann geht er und lässt sie auf der Erde zurück. Der Abschied ist schlimm.. Und die Unsicherheit und Ratlosigkeit sind fast noch schlimmer.

„Was steht Ihr da und schaut zum Himmel empor?“ fragen die beiden in den weißen Gewändern schließlich die fassungslosen Menschen, die Jesus schockiert hinterherschauen, die ihn festhalten und um nichts in der Welt hergeben wollen. Auf dem Bild, das Sie vor sich haben, sehen Sie, wie die zwei sich nicht nur fragend an die Jünger wenden sondern auch an uns.

Oft wird diese Frage so gelesen, dass wir keine Wolkenschlösser bauen, sondern die Ärmel hochkrempeln sollen und das ins Auge fassen, was hier und heute zu tun ist. Aber das steht nicht in der Apostelgeschichte. Die Engel zeigen weiter nach oben. „Dieser Jesus, der von Euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde,“ sagen sie, „wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“

Wenn wir also auch dorthin schauen, dann soll das ein Blick nach vorne sein, mahnen die Engel. Jesus kommt doch wieder. Er ist doch schon da. Denn was vorbei ist, ist vorbei. Ihr könnt ihn nicht festhalten. Ihr müsst ihn loslassen. Schon die Gegenwart ist Vergangenheit, kaum dass Ihr Euch darüber klar werdet. Es gibt immer nur die Zukunft und die Gegenwart, in der Ihr lebt. Und hat Jesus Euch nicht dazu aufgerufen, in seiner und Eurer Gegenwart zu leben? Dennoch wird er darüber hinaus nicht müde, das Himmelreich solange in jedem Senfkorn zu entdecken, bis wir es auch sehen.

Aber Hand aufs Herz: Wie schwer fällt uns all das doch immer wieder, liebe Brüder und Schwestern. Wie oft wollen wir die Zeit festhalten und die Uhr zurückdrehen: „Wenn nur dieses oder jenes anders gekommen wäre,“ grübeln wir, „wenn wir da und dort bloß anders entschieden hätten, wenn doch diese oder jene Chance nicht ungenutzt verstrichen wäre,“ Wäre, wäre, hätte, Fahrradkette…

Und es ist ja auch gar nicht so leicht, über die Zukunft zu sprechen, also über etwas, das wir noch nicht kennen. Und wie es den jungen Leuten schwindelig wurde, als sie versuchten, sich das Universum auszumalen, so kann es uns ja wirklich schwindelig werden, wenn wir versuchen, uns die Zukunft auszuschmücken und nicht immer wieder den Teufel an die Wand zu malen.

Wie schwer das ist, wurde mir letzte Woche bewusst, als ich nach langer Zeit einen alten Freund wieder traf und ihm begeistert erzählte, wie gern ich hier in unserer Friedenskirche bin und was für eine schöne Heimkehr das für mich ist. „Sag mal, wohin willst Du eigentlich mit Deiner Gemeinde?“ fragte er mich schließlich. Und da blieb mir erstmal die Spucke weg.Und ich erzählte ihm von dem Leitbild, das wir im Kirchenvorstand erarbeitet und was wir damit vorhaben. „Und was erhoffst du dir für die Gemeinde?“ schob der Freund nach.

Und dann kamen mir all die Bilder von unserem toll Maifest hier in der Friedenskirche in den Sinn: die von der kleinen Dreijährigen, die mit der 90 Jährigen tanzte; die von dem alten Herr, der sich erst zögerlich und dann ganz mutig aufs Parkett traute und schließlich eine nach der anderen aufforderte; und die von unserem Pfarrgarten voller fröhlicher Kinder und Eltern. Liebe Brüder und Schwestern, ich werde sie nicht vergessen, diese Bilder. Die aufgestellten Maibäumen bekamen bis spät in die Nacht vor lauter Staunen den Mund nicht wieder zu.

„Dahin möchte ich gerne,“ sagte ich dem Freund. Dahin, wo niemand auf den anderen herabschaut, wo einer dem anderen hilft, wo groß und klein, jung und alt zusammen sind. Da ist die Zukunft. Und, liebe Brüder und Schwestern, die meint Jesus. Da ist doch jener Friede, nach dem wir uns alle sehnen. Hat er uns dafür nicht mit der Kraft seiner Liebe ausgestattet? Und hat er sie nicht gemeint, als er uns versprach, mit seinem Geist bei uns zu bleiben.

Liebe Brüder und Schwestern, können wir uns dann nicht getröstet an die Seite der Jünger stellen, wie auf dem Bild in Colmar zu sehen ist, und den Füßen hinterherschauen.?Denn dann wissen wir doch, dass des keinen Abschied von ihm geben kann. Der Himmel ist doch nicht über den Wolken, sondern darunter, in unserem Leben. Dort, wo Menschen miteinander tanzen und sich nicht allein lassen. Zeit und Stunde sind jetzt. Es gibt sie die Momente, wo wir den Himmel auf Erden spüren. Es gibt sie, diese Momente, wo „das Gehen ein Tanz, das Wort ein Gesang“ist, wie der französische Schriftsteller Michel Houellebecq schreibt. Ich werde ihn nicht vergessen, den Moment, wo die 90 Jährige die Dreijährige bei der Hand nahm und herumschwenkte. Was war das für ein hübsches, friedliches Bild für alle, die dabei waren.

„Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, ganz neu. Da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,“ so heißt es in dem Lied, das wir gleich zusammen singen werden. Und es ist so wahr!
Haben Sie, liebe Brüder und Schwestern, heute noch einen guten Tag, und hoffentlich für Sie alle, langes Wochenende. Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell, Christi Himmelfahrt 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.