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01 April
Sonntag, den 01.04.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Ostersonntag

Predigt zu 1 Sam 2

Meine lieben Brüder und Schwestern,

ich weiß es jetzt schon ganz genau! Ich werde heute den ganzen Tag – und morgen und übermorgen vermutlich auch – wieder vor mich hin summen: mmmmmmmmm… Sünd ist vergeben, Halleluja! Jesus bringt Leben, Halleluja.“

Das geht mir nämlich jedes Jahr so. Die Melodie dieses Osterliedes bekomme ich dann tagelang nicht aus dem Kopf. Weil es mein ganz persönliches Lieblingslied zu Ostern ist. Weil es so fröhlich und ansteckend ist, dass ich gar nicht anders kann, als es mitzusingen, zu wippen und zu summen. Und wenn ich es vor mich hinsinge, dann teile ich mit Ihnen auch morgen und übermorgen und überübermorgen die Freude dieses Gottesdienstes. Und Ihre strahlenden Gesichter nehme ich dann samt Ostern ein bisschen mit in meinen Alltag.

Auch im heutigen Predigttext aus dem 1. Samuelbuch hören wir so ein mitreißendes Osterlied. Eins, das eine Frau lange vor Ostern gesungen hat. Eins, in das seitdem Juden wie Christen einstimmen, weil es so schön ist und weil es von Hoffnung spricht und vom Leben, das so viel stärker ist als der Tod.

Es ist das Lied der Hannah, die keine Kinder bekommen konnte. Und das hieß damals, dass ihr damit auch die soziale Anerkennung und die Altersvorsorge versagt blieb. Denn ein Kind bedeutete in dieser Zeit für eine Frau beides: nämlich Status und Zukunft.

Und als Hannah einfach nicht mehr weiterweiß, geht sie mit ihrer Not in den Tempel gegangen und stellt sich ganz still vor Gott hin. Sie ist ganz sprachlos vor Kummer und betet mit letzter Kraft darum, dass Gott ihr ein Kind schenken möge.

Und das Wunder geschieht tatsächlich. Sie bekommt einen Sohn. Und sie kehrt voller Freude zurück in den Tempel, um ihr Kind dorthin zu bringen. Nun fehlen ihr die Worte nicht mehr. Sie sprudeln nur so aus ihr heraus. Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Horn ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils. Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke. Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.  Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Totenreich und wieder herauf.  Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.  Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.  Er wird behüten die Füße seiner Heiligen, aber die Frevler sollen zunichtewerden in Finsternis; denn viel Macht hilft doch niemand.  Die mit dem HERRN hadern, müssen zugrunde gehen. Über ihnen wird er donnern im Himmel. Der HERR wird richten der Welt Enden. Er wird Macht geben seinem Könige und erhöhen das Horn seines Gesalbten.

Meine lieben Brüder und Schwestern, was für ein Osterlied! Hanna kann ihr Glück nicht fassen. Aus jedem Knopfloch blitzt ihre Freude heraus. „Mein Horn ist erhöht im Herrn,“ singt sie. Und das lässt an das Widderhorn, ans jüdische Schofar denken, das so etwas wie eine Posaune ist. Und wo es ertönt, gibt es was zu feiern. Bei der Krönung eines Königs erklang es damals und am jüdischen Versöhnungstag bis heute, an jenem Tag also, an dem Gott alle Schuld vergibt und mit seinem Volk völlig neu und überraschend anfängt. Und jenes Horn erinnert auch an Abraham und Isaak. Denn Gott hat Isaak ja verschont und Abraham einen Widder geschickt, damit das Kind am Leben bleibt.

Wo also das Horn erklingt, beginnt eine neue Zeit, ein neues Leben, ein neues Glück. Und davon singt Hannah aus voller Kehle. Ein Sohn ist ihr geschenkt. Zukunft also da, wo sie schon fast nicht mehr daran glauben konnte. Und ihr Lied krempelt alles um.

Lange bevor Frauen den weggewälzten Stein am Grab Jesu sehen, singt Hanna dieses vorösterliche Osterlied. Sie singt vom neuen Anfang, den Gott schenkt, vom Leben, das den Tod besiegt, von Gerechtigkeit für die Armen, von Würde der Gedemütigten, vom Scheitern der Feindschaft, vom Sieg der Liebe und von der Hoffnung, die der Trauer ins Wort fällt. Sie singt von Gott, dem Herrn über Leben und Tod. Erst später – viel später – haben Christen bekannt: Dieser Gott hat Jesus vom Tod auferweckt.

Ich will die Melodie der Hanna im Ohr behalten. Ich will nach Ostergeschichten suchen, die Hannas Erfahrung beglaubigen, wo sie aus vollem Herzen singt: „Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.“

Was wäre Ihr Osterlied?, habe ich Sie, liebe Gemeinde, vor zwei Wochen am Ende des Gottesdienstes gefragt, und Sie gebeten, mir doch Ihre Ostergeschichte zu erzählen. „Ja, ich hab in meinem Leben auch so eine Osterfahrung gemacht, aber das ist so persönlich. Ich kann davon nicht reden, ohne dass mir die Tränen kommen,“ meinte eine Dame. Und eine andere fügte sehr nachdenklich hinzu: „Das liegt so tief, dass man es mit Worten eigentlich nicht sagen kann. Seltsam, so wie keiner für einen anderen geboren werden und auch nicht an der Erfahrung des Sterbens des anderen teilhaben kann, so kann man lediglich von den Folgen eines solchen Erlebnisses erzählen, nicht aber von dem, was einem da geschehen ist!“

Und wie den beiden ging es vielen, mit denen ich in den letzten Tagen darüber ins Gespräch kam, Und mir ging auf, vor was für einer Herausforderung die Frauen gestanden haben müssen, die damals das Grab leer fanden und begreifen mussten, dass der Tod da nicht das letzte Wort hatte und es nie wieder haben wird. Vielleicht kann man tatsächlich davon mehr singen als reden.

Und dann, dann schenkten mir doch einige von Ihnen ihre ganz persönliche Ostergeschichte. Und ich darf Sie Ihnen heute Morgen weitergeben:

Eine Frau erzählte mir, wie das vor Jahren war, als sie auf einmal von heute auf morgen auf der Straße stand. Denn völlig überraschend hatte ihr der Professor an der Uni, für den sie damals arbeitete, gekündigt. Alle ihre Träume, aber auch ihre finanzielle Absicherung lagen in Scherben. Sie wusste nicht mehr ein noch aus in den Tagen nach der Kündigung. Sie konnte sich gar keinen anderen Beruf vorstellen als den, den sie so liebte, nämlich zu forschen und zu lehren. Und deswegen machte sie dann nur zähneknirschend jenes Praktikum, das ihr das Jobcenter anbot. Der Sachbearbeiter hatte sie nämlich an ein Bestattungsunternehmen vermittelt. „Und was soll ich sagen,“ erzählte sie, „schon am ersten Tag dort war klar, dass ich hier alle meine Begabungen einbringen kann wie in keinem anderen Beruf. Das war für mich damals wie eine Offenbarung. Ich begleite jetzt seit fast 20 Jahren Menschen in ihrer Trauer. Und jeden Morgen gehe ich dorthin, wo ich gebraucht werde.“

Und ein junger Mann erzählte mir eine andere Ostergeschichte. Er hat immer unter seinem Vater gelitten. Schon als kleiner Junge konnte er es ihm nicht recht machen. Jahrelang buhlte er um dessen Anerkennung, aber der Alte hatte immer was zu kritisieren. Irgendwann ging der junge Mann schließlich seiner Wege und brach den Kontakt zum Vater ab. Aber seine Stimme wurde er trotzdem nicht los. Und bei jedem Erfolg, den er hatte, hörte er, wie sein Vater sagte: „Warum nur eine Zwei? Warum keine Eins?“  Vor ein paar Wochen rief der Vater an. Er sei schwer erkrankt und hätte nicht mehr lange zu leben. Und er bat seinen Sohn, nochmal zu ihm zu kommen. Und der ließ alles stehen und liegen und fuhr hin. Und auf dem Weg ins Krankenhaus habe sich alles in ihm vor lauter Angst, wieder enttäuscht und zurückgewiesen zu werden, verkrampft. Aber als er dann ins Krankenzimmer trat und seinen Vater da liegen sah, sagte der nur – und man konnte die Erleichterung hören: „Ich bin so froh, dass Du da bist!“ Der junge Mann wich drei Tage und drei Nächte lang nicht von der Seite des Vaters. In dieser Zeit konnten sie sich alles sagen, was all die Jahre unausgesprochen zwischen ihnen stand. „Ich liebe Dich doch!“ meinte der Vater in der letzten Nacht. „Und ich war immer stolz auf Dich!“ „Seitdem bin ich ein anderer Mensch,“ erzählte der Sohn mir später. „Ich bin frei und kann jetzt endlich der sein, der ich bin!“

Und eine Mutter erzählte mir von den schlimmen Monaten und Jahren nach dem Tod ihrer Tochter, in denen sie keine Kraft mehr hatte, unter Menschen zu gehen. Dass das Leben einfach so weitergehen sollte, tat ihr unendlich weh. „Komm doch mit in den Chor,“ lud eine Frau aus der Gemeinde sie immer wieder und unermüdlich ein, aber dafür fehlte ihr einfach der Mut. Doch eines Tages, als es ihr gar nicht gut ging, fasste sie sich ein Herz und nahm sich vor, einfach einmal hinzugehen und sie blieb. „Das Singen tut mir so gut!“ sagt sie. „Es ist wie wenn ein Fenster aufgegangen ist. Ich kann wieder atmen und singen!“

Was ist Ihre Ostergeschichte, liebe Brüder und Schwestern? Wovon könnten Sie erzählen? Was bringt Sie zum Summen? Was macht nicht nur Ihren Hals sondern auch Ihr Herz so weit, dass Sie nicht anders können, als mitzusingen?

Denn Ostern ist doch heute! Unser Ostern war nicht nur vor 2000 Jahren, und wird auch nicht erst nach unserem Tod sein. Schon hier und heute erleben Menschen es. Manchmal sogar im ganz Kleinen und Alltäglichen. Dort, wo Menschen nicht nur irgendwie noch einmal davon gekommen sind und sich auch nicht nur mit dem Unabänderlichen arrangiert haben, sondern wo sie mit Hannah zusammen singen: „Der Herr führt in den Tod und wieder herauf!“

Und wenn wir das noch nicht persönlich erfahren haben, so können wir doch einstimmen in die Lieder derer, die davon singen, bis ihr Lied, wer weiß, auch einmal zu unserem wird: „Er ist erstanden, Halleluja. Freut Euch und singet, Halleluja!

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich wünsche Ihnen in diesem Sinne von Herzen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell, Ostern 2018

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.