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17 April
Montag, den 17.04.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Ostermontag – Ostergottesdienst

Lesen Sie die Predigt vom Ostermontag

Meine lieben Brüder und Schwestern,

Nachrichten müssen topaktuell sein. Schlagzeilen vom Vortag sind heute nämlich schon längst überholt, abgelöst durch neue Ereignisse, die in der Welt in den letzten 24 Stunden passiert sind. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes Nachrichten von gestern.

 

„Christus ist auferstanden!“ haben wir am Ostermorgen gehört und gefeiert. Aber wie ist das heute, am Tag danach?

Ist die Botschaft der Frauen, die vom leeren Grab berichten, heute auch nur noch eine Nachricht von gestern?

 

Liebe Brüder und Schwestern, Ostermontag ist ein Tag zwischen den Zeiten: Gestern haben wir das großes Fest gefeiert mit allem, was dazugehört, aber morgen schon geht es für die meisten von uns wieder in den Alltag. Und wird dann all das, was da an guten und weniger guten Nachrichten wieder auf uns einstürzt, die Botschaft von Ostern ablösen und zu einer Nachricht von gestern bzw. sogar von vorgestern machen? Zu einer Nachricht also, die niemanden mehr wirklich vom Hocker reißt und bewegt, weil wir heute schon wieder neue Schlagzeilen auf den Titelseiten finden, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen?

 

Wie also kann Ostern für uns auch heute und morgen und an allen restlichen 364 Tagen Ostern bleiben?

 

Das Evangelium von heute, das auch der Predigttext ist, zeigt uns, wie das gelingen kann. Im 24. Kapitel spricht Lukas von zwei Jüngern, die am Abend des Ostertages auf dem Weg zurück in ihren Alltag sind:

 

Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Die schönste Ostergeschichte der Evangelien ist für mich die Erzählung der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Warum? Weil ich mich da so gut wiederfinden kann. Es ist alles so, wie ich es auch aus meinem Leben kenne: der Wechsel der Stimmungen, das Gehen, das Stehen-Bleiben und das Reden, das Nachhause-Kommen und wieder aufbrechen, aber auch das Hören auf die Schrift und das gemeinsame Mahl am Sonntag.

 

Und auch die beiden Jünger haben ja wie ich die Nachricht vom leeren Grab und dass Jesus lebt nur aus zweiter Hand. Vom Hören-Sagen. Das bringt sie mir nahe. Sie waren selbst nicht dabei, sie haben zwar die Nachrichten gehört, aber glauben können sie ihnen deswegen noch lange nicht. Wie auch mir manchmal der Glaube fehlt. Und so höre ich dieses Evangelium jedes Jahr aufs Neue am Ostermontag und schließe mich diesen beiden auf dem Weg nach Emmaus an – in der Hoffnung, dass der Fremde, der mit ihnen unterwegs ist auch an meiner Seite gehen wird, damit auch ich ihn in meinem Leben habe, und Ostern heute ist.

 

 

 

Meine Lieben Brüder und Schwestern.

Lukas erzählt uns eine Weggeschichte: Zwei Jünger Jesu gehen zusammen von Jeusalem nach Emmaus und wieder zurück. Einer heißt Kleopas, der andere bleibt namenlos. Mit ihm kann im übertragenen Sinne jeder und jede gemeint sein. Also auch Sie und ich. Und sind wir nicht heute mit ihnen auf dem Weg von Jerusalem zurück nach Emmaus, von Ostern zurück in unseren Alltag?

 

„Unterwegs nach Emmaus“ so heißt das Bild, das Sie in Ihren Händen halten. Gemalt hat es die Künstlerin Janet-Brooks-Gerloff. Da gehen drei vor uns, wie man halt so zusammen wandert, mal vorweg und mal hinter den anderen her, vertieft im Gespräch oder still für sich.

 

Die Landschaft rechts und links unseres Weges ist staubig und trocken, kein Baum oder Strauch, an dem der Blick sich festmachen kann. Wüste, soweit das Auge reicht. Es ist kein Ostersonntagsspaziergang, sondern so ein Weg, wie es wohl viele davon in jedem Menschenleben gibt. Schon der ganz normale Alltagstrott lässt ja die Tage oft im ewigen Einerlei an uns vorbeiziehen, so dass wir uns am Ende der Woche fragen, wo die letzten sieben Tage geblieben sind.

 

Und noch mehr ist es so, wenn wir traurig und verzweifelt sind wie die beiden Jünger. War das mit Jesus nur ein Traum? fragen sie sich. „Wir hatten so gehofft!“ sagen sie. Und jetzt ist schon der dritte Tag und nichts ist passiert, obwohl er uns doch versprochen hat, dass er wiederkommt. Sogar sein Grab ist leer. Noch nicht einmal dort können wir ihn finden. Er ist weg. Für sie damals ein für alle mal.

 

Und in ihren Erinnerungen versunken, reden sie wieder und wieder über das, was geschehen ist. Ohne hochzuschauen, gehen sie ihren Weg. Die Füße wissen von allein, wohin sie sie tragen sollen. Zurück nach Emmaus.

 

Ein Fremder geht ihnen nach, schließt auf und mischt sich in ihre Gedanken. Geheimnisvoll fremd zeichnen sich seine Umrisse ab, sparsam mit Bleistift skizziert. Die Welt scheint hindurch. Und dann lässt sich der Fremde erzählen, hört zu, stellt behutsam Fragen und rückt das, was geschrieben steht, in ein neues Licht: „Musste nicht der Messias dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ gibt er ihnen zu denken.

 

„Brannte da nicht schon unser Herz“, fragen sie sich später, nachdem er abends auch noch mit ihnen gegessen und getrunken hatte. Aber auf dem Weg erkannten sie noch nicht, dass er es war, der an ihrer Seite geht.

Warum? Weil sie mit ihrem Herzen noch in Jerusalem waren, weil sie darüber grübelten, was geschehen war, und ob sie es nicht doch hätten verhindern können. Und ihre Gedanken eilen in die Zukunft. Sie fragen sich, wie das Leben ohne ihn nun weitergehen wird. Sie hatten doch so auf ihn gehofft…

 

Und wer von uns könnte ihnen das nicht nachfühlen? Geht es uns nicht auch so, dass wir auf unserem Lebensweg oft entweder über Vergangenes nachsinnen oder Zukünftiges planen, statt mit unserer Achtsamkeit im Hier und Jetzt zu sein, aufmerksam für das, was uns in diesem Augenblick begegnet? Sind dann nicht auch unsere Augen „gehalten“, wie es so doppelsinnig bei Lukas heißt? Fixiert auf das, was hätte sein können oder gelähmt von dem, was noch geschehen könnte?

 

Erst als sie in Emmaus sind und den Fremden hineinbitten, kommen die beiden Jünger Emmaus endlich in der Gegenwart an. Erst als sie dort sind und dieser Fremde mit ihnen das Brot teilt, gehen ihnen die Augen auf.

 

Liebe Brüder und Schwestern, wo wir immer wieder mal innehalten, uns wirklich öffnen für das, was jetzt dran ist, wenn wir uns einlassen auf den Menschen, dem wir jetzt gerade begegnen, wenn wir staunen, lieben und einfach mal nur da sind, da finden wir ihn. Denn er ist es, der in diesem Augenblick bei uns anklopft, wie er selbst in der Offenbarung des Johannes sagt: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer mir öffnet, bei dem werde ich sein und das Abendmahl mit ihm halten. Ich mit ihm und er mit mir.“

 

Kaum erkennen aber die Jünger Jesus, „verschwand er vor ihnen,“ sagt das Evangelium und bleibt dabei ganz sachlich. Es ist nicht anders als beim Anblick eines besonders schönen Sonnenaufgangs oder beim Hören von wundervoller Musik: Wenn mir bewusst wird, wie ergreifend dieser Moment ist, wenn ich ihn dann festhalten will, ist er schon wieder vorbei.

 

Es ist die uralte Erfahrung, die in der Bibel immer wieder erzählt wird, dass wir Gott nur da begreifen können, wo wir uns von ihm ergreifen lassen. Wir würden ihn so gerne festhalten. Wie gerne würden wir alles in der Hand haben und in der Hand behalten – auch Gott. Aber wir können es nicht. Was wir aber können, ist „nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten“. Die Dichterin Hilde Domin fand dafür, um was es hier geht, diese wunderschönen leisen und dichten Worte.

 

Deswegen finde ich auch das Bild von Janet Brooks-Gerloff so beeindruckend, weil sie uns Jesus nicht ausmalt, sondern wir durch ihn hindurch die Welt mit anderen Augen sehen. Er ist da, wo wir miteinander im Gespräch vertieft sind. Er ist da, wo wir zusammen auf dem Weg sind. Er ist da, wo einer den anderen tröstet und dabei selbst getröstet wird. Er ist da, wo wir dem Fremden die Tür öffnen und neugierig sind auf das, was er zu erzählen weiß. Und er ist da, wo wir unser Brot und Leben miteinander teilen. Immer mit jener Liebe, über die der Dichter Johannes Bubrowski sagt: „Wo Liebe nicht ist, sprich das Wort nicht aus.“

 

Und dann, liebe Brüder und Schwestern, dann kann Ostern nie nur eine Nachricht von gestern sein. Denn dann brennt unser Herz. Dann machen wir uns auf den Weg. Wie die Jünger, die mitten in der Nacht zurück nach Jerusalem laufen, um mit den anderen zu teilen, was sie erlebt haben. Und auch wenn uns der Alltag wieder einholt, auch wenn die Tage im ewigen Einerlei an uns vorbeiziehen, können wir immer wieder einmal dafür sorgen, dass wir Halt machen und wir uns ansprechen lassen, von dem, der vor uns geht. Still und leise. Aber immer da.

Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.