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16 April
Sonntag, den 16.04.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Ostersonntag – Ostergottesdienst mit Hl. Abendmahl

Lesen Sie die Predigt vom Ostersonntag

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Gibt es ein schöneres Fest als Ostern?

Ich finde nicht!

Ich liebe die immer etwas chaotische Osternacht, das fröhliche Frühstück danach und der feierliche Gottesdienst jetzt am Ostermorgen, wo die Kirche erfüllt ist vom Duft der Kerzen und der frischen Frühlingsblumen, dem Halleluja und dem Brausen der Orgel. Was für ein Fest!

Und doch oder vielleicht deswegen fällt es mir schwer, an Ostern zu predigen. Jedes Jahr aufs Neue ringe ich damit. Wie kann und soll man denn darüber auch sprechen außer darüber, dass die Frauen damals in Jerusalem das Grab leer fanden? Worüber soll und kann ich heute reden?

 

Vor ein paar Tagen habe ich meine Not einer Freundin gestanden, die Journalistin ist. Am Tag danach rief sie an, noch etwas außer Atem. „Du wirst nicht glauben, was ich eben gemacht habe!“, sagte sie am Telefon. „Ich bin für Dich auf die Straße gegangen. Und ich habe die Menschen, die mir da begegneten, interviewt, was ihnen zur Auferstehung einfiele.“ „Und was haben sie geantwortet?“ habe ich neugierig gefragt. „Das war spannend!“ sagte sie und berichtete mir, was da so alles zusammen gekommen sei.

 

Eine, vielleicht so um die 50 antwortete: „Jesus ist doch auferstanden, oder? Aber wie? Ach, fragen Sie mich doch was Leichteres.“ Eine ältere Dame: „Das müssen Sie die fragen, die daran glauben.“ Wieder eine andere meinte: „Das ist ein ganz großes Geheimnis. Muss man dahinter kommen? Ich nicht.“ Ein Mann nach längerem Überlegen: „Das weiß ich eigentlich nicht…“ „Hab‘ ich vergessen“, grinste ein kleiner Junge.

„Wissen Sie das denn?“ hat eine andere die Frage zurückgespielt. „Wissen nicht, aber glauben,“ hat meine Freundin geantwortet. Darauf die Frau lächelnd: „Das glaube ich Ihnen nicht!“

Ind noch einer: „Ich bin doch schon so lange von der Kirche weg.“ Und noch einer: „Also da fragen Sie was. Das würde ich auch gerne wissen.“

 

Da haben wir es doch, liebe Brüder und Schwestern. Auferstehung ist für viele ein Fremdwort, das mit dem eigenen Leben, den eigenen Erfahrungen von Glück und Unglück, Erfolg und Scheitern kaum etwas zu tun hat. Zwar reden wir in der Kirche oft davon, aber die Botschaft bleibt irgendwo stecken, irgendwo zwischen den Kirchenbänken oder irgendwo auf dem Nachhauseweg.

„Was ist Auferstehung?“ Wie hätten Sie geantwortet, liebe Brüder und Schwestern, wenn meine Freundin Sie auf der Straße angesprochen hätte?

 

Dass wir Menschen schon jetzt in unserem Leben erfahren können, was Auferstehung bedeutet, und dass wir uns deswegen auch davon erzählen können, behauptet der Evangelist Matthäus, dessen Ostergeschichte der Predigttext für heute Morgen ist.

„Als aber der Sabbat vorüber war“, so beginnt die Erzählung im Matthäusevangelium, „als aber der Sabbat vorüber war, und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die

Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern,

jeder der vier Evangelisten berichtet über das Osterereignis auf seine Art und Weise. So wie wohl auch zwei, die sich lieben, ihre gemeinsame Geschichte doch ganz unterschiedlich erzählen. Warum? Weil jeder seine ganz eigene Sicht darauf hat, geprägt vom eigenen Leben, der eigenen Sehnsucht und dem eigenen Glauben. In einem aber sind sich alle vier Evangelien einig: „Das Grab ist leer“, wissen sie zu berichten. Der Rest aber, wie Jesus von den Toten auferstanden ist, ja, was Auferstehung ist, das bleibt ein Geheimnis, so wie auch niemand die Frage wirklich beantworten kann, was Liebe ist oder Glaube. Vielleicht wäre auch eine Umfrage über die Liebe ähnlich abgelaufen, wie die nach der Auferstehung. Vielleicht hätte es auch geheißen: „Da fragen Sie mich aber was Leichteres!“

 

Denn Auferstehung, Liebe und Glaube lassen sich im Grunde ja auch nicht erklären. Vielleicht sollten wir es auch dabei belassen. Es ist und bleibt ein Geheimnis.

 

Und so umschreibt und umschreitet jeder der Evangelisten dieses Geheimnis auf seine Weise. Und Engel sind es, himmlische Boten also, die helfen müssen, damit die Frauen verstehen: Das Grab ist leer, weil Jesus auferstanden ist. Und wir? Verstehen wir es denn?

 

Wovon also reden heute Morgen, am Ostersonntag?  Denn auch die Evangelien verstummen ja nicht. Im Gegenteil: „Geht und verkündet!“ Mit diesem Auftrag werden nicht nur die Frauen damals, sondern auch wir heute hinausgeschickt in unsere Welt.

Wovon also reden? Was verkünden?

 

Wir können zwar nicht erklären, was Auferstehung ist, aber wir können davon berichten, wie sie die Welt verändert, würde Matthäus uns wohl antworten, wäre er hier.

Früh am Morgen machen sich die Frauen auf den Weg, um nach dem Grab zu sehen. „Und siehe,“ erzählt er in seiner Ostergeschichte, „siehe! Es geschah ein großes Erdbeben!“ „Kommt und seht!“ fordert der Engel die Frauen auf. „Siehe!“ sagt er ihnen, „siehe! Er wird Euch vorausgehen.“ „Und siehe da, da begegnete ihnen Jesus!“ berichtet der Evangelist weiter. Und der Auferstandene sagt zum Schluss, die Brüder sollen nach Galiläa gehen. Warum? Weil sie ihn „dort sehen“ werden.

Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Ostergeschichte das Wort „sehen“. Auferstehung ist also, so Matthäus, nichts was im Verborgenen geschieht oder sich im Jenseits ereignet, sondern etwas, das in unserem Leben Wirklichkeit wird, so dass uns die Augen aufgehen. Darin unterscheidet sich sein Auferstehungsbericht von dem der anderen Evangelisten. Keiner von ihnen betont das so wie er.

 

Als ein gewaltiges die Erde erschütterndes Geschehen beschreibt er dieses Ereignis am Ostermorgen. Während die Wächter vor Furcht erstarren, gehen den Frauen die Augen auf, und sie machen am Grab die Erfahrung ihres Lebens.

Auferstehung ist für Matthäus eine Wirklichkeit, die hier und heute erlebbar wird. Sie erschüttert die Festen der Erde. Sie ist eine Kraft, die das Leben von Grund auf verändert, und bleibt doch ein Geheimnis.

Und während bei Johannes Jesus zu Maria Magdalena sagt: Noli me tangere! Fass mich nicht an! , umfassen die Frauen bei Matthäus die Füße Jesu, um ihn, den Auferstandenen, nie mehr loszulassen.

 

Nach Galiläa schickt Jesus schließlich seine Freunde. Warum nach Galiläa? Weil sie da herkommen, weil sie dort gelebt und gearbeitet haben, weil dort ihre Boote und ihre Familien sind. Er schickt sie also zurück in ihren Alltag. Denn dort werden sie ihn sehen, verspricht ihnen Jesus ja. Wo denn auch sonst? Und wir? Wo erleben wir ihn denn?

 

Wenn wir also, liebe Brüder und Schwester, von der Auferstehung reden wollen und sollen, dann müssen wir über unser Leben reden und über all jene Momente, in denen wir seine Kraft schon gespürt haben. Sie lässt sich nämlich überall dort erfahren, wo Menschen trotz allem leben, trotz des Todes hoffen, trotz der Schmerzen lieben, trotz der Enttäuschung vertrauen. Denn überall dort haben der Tod und seine Mächte nicht mehr das letzte Wort, sondern das Leben. Solange wir davon nicht anfangen zu erzählen und danach zu leben, solange bleibt Auferstehung ein Fremdwort, das die Herzen der Menschen nicht erreicht.

 

Und ich bin mir sicher, wir alle hätten was zu erzählen. Wie schön wäre es, wir täten das heute an diesem wunderschönen Ostermorgen: von dem Großvater, der mit seiner Ruhe alle getröstet, obwohl draußen die Bomben niedergingen; von dem Mädchen auf dem Schulhof, die sich zum Außenseiter stellt, obwohl die anderen schon gehässig lachen; von der Frau z.B., die ihren dementen Mann pflegt, obwohl der sie nicht mehr erkennt; vom Freund, der beim Freund bleibt, obwohl der ihn verraten hat. Es gibt so viele Auferstehungsmomente in unserem Leben. Wenn wir aufmerksam sind, dann sehen wir sie auch. Wie die Jünger in Galiläa.

„Siehe!“ mahnt uns Matthäus deswegen über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. „Schaut hin! Macht doch endlich die Augen auf!“

 

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat diese Erfahrung in einem ihrer schönsten Gedichte ganz wunderbar auf den Punkt gebracht:

Manchmal stehen wir auf

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage

Mit unserem lebendigen Haar

Mit unserer atmenden Haut.

 

Nur das Gewohnte ist um uns.

Keine Fata Morgana von Palmen

Mit weidenden Löwen

Und sanften Wölfen.

 

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken

Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

 

Und dennoch leicht

und dennoch unverwundbar

geordnet in geheimnisvolle Ordnung

vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Weckuhren hören nicht auf zu ticken, sagt uns die Dichterin. Die Zeit verstreicht. Aber da, wo wir Menschen trotzdem lieben, hoffen, glauben und fröhlich miteinander feiern so wie heute Morgen, wo wir beieinander sind in österlicher Freude, da begegnen wir dem Lebendigen an unserer Seite. Da verstehen wir, was Auferstehung bedeutet. Da können wir sagen: „Kommt und seht. Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden! Und morgen und übermorgen? Da, liebe Brüder und Schwestern, da auch!

Amen

 

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.