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25 März
Sonntag, den 25.03.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Schule des Glaubens

Predigt zu Jesus 50,4-7a

 

Meine lieben Brüder und Schwestern, liebe Jubelkonfirmanden.
Herzlich willkommen! Wie schön, dass Sie heute hier sind, und wir mit Ihnen hier in unserer Friedenskirche Ihre silberne, goldene oder diamantene Konfirmation feiern dürfen. Und wie passend, dass wir Ihr Jubiläum ausgerechnet am Palmsonntag begehen, wo wir uns mit unseren grünen Zweigen einreihen in den langen Zug all jener, die mit Jesus in Jerusalem einziehen.

„60 Jahre ist das jetzt her! Eine ganz schön lange Zeit! Und es ist, als ob es gestern gewesen wäre!“ meinte neulich ein Ehemaliger zu mir, als er sich für heute anmeldete. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie wir jede Woche im Konfirmandenunterricht saßen und abgefragt wurden. Mensch, was hatte ich jedesmal für einen Bammel davor, dass Pfarrer Lehmann mich abfragt! Was wir damals aber auch alles lernen mussten!“

Sicher erinnern auch Sie sich noch an den Unterricht und an jenen Bammel vor der Konfiprüfung vor der ganzen Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern. „Ich hatte vor Aufregung ganz feuchte Hände,“ erzählt mir eine, und eine andere, die mittlerweile selbst Pfarrerin ist, schildert sehr unterhaltsam, wie sie sich noch in der Straßenbahn zur Konfistunde Luthers kleinen Katechismus ins Kurzzeitgedächtnis hämmerte. Und welche Tricks sie so hatte, um bloß nicht dranzukommen, wenn sie es mal nicht so schnell geschafft hatte.

Als ich vor einem Jahr in die Friedenskirche kam, haben wir im Kirchenvorstand lange darüber diskutiert, ob unsere Konfi weiterhin so viel auswendig lernen sollen und ob es die Prüfung am Ende wirklich geben muss. Ich war dagegen, denn ich hatte eine andere Vorstellung vom Konfirmandenunterricht. Spielerischer, lebendiger, lockerer sollte er sein. Weniger Schule und mehr persönliche Auseinandersetzung. Erst im Gespräch mit unseren Konfis habe ich dann meine Meinung dazu etwas geändert. „Wir wollen was über den Glauben lernen!“ sagten sie mir. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Und ich hoffe, dass wir nun miteinander einen goldenen Mittelweg gefunden haben.

Lässt sich Glauben nämlich überhaupt lernen, frage ich mich nämlich nicht erst seitdem. Und vielleicht findet sich ja, beim Empfang nachher die Gelegenheit, mir zu erzählen, was Ihnen vom Konfirmandenunterricht am meisten in Erinnerung geblieben ist.

Eine Antwort auf meine Frage finde ich im heutigen Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden.
Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
Ich bot meine Rücken denen dar, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften.
Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden.
Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, von wem ist hier eigentlich die Rede? Seit jeher hat sich die Theologie darüber den Kopf zerbrochen. Spricht der Prophet von sich selbst? Oder spricht er in der Ich-Form vom Volk Gottes? Und damit ja auch von uns? Oder ist hier sogar vom Messias, also von Christus die Rede?

Jede Antwort hat wohl etwas für sich. Und wenn wir heute am Palmsonntag dieses drittes Gottesknechtslied zu Beginn der Karwoche hören, dann zuerst einmal als Worte Jesu.

Denn er ist ja, so glauben wir, der Messias. Also ist er dieser Gottesknecht. Schon für die ersten Christen waren diese so genannten Gottesknechtslieder des Jesaja eine wichtige Hilfe, um besser begreifen zu können, was da am Kreuz geschehen ist, und wie das gehen kann, dass ausgerechnet dieser Gekreuzigte zum Heiland der Welt wird.

Und ist dieser Gottesknecht, von dem hier die Rede ist, nicht auch wirklich ganz besonders und außergewöhnlich? Ihm gelingt doch, woran Israel und auch wir immer wieder scheitern. Wenn wir bei Jesaja eine Seite vorblättern, dann beklagt er da nämlich, dass das Volk “das Ohr sich nicht hat öffnen lassen”, also gerade nicht auf Gott gehört und ihm vertraut hat.

Und ist dieser Gottesknecht nicht einer, dem wir uns deshalb so nahe fühlen, weil er so anders ist als wir? Weil er glaubensstark und gerecht ist. Weil er alle aufrichtet, die müde sind und nicht mehr weiterwissen. Weil er unsere Sünden trägt. Und weil er sich für uns ans Kreuz schlagen ließ.

„Ein Schüler bin ich,“ sagt uns dieser Gottesknecht. „Ein Schüler, der bei Gott in die Schule geht.!“ Er spricht also nicht als einer, der auf einen Sockel gestellt und bewundert werden will, sondern als einer, der Vorbild sein möchte und es bis heute ist.

Der Liederdichter Jochen Klepper sagt es so: “Er weckt mich alle Morgen. Er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor. Dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmerung Pforte ist er mir nah und spricht,“ Und in seinem Tagebuch nimmt Klepper in der Karwoche 1938 die Worte des Propheten persönlich und notiert sie so, als sei er selbst es, der da redet. „Ich schrieb,“ steht dort, „ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.“

Probieren wir das doch auch mal aus, liebe Brüder und Schwestern. Beziehen wir den Predigttext auf uns und tun so, als ob wir es sind, die da reden: „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger, wörtlich übersetzt:wie sie Schüler haben, dass ich wisse, mit den Müden zur rechten Zeit zu reden.“

Wie aber redet ein Schüler?
Liebe Brüder und Schwestern, stellen Sie sich vor, Sie lernten eine neue Sprache. Der Lehrer spricht Ihnen langsam ein Wort nach dem anderen vor. Und Se sprechen ihm Wort für Wort nach, bis seine Worte zu Ihren werden. Bis Sie mit Hilfe dieser Worte so reden können, dass andere Sie wirklich verstehen können.
Das setzt aber voraus, dass Sie ihm erst einmal genau zuzuhören. Wenn Sie es nämlich nicht täten, käme nur Kauderwelsch heraus. Aber ein guter Lehrer wird Ihnen dabei helfen, die neue Sprache zu lernen.

„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Schüler hören,“ so geht es im Predigttext weiter. Jeden Morgen, immer wieder also, redet Gott mit uns und spricht uns an. Er macht uns hellhörig für sein Wort, das nicht nur uns wach macht und Kraft gibt, sondern auch allen, denen wir es weitersagen.

Überall können wir ihn also hören, wenn wir ganz aufmerksam sind. Denn alle, die uns begegnen, können uns ja ein Wort von ihm sagen. Und dient nicht jede Bibellektüre, jede Predigt, jeder Konfirmandenunterricht und jedes klare Wort von Mensch zu Mensch dazu, uns mit Seiner Stimme immer vertrauter zu machen, so dass wir sie unter all den anderen immer besser heraushören können?

Glauben lernen heißt dann also Hören lernen.

Vor einigen Tagen hatte ich eine lebhafte Diskussion mit meinem Sohn. „Evangelische Gottesdienste sind einfach nicht so spirituell wie katholische,“ meinte er und kritisierte, dass bei uns so viel geredet würde. Während er das katholische Ritual hochhielt, verteidigte ich ganz klassisch den Stellenwert der Predigt. Am Ende des Abends aber stellten wir fest, dass wir beide im Gottesdienst doch dasselbe suchen und dass für uns beide Gottesdienst da spirituell, also wirklich geisterfüllt ist, wo wir still werden können, um zum Hören und damit zum Beten kommen.

Tief berührt hat mich in diesem Zusammenhang, was der Theologe Gerhard Ebeling einmal über die Predigt geschrieben hat: „Predigen heißt beten lernen!“ Und wo das nicht der Fall sei, da sei nichts mehr als Wortgeklingele oder Kauderwelsch, um im Bild der Sprachschule zu bleiben.

Wie wäre es, frage ich mich, frage ich Sie, liebe Brüder und Schwestern, wenn wir das auch in unserem Reden miteinander mehr beherzigen würden? Wie wäre es, wenn es auch in unserem Reden mehr Stille gäbe? Wären wir dann nicht diesem Gottesknecht nicht noch viel näher?
Hätten wir dann nicht auch den Müden und Resignierten unserer Zeit etwas zu sagen hätten? Und wären wir dann am Ende nicht auch selbst hoffnungsfroher und zuversichtlicher?

Meine lieben Brüder und Schwestern, das heißt doch, wenn wir uns von Jesus an der Hand nehmen lassen, wenn wir seine Worte nachsprechen, wenn er uns vorspricht: Vater unser im Himmel, dann ist das doch beten im allerliebsten Sinn. Mehr als das braucht es nicht! Die Mystikerin Simone Weil hat gesagt, dass es alles ist, was wir aus- und inwendig können müssten. Wort für Wort, bis es unser ganzes Leben prägt. Oder, wie es die englische Sprache so schön sagt, „mit dem Herzen“ zu lernen, um es zu meditieren, im Herzen zu bewegen, um einig zu werden und zu bleiben mit Seinem Wort.

Dieses Gebet ist seine Schule des Glaubens, in die Jesus uns mitnimmt. Ganz besonders in den kommenden Tagen. „Vater unser im Himmel….“ Das sind Worte, die aus der Stille kommen und in sie hineinführen, so dass wir ihn hören und ihm vertrauen können.

Und heute am Palmsonntag reihen wir uns ins Gefolge der Schülerinnen und Schüler ein, die mit ihm zusammen nach Jerusalem einziehen. Wie wir das schon bei unserer Konfirmation getan haben und jeden Sonntag wiederholen. Wir stehen da mit unseren grünen Zweigen in der Hand, eilen ihm entgegen und rufen “Hosianna! Weil er es doch ist, der da kommt. Er ist doch der Anfänger und der Vollender unseres Glaubens, wie es so treffend im Hebräerbrief heißt.

Und gleichzeitig wissen wir, was ihn in Jerusalem erwartet. Denn wer in Seine Schule geht, muss damit rechnen, auf Widerstand zu stoßen und allein dazustehen. Verlacht und verraten. Aber an Seiner Seite können wir dann auch sagen: „Ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.“ Denn wenn wir mit ihm weitergehen bis unters Kreuz, dann verstehen wir doch, was das bedeutet.

Dann, liebe Brüder und Schwestern, haben wir begriffen, was es zu begreifen gilt und dann können wir aus vollem Herzen einstimmen in das Morgenlied des Jesaja, das Klepper so wundervoll in unsere Zeit übersetzt hat. Warum? Weil es dann Morgen wird. Hören wir nun die Worte des Dichters:

Er ist mir täglich nahe
Und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfange,
Gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat’s hier der Sklave,
Der Herr hält sich bereit,
Dass er ihn aus dem Schlafe
Zu seinem Dienst geleit.

Er will mich früh umhüllen
Mit seinem Wort und Licht,
Verheißen und erfüllen,
Damit mir nichts gebricht.
Will vollen Lohn mir zahlen,
Fragt nicht, ob ich versag.
Sein Wort will helle strahlen,
Wie dunkel auch der Tag.

Liebe Brüder und Schwestern, ich wünsche Ihnen nun eine besinnliche, stille vorösterliche Zeit. Amen

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.