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20 Mai
Sonntag, den 20.05.2018 09:30 Uhr Friedenskirche

Pfingsten

Pfingstpredigt

Pfingsten 2018
Meine lieben Brüder und Schwestern,
vor den großen christlichen Feiertagen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten ist es jedes Jahr wieder ein beliebtes Spiel, wahllos Menschen auf der Straße vor laufender Kamera nach dem Sinn des Festes und dem Grund für die freien Tage zu interviewen. Diese Umfragen zaubern bei den Eingeweihten hier und da ein überlegenes Lächeln auf die Lippen. Zu köstlich sind ja auch die Antworten, die da gegeben werden.
An Weihnachten kommt ein gewisser Prozentsatz dank der Krippen in den Schaufenstern und auf den Weihnachtsmärkten dann doch noch irgendwie darauf, dass „die Geburt von dem Jesus“ gefeiert wird und Ostern wegen der Eier so was wie ein „Fest des Lebens“ ist – was ja irgendwie stimmt.
Mit Pfingsten sind jedoch die allermeisten überfordert. Pfingsten – das sind freie Sommertage, einfach so. Wo man mit der Familie Ausflüge ins Grüne unternimmt, die ersten lauen Sommernächte genießt und endlich mal wieder ausschlafen kann.
Im Unterschied zu Weihnachten und Ostern ist Pfingsten ein Fest, dessen Symbole und Bräuche sich nicht gut vermarkten lassen. Noch ist kein Schokoladenhersteller auf die Idee gekommen, süße Täubchen in Staniolpapier zu verpacken. Noch gibt es keine Pfingstflammen als Gummibärchen von Haribo. Noch gibt es keine Pusteblumen von Fleurop, die das Wehen des Heiligen Geistes anzeigen sollen.
Pfingsten ist ein Fest, das sich bis heute jeder Vermarktung widersetzt. Und das ist gut so. Die Gefahr besteht aber, dass es bedeutungslos wird und einer profitorientierten Gesellschaft nicht mehr plausibel gemacht werden kann, warum am Pfingstmontag die Geschäfte geschlossen bleiben sollen. Da ist es umso wichtiger, dass wir Christen wenigstens wissen, was wir da eigentlich feiern.
Aber was feiern wir an Pfingsten? Hand aufs Herz, liebe Brüder und Schwestern: Haben wir denn darauf eine vernünftige Antwort?
„Ne, wir feiern immer dat Janze“ war die stereotype Antwort meines rheinischen Theologieprofessors. Er war dafür bekannt, dass er in der Prüfung den Theologiestudierenden gerne mal die Frage stellte, was man denn an Weihnachten etwa, oder an Ostern und Pfingsten so feiert. Und wenn der uninformierte Student selbstgewiss darauf antwortete: die Menschwerdung Gottes natürlich, bzw. die Auferstehung Jesu oder die Entstehung der Kirche, erregte das seinen Unwillen: „Ne, wir feiern immer dat Janze! Dat habe ich ihnen schon so oft jesacht. Merken sie sich das mal!“
Warum immer das Ganze, liebe Brüder und Schwestern?
Weil wir an Weihnachten eben nicht nur feiern, dass Gott Mensch geworden ist, sondern auch da schon die Passion vor Augen haben und die Verheißung, dass Himmel und Erde eins werden.
An Ostern feiern wir nicht nur die Auferstehung Jesu, sondern auch seine Menschwerdung, nämlich den letzten Beweis seines Menschseins, die Hingabe am Kreuz.
Und an Pfingsten? Warum feiern wir denn an Pfingsten das Ganze des Glaubens?
An Pfingsten feiern wir, dass der Heilige Geist die Menschwerdung Gottes und die Auferstehung seines Sohnes an uns vollenden wird. Das ist die Antwort, die man von Theologen dazu kriegt. Die aber auch nur sie verstehen.
Was ist damit eigentlich gemeint?
Fast alle Pfingstlieder beginnen mit dem flehentlichen Ruf: „Komm, Heiliger Geist.“
Denn Pfingsten hat ganz unmittelbar etwas mit uns zu tun. Mit unserem Leben. Mit unserer Sehnsucht wie mit unserem Kummer. Mit unserem Scheitern ebenso wie mit unserem Glück. Der Geist Gottes möge auf uns herabkommen, beten wir an Pfingsten ganz besonders. Jener Geist der Liebe der unsere Verhärtungen aufbricht, der uns aus Angst und Enge immer wieder herausführt, der unser Herz berührt und uns den Rücken stärkt, damit wir zu denen gehen, die unsere Hilfe und unsere Vergebung brauchen.
An Pfingsten feiern wir, dass wir mit Christus Menschen der neuen Schöpfung sind. Und zwar eine Schöpfung, in der Gott sich wohlfühlen kann, in der Friede herrscht, Versöhnung und Menschlichkeit. Denn das meint ja Menschwerdung und Auferstehung von den Toten. Am Pfingsten feiern wir also, dass Weihnachten und Ostern nicht Geschichte sind, sondern auch hier und jetzt Wirklichkeit werden. In uns. In unserem Alltag. In unserer Welt! Und ist das nicht der schönste Anlass für ein Fest?
Aber angesichts der von Menschen verursachten Umweltkatastrophen, angesichts all der Kriege, der weltweiten Gewalt und angesichts unseres eigenen Lebensstils fällt es schwer, daran zu glauben, dass wir wirklich eine neue Schöpfung sind. „2000 Jahre nach dir liegt hier alles noch in Scherben“, so hat die Band „die Söhne Mannheims“ dieses Unbehagen in einem ihrer Lieder zum Ausdruck gebracht. Wie können wir da Pfingsten feiern? Das ist doch keine neue Schöpfung sondern immer noch die alte.
Schauen wir noch einmal zurück auf jenen Tag vor 2000 Jahren in Jerusalem. Es ist Pfingsten. Schawuot. Ein besonderes Fest. Die Menschen auf den Straßen feiern, dass Gott dem Mose die Tora gegeben hat. Wenn sie nach diesem Gesetz leben, so die Verheißung am Sinai, werden sie alle ohne Ausnahme als Volk Gottes in Frieden und Freiheit leben.
Den Jüngern Jesu aber ist an diesem Tag nicht zum Feiern zumute. Wir kennen die Geschichte. Und trotzdem möchte ich sie uns heute Morgen noch einmal zu Gehör bringen. Im 2. Kapitel seiner Apostelgeschichte schreibt Lukas:
Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.

 

Meine lieben Brüder und Schwestern,
die Jünger sind verängstigt und am Ende. Sie haben dicht gemacht. Nicht nur die Türen und die Fenster. Die Sache Jesu ist vorbei. Er ist Geschichte geworden. Sie haben ihn doch in den Himmel aufsteigen sehen. Jesus ist weg, fern und abwesend. Und die Welt unverändert wie immer. Draußen geht das Leben weiter, als ob es Jesus nie gegeben hätte.
Aber es ist Pfingsten in Jerusalem.
Und das ganz besonders für die Jünger. Auch ihnen wird an diesem Tag ein neues Gesetz gegeben. Eins, das nicht in Stein gemeißelt ist, sondern eins, das sie in Bewegung setzt. Immer wieder neu. Bis heute. Ein Gesetz der Liebe und der Gemeinschaft, der Verständigung und des Friedens.

Plötzlich kommt nämlich vom Himmel her ein Brausen, heißt es in der Apostelgeschichte. Wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt. Und mit den kleinen Vorkonfirmanden habe ich letzte Woche lange überlegt, was das wohl für ein Sturm gewesen sein mag, der da mitten durchs Haus fegte! Und eine sagte schließlich seh klug: „Das war kein echter Sturm, sondern das waren die Freunde vom Jesus. Meine Oma sagt nämlich auch immer: „wenn Ihr im Haus seid, sieht es so aus, als ob ein Orkan ausgebrochen ist.“

Und jedes der Kinder konnte dann erzählen, wie stürmisch sie manchmal sind, wenn sie was Tolles spielen oder eine verrückte Idee haben. Da gibt es kein Halten mehr. Und dann kommt auch manches durcheinander. Aber das ist ja dann gut so! Wie damals bei den Jünger, die auf einmal verstanden, denen ein Licht aufging, die vom Geist erfüllt begeistert nach draußen stürmten, weil es für sie kein Halten mehr gab.

Wo erleben wir, liebe Brüder und Schwestern, diesen Sturm in unserem Leben? Und was geschieht, wenn wir plötzlich davon erfasst werden? Wir können ihn nur sehen anhand dessen, was er bewirkt. Aber wir hören ihn und spüren ihn. In uns. Er bringt uns in Bewegung,

Ein geheimnisvoller Ton ist es, der da von irgendwo her kommt, Ein Licht, das uns aufgeht. Wir wissen nicht, woher. Aber es ist da. Es macht uns Mut und gibt uns Kraft. Und darin erkennen wir Seine Gegenwart.

Ob die Menschen damals ihn auch so spürten? Vielleicht. Vom Windhauch ist im Alten Testament bei Kohelet die Rede. Ein Zweijähriger in meinem Freundeskreis versuchte den Wind neulich mit den Händen zu fassen und sein ganzes Gesicht strahlte dabei vor Freude.

Wenn uns Gott seinen Geist sendet, wo erleben wir ihn denn intensiver als im Orkan der kindlichen Begeisterung für ein neues Spiel, im leidenschaftlichen Sturm der Liebe, die sich einsetzt und engagiert, im Windhauch der Güte, im zärtlichen Säuseln und im Wehen der Kreativität?

Jesus hat seine Jünger nach seiner Auferstehung angehaucht mit den Worten: „Empfangt den Heiligen Geist.“ Das haben sie noch nicht gleich verstanden. Erst an Pfingsten erfuhren sie, was das bedeutet. Und sie wurden alle miteinander von ihm erfüllt. Und verstanden sich besser.

Pfingsten, liebe Brüder und Schwestern, ist heute! Und vielleicht sind unsere Ausflüge ins Grüne an diesen Tagen wirklich ein passendes Zeichen. Und vielleicht spüren wir dann den Heiligen Geist bei unseren Wanderungen durch die blühende Natur ebenso wie die Menschen damals. In jenem Hauch, dessen Ursache wir bestaunen. Der uns bewegt, weil wir ihn dann alle spüren. Der uns aufbrechen lässt aus den vier Wänden unserer Vorurteile, in die wir häuslich eingerichtet haben und aus allem Festgefahren. Der uns Mut macht, neue Wege auszuprobieren: aufeinander zu und miteinander.
Auch uns, liebe Brüder und Schwestern, ist der Geist gegeben, der uns in Bewegung setzen will. Der Geist der Liebe, die nie ans Ende kommt und die immer wieder neu anfängt. Auch mit uns und unserer manchmal so verkorksten Welt. Jener Geist, den wir herabflehen: „Komm, Komm herab, Heiliger Geist!“ Wer das singt, scheint wenig zu wissen, aber viel zu brauchen: Denkanstöße, Auftrieb und Begeisterung.
Denn wir feiern immer das Ganze, liebe Brüder und Schwestern. Nicht nur an Pfingsten, sondern an jedem Tag unseres Lebens. Denn Gott haucht uns immer wieder neu an. Vielleicht in jedem Sturm, in jedem Windhauch, in jedem Säuseln, in jedem Wehen, in jedem guten Wort und jeder guten Tag. Wenn wir es nur wollen und uns von ihm bewegen lassen.
Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.