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13 August
Sonntag, den 13.08.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Fundamentarbeiten

mit Michael Brück

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis

Michael Brück

Liebe Gemeinde, wer sein Haus auf Felsen baut, ist klug. Wer sein Haus auf Sand baut, ist töricht. Ist es wirklich das, was uns Jesus in unserem heutigen Predigttext sagen will?

Am Kaiserlei wird der Kreisel umgebaut. Große Brücken müssen gebaut werden. Sie werden – wenn auch durch Betonpfeiler tief im Untergrund verankert – auf Sand stehen. Felsen gibt es dort nicht. Die gibt es einen Kilometer weiter in Oberrad. Viele kennen dort Hensels Felsenkeller. Soll ein kluger Mann jetzt die Brücken in Oberrad auf Felsen bauen, wo keiner sie braucht – und sich dafür auch noch auf die Bibel berufen können. Natürlich nicht. So etwas wäre reiner Fundamentalismus; Fundamentalismus, der sich dadurch auszeichnet, dass er irgendwelche Worte der Bibel aus dem Zusammenhang reißt und absolut setzt. Das ist es nicht, was uns Jesus sagen will. Was er uns sagt, erschließt sich erst, wenn wir erfassen, in welchem Zusammenhang er diesen Vergleich mit dem Baugrund – Fels oder Sand – bringt.

Jesus lebte vor 2000 Jahren in Palestina. Palestina ist damals wie heute ein Bergland mit einer im Süden halbwüstenhaften Vegetation. Zwischen den Bergen gibt es tief eingeschnittene Flusstäler, in denen die meiste Zeit kein Wasser fließt – Jahre lang nicht. Genau so eine Landschaft habe ich einmal auf einer Reise in den Süden Marokkos gesehen. Ich besichtigte die alte Stadt Ait Benhaddou. Sie ist wie vor vielen Jahrhunderten auch in Palestina üblich aus Lehm gebaut und liegt an einem breiten, ausgetrockneten Fluss. Die Stadt selbst steht dichtgedrängt am Hang einer felsigen Anhöhe. Davor liegt das breite Flussbett voller Sand. Keiner hat dort ein Haus gebaut – sicher, es waren Sport- und Spielplätze angelegt. An manchen Stellen war etwas gepflanzt. Und man fuhr mit Autos auf dem Sand herum. Ich selbst bin häufig auf dem Weg von unserem Hotel zur Stadt zu Fuß durch dieses Flussbett gegangen. Einige Wochen später kamen Bilder von Ait Benhaddou in den Nachrichten. Der Fluss führte plötzlich riesige, reißende Wassermassen, die an einen Zunami erinnerten. Das Flussbett konnte sie kaum fassen. Nichts war mehr da, von allem, was sich dort befunden hatte. Und weil so etwas in 100 Jahren nur ein paarmal vorkommt, war es dem Deutschen Fernsehen eine Nachricht wert. Wer es nicht erlebt hat, kann sich so etwas nicht vorstellen.

Sicher hätten junge Leute in Ait Benhaddou auch gerne einen schicken Bungalow vor die Stadt gebaut. Aber es werden alte Leute dagewesen sein, die selbst in ihrer Jugend schon einmal eine solche Flut erlebt haben. Sie werden den Jüngeren abgeraten haben und die haben – jedenfalls in Ait Benhaddou – darauf gehört. Die haben getan, was ihnen geraten wurde. Und das war klug.

Deshalb heißt es in Vers 24: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann.“ Darum geht es also, um das Hören und Tun der Rede Jesu – nicht um Bauvorschriften.

„Diese meine Rede“ sagt Jesus. – Welche denn? – auch das ergibt sich erst aus dem Zusammenhang: Gemeint ist die Bergpredigt. Unser heutiger Predigttext ist der Schluss der Bergpredigt. Jesus sagt uns hier, wie wir – genau wie die Hörer damals – mit der Bergpredigt umgehen sollen: Wer die Bergpredigt hört und tut sie, der ist ein kluger Mensch. Wer die Bergpredigt hört und tut sie nicht, der ist töricht und wird alles verlieren. Und als Jesus das sagte, da regten sich die Leute auf und empfanden seine Worte als eine Zumutung.

Jesus erwartete, dass die Leute die Bergpredigt nicht nur hören. Sie sollten nicht nur freundlich zuhören und bewundernd zum Ausdruck bringen, dass sie das, was Jesus sagte, immer auch schon so gesehen hätten. Jesus erwartete, dass die Leute das, was er sagte, für sich auch umsetzen sollten – tun sollten. Das darf jeder Prediger erwarten und das ist für sich genommen sicher keine Zumutung.

Als Zumutung empfanden die Leute das, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hatte:

Die Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen (selig sind die Sanftmütigen, selig sind die Barmherzigen usw.). Die Seligpreisungen werden die Leute nicht so aufgeregt haben. Auch dass sie dann als Salz der Erde und Licht der Welt bezeichnet wurden, wird keinen Anstoß erregt haben, auch nicht, dass Jesus das Gesetz nicht abschaffen sondern es erfüllen will.

Aber dann radikalisiert Jesus die Weisungen Gottes in den 10 Geboten. Gegen das Verbot zu Töten verstößt schon der, der zum anderen: „du Narr“ sagt. Gegen das Verbot des Ehebruchs verstößt schon, wer eine Frau begehrlich anschaut. Wem ein Unrecht getan wird, darf nicht mehr Auge um Auge, Zahn um Zahn Rache nehmen, sondern soll auch die andere Backe hinhalten. Seine Feinde soll man nicht bekämpfen, sondern sie lieben.

Vieles, was Gegenstand des öffentlichen Kultes im Tempel war, soll ersetzt werden durch ein einfaches Gebet, das Vater unser im stillen Kämmerlein.

Und vor allem, nimmt Jesus den Leuten die trügerische Sicherheit, die sie aus dem Bewusstsein zogen, das auserwählte Volk zu sein und mit Einhaltung des Gesetzes vor Gott gerechtfertigt zu sein. Jesus sagt statt dessen, dass der Weg in die Verdammnis weit und breit ist und dass die meisten darauf gehen. Nur wenige gehen auf dem steinigen Weg zum Leben oder kommen durch die enge Pforte ins Paradies. Das gipfelt dann in dem Wort Jesu: (Vers 21) Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! In das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

Kein Wunder, dass die Leute fragen: wer kann denn dann noch in das Himmelreich kommen? Wer kann denn diese soweit verschärften Vorschriften einhalten? Natürlich niemand. Die Leute waren so sicher, dass sie als das Volk, das Gott erwählt und aus Ägypten geführt hatte, gerettet sind, wenn sie nur die Vorschriften des Gesetzes buchstabengetreu erfüllen. Und diese Sicherheit nimmt ihnen Jesus. Er zieht ihnen den Boden unter den Füßen weg. Und das empfinden die Menschen als Zumutung und sie entsetzten sich über diese Lehre.

Es ist ja auch nicht einfach. Auch wir sind von Jesus aufgerufen, die Bergpredigt nicht nur zu hören, sondern auch zu tun. Und da kann das Wort: „was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan und was nicht, habt ihr mir nicht getan“ schon zum Mühlstein werden, den man am Hals fühlt. Denn selig sind ja die Barmherzigen. Ganz konkret: wenn ich angebettelt werde, muss ich dann um die Bergpredigt zu tun, etwas geben?

Ganz klar: nein, ich muss nicht. Wir dürfen uns nicht dazu verführen lassen, gesetzlich zu denken. Es geht nicht darum, die Worte Jesu wie Vorschriften einzuhalten und es hat nichts mit Barmherzigkeit zu tun, wenn ich mir – teilweise bandenmäßig organisiert – durch bewusst und gezielt hervorgerufenes Mitleid etwas abpressen lasse. Auch wenn jemand Forderungen stellt, womöglich noch mit dem Hinweis verbunden, jetzt würde man ja sehen, ob ich nicht nur rede, sondern auch christlich handele, dann ist das eine Unverschämtheit und ich muss nichts geben. Die Bergpredigt tun heißt, dass sich die, die sich aus reiner, geschenkter Gnade Christi angenommen wissen, deshalb von sich aus das tun, was sie für richtig und angemessen halten.

Christus hat das Gesetz erfüllt. Darin und nicht in der uns gar nicht möglichen Erfüllung des von Christus radikal verschärften Gesetzes liegt für uns die Sicherheit, die Christus den Juden in der Bergpredigt weggezogen hat. Das bewahrt uns nicht vor Zweifeln und Anfechtungen. Manchmal weiß man wirklich nicht, was man jetzt tun soll, tun darf oder tun kann. Oder ob das, was man getan hat, vor Christus bestehen kann.

Auch Luther hat solche Situationen erlebt. Und es ist überliefert, dass er sich dann darauf zurückgezogen hat, dass er sich sagte: „baptisatus sum“ – ich bin getauft. Ich gehöre zu dem, der gerade dafür gestorben ist, dass mir meine Sündigkeit und mein Unvermögen nicht den Gang durch die enge Pforte unmöglich macht.

Baptisatus sum – das ist das Wunderbare an den Sakramenten, dass man nicht argumentieren, nicht diskutieren oder zweifeln muss. Es ist geschehen. Ich gehöre und ihr gehört zu Christus. Was will man mehr?

Amen.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.