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20 August
Sonntag, den 20.08.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Israelsonntag

Predigt zum Israelsonntag 2017

Liebe Brüder und Schwestern! Heute ist Israelsonntag. Und um ganz ehrlich zu sein: Am liebsten hätte ich mich vor der heutigen Predigt gedrückt. Denn es gäbe so viel dazu zu sagen und doch fehlen mir gleichzeitig die richtigen Worte dafür.

Zu weit reichen die Schatten unserer Vergangenheit.

Zu sehr bewegen mich die aktuellen Entwickungen.

Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass noch einmal auf deutschen Straßen und Schulhöfen Jude!“ zum Schimpfwort werden könnte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass in Deutschland – und nicht nur hier -der Antisemitismus wieder so aufflammen könnte. Einlassungen rund um die Ausschreitungen Charlottesville sind da erschreckend eindeutig.

Und dann ist da dieser grauenhafte und gärende Konflikt in Israel und Palästina, zu dem man auch nicht schweigen kann und darf und doch nicht weiß, was man sagen soll.

Worüber also kann ich heute predigen?

Der Predigttext für den Isrelsonntag steht im Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Im 11. Kapitel schreibt der Apostel:

25 Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. 26 Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28 Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Harter Tobak, ist das, liebe Brüder und Schwestern! Generationen von Theologen haben mit sehr großen blinden Flecken den Brief des Apostel Paulus an die Römer gelesen und seine Worte über die Verstockung und den Ungehorsam Israels aus dem Zusammenhang gerissen. Jahrhundertelang sind diese Worte des Apostel Paulus von ihnen dazu missbraucht worden, Juden als „verstockte Gottesfeinde“ zu verfolgen, zu demütigen und zu töten. Sie haben offensichtlich seine Mahnung geflissentlich überlesen: „Haltet euch nicht selbst für klug!“

Und weil ich sie nicht überhören kann, stehe ich wieder vor meiner Frage: was soll ich Ihnen heute sagen?

Mein Trost ist dabei: Auch Paulus hat sich schwergetan mit dieser Predigt. Deswegen ist vielleicht auch sein Brief an die Gemeinde in Rom so schwer verständlich, dass sich schon viele gelehrte Menschen an ihm die Zähne ausgebissen haben.

Immer und immer wieder kreisen die Gedanken des Paulus um zwei Kernaussagen seines Glaubens, die er versucht zusammenzubringen. Ein Vorhaben, das ihn schier zerreisst: Da ist einerseits sein Glaube, dass Israel Gottes auserwähltes Volk ist, und dass Gott seinen Bund mit ihnen nie lösen wird. „Hat etwa Gott sein Volk verstoßen?“ fragt Paulus an einer anderen Stelle des Römerbriefs und gibt sich selbst die Antwort: „Keineswegs! Ich bin doch auch ein Israelit. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat.“

Aber andererseits ist da auch seine Begegnung mit Christus, die sein ganzes Leben umgekrempelt hat. Und da ist sein Glaube, dass dieser Jesus Christus der Messias ist, durch den alle gerettet werden: Juden und Heiden!

Wie geht das zusammen? fragt er sich. Warum existieren Juden und Christen nebeneinander? Warum bekehrt sich nicht mein Volk zu Christus?

Um diese Fragen ringt Paulus. An diesen Fragen ist ein Martin Luther schließlich gescheitert. Am Ende seines Lebens hat er gegen das jüdische Volk gewütet, obwohl er in jungen Jahren noch betonte, dass Jesus ein ‚geborener Jude’ gewesen sei. Zu groß war seine Enttäuschung, dass sie sich auch durch seine Predigt nicht missionieren lassen.

Paulus findet im Brief an die Gemeinde in Rom seine Antwort: „Es ist ein Geheimnis!“ schreibt er ihnen. „ Denn Gottes Entscheidungen sind unerforschlich. Aber eins scheint doch offensichtlich: Christen und Juden brauchen sich gegenseitig! Keiner hat das Recht auf den anderen herabzuschauen. Ihr habt euch gegenseitig nötig, um auf Euren Wegen zum Reich Gottes zu gelangen. Erst wenn Ihr alle dorthin gefunden habt, erst dann ist alles gut, ist Frieden und Gerechtigkeit.“

Der Israelsonntag könnte also eine solche Gelegenheit sein, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu inspirieren, zum Guten zu ermahnen und auf dem Weg des Glaubens voranzukommen. Das geht aber nur, wenn die anderen dabei sind, wenn wir mit ihnen reden und um den Glauben im guten Sinne streiten.

Vielleicht fällt es mir deswegen heute auch so schwer, hier zu stehen und über all das zu predigen. Wie spannend wäre es, heute gemeinsam mit Juden gemeinsam über Glauben, Gerechtigkeit und Frieden zu sprechen? Und vielleicht könnten wir das nächstes Jahr am Israelsonntag tun und unsere jüdischen Brüder und Schwestern einladen.

Heute möchte ich mit Ihnen der Frage nachgehen, was Christen und Juden voneinander lernen können. Ja, was wir von ihnen lernen können.

Wir haben ja schon ganz viel gemeinsam: die Bücher Mose, die Schriften der Propheten und der jüdischen Weisheitslehrer gehören auch zu unseren heiligen Schriften. Wie wir Gottesdienst feiern hat viel zu tun mit den jüdischen Festen. Und der Bibelkreis, der im September startet, wird diesem Zusammenhang nachspüren. Christen und Juden teilen sich ein Gebetsbuch, nämlich die Psalmen. Und alles, was Jesus sagt und tut, können wir nur im Zusammenhang mit Israel verstehen. Er bleibt Jude bis zu seinem Tod und hat nicht vorgehabt, einen neuen Glauben zu gründen. Die ersten, die sich Christen nennen, gibt es erst Jahre nach seinem Tod, als deutlich wird, dass nicht alle Juden ihn als ihren Messias annehmen.

Jesus, der Messias. An dieser Frage scheiden sich die Geister, hier werden sich Christen und Juden nicht einig. Aber genau hier können wir voneinander lernen:

„Nein, Jesus kann nicht der Messias sein, auf den wir warten“, sagen die Juden. „Doch“, erwidern die Christen, „in ihm und in seinem Tun ist das Reich Gottes schon da und Menschen haben erfahren, dass Blinde sehen und Lahme gehen.“

Es gibt dazu eine chassidische Geschichte, die darauf aufmerksam macht, wo wir Christen noch Lernbedarf haben. Die Geschichte geht so:

Ein christlicher Priester und ein jüdischer Rabbi haben lange darüber gestritten, ob der Menschensohn schon gekommen sei. Auf einmal steht der Rabbi auf, wendet dem anderen den Rücken zu und schaut aus dem Fenster: „Warum redest du nicht weiter?“, fragt der Priester nach einer Weile. „Ich schaue in die Weite hinaus“, antwortet der Rabbi. „Warum?“ „Ich prüfe, ob der Messias schon gekommen ist, ob der Säugling gefahrlos mit der Giftschlange spielt (Jes.11,8), ob Wolf und Lamm sich liebevoll umarmen (Jes. 11,6; 65,25), ob die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet sind (Jes. 2,4), ob alle satt werden und niemand stirbt, bevor er die Hundert erreicht hat (Jes. 65,20-23).“

Recht hat der Rabbi! Die Erfüllung all dieser Verheißungen steht noch aus: Kriege finden weiterhin statt und Menschen sterben, sterben viel zu früh. Bei all dem Leid, all der Gewalt, all den Tränen ist die Frage doch berechtigt: Wo ist er denn der Messias? Wo bleibt denn sein Reich des Friedens und der Liebe?

Wir Christen haben diese Fragen nicht gelernt. Wir haben die Klage verlernt. Viel zu schnell und leicht-fertig im wahrsten Sinne des Wortes sind wir in der Kirche mit der Rede von der Auferstehung, vom lieben Gott und dem Frieden, den wir uns im Namen Jesu zusprechen. Aber ist genug Raum da für Trauer und Klage? Trauen wir uns, Gott auch anzuklagen, wo er denn bleibt mit seiner Hilfe und seinem Segen in den Katastrophen dieser Welt? Diese Anklage ist keine Gotteslästerung. Hiob wurde von Gott wegen seiner Klage gerecht gesprochen. Denn wer Gott anklagt, der rechnet mit ihm, der fordert ihn ein, der sehnt ihn herbei und gibt sich mit keinem Trostpflaster und keiner frommen Rede zufrieden.

In Jerusalem gibt es eine Klagemauer und im jüdischen Jahr eine dreiwöchige Zeit der Klage. Und der Legende nach wird der Messias am Tisch’A beAw erscheinen. Jenem jüdischen Trauertag, an dem seit Jahrhunderten der großen Katastrophen des jüdischen Volkes gedacht wird. Die Begegnung mit dem jüdischen Glauben kann uns sensibel machen für das, was noch nicht erfüllt ist. Sie kann uns daran hindern, vorschnell zu behaupten: „Alles ist gut, weil Gott für uns sorgt und mit uns geht.“

Die Juden mit ihrer Überzeugung, dass der Messias erst kommen muss, um die Welt zu einem guten Ort zu machen, an dem alle in Frieden leben können, fordern uns auf, genau hinzusehen. Sie können für uns Christen zu Anwälten der Wirklichkeit werden und uns daran erinnern, dass Gott diese Welt von Grund auf verändern wird, wenn er kommt.

Wir können von den Juden die Sprache der Klage lernen, die Gott einfordert und herbeisehnt. Und ich behaupte, nur wer klagen kann, kann auch Unrecht beim Namen nennen. Und nur dann kann sich etwas verändern in unserer Welt. Nur dann finden wir vielleicht auch die richtige Worte in den Konflikten unserer Zeit: für den Krieg in Korea, in der Ukraine, in Syrien, aber eben auch in Israel und Palästina.

Dann braucht es wirklich keine Predigt mehr zum Israelsonntag. Dann stehen wir Seite an Seite, gehen im Glauben unsere Wege und erwarten voll Ungeduld Gott und seinen Frieden. Hoffen wir, dass er uns allen beschieden sein möge. Lieber heute als morgen.

Pfarrerin Henriette Crüwell

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.