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03 September
Sonntag, den 03.09.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

VERSAMMELN

(VER)SAMMELN

Meine lieben Brüder und Schwestern.

„Wir haben‘s ja nicht so mit der Kirche,“ heißt es oft von evangelischer Seite. Und als ich letzte Woche bei einem Hochzeitsessen war, meinte mein Tischnachbar verschmitzt: „Ich kann morgen früh ausschlafen. Ich bin Protestant. Ich muss sonntags nicht in die Kirche!“

Damit liegt er ganz auf der offiziellen Linie der Evangelischen Kirche in Deutschland. Auf deren Homepage heißt es zum Sonntagsgottesdienst etwas plakativ: „Für Katholiken Pflicht, für Protestanten ein Angebot!“

Ich glaube, es liegt nicht nur an meinen katholischen Wurzeln, dass mich so eine Aussage nachdenklich macht. Denn in den biblischen Schriften lese ich, dass unsere Versammlungen am Sonntag im Grunde mehr sind als ein unverbindliches Angebot.

Natürlich sehe ich, dass die katholischen Schwestern und Brüder ihrer Kirche eine besondere Schlüsselrolle für ihr Seelenheil einräumen, die ihnen durch das damit verbundene Sonntagsgebot weniger Freiräume lässt. Ich sehe aber auch, dass wir Protestanten bisweilen Gefahr laufen ,  unseren Gottesdienst als eine Art  Wohlfühlveranstaltung zu begreifen. Und auf besagter Homepage heißt es dann auch weiter:  „Auch wenn es für Protestanten keine Pflicht zum Gottesdienstbesuch gibt, steht der Nutzen doch außer Frage. Rituale geben der Seele Nahrung.“

Wer so denkt, muss sich nicht wundern, dass unsere Kirchen sonntags immer leerer werden. Denn Wellness für Leib und Seele können, mit Verlaub gesagt, die vielen Yogastudios und Meditationszentren, die überall aus dem Boden schießen, vermutlich besser und professioneller als wir.

Nach unserem evangelischen Verständnis ist die Kirche „die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen,“ wie in der Confessio Augustana, jene Bekenntnisschrift aus dem Jahr 1521 also, steht. Und deswegen kommen wir Sonntag für Sonntag zusammen, um Gottes Wort zu hören und ihm die Ehre zu geben. Das ist nicht nur ein unverbindliches Angebot, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes verbindlicher Auftrag an uns. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel.

Schon der erste Satz, mit dem Jesus in das Licht der Öffentlichkeit tritt, macht das deutlich. Ich habe ihn als Predigttext für den heutigen Sonntag ausgewählt. Er steht bei Markus im ersten Kapitel:

Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, kam Jesus nach Galiläa, predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Mit diesem Ruf, liebe Brüder und Schwestern, beginnt Jesus sein Wirken. Das berichtet nicht nur Markus sondern auch Matthäus und Lukas. Wie Fanfaren wirken diese Sätze.

Und der Prophet Jesaja schreibt: „Wie schön sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Heil ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Rettung verheißt, der zu Zion sagt: ‚Dein Gott ist König!‘“ Und diesen Freudenboten, hören wir, wenn wir Jesus hören. Er bringt das langersehnte Evangelium. Er bringt uns die frohe Botschaft. Aber was ist das für ein Heil, das er ankündigt?

„Jerusalem, sieh doch nur! Er kommt!“ rufen die Späher bei Jesaja, die in den Bergen Ausschau halten. „Gott kommt und er bringt alle mit. Alle, die sich verlaufen haben! Alle, die einsam waren! Von allen Enden der Erde, aus Osten und Westen, Norden und Süden führt er sie nach Hause wie ein guter Hirt seine Herde. Schau doch nur!“ Das ist das Heil. Das ist die gute Nachricht. „Gott ist König!“ ruft der Bote.

Und dieses Bekenntnis finden wir auch in unseren Gottesdiensten wieder, etwa wenn wir jedes Gebet abschließen mit den Worten: „darum bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem heiligen Geist lebt und regiert jetzt und in Ewigkeit!“ Und wir widersetzen uns damit allen anderen Mächten. Aber aus eigener Kraft können wir das nicht. Deshalb beten wir im Vaterunser „Dein Reich komme!“ Und Jesus verspricht uns: „Es ist ganz nah! Denn ich bin jetzt schon bei Euch!“

Wo aber ist dieses Reich? Wie können wir es finden?

Wie ein roter Faden zieht sich die Antwort auf diese Frage von der ersten bis zur letzten Seite durch die Bibel. „Aus allen Völkern wird Gott Dich sammeln“ verspricht schon Mose dem Volk in der Wüste. Und bei Jesaja, Jeremia und Ezechiel ist von der „Sammlung Israels aus der Zerstreuung“ immer wieder die Rede. Als Inbegriff von Heil und Rettung.

Das Himmelreich ist nicht irgendwo im Himmel, sondern, es ist hier und heute schon da, sagen sie. Es ist überall dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind. Und in der Offenbarung des Johannes findet sich auf den letzten Seiten unserer Bibel die Vision, dass Gott es endlich geschafft hat, uns wieder zusammenzubringen von den Enden der Erde in sein Haus. „Und Gott wird bei ihnen wohnen,“ schreibt der Johannes, „und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz.“

„Die Zeit ist erfüllt! Jetzt ist es soweit!“ Wonach sich die Propheten gesehnt haben, wird mit mir Wirklichkeit, verspricht Jesus und tritt damit eine einzige große Sammlungsbewegung. Und mit den zwölf Aposteln, die er auswählt, erinnert er an die zwölf Stämme Israels, die in alle Lande zerstreut waren. Er ist der gute Hirte, der die Einsamen und Verlorenen um sich schart. Und er ist es, der uns unmissverständlich klarmacht: „wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich. Und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut!“

Und als er schließlich nach seiner Auferstehung seinen Jüngern wieder begegnet, gibt er ihnen den Auftrag, es ihm gleichzutun: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern! Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“ Und das heißt doch: Kommt zusammen! Werdet Gottes Volk! Und keine Bange: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Liebe Brüder und Schwestern, ist das ein unverbindliches Angebot? Nein! Das ist ein Auftrag an uns. Ein Auftrag, uns zu versammeln und sich ihm anzuschließen, und der Sonntag, also der Tag des Herrn ist die Zeit, wo wir uns gemeinsam um ihn und sein Wort herum versammeln. Schon die ersten Worte des Gottesdienstes, „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,“ macht uns hellhörig für ihn und sein Bei-uns-Sein. Sein Name ist über uns ausgerufen und sonst keiner.

Er ruft uns heraus. Wir sind also die Herausgerufenen, wir sind Ekklesia, wie Kirche griechisch heißt. Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen, die sich rufen lassen aus ihren Häuser und Wohnungen, aus ihrem Alltag also, um sich von Gott sammeln zu lassen. Und die Kirche lebt von diesen ganz konkreten Versammlungen. Sie ist ja eine einzige Versammlung. In ihr stellt sie sich dar. In ihr wird am klarsten, was Gott von ihr will.

Als wir hier zu Beginn gemeinsam eingezogen sind, haben wir uns einmal ganz bewusst hier versammelt. In manchen Gemeinden ist es Brauch, dass zumindest diejenigen, die am Gottesdienst mitwirken, einziehen und alle anderen dann aufstehen, weil so körperlich erfahrbar wird: wir sammeln uns nicht nur innerlich, jeder für sich in einer Stille-Minute, sondern wir versammeln uns mit anderen, um den Auftrag Jesu zu erfüllen, um Ekklesia, seine Kirche zu sein.

Liebe Brüder und Schwestern, bitte erlauben Sie mir eine kurze Nebenbemerkung: Im Gegensatz zur katholischen Kirche tun wir uns schwer, Gottesdienst als Darstellungen zu begreifen. Aber auch wir verständigen uns nicht nur durch Worte, sondern auch über Bewegung und Gestaltung. Es geht also darum, einen Raum zu eröffnen, wo Menschen den Glauben mit allen Sinnen erfahren können. Und auch wir tun das.

Und nun noch eins zum Wort Sammlung. Das Gebet, das auf Kyrie und Gloria folgt, wird Kollektengebet genannt. Und „Kollekte“ kommt aus dem Lateinischen und heißt nichts anderes als „Sammlung“. Es ist der Moment im Gottesdienst, wo nach einer kurzen Stille die Aufforderung erklingt: „Lasset uns beten!“ Wir stehen dann gemeinsam vor Gott. Und aus den vielen Worten, die jedem von uns durch den Kopf gehen, wird dann jenes große Gebet, das mit dem Bekenntnis schließt, dass Gott lebt und regiert jetzt und in Ewigkeit.

„Kollekte“ – das ist aber auch die Geldsammlung, die im Gottesdienst erfolgt. Bei uns hier ist sie am Ausgang. Das ist eigentlich nicht ganz sinnenfällig, aber in vielen evangelischen Gemeinden üblich. Eigentlich hat die Kollekte ihren Platz vor den Fürbitten. Denn wir bringen mit unseren Gaben und unseren Gebeten unsere Welt mit ihren Sorgen und Nöten vor Gott. Wir nehmen sie mit hinein in unsere Versammlung und lassen sie nicht draußen an der Kirchentür. Denn all die Verlorenen, Kranken, Einsamen, Verzweifelten, die nicht nur unser Gebet brauchen, sondern auch unsere finanz- und tatkräftige Hilfe gehören dazu.

Und wenn wir heute miteinander Abendmahl feiern, liebe Brüder und Schwestern, nehmen wir damit genau das vorweg, wohin wir unterwegs sind. Jesus versammelt uns an seinem Tisch. Wir sind mit ihm verbunden. Er gibt uns in Brot und Wein sein Leben, damit wir in ihm und untereinander eins sind. „Leib Christi!“, „Blut Christi“ hören wir und sagen dazu unser „Amen!“ Und durch dieses „Ja, so ist es!“ Kann uns nichts und niemand von ihm trennen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind aus freiem Willen hier um unseren Gott versammelt mit jenen unersetzlichen Ritualen, die wir brauchen, um uns eine innere Stabilität zu geben. Aus Liebe zu ihm. Sie ist es, die uns auch jene nahebringt, denen wir täglich begegnen. Ja, so ist es! Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.