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24 September
Sonntag, den 24.09.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

HÖREN

HÖREN

Meine lieben Brüder und Schwestern!

Im Vorfeld des heutigen Wahlsonntags hatten viele Sorge, dass es hier so zugehen könnte wie ziemlich genau vor einem Jahr in den USA, als dort Wahl war und Donald Trump Präsident wurde. Die war nämlich geprägt von diesen gefälschten Nachrichten im Internet, die inzwischen in aller Welt derart überzeugend sind, dass viele Amerikaner sie für wahr hielten. Seitdem wird immer wieder in den Feuilletons und in verschiedenen Sendungen die Frage aufgeworfen, ob und wie wir uns vor den so genannten Fake News, die die Wahrheit verfälschen, überhaupt schützen können. Wie finden wir heraus, was wirklich los ist? Wem vertrauen wir noch? Und wem nicht?

In gewisser Weise sah sich auch Martin Luther vor 500 Jahren solchen Fragen gegenüber. Denn damals verbreitete eine Priesterklasse Wahrheiten über Gott und die Welt, die jedenfalls nicht immer mit der Bibel übereinstimmten und die nicht selten ausschließlich den eigenen Interessen dienten. Und die breite Bevölkerung glaubte ihnen. Warum? Weil ihnen damals wie vielen heute die Möglichkeiten und vielleicht auch der Wille fehlte, diese Lehren auf ihre Wahrheit hin zu überprüfen.

Und deswegen setzt Luther ganz auf die Bibel. Sie ist seine Richtschnur in der Auseinandersetzung um die Wahrheit. Sie allein kann uns sagen, was richtig ist. Ihr allein können wir glauben und all denen, die sich auf sie berufen, sagt er.

Und damit alle die Worte der Heiligen Schrift aus erster Hand haben, übersetzt der Reformator die Bibel ins Deutsche und errichtet Schulen, damit sie das Buch der Bücher auch wirklich alle selber lesen können. Und die Predigt soll im Gottesdienst die Bibelverse so auslegen, dass die ganze Gemeinde sie verstehen und mitvollziehen kann. Er geht sogar so weit zu sagen: Keine biblische Lesung im Gottesdienst ohne Predigt, also ohne Auslegung. Weil ihm klar ist, dass diese uralten Texte nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden wollen. Und dafür braucht es sachkundige Hörhilfen, die sie ins Heute übersetzen, damit wirklich alle das Wort Gottes hören und verstehen.

 

Und so eine Hörhilfe ist die Predigt. Seitdem ist sie im evangelischen Gottesdienst nicht wegzudenken. Wenn man sich den Ablauf unseres Gottesdienstes anschaut oder den Kirchenbau mit der Kanzel als höchster Ort im Raum, dann ist die Predigt bei uns der Höhepunkt der Feier. Und fällt sie einmal aus, dann ist das Störgefühl bei uns wohl so groß wie bei den Katholiken, wenn am Sonntag einmal keine Eucharistie gefeiert wird.

Wir sind die Kirche des Wortes. Das sagen nicht nur wir selbst von uns, sondern so heißen wir auch bei anderen. Und unser Organ ist deshalb das Ohr, hat der evangelische Theologe Manfred Josuttis einmal durchaus kritisch bemerkt. Denn für ihn stellt sich die Frage, ob uns dadurch nicht auch viel entgeht. Braucht es zum Verstehen nicht alle Sinne? Kommen wir der Wahrheit wirklich auf die Spur, wenn wir sie nur gesagt bekommen? Oder geht es uns nicht wie Goethes Faust, der sagt: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“ ?

Meine lieben Brüder und Schwestern, es gibt diese wunderbare Geschichte von den Emmaus Jüngern, die Lukas uns überliefert hat. Zeigt sie nicht wie kaum eine andere biblische Geschichte, wie wir das Wort Gottes hören und verstehen und wie wir seine Wahrheit in unserem Leben erfassen können? Deswegen habe ich sie als Predigttext für heute gewählt:

Und siehe, zwei Jünger gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden’s so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

Meine lieben Brüder und Schwestern, auch die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus wissen nicht so recht, ob sie den Nachrichten des Tages trauen sollen oder nicht. Was die Frauen da von Engelerscheinungen und dem leeren Grab berichten, kommt ihnen doch höchst fragwürdig vor. Und so sind sie schon auf dem Weg von Jerusalem nach Hause, aber die Sache lässt sie nicht los. Aufgeregt sprechen sie unterwegs darüber, ob das wohl wahr oder doch nur das Wunschdenken von verzweifelten Frauen sein könnte.

Und als Jesus sich dann zu ihnen gesellt, sie also mit eigenen Augen sehen könnten, was die Frauen erzählt haben, erkennen sie ihn nicht. So fixiert sind sie mit ihrem Kopf bei dem, was in Jerusalem geschehen ist. Dabei haben sie doch gehört, dass Jesus lebt. Aber noch kriegen sie das Gehörte nicht mit dem zusammen, der ihnen da auf dem Weg begegnet.

Und was macht Jesus? Er zitiert die Bibel, angefangen bei Mose und den Propheten. Und er legt ihnen aus, was in allen Schriften über ihn gesagt war. Kurzum: Jesus predigt! Er gibt den beiden Jüngern Verstehenshilfe und berührt sie damit in ihrem Innersten. „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete und uns die Schrift öffnete,“ werden sie später sagen.

Und vermutlich ist es genau das, was eine Predigt überhaupt „leisten“ kann, nämlich Herzen erreichen. Nicht mehr und nicht weniger!

Liebe Brüder und Schwestern, heißt das denn nicht, dass diese uralten Worte der Schrift im Leben von uns Christen einen Widerhall finden? Warum? Weil sie mit einem Mal zu uns ganz persönlich sprechen und unsere Sehnsucht, unseren Kummer, unsere Not und unsere Suche nach Glück berühren. Erst dann sind doch die biblischen Worte Gottes Wort für uns. Das ist die Aufgabe einer Predigt! Und damit hat Martin Luther völlig recht.

Und doch braucht es mehr als brennende Herzen, bis Menschen zu glauben beginnen. Nicht nur die Liebe braucht mehr als Worte, auch die Glaubenswahrheit will erfahren werden. Das erzählt die Geschichte der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus sehr eindrücklich. Denn die zwei verstehen auch jetzt noch nicht, mit wem sie da auf dem Weg sind. Erst als Jesus mit ihnen am Tisch sitzt, wie er es so oft mit ihnen getan hat, erst als er mit ihnen das Brot bricht, erst da gehen ihnen die Augen auf. Erst da erkennen sie ihn, spüren den Lebendigen an ihrer Seite bis ins Innerste. Vom Hören allein sind sie nicht zum Glauben gekommen.

Liebe Brüder und Schwestern, bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte hier nicht die katholische Lesart propagieren, die gerne diese Stelle nimmt, um das Abendmahl gegenüber der Predigt hervorzuheben.

Wenn ich ehrlich bin, würde ich mir zwar manchmal schon wünschen, es gäbe in unserer Friedenskirche sonntags häufiger als einmal im Monat das Abendmahl. Mag sein, dass dieser Wunsch meiner katholischen Vergangenheit geschuldet ist. Sehen Sie mir das also bitte nach. Worüber ich aber sehr dankbar bin, ist, dass in unseren Gottesdiensten die Predigt einen so hohen Stellenwert hat.

Und was ich am Beispiel der Emmaus-Geschichte für die Predigt so spannend finde, ist, dass es anscheinend nicht reicht, das Wort Gottes zu Gehör zu bringen, sondern dass wir alle unsere Sinne brauchen, um es zu verstehen. Es ist immer wieder eine Herausforderung zu überlegen, wie uns das gelingen kann, das Wort Gottes nicht nur vorzulesen, sondern auch zu zeigen, zu riechen und zu schmecken, damit es Sein Wort für uns und unser Leben wird.

Und manchmal sind das Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. So finde ich es zum Beispiel sehr beeindruckend, dass hier vorne auf dem Altar diese uralte Bibel liegt. Sie ist wie das Herz unserer Feier. Wie schade ist es aber dann, wenn wir gar nicht aus ihr lesen, sondern stattdessen ein Vorlesebuch oder gar nur ein Blatt Papier zur Hand nehmen. Wie wäre es, wenn wir, wie das die Juden mit ihrer Thorarolle tun, unsere Bibel durch die Kirche zu Kanzel oder auch einmal in die Gemeinde tragen? Einfach um zu zeigen, wie wichtig uns diese Worte sind, wie wir sie für unser Leben sichtbar machen können.

Und noch etwas bekommen wir in der Emmaus-Geschichte mit:

Um wirklich glauben und verstehen zu können, brauchen auch wir diese Begegnung mit Jesus. Die beiden Jünger haben das erlebt. Ihnen gingen die Augen auf, als er das Brot mit ihnen teilte. Können wir ihn nicht ebenso erfahren? Wir empfangen ihn doch im Abendmahl im Brot und Wein. Und wir erleben ihn in unserer Gemeinschaft, in dem wir uns mit seiner Hilfe gegenseitig stärken und Mut machen. Aber wir können ihm auch einfach nur in der Stille nach der Predigt begegnen. Auch da ist er doch Gottes Wort für uns. Er ist die Wahrheit, die uns frei macht. Er ist der, an dem wir uns immer halten können, wenn wir nicht mehr wissen, wem wir glauben sollen und wem nicht.

Und mit ihm wird die Heilige Schrift zum Boden, auf dem wir stehen, um die Welt sehen zu können so, wie sie ist.

Hier in der Friedenskirche steht die Gemeinde schon seit langem zum so genannten Kanzelsegen am Ende der Predigt auf. Für jene, die zum ersten Mal bei uns im Gottesdienst sind, ist das verwirrend. Ich habe das auch noch in keiner anderen Gemeinde erlebt. Und ich muss zugeben: Bei den ersten Predigten bin ich jedes Mal zusammen gezuckt und musste mir den Segen aufschreiben, um ihn nicht vor lauter Aufregung durcheinander zu bringen. Aber inzwischen finde ich das ungemein entlastend. Denn in Ihrem Aufstehen, liebe Brüder und Schwestern, bringen Sie zum Ausdruck, dass wir alle, Sie und ich, auch im buchstäblichen Sinne stets unter Gottes Wort stehen.

„Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus,“ heißt es ja. Das hat Paulus an die Gemeinde in Philippi geschrieben und als Predigerin mache ich mir seine Worte zueigen. Warum?

Weil Friede hier mehr ist als Kein-Krieg. Weil Friede einen Zustand meint, in dem Menschen es gut haben. Es gibt einen schönen Satz, mit dem ein oft langer Streit oder ein vergebliches Bemühen beendet werden kann. Und diesem Satz heißt es nicht „Lass es sein!“, sondern: „Lass es gut sein!“ Ist damit nicht alles gesagt.

Liebe Brüder und Schwestern! Die Vernunft kann sich mit dem einmal gefundenen Ergebnis nicht begnügen. Sie kann es nicht gut sein lassen. Sie fragt immer weiter. Sie kommt nie zu einem Ende. Immer bleibt da der Zweifel!

Der Friede Gottes macht den Gebrauch der Vernunft nicht überflüssig. Denn er bewahrt ja unsere Herzen und Sinne. Aber er verweist die Vernunft an ihren Platz. Nicht sie hat das letzte Wort, sondern das letzte Wort hat Jesus Christus. Immer. Mit ihm ist es gut! Er ist der uns absolutes Vertrauen schenkt.

Und dieses Vertrauen behütet und leitet uns auf allen unseren Wegen. Dieses Vertrauen hält uns in der Wahrheit. Die Jünger von Emmaus bitten ihn bei ihnen zu bleiben. „Bleibe bei uns. Denn es will Abend werden.“ Und auch wir bitten Dich, Herr, bei uns zu bleiben.

Amen

Pfarrerin Henriette Crüwell

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.