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31 Dezember
Sonntag, den 31.12.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

An der Schwelle

Predigt zu 2 Mos 13,20-22

Meine lieben Brüder und Schwestern,

„diese Zeit zwischen den Jahren ist irgendwie anders,“ sagte mir neulich eine junge Frau aus der Gemeinde, als wir zwischen Tür und Angel ins Gespräch kamen. „Die Tage nach Weihnachten und vor Sylvester dehnen sich aus und verschmelzen ineinander. Man fühlt sich irgendwie so zeitlos – wie früher in den großen Ferien,“ fügte sie noch nachdenklich hinzu.

Und ein Freund erzählte mir, wie gerne er gerade in dieser Woche ins Büro gehe. Denn die Uhren würden anders ticken als sonst. Und wer bei der Arbeit und nicht in den Ferien sei, der täte das in einer anderen Stimmung, weniger gehetzt, ruhiger und ohne Druck. Endlich habe er mal Muße, seinen Schreibtisch aufzuräumen und den eigenen Gedanken nachzuhängen. Dazu fehle an den anderen Tagen im Jahr einfach die Zeit, meinte der Freund noch.

 

Vermutlich geht es vielen so in dieser Zeit zwischen den Zeiten. Das alte Jahr mit seinen vielen Ereignissen ist vorbei und das neue hat noch nicht begonnen. Für manche ist es auch eine schwere Zeit, weil ihnen jetzt ihre Lieben ganz besonders fehlen, oder sie sich um die Zukunft sorgen: Was kommt auf uns zu? Werden wir alle heil bleiben?

Mich erinnern diese Tage zwischen den Jahren immer an einen ganz besonderen Ort aus meiner Schulzeit. In dem Klosterinternat, in dem ich war, gab es alte Türen mit hohen Schwellen, über die wir regelmäßig stolperten, wenn wir es eilig hatten. Eine dieser Türen, die zur ehemaligen Wohnung der Äbtissin führte, war eine Doppeltür. Wenn man beide schloss, entstand auf der Schwelle ein dunkler und enger Zwischenraum. Und es war für uns eine Mutprobe, uns da hineinzustellen und zu schauen, wie lange wir es dort aushalten konnten mit der einen Tür im Rücken und der anderen vor der Nase.

 

Im ersten Moment fand ich das jedes Mal wieder sehr beklemmend, aber irgendwann, wenn ich die erste Angst überwunden hatte, fühlte ich mich zeit- und raumenthoben. Warum? Weil ich dort im Dunkeln auf der Schwelle zwar weder nach vorne noch zurückschauen konnte, nur durch die Schlüssellöcher fiel ein wenig Licht hinein. Aber ich war da ganz bei mir. Ich konnte meinen Atem und meinen Herzschlag hören, so still war es dort. Und das war beängstigend und schön zugleich.

Wie auch diese Zeit zwischen den Jahren doch irgendwie beängstigend und schön zugleich ist. 2017 mit all seinen Ereignissen liegt hinter uns. Wir stehen auf der Schwelle zum neuen Jahr 2018: Was werden wir sehen und erleben, wenn sich die Tür öffnet? Welche noch verschlossenen Räume werden wir betreten? Und welche werden sich hinter uns schließen?  Und wer würde jetzt nicht schon mal gerne wenigstens einen ganz kurzen Blick durch das Schlüsselloch riskieren, um zu sehen, dass alles gut wird?

Von so einer Zeit zwischen den Zeiten erzählt auch der heutige Predigttext aus dem zweiten Buch Mose. Das Volk Israel hat Ägypten verlassen, um in das Land zu ziehen, das Gott ihnen zeigen will. Und nun stehen sie an der Schwelle: hinter ihnen liegt Ägypten, wo sie als Sklaven leben und arbeiten mussten und vor ihnen ist die Wüste – Wüste, soweit das Auge reicht.

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste,“ so geht der biblische Bericht. „Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, was wird den Menschen, die da am Rande der Wüste stehen, durch den Kopf gegangen sein? Hinter ihnen liegt Ägypten. Sie waren als Sklaven alles andere als glücklich dort. Und sie sind froh, allem entkommen zu sein und nun endlich in Freiheit und Würde leben zu können. Aber dann stehen sie mit den wenigen Habseligkeiten, die sie auf ihrer Reise mitnehmen konnten, am Rand Wüste und wissen nicht mehr so genau, was sie erwartet. Denn die Wüste ist Niemandsland. Da ist nichts, woran sich das Auge festmachen kann, erst recht keine Bleibe. Das hatten sie sich anders vorgestellt, als sie in Ägypten die Türen hinter sich schlossen, um einer besseren Zukunft entgegenzugehen.

Und ich kann mir vorstellen, wie sich die ersten Zweifel unter die Vorfreude mischen und immer lauter werden: Wie kommen wir da durch? Wir haben doch alle keine Erfahrung in der Wüste. Wo finden wir da was zu essen und zu trinken? Welche Gefahren lauern da auf uns? Sind wir dafür überhaupt ausgerüstet? Und wer hat uns eigentlich auf diese verrückte Idee gebracht, unsere Sachen zu packen und uns auf diese waghalsige Reise zu machen? In Ägypten war nicht alles gut, aber wir hatten wenigstens unser Auskommen zum Überleben. Und jetzt? Was wird jetzt aus uns werden?

So stehen sie nun auf der Schwelle. Zwischen Ägypten und dem Ungewissen ihrer Reise. Zwischen dem Vergangenen und dem Zukünftigen. Es gibt kein Zurück mehr. Denn der Pharao hat längst gemerkt, dass er einen Fehler gemacht hat, als er die Israeliten hat ziehen lassen, und ist ihnen mit seinen Streitwagen schon auf den Fersen. Aber vorwärts trauen sie sich auch noch nicht so richtig. Zu ungewiss ist das, was vor ihnen liegt. Und sie kriegen Angst vor der eigenen Courage.

Vielleicht, liebe Brüder und Schwestern, vielleicht kennen Sie aus ihrem eigenen Leben, dass auch Sie schon mal auf so einer Schwelle standen: wichtige Lebensentscheidungen, die Sie getroffen haben, Abschiede, die Sie nehmen mussten, Herausforderungen, denen Sie sich gestellt haben. Zeiten also, wo Sie zwischen zwei Türen standen und nur den eigenen Herzschlag gehört haben. Was hat Ihnen da die Kraft und den Mut gegeben, nicht stehen zu bleiben, sondern den nächsten Schritt zu tun?

Die Israeliten haben am Rande der Wüste die Erfahrung gemacht, dass es da jemanden gibt, der stärker ist als ihre Angst. Jemanden, dem sie unbedingt vertrauen können. Und sie haben dafür ein wunderschönes Bild gefunden: Gott, der vor ihnen her durch die Wüste zieht: bei Tag in einer Wolkensäule und bei Nacht in einer Feuersäule.

Eigentlich, liebe Brüder und Schwestern, sind Säulen ja dafür da, festzustehen und ein Gebäude mit dem Fundament zu verbinden. Aber jene Säulen, die Israel in der Wüste Halt geben sollen, sind beweglich. Sie gehen mit. Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber ein wunderschöner. Denn das heißt ja, dass die Israeliten auf keinem Stück ihres Weges den Halt verlieren sollen. Denn er geht ja mit ihnen. Besser noch, er geht vor ihnen her, ihr Halt -in der Wolkensäule nämlich, die am Tag Schatten spendet und in der Feuersäule, die in der Finsternis der Nacht wärmt und tröstet. Gott selbst geht ihnen da voraus, weist und bahnt ihnen den Weg. Und weil das so ist, ist es sein Weg, den sie gehen. Denn „Gottes Wege sind Wege, die er selbst gegangen ist und die wir nun mit ihm gehen sollen,“ schreibt Dietrich Bonhoeffer. „Keinen Weg lässt uns Gott gehen, den er nicht selber gegangen wäre und auf dem er uns nicht voranginge. Es ist der von Gott gebahnte und geschützte Weg, auf den er ruft. So ist es wirklich Sein Weg. (…) Gott kennt den ganzen Weg, wir wissen nur den nächsten Schritt und das letzte Ziel.“

Das ist das Angebot, das Gott uns macht, wenn wir an der Schwelle stehen und allen Mut zusammen nehmen, um den nächsten Schritt zu tun, weil der Blick in die Zukunft ganz schwindelig macht. „Schaut nur auf mich!“ sagt Gott dann zu uns. „Ich gehe immer gerade so weit vor Euch, dass Ihr den nächsten Schritt wisst. Mehr müsst ihr jetzt nicht verstehen. Die übernächsten Schritte müssen Euch gar nicht belasten. Denn wohin Ihr unterwegs seid, das wisst Ihr doch, nämlich in mein Reich der Liebe und des Friedens.“

Meine lieben Brüder und Schwestern, nun sind wir nicht in der Wüste unterwegs, Feuer- und Wolkensäule ziehen nicht vor uns her. Was sind dann aber unsere Wegweiser, in denen Gott in unserem Leben vorausgeht?

Ich möchte Ihnen als eine persönliche Antwort darauf eine kleine Geschichte erzählen, die stellvertretend für viele andere Geschichten steht.

An Neujahr vor vier Jahren beschloss ich, es auch mal mit dem Skifahren zu probieren. Während meine Familie nämlich die Jahre davor schon die Pisten unsicher machte, ging ich immer alleine wandern. Das war etwas langweilig, aber um ehrlich zu sein: Ich traute mich nicht auf diese rutschigen Bretter. Aber dann habe ich mir doch ein Herz gefasst. Und so stand ich am Neujahrsmorgen mit meinem Skilehrer oben auf dem Berg und sah vor mir nur noch den Abgrund. Ich hatte Angst vor meiner eigenen Courage und fragte mich schlotternd, warum ich auf diese Schnapsidee überhaupt gekommen war! Aber es half alles nichts, diesen Berg musste ich jetzt runter, komme da was wolle.

Da stellte sich mein Lehrer vor mich hin und sagte: „Pass auf. Ich fahr vor Dir her und Du machst nichts anderes, als mir in die Augen zu schauen und Dich von mir führen zu lassen.“ Sprach‘s, nahm meine Hände und fuhr rückwärts vor mir her den Berg hinunter. Und auf einmal war der Abgrund gar kein Abgrund mehr. Und am Ende genoss ich sogar die Fahrt.

Unsere Wegweiser sind jene Menschen, die mit uns in diesem Leben unterwegs sind. In ihnen geht Gott vor uns her und mit uns mit. Deswegen ist er doch in Jesus Christus Mensch geworden, damit wir ihn im Nächsten endlich sehen.

Und wenn wir heute an der Schwelle stehen, in diesem Zwischenraum zwischen dem vergangenen Jahr und dem neuen, sagt er doch auch zu uns: „Vertrau mir! Mach nichts anderes, als mir jetzt in die Augen zu schauen und Dich von mir führen zu lassen. Schritt für Schritt!“

Rainer Maria Rilke hat das, um was es hier geht, in ein wunderschönes Gedicht gefasst, das ich Ihnen zum Schluss ins neue Jahr mitgeben möchte:

Du musst das Leben nicht verstehen,

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

so wie ein Kind im Weitergehen

Von jedem Wehen

sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,

das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,

drin sie so gern gefangen waren,

und hält den lieben jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.

Machen wir es doch wie die Kinder: Öffnen wir beherzt die Tür ins neue Jahr und halten dem, der da kommt immer wieder vertrauensvoll unsere Hände hin. Er wird sie auf seine Weise füllen. Er wird uns auf seine Weise halten. Und: Er wird uns schon führen auf seinem Weg.

Ich wünsche Ihnen dazu von ganzem Herzen Seinen Segen!

Pfarrerin Henriette Crüwell, 31.12.2017

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.