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18 Juni
Sonntag, den 18.06.2017 09:30 Uhr Friedenskirche

Sonntagsgottesdienst

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis

„Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“ steht auf einer Karte, die mir vor Jahren mal ein guter Freund mit einem breiten Grinsen geschenkt hat. Seitdem wohnt sie in meiner Schreibtischschublade, diese Karte. Und jedes Mal wenn sie mir wieder in die Hände fällt, bringt mich dieser Satz aufs Neue zum Nachdenken:

Eigentlich bin ich ganz anders… eigentlich wäre ich gerne eine Umweltaktivistin, eine, die sich in dieser bedrückenden Zeit politisch einbringt, sich bewusst ernährt und sich mit dem bescheidet, was es braucht. Eigentlich! Aber dann komme ich abends nach Hause und freue mich auf mein Sofa. Ich muss das leider zugeben.

„Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“ Ein Satz, der mir aus dem Herzen spricht. Und so hat mich der heutige Predigttext auch ins Mark getroffen. Dort sagt Jesus nämlich im 6. Kapitel des Johannesevangeliums:

Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.Ich nehme nicht Ehre von Menschen an; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Meine lieben Brüder und Schwestern, die Verse unseres Predigttextes für heute sind auf den ersten Blick, so könnte man meinen, nicht an uns gerichtet. Sie stammen nämlich aus einer Rede, in der Jesus sich zum ersten Mal im Johannesevangelium mit seinen Gegnern in der jüdischen Gesellschaft auseinandersetzt.

Was war passiert?

Jesus heilt am Sabbat einen Gelähmten und verstößt damit in den Augen der frommen Juden gegen das Gebot diesen Tag zu heiligen. Seine Gegner ärgern sich so sehr über diesen Regelverstoß, dass sie gar nicht sehen, was für ein Wunder da vor ihren Augen geschehen ist: Einer, der sage und schreibe 38 Jahre lang nur auf seiner Matte vor sich hin vegetierte und noch nicht mal aufrecht stehen konnte, geht jetzt auf eigenen Füßen zurück ins Leben. Und warum? Weil er Jesus glaubt, als der zu ihm sagt: „Steh auf!“

Aber das Glück und die Freude dieses Menschen können sie gerade gar nicht wahrhaben so verbohrt sind sie in ihrem blinden Zorn. Während der Gelähmte sich heilen und verändern lässt, verhärten sie sich in ihrer Wut und können es nicht fassen, dass dieser dahergelaufene Wanderprediger aus Nazareth auch noch so dreist ist, sein ordnungswidriges Tun damit zu rechtfertigen, dass Gott doch auch am Sabbat wirkt. „Warum sollte ich als sein Sohn es ihm nicht gleichtun?“ fragt er sie. Und das bringt seine Gegner vollends auf die Barrikaden: „Gotteslästerung ist das!“ schreien sie.

Jesus richtet sich also mit seiner Rede zunächst einmal an Menschen, die nicht eingestehen wollen, wer er ist, und ihn ablehnen. Dabei haben sie doch alles, was sie brauchen, um ihm zu glauben, sagt er. Sie sehen doch die Wunder, die er tut. Von wem sollen die denn sonst sein als von Gott?

Sie haben doch das Zeugnis des Täufers, zu dem sie eben alle noch in Scharen hinaus in die Wüste gerannt sind. War der am Ende für sie nur eine Sensation, die man sich anschaut aber nicht an sich heranlässt? Haben sie denn nicht gehört, was Johannes gesagt hat?

Und sie haben doch schließlich die Heiligen Schriften, die sie als fromme Juden in- und auswendig können. Da steht doch alles drin, empört sich Jesus. „Ihr sucht in den Schriften,“ hält er ihnen vor, „weil Ihr meint, dass Ihr dort das ewige Leben findet. Und wenn Ihr mal genau lesen und hören würdet, dann würdet ihr verstehen, dass diese Schriften von mir reden. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr dieses Leben habt. Das ist das Problem! Ihr wollt mir nicht glauben! Es geht Euch nämlich gar nicht um Gott sondern nur um Euch selbst, um Eure Ehre, um Eure Bequemlichkeit also und Euer Wohlbefinden.“

Und werden seine Worte dann nicht auch für uns aktuell? Betreffen sie nicht auch uns?

Als Christen staunen wir zwar über die Wunder, die Jesus getan hat, sehen in Johannes dem Täufer seinen Boten in der Wüste und haben gelernt, die ganze Bibel in seinem Licht zu lesen, ihn in den Weissagungen der Propheten zu entdecken, in der Schöpfungsgeschichte ebenso wie im Leben der Erzväter und –mütter, aber müssen wir uns nicht auch gelegentlich von ihm fragen lassen: „Wo seid Ihr denn? Warum kommt Ihr nicht alle zu mir? Ich habe es Euch doch vorgelebt. Warum macht Ihr es mir nicht einfach nach? Warum vertraut Ihr mir so wenig?“

Stehen nicht auch wir immer wieder in der Gefahr, liebe Brüder und Schwestern, zwar treu unsere religiösen Pflichten zu erfüllen, Sonntag für Sonntag oder vielleicht sogar Tag für Tag in der Bibel zu lesen, und doch dabei Jesus so nicht in unserem Leben zu haben, wie er es verdient? Denn eins ist sicher: Jesus krempelt unser Leben um! Ihm liegt sehr daran, uns auf die Füße zu stellen. Er will, dass wir aufrecht gehen, niemanden links liegen lassen und denen unter die Arme greifen, die noch am Boden liegen. Auch und gerade am Sabbat. Auch und gerade dann, wenn uns das nicht ins Konzept passt. Auch und gerade dann, wenn wir unsere Comfort-Zone, wie es so schön heißt, dafür gelegentlich verlassen müssen.

 

Ja, eigentlich sind wir ganz anders! Nur sollten wir öfter darauf kommen! Wenn wir noch mehr auf Jesus hören und uns von ihm an die Hand nehmen lassen, könnte das doch Weg sein!

„Amen, amen ich sage Euch,“ mahnt er hier im Johannesevangelium, „die Zeit kommt und ist jetzt, da die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie gehört haben, werden leben. Und die das Gute getan haben, werden herauskommen zur Auferstehung des Lebens, aber die das Schlechte getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.“ Ob unser Leben gelingt oder nicht, hängt also davon ab, ob wir uns immer wieder zu ihm bekennen und seiner Stimme in unserem Leben folgen.

Und das entscheidet sich nicht erst am Ende unseres Lebens, sondern jetzt, in jedem Augenblick, „wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt“, wie es so treffend in einem modernen Kirchenlied heißt.

„Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu!“

Ich ertappe mich beim Nachdenken über diesen Satz immer wieder dabei, dass ich mein Leben eigentlich sofort komplett umkrempeln sollte, um endlich die zu werden, die ich eigentlich bin. Aber dann sinke ich schnell resigniert in die Polster meines Sofas. Wo soll ich bloß anfangen? Unsere Welt ist so verrannt in ihre atemlose Gier, in ihre Glücksucht, in ihr Immer-mehr, und ich kleines Rädchen kann doch eh nichts tun. Das übersteigt doch meine Kräfte!

Aber in dieser Mutlosigkeit trösten mich dann wieder die Worte Jesu. Denn er sagt doch im heutigen Predigttext auch: „Ich bin Dir ganz nah! In meinem Wort! Hör doch mal zu! Steht doch alles geschrieben. Komm, damit du das Leben hast!“

Seine Rede, aus der wir heute nur einige Verse gehört haben, ist ein einziges großes Werben um uns, dass wir ihm bitte endlich glauben mögen. Sein Tag ist heute, seine Zeit jetzt, sagt er doch. In den vielen kleinen Momenten unseres Alltags entscheidet sich, wer wir sind und sein wollen. Wo denn sonst? Und das heißt auch: Jeder Augenblick ist eine neue Chance, Stück für Stück die zu werden, die wir eigentlich sind. Denn wer wir eigentlich sind, zeigt sich in jedem guten Wort, in jeder ausgestreckten Hand, in jedem Danke in jedem kleinen Zeichen, in jedem Lächeln.

Das ist kein Zauberwerk. Das übersteigt nicht unsere Kräfte. Wir sollten, wie gesagt, nur bereit sein, uns immer wieder von diesem Messias an die Hand nehmen zu lassen. Nach seinem Motto: Was Ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan.

In seinem Stundenbuch hat uns Rainer Maria Rilke einen wunderbaren Text hinterlassen, der auf den Punkt bringt, wie wir Jesus in unser Leben einbinden können, und wie und wann er uns nahe ist. Da betet einer:

Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,

und will niemals blind sein oder zu alt,

um dein schweres schwankendes Bild zu halten.

Ich will mich entfalten.

Nirgends will ich gebogen sein,

denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.

Und ich will meinen Sinn

wahr vor dir. Ich will mich beschreiben

wie ein Bild das ich sah,

lange und nah,

wie ein Wort, das ich begriff,

wie meinen täglichen Krug,

wie meiner Mutter Gesicht,

wie ein Schiff,

das mich trug

durch den tödlichsten Sturm.

 

Und weiter:

Du siehst, ich will viel.

Vielleicht will ich Alles:

Das Dunkle jedes unendlichen Falles

Und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

 

Es leben so viele und wollen nichts,

und sind durch ihres leichten Gerichts

glatte Gefühle gefürstet.

Aber du freust dich jedes Gesichts,

das dient und dürstet.

Du freust Dich Aller, die dich gebrauchen

wie ein Gerät.

Liebe Brüder und Schwestern, ich wünsche uns, dass wir nie „durch glatte Gefühle gefürstet“ sind, wie es Rilke so eindringlich formuliert hat. Denn Gott freut sich an „jedem Gesicht, das dient und dürstet“, sich also danach sehnt, eigentlich zu sein und damit endlich die zu sein, die wir tief drinnen in Wahrheit sind. Mögen wir diese Wahrheit immer mehr entdecken, indem wir auf den hören, der mit uns gemeinsam in einem Boot sitzt und der mal leise, mal laut zu uns allen sagt: „Kommt zu mir! Bitte!“

Amen

 

 

Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Friedenskirche in Offenbach am Main.